Wir haben die Kraft

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich mag weder die CDU noch Angela Merkel. Die CDU mag ich nicht, weil ich mit kaum einem Punkt ihres Wahlprogramms übereinstimme. Beim Wahl-O-Mat waren die CDU und ich uns nur in 7 der 38 Fragen einig, und das waren solche Offensichtlichkeiten wie die Wiedereinführung der D-Mark (dagegen) und die Demokratie (dafür). Angela Merkel mag ich nicht, weil sie offensichtlich vor langer Zeit selbst auf den verqueren Personenkult hereingefallen ist, den ihre Wahlkampfstrategen um sie herum aufgebaut haben. „Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren. Aber dann kam einer der größten Glücksmomente unseres Landes: Die Einheit. Ich wollte Deutschland dienen…“ — dieser egozentrische Patriotismus ist für mich weit jenseits der Schmerzgrenze, da spielt ihre politische und wirtschaftliche Inkompetenz kaum noch eine Rolle. Ich sage das so explizit, weil ich kurz vor der Wahl noch schnell die Wahlwerbung der CDU aus sprachlicher Sicht kommentieren möchte. So muss mir niemand vorwerfen, ich wolle mit den folgenden Bemerkungen implizit meine politische Meinung kundtun.

Am Wahlslogan der CDU, „WIR HABEN DIE KRAFT“ fand ich vor allem das Pronomen WIR interessant. Politiker benutzen es gerne und häufig, weil es so angenehm vieldeutig ist. Es kann sich ja, wie man an diesem interessanten Rechtsstreit schon gesehen hat, auf den Sprecher und den/die Hörer („inklusives Wir“) oder auf den Sprecher und weitere Personen, aber nicht den Hörer („exklusives Wir“). Die CDU nutzt in ihrem Wahlslogan beide Bedeutungen.

WIR HABEN DIE KRAFT. CDUEin erster semiotischer Hinweis auf die Bedeutung von WIR im CDU-Slogan findet sich in der visuellen Gestaltung: das Wort ist auf allen Plakaten mit der Bundesflagge unterlegt. Vermutlich soll das auf ein sehr inklusives Wir hindeuten: „wir Deutschen“ (unsere ausländischen Mitbürger wählen ja nicht, also brauchen wir ihnen auch keine Kraft zu bescheinigen). Die verkrampft lächelnde Kanzlerin ist natürlich als Teil dieses WIR zu verstehen. Dazu passt, dass sie den Betrachter nicht direkt ansieht — sie ist Teil derselben Gruppe und guckt, genau wie der Betrachter, eben irgendwie in der Gegend herum.

Die erste Welle der CDU-Wahlplakate machte dann aber sehr deutlich, dass mit dem WIR hauptsächlich die CDU-Minister gemeint waren: Sie teilten uns auf diesen Plakaten mit, wofür „wir“ (also sie) die Kraft haben wollen. Als Beispiel mag das Schäuble-Plakat dienen (einfach, weil man sich die Ironie des Wortes Freiheit im Zusammenhang mit Schäubles Konterfei nicht entgehen lassen sollte):

WIR HABEN DIE KRAFT FÜR SICHERHEIT UND FREIHEIT. CDU

Auf die gleiche Weise hatten „wir“ in Gestalt von Annette Schavan die „Kraft für gute Bildung“, mit Guttenberg „Kraft für Wirtschaft mit Vernunft“ und mit von der Leyen „Kraft für starke Familien“. Ich will gar nicht darauf herumreiten, warum wir (das Volk) von dieser Kraft in den letzten vier Jahren nichts gesehen haben, oder warum man starken Familien keinen freien Zugang zum Internet zumuten darf. Mir geht es darum, dass die Bedeutung „wir, das Volk“ im WIR dieser Wahlslogans wohl mitschwingt, dass es sich aber primär auf die CDU beziehen muss, damit sinnvolle Aussagen entstehen (denn wenn „wir, das Volk“ die Kraft hätten, bräuchten wir ja die CDU nicht).

Die zweite Welle der Wahlplakate führte Angela Merkel ein. Auf einem der Plakate hatten WIR die „Kraft für ein neues Miteinander“ und tatsächlich waren außer ihr auch drei Bürger zu sehen — unscharf und im Hintergrund, aber immerhin unterstreicht die Bildsprache das inklusive wir, das auch durch das Wort Miteinander suggeriert wurde. Auf dem anderen Plakat wird suggeriert, dass Merkel uns „Klug aus der Krise“ führen kann (gut, dass das extra gesagt wird, denn gemerkt hätte man es an ihren Entscheidungen in den letzten Monaten ja nicht). Hier bezog sich das WIR wieder vorrangig auf Merkel und ihre Partei, war also eher ein exklusives wir.

WIR HABEN DIE KRAFT FÜR EIN NEUES MITEINANDER / KLUG AUS DER KRISE

In der dritten Welle der Wahlplakate wird das WIR dann fast zu einem sprecherexklusiven wir, wie wir (Sie und ich) es vor einiger Zeit diskutiert haben:

WIR WÄHLEN DIE KANZLERIN

Ich nehme an, dass Merkel sich selber wählt (sie will ja Deutschland dienen), aber das will sie uns auf dem Plakat wahrscheinlich nicht mitteilen. Mit dem WIR sind vorrangig „wir, das Volk (ohne Merkel)“ gemeint. Dazu passt, dass Merkel uns auf diesem Plakat zum ersten Mal direkt in die Augen sieht.

Interessanterweise gibt es in der dritten Welle, die derzeit an den Plakatwänden klebt, auch ein Plakat, auf dem Merkel umgeben von einer Menschenmenge dargestellt wird. Ausgerechnet auf diesem Plakat fehlt aber das schwarz-rot-golden unterlegte WIR:

GEMEINSAM FÜR UNSER LAND

Warum hier die Möglichkeit ungenutzt blieb, das CDU-WIR noch einmal mit beiden Bedeutungen, „wir, die CDU“ und „wir, das Volk“ aufzuladen, weiß ich nicht. Vielleicht hat man plötzlich Angst vor dem Wahlvolk bekommen. Denn „wir (die CDU)“ haben vielleicht die Kraft, aber „wir (das Volk)“ haben die Macht.

20 Kommentare zu „Wir haben die Kraft“

  1. Bremer Sprachblog » Wir haben die Kraft…

    Über das exklusive bzw. inklusive “Wir” in den Wahlkampfslogans der CDU….

  2. Ich finde ja bei der ganzen Geschichte die domain am Schönsten. :)
    Da hat sich das Wahlkampfteam [sic] richtig Mühe gegeben.

    www.wir-haben-die-kraft.de.

    scnr ;)

  3. Wobei ich gerade dieses Spielen mit inklusivem und exklusivem “Wir” gelungen finde, da es hier wohl bewusst eingesetzt wird. Im “wir wählen die Kanzlerin” würde ich eben kein sprecherexklusives “wir” sehen. Dass Frau Merkel neuerdings in der dritten Person von sich spräche habe ich noch nicht bemerkt. Als Sprecher würde ich hier eher die CDU sehen. Da deren Mitglieder vorrausichtlich größtenteils ihre Zweitstimme der eigenen Partei geben werden,stimmt dies ja.

    Auch optisch finde ich die Plakate sehr gelungen. Inhaltlich sind sie natürlich extrem dürftig. Als kleine weitergehende Analyse der Plakate (auch der anderer Parteien) kann ich diesen Blogeintrag sehr empehlen:
    http://www.homopoliticus.de/2009/08/14/wahlplakate-2009/

    Auch wenn ich der CDU ebenso abgeneigt bin wie Herr Stefanowitsch, muss ich ihr doch eine hervorragende Plakatkampagne und zumindest eine insgesamt recht gelungene Wahlkampagne bescheinigen. Schließlich ist es ihr gelungen den Wahlkampf weitgehend themenfrei zu halten und sogar die vorkoalitionären Selbstzerfleischungsversuche von CSU und FDP haben die einheitliche Kommunikation nur wenig gesört.

    Hier noch ein paar schöne Verfremdungen der Schäubleplakate:

    http://www.netzpolitik.org/2009/erste-ergebnisse-die-schaeuble-plakat-remixe/

  4. Ergänzung:

    Das “in der dritten Person von sich sprechen” im Beitrag zuvor ist nicht ganz korrekt, da ich die Bezeichnung als Kanzlerin meinte. So über sich selbst zu sprechen kenne ich sonst nur von Lothar Matthäus.

  5. Sehr schöner Beitrag! Hier wird an einem Wort deutlich wie vieldeutig - oder nichtssagend - Wahlwerbung oft ist. Nicht nur bei der Partei mit dem C.

  6. “So muss mir niemand vorwerfen, ich wolle mit den folgenden Bemerkungen implizit meine politische Meinung kundtun.”

    ;)

  7. @corax

    Die SPD kann’s aber auch nicht besser (bzw. unsereins war wieder schneller), siehe:

    http://unser-land-kann-mehr.de/

    Ist halt auch blöd, wenn die Nordkurve (vulgo: Kajo Wasserhövel) vorher erst alles autorisieren muss…

  8. Der sprachliche Bezug durch das Aufwärmen des Themas “inklusives/exklusives wir” scheint mir doch reichlich weit hergeholt zu sein.
    Ich meine, das “wir” wird ganz bewußt durchgehend inklusiv gemeint und soll Gemeinschaftsgefühl und Optimismus in schweren Zeiten erwecken: “Zusammen mit Angela Merkel schaffen wir es schon. Wir haben die Kraft dafür.”
    Ich stimme Carsten zu, daß die Plakate optisch gut gelungen sind. Die Farben wirken sympathisch und beruhigend und laden das Auge geradezu zum Verweilen ein. Beim Knatschgelb der FDP und dem Knallrot Der Linken möchte ich dagegen am liebsten gleich wegschauen.
    Gerade weil die Kanzlerin nicht in die Linse starrt, wirken die Aufnahmen natürlich und sympathisch. Mißglückt finde ich dagegen gerade das Wir-wählen die Kanzlerin-Plakat. Trotz des Cheese-Lächelns starrt die Kanzlerin den Betrachter geradezu inquisitorisch in die Augen, und das vor einem unsympathischen pechschwarzen Hintergrund. Hier senke ich beschämt die Augen und denke unwillkürlich: “Was habe ich denn jetzt schon wieder ausgefressen?”

  9. “denn wenn „wir, das Volk“ die Kraft hätten, bräuchten wir ja die CDU nicht”:
    Ich denke, die CDU sieht sich hierbei in der Führnungsrolle, um die ‘unkoordinierte’ Kraft des Volkes in die richtigen, d. h. von der CDU gewünschten, Bahnen zu lenken. Insofern ‘brauchen’ wir die CDU, damit wir endlich wissen, wohin mit all unserer Kraft.

  10. Bedenken wir, dass in D der Kanzler gar nicht vom Wahlvolk gewählt wird, sondern vom Parlament. Als ich das Plakat ‘WIR wählen …’ das erste Mal gesehen habe, dachte ich, die CDU outet sich als inhaltsloser Kanzlerwahlverein. Unter Adenauer hat der politische Gegener das über die Christdemokraten gesagt, die Schwarzen wehrten sich dagegen. Zu Kohls Zeiten waren es erst auch die politischen Gegner, die der CDU das Kanzlerwählen als einzige Kompetenz zusprachen; gewehrt hat sich die CDU da schon nicht mehr, sondern es als Kompliment gesehen.

    Heute geht es nur noch darum, den Kanzler zu stellen, und das wird auch noch als Tugend groß plakatiert.

    Ach ja, je häufiger ich das Plakat sehe, desto mehr verfestigt sich meine erste Interpretation.

  11. Ob die CDU-Plakate “gut gelungen” sind, ist Ansichtssache, es kommt darauf an, wie viele Grinse-Angelas man ertragen kann. Die FDP- und Linke-Plakate sind vielleicht wirklich unprofessionell gestaltet, aber es stehen wenigstens Inhalte drauf, genau wie bei den Grünen, die es geschafft haben, Inhalte und eine interessante Optik zu kombinieren.

    Die Analyse von dem WIR gefällt mir, sie zeigt, wie die exklusiven/inklusiven Interpretationsmöglichkeiten ausgeschöpft werden, so dass am Ende der naive Betrachter gar nicht merh weiß, ob zwischen Deutschland, der CDU und dem Volk überhaupt noch ein Unterschied ist.

  12. @Dierk: Das war auch mein erster Gedanke. “Wir wählen die Kanzlerin” kann auch auf den Plakaten der FDP stehen. Oder auf denen der SPD. Je nachdem, gewählt wird sie halt vom Parlament. Nicht von wir. Äh, uns.

  13. Die Analyse von dem WIR gefällt mir

    Hm, ich frage mich, wie es lauten müsste, wenn man den Satz standardkonform umbaut:

    Die Analyse des WIRs…
    Die Analyse des WIR… oder
    Die Analyse des UNSER…?

  14. @ Patrick: Genau deshalb hatte ich „von dem WIR“ geschrieben, ich wusste auch nicht, wie es „richtig“ heißen muss.

  15. Den sprachlichen Trick verwendet die CDU schon länger und offenbar mit Kalkül.

    Interessant ist imho dieses Video von Martin Haase:
    http://video.google.com/videoplay?docid=-343934689018248257&ei=0l6_SoSEKaSk2AKmrrXzBg&q=martin+haase#

  16. im video der relevante Teil ist gegen ende, rest ist aber auch intessant…

  17. ein letztes mal: Die Rede von Merkel ist bei Minute 23. sorry für den kommentarspam, kann gerne zusammengefasst werden…

  18. Das vorletzte Plakat hat eine erschreckende Wirkung. Frau Merkel sieht aus, als hätte sie schon länger dort im Schwarzen stehen müssen. Was soll das bedeuten, steht Frau Merkel gerne in dunklen Räumen? Oder ist das die Totalabsage an umweltschonende, grüne und soziale Politik?

  19. Mir fällt auf diesem Plakat mit Merkel vor allem die Haltung ihrer Hände auf. Das wird auch finger pyramid of evil contemplation genannt.

  20. Mir fällt vor allem auf, dass “Wir haben die Kraft” und “Unser Land kann mehr” beide ganz eindeutig von “Yes, we can” abgeschaut sind, wobei man aber offensichtlich nicht die, äh, Kraft hatte, das zuzugeben, und sich auf peinliche Verfremdungen zurückzog…

    finger pyramid of evil contemplation

    Mr. Burns! :-)

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.