Rückbesinnung auf die Muttersprache

Wolfgang Böhmer, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, käut in einer Videobotschaft zur Eröffnung des Festspiels der Deutschen Sprache in Bad Lauchstädt die Greatest Hits des Verein Deutsche Sprache wieder.

Es ist alles mit dabei: Die wunderbaren französischen und lateinischen Lehnwörter, die die deutsche Sprache belebt und bereichert haben, die kommunikationsfaulen jungen Menschen, die keine Briefe mehr schreiben sondern nur noch „simsen“ und „mailen“, was erstens dazu führt, dass wir alle nur noch in Kürzeln sprechen und zweitens keine eleganten Eindeutschungen sind, und der Niedergang der Kultur, der droht, wenn wir unsere Sprache nicht pflegen.

Und auch jene mythischen Wissenschaftler erwähnt er, die „seit Jahren vor einer Verkümmerung der deutschen Sprache und vor einer Verkümmerung des Sprachgefühls“ warnen.

Die realen Wissenschaftler, die seit hundertfünfzig Jahren versuchen, den Sprachnörglern zu erklären, dass Veränderung keine Verkümmerung ist, erwähnt er nicht.

5 Kommentare zu „Rückbesinnung auf die Muttersprache“

  1. “was erstens dazu führt, dass wir alle nur noch in Kürzeln sprechen und zweitens keine eleganten Eindeutschungen sind”

    Hu?

  2. Tja, der Sommer ist vorbei, der Wahlkampf besteht nur aus den beiden Feststellungen, ‘Es gibt keinen Wahlkampf’ und ‘Viele Deutsche wissen gar nicht, dass am 27. September Bundestagswahl ist’. Da kriechen sie wieder unter ihren schützenden Steinen hervor, suchen das nun nicht mehr brennende, nicht mehr austrocknende, fast verglimmende Licht der Sonne: die Muttersprachschützer. Jene seltene, aber lautstarke Art, geschützt in speziell eingerichteten Biotopen wie dem Krämer’schen Egopark oder der welftfremden Chefredaktion des Hamburger Abendblatts, wo zwar keiner wirklich schreiben oder rechercheiren kann, aber jeder sich aufregt.

    Herr Iken über den Verfall der deutschen Muttersprache, der inzwischen [!] auch die Medien erfasst hätte: http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article1180778/Dummdeutsch-und-Denglisch-wie-wir-unsere-Sprache-zerstoeren.html

    Sein wir beruhigt, seit 14 Tagen finden sich die ersten Weihnachts-Sondertische in den Supermärkten, die Wahl ist nur noch 2 Wochen hin, Tag der deutschen Einheit, dann Weihnachten - es wird bald reichlich anderes Uninteressantes zu berichten und kommentieren geben.

  3. “Werbefilme” als das Maß aller Dinge? Was soll man das sagen? Antwort: LOL! Wenn ich mich über Anglizismen in der Werbung aufrege, dann kann ich mich genauso über mystische Zahlen im Telefonbuch beschweren.

    Was die SMS angeht, so findet hier genau wie in Chats, bei Twitter und zum Teil auch anderso im Netz eine “Verschriftlichung” von Mündlichkeit statt. Würde Herr Böhmer sich mit der gesprochenen Sprache der Deutschen auseinandersetzen, so würde er schockiert feststellen müssen, dass die meisten eben keine Goethes sind. Und jetzt schreiben diese Nichtgoethes auf einmal wie sie sprechen. Ich hab allerdings noch niemand ernsthaft in Internet-Akronymen reden gehört. Andere Offline-Abkürzungen wie “Bafög” oder “Azubi” sind dagegen schon zu eigenen Wörtern geworden.

    Später im Video ist es amüsant, dass der Herr mit dem Aufzählen von so deutsch-einzigartigen Begriffen wie “Sehnsucht”, “Geborgenheit” genau den Grund liefert, Fremdwörter zu haben: Weil sie eine einmalige Bedeutung, einen scharf abgegrenzten Satz an Konnotationen mitbringen. Das macht ihren Import attraktiv.

    “Die Wissenschaftler” treffe ich eigentlich täglich, und gestern hat sich einer davon mit ironischem Genuss als “Sprachpanscher” bezeichnet. Sprachüberwacher wie den im Video nehmen sie dagegen schon lange nicht mehr ernst.

  4. @DrNI@AM:
    Zitat: “… so würde er schockiert feststellen müssen …”

    Achtung: Sie verwenden eine veraltete Schreibweise. Die deutsche Sprache hat sich bereits verändert. Bitte verwenden Sie ab sofort “geschockt”.

    :-)

  5. Weine nicht, oh Angela…

    Im Bremer Sprachblog geht es wie so oft mal wieder um die fürwahr sonderbaren Deutschretter, ja sogar der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt möchte nur noch unter Goethes leben. Immer wieder gern angesprochen wird dabei eine Studie von 2003, nach …

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.