Interactive Science — Satz des Tages (3)

Lars Fischer sagt gestern Abend beim Bier im Schlosskeller:

Wenn Geisteswissenschaftler sagen „Die Grundlagen der Wissenschaft sind Quellenforschung und kritische Theorie“, dann denk ich immer „Stell’ dich mal einen Monat ins Labor, dann weißt du, was Wissenschaft ist“. Da hab ich meinen Ansatz im Abzug, und das was da passiert, das ist meine Quellenforschung, das ist meine kritische Theorie, das ist Realität.

[Nachtrag: Damit nicht der Eindruck entsteht, dass Lars den Geisteswissenschaften gegenüber feindlich eingestellt ist, will ich hier nicht verschweigen, dass ich in diesem Gespräch auf die Geisteswissenschaften geschimpft habe. Ihm ging es eher um ein Lob der Naturwissenschaften.]

23 Kommentare zu „Interactive Science — Satz des Tages (3)“

  1. Tja, was soll man dazu sagen? Vielleicht, dass uns ohne Quellenforschung und kritische Theorie das begriffliche Handwerkszeug, das uns erlaubt festzustellen, dass hier verschiedene inkommensurable Gebräuche des Ausdrucks “Wissenschaft” das Problem sind, nie in die Hände gekommen wäre.

  2. @mawa:”… verschiedene inkommensurable Gebräuche des Ausdrucks “Wissenschaft”…” Ja: ein richtiger und ein falscher. Um das festzustellen, braucht man aber keine kritische Theorie.

  3. Das ist aber ein bisschen sehr verkürzt zitiert… ;-)

  4. Na, Herr Oswalt, dann zeigen Sie mir mal ohne Zuhilfenahme einer kritischen Theorie, warum der eine Gebrauch wahr und der andere falsch ist, ich bin gespannt!

  5. >

    Herr Fischer, Sie kennen sicher:

    Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil …

    Oder die kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Arbeiten zur frühen Bakteriologie und zur Geschichte der Seuchen (z.B. Sarazin, Briese, …). Da ist man doch weit entfernt von einer irgendwie zuverlässig gegebenen “Realität” … Auch das Labor und seine Verfahren sind eine kulturhistorisch gewachsene Erscheinung mit eigenen Praktiken und Sichtweisen. Rheinberger, Latour, ich kenne nur ein paar “Kronzeugen” für diese Betrachtungsweise.

    Die Naturwissenschaften, die Sie — wohl zu Recht — loben, haben ja auch einen beträchtlichen Anteil an Begriffsbildung, Konzeptualisierung, Streit und Terminologisches usw., was jenseits dessen sich befindet, was Sie “Realität” nennen und was eigentlich eine _sprachliche_ Komponente in den betreffenden Naturwissenschaften ist. Sehe ich das falsch?

    Was Aussagen über _die Geisteswissenschaften_ betrifft: das ist doch ein sehr weites Feld, über das man vielleicht nicht leichtfertig generalisieren sollte. Hier gibt es breite Arbeitszusammenhänge, die sehr handfest, empirisch orientiert, überprüfbar, präzise usw. sind. Wer in diesen Arbeitszusammenhängen zuhause ist, fühlt sich natürlich durch Äußerungen wie diese verletzt:

    „Stell’ dich mal einen Monat ins Labor, dann weißt du, was Wissenschaft ist“.

    So, als wüssten wir nicht, was harte Arbeit in UNSEREM Sektor der Wissenschaft ist. Mit der gleichen … ähm … sorry … Überheblichkeit könnte jemand aus einem anderen Sektor sagen: Schwefelsäurekonzentrationen messen, das ist leicht, setz Dich mal einen Monat lang an meinen Schreibtisch und analysiere große, unübersichtliche Mengen von Sprachdaten im Hinblick auf eine bestimmte Fragestellung, dann weißt Du, was Wissenschaft ist …

    Ausdrücke wie _die Wissenschaft_ oder _die Geisteswissenschaften_ eigenen sich kaum für den Gebrauch in weitreichenden Generalisierungen. Weil die betreffenden Handlungsbereiche intern wohl doch zu vielfältig sind.

    E.

  6. Herr Fischer, ich hätte noch eine Frage. Wie es halt so geht, man erkundigt sich online, mit wem man es zu tun hat, dabei bin ich auf folgendes Zitat aus einem Interview mit Ihnen gestoßen:

    ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

    6. Wie erklärt man in drei Sätzen, weshalb Wissenschaft dennoch faszinierend ist?

    Dass ich nicht mehr mit saurem Schweiß zu sagen brauche, was ich nicht weiß; Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält, Schau alle Wirkenskraft und Samen und tu nicht mehr in Worten kramen.

    ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

    Starker Tobak, das! Sie _erkennen_ und _schauen_ also, was die Welt im Innersten zusammenhält. (Zu Goethe gleich.)

    Und: Ganz ohne Worte?

    Wenn es so wäre, könnte man sofort und vorbehaltlos gratulieren.

    Oder auch nicht. Denn das Blöde ist: Es würde Ihnen nichts nützen, wenn Sie Ihre Einsichten, Ihre Schau nicht mitteilen könnten. Denn dafür brauchen Sie die Wörter doch wieder.

    Auf der anderen Seite ist das Ganze ja _nur_ ein Goethe-Zitat gewesen. Das Goethe-Zitat, das Sie benutzt haben, spricht im Kern aber für die Magie und nicht für die Wissenschaft:

    Es möchte kein Hund so länger leben!
    Drum hab ich mich der Magie ergeben,
    Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
    Nicht manch Geheimnis würde kund;
    Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß
    Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
    Daß ich erkenne, was die Welt
    Im Innersten zusammenhält,
    Schau alle Wirkenskraft und Samen,
    Und tu nicht mehr in Worten kramen.

    Ich bin jetzt halbwegs ratlos:

    ein Naturwissenschaftler profiliert sein Feld in Abgrenzung von den Geistes- bzw. Wort-Wissenschaften, indem er einen Kronzeugen aus den Geistes- und Wort-Wissenschaften (Goethe) anspielungsweise zitiert und sich dabei (versehentlich?) ins Feld der Magie monövriert …

    Ich selbst sympathisiere mit einem Modell, das die sprachlichen Anteile und Verfahrensweisen im Bereich der Naturwissenschaften zulässt und anerkennt.

    E.

  7. E.S. (#5/6), nur die Ruhe! Als Wissenschaftler und gebildeter Mensch darf man doch Goethe zitieren ohne deshalb Goethes vorwissenschaftliches Weltverständnis auf eine Ebene mit den Methoden und Ergebnissen der Wissenschaft zu stellen. Die Verallgemeinerung des Begriffs „Geisteswissenschaften“ in dem Gespräch, aus dem das Zitat stammt, geht auf meine Rechnung. Ich hatte am Abend vorher in einer Diskussionsrunde etwa Folgendes gesagt (sehr verdichtet und sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert):

    Die Naturwissenschaften haben keine Angst vor Open Access und der Digitalisierung von vorhandenen Texten, weil sie der Popperschen Methode [von Hypothese und auf Falsifikation ausgelegtem Experiment] folgen — das passt sehr gut zu der Idee, dass jedes Ergebnis sofort der ganzen Forschergemeinde zugänglich ist. Die Geisteswissenschaften haben dagegen keine Methode. Sie sammeln mühsam die Aussagen Anderer in möglichst obskuren und schwer zu findenen Büchern in verstaubten, der Öffentlichkeit schwer zugänglichen Bibliotheken. Diese Aussagen fassen sie zusammen und fügen ein paar kritische Bemerkungen hinzu. Die Autorität des Forschers ergibt sich nur daraus, dass niemand sonst alle betreffenden verstaubten Bücher kennt. Wenn bald jeder in Sekundenschnelle digitale Archive durchsuchen kann, werden die Geisteswissenschaften überflüssig. Deshalb haben sie Angst vor frei verfügbarem Wissen.

    Habe ich das überspitzt ausgedrückt und damit Diskussionen angeregt, in denen Natur- und Geisteswissenschaften plakativ gegeneinander gestellt wurden? Schuldig im Sinne der Anklage. Aber ohne Überspitzung endet immer alles schnell in relativistischem Schulterklopfen und einer Art NOMA-Diskurs, in dem die Geisteswissenschaften für sich in Anspruch nehmen, das “Warum” zu beantworten, während man den Naturwissenschaften großzügig das “Was und Wie” überlässt. Die Naturwissenschaftler (so vermute ich) schütteln darüber im Stillen den Kopf aber sie Schweigen um des lieben Friedens Willen.

    Zur Rolle der Sprache in den Naturwissenschaften: Natürlich gibt es die, vor allem historisch. Aber die eigentliche “Sprachen” der Naturwissenschaft sind die operationale Definition und die Mathematik. Im Prinzip könnte man in gewisser Weise sogar sagen, dass die Geschichte der Wissenschaft die Geschichte einer mühsamen Befreiung aus den (wunderbaren und wildwuchernden) Sümpfen der Sprache ist. Glauben Sie mir, als Sprachwissenschaftler schmerzt mich das, aber als Sprachwissenschaftler ist es für mich die größte intellektuelle Leistung der Menschheit.

  8. @ E.S.
    Sie sind mir gegenüber jetzt natürlich etwas im Vorteil, da Sie - bewusst? - darauf verzichten, sich zu erkennen zu geben. Deswegen weiß ich natürlich nicht so recht, wie Ihre Ausführungen zu bewerten sind.

    Ich möchte vor allem erstmal einem grundlegenden Missverständnis entgegentreten, was das Zitat angeht:

    Was Aussagen über _die Geisteswissenschaften_ betrifft: das ist doch ein sehr weites Feld, über das man vielleicht nicht leichtfertig generalisieren sollte. Hier gibt es breite Arbeitszusammenhänge, die sehr handfest, empirisch orientiert, überprüfbar, präzise usw. sind. Wer in diesen Arbeitszusammenhängen zuhause ist, fühlt sich natürlich durch Äußerungen wie diese verletzt:

    „Stell’ dich mal einen Monat ins Labor, dann weißt du, was Wissenschaft ist“.

    Es war ganz dezidiert nicht meine Absicht, irgendwelche Aussagen über Geisteswissenschaften oder den Wert von Quellenforschung oder kritischer Theorie per se in Frage zu stellen. Deswegen bin ich mit dem Zitat und speziell mit dem von Ihnen (zu Recht) bemängelten Teil auch nicht so ganz glücklich.

    Anlass des Zitats war die Nachbereitung einer Podiumsdiskussion, bei der es unter anderem um begriffliche Unschärfe und den Umgang mit ihr ging. Und da hat der praktisch arbeitende Naturwissenschaftler schlicht das Privileg, die sprachliche Unschärfe für sekundär zu erklären, indem er sozusagen das Objekt seiner Wissenschaft sprechen lässt. Und das bedingt natürlich eine grundlegend andere Einstellung zu solchen Abgrenzungsproblemen.
    Beispiel: Die Wissenschaft zerbricht sich seit Wöhler den Kopf darüber, was genau Leben konstituiert und wo es anfängt. Für die praktische Biologie ist diese Unschärfe völlig unerheblich, obwohl sie den begrifflichen Kern dieser Wissenschaft betrifft.

    Es würde Ihnen nichts nützen, wenn Sie Ihre Einsichten, Ihre Schau nicht mitteilen könnten. Denn dafür brauchen Sie die Wörter doch wieder.

    Hier befinden Sie sich im Irrtum. Die Naturwissenschaften sind nicht notwendigerweise vollständig auf Begrifflichkeiten angewiesen (sie helfen natürlich): Die komplette Quantenelektrodynamik kommt wunderbar klar, ohne dass jemals jemand geschafft hätte, sie in brauchbare sprächliche Begriffe zu fassen.

  9. @ A.S.:”Im Prinzip könnte man in gewisser Weise sogar sagen, dass die Geschichte der Wissenschaft die Geschichte einer mühsamen Befreiung aus den (wunderbaren und wildwuchernden) Sümpfen der Sprache ist. Glauben Sie mir, als *Sprach*wissenschaftler schmerzt mich das …”

    Der Schmerz betrifft doch nur die Vergangenheit. Da wäre als Trost aber auch die Seite von Gegenwart und Zukunft mit der Echtzeit-Beobachtung von Sprachentwicklung (z.B. Lingua Tertii Imperii) und einer echten Science-Fiction über die Sprachen zukünftiger (Er-)Lebenswelten (gibt es da nichts?).

    Was zeichnet sich ab im HEUTE wunderbar wildwuchernden? Und wohin weist es als zukünftige Entwicklung?

    “… aber als Sprach*wissenschaftler* ist es für mich die größte intellektuelle Leistung der Menschheit.”

    Ebent!

  10. @mawa, Ganz einfach: Wenn ich Kopfschmerzen habe, ziehe ich eine nach wissenschaftlichen Erkenntnissen funktionierende Kopfschmerztablette einer den Prinzipien der kritischen Theorie gehorchenden vor.

  11. Ist das nicht eine etwas ausgeleierte Diskussion? Ich kann da jetzt auch kein neues oder besonders interessantes Argument entdecken. Dass es schwierig ist, Menschen zu beschreiben, dürfte wohl unstrittig sein. Ich kann mit ihnen aus ethischen Gründen nicht beliebige Experimente durchführen, selbst wenn ich es könnte, kann ich sie nicht beliebig variieren, weil die Getesteten eine begrenzte Geduld haben, und selbst wenn die unbegrenzt wäre, lernen meine Testobjekte hinzu, sodass ich niemals zweimal das selbe Experiment durchführen kann und meine Reliabilitätsmessung im Eimer ist. All das kann mir egal sein, wenn ich mit unbelebter Materie experimentiere.

    Wenn Sprachwissenschaftler mit Kindern beliebig experimentieren dürften, wäre wohl der Bereich des Spracherwerbs auch deutlich weiter als bisher. So gelangen wir eben umständlicher und über viele Irrungen erst an gesicherte Erkenntnisse, was entsprechend Zeit kostet, oder wir müssen uns gedulden bis z.B. bildgebende Verfahren einen Blick auf das bisher nicht sichtbare zulassen.

    Dass den meisten Geisteswissenschaften ein Paradigma fehlt, innerhalb dessen man in kleinen Schritten forschen kann, statt immer wieder das Rad neu zu erfinden, nunja, das ist wohl spätestens seit Kuhn unbestritten.

    Noch ein kleiner Hineweiß: Ihr Blick auf die Naturwissenschaften scheint ein wenig getrübt. Naturwissenschaft ist mehr als experimentelle Physik und dann sieht das Bild schon gar nicht mehr so rosig aus.

  12. @Frank Oswalt: Mich würde ja mal interessieren, wie so eine nach wissenschaftlichen Erkenntnissen funktionierende Kopfschmerztablette aussieht. Sie meinen wohl eher eine durch die Methoden der Medizin auf ihre Wirksamkeit geprüfte Schmerztablette. Dann stellt sich natürlich die Frage, warum Sie eine Schmerztablette mit den Methoden der Sozialwissenschaft überprüfen möchten. Erklären Sie auch die Doppelblind-Studie für unbrauchbar, weil sie sich nicht auf die Messung von Halbleitern anwenden lässt?

    Und das sage ich als jemand, der die kritische Theorie für Humbug hält. Eigentlich sollte für jeden angehenden Wissenschaftler die Lektüre von zumindest Alan Chalmers o.ä. Pflicht sein, vielleicht würden dann einige endlich ihre (teils) unbegründeten Minderwertigkeitskomplexe ablegen und andere von ihrem hohen Ross herabsteigen. Vielleicht würde es sogar denen helfen, die Wissenschaft als Religionsersatz betrachten und – wie die meisten Gläubigen – gar nicht versuchen, zu verstehen, woran sie da glauben.

  13. Als jemand, der recht ausführlich sowohl in den Naturwissenschaften (Chemie, Molekularbiologie) als auch in den Geisteswissenschaften (Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte, Archäologie) dümpelt bzw. gedümpelt hat, muss ich leider sagen, dass beide Antagonisten gleich viel Dreck am Stecken haben, was eine gewisse Blasiertheit sowie Intoleranz dem anderen gegenüber betrifft.

    Ich habe weit mehr als einen Monat im Labor gestanden und muss sagen, die Naturwissenschafter ziehen sich nur allzu gerne auf ihr Credo der “fundierten Kenntnisse” zurück, wenn es ihnen selbst an Genauigkeit mangelt. Auch der Glaube, dass die Naturwissenschaft alles durchschaue und begreife ist - leider - lachhaft. So viel Stümperei wie ich hier mitunter in Forschungseinrichtungen angetroffen habe, kann einem fast schon Angst einflößen.
    Umgekehrt leben nicht wenige Geisteswissenschafter noch immer in der Illusion, die einzigen zu sein, die aufgrund ihrer humanistischen Weltsicht den Überblick über das große Ganze inne hätten, und die Naturwissenschaft bestenfalls als ausführende Dienerin sehen. Ich war entsetzt, wie massiv sich zB Archäologen mitunter gegen chemische bzw. molekularbiologische Untersuchungen wehren, und die diesbezüglichen Streitereien im Bereich der Anthropologie sind ja fast schon legendär.

    Ich muss also betrübt feststellen, dass hier zwei gleich starke Sturköpfe am Werk sind, die weniger nach allgemeiner Erkenntnis streben, als danach, den vermeintlichen Gegner zu diskreditieren. Und gerade im Bereich der Universitäten ist der Kern des Zwistes wie so oft das Geld.

  14. @ A.T.: “… warum Sie eine Schmerztablette mit den Methoden der Sozialwissenschaft überprüfen möchten…” — Es gibt nur *eine* wissenschaftliche Methode: Hypothese - Experiment. Alles andere sind Unterschiede im Untersuchugsgegenstand. Was Alan Chalmers betrifft — diese mittelmäßigen Physiker, die dann Wissenschaftsphilosophen werden, nerven am meisten.

  15. Wenn Sie besser geschriebene Überblicksdarstellungen für Einsteiger kennen, teilen Sie doch ihr Wissen, ansonsten ist Ihre Arroganz unerträglich. Und kleiner Hinweiß: Nicht alles wird experimentell bewiesen, Mathematik lässt grüßen.

  16. einer Art NOMA-Diskurs, in dem die Geisteswissenschaften für sich in Anspruch nehmen, das “Warum” zu beantworten, während man den Naturwissenschaften großzügig das “Was und Wie” überlässt.

    Aber die “Warum”-Fragen sind doch schon alle beantwortet!

    Everything is the way it is because it got that way.
    – J. B. S. Haldane, Entwicklungsbiologe (also, Entwicklung im Sinn von Individualentwicklung, Embryogenese, Erwachsenwerden, nicht Evolution)

    Diese Erkenntnis löst alle “Warum”-Fragen in “Wie”- und “Was”-Fragen auf: Wie ist das denn abgelaufen, dass es geworden ist? Was für Einflüsse haben darauf gewirkt? Was hat verhindert, dass es anders geworden ist? Usw. usf..

    Beispiel: Die Wissenschaft zerbricht sich seit Wöhler den Kopf darüber, was genau Leben konstituiert und wo es anfängt. Für die praktische Biologie ist diese Unschärfe völlig unerheblich, obwohl sie den begrifflichen Kern dieser Wissenschaft betrifft.

    Genau. Den Begriff “Leben” kann man enger oder weiter definieren, und je nachdem gibt es halt mehr oder weniger Lebewesen; daran hindert einen niemand (außer zu einem gewissen Grad die Tradition).

    Mich würde ja mal interessieren, wie so eine nach wissenschaftlichen Erkenntnissen funktionierende Kopfschmerztablette aussieht. Sie meinen wohl eher eine durch die Methoden der Medizin auf ihre Wirksamkeit geprüfte Schmerztablette.

    Die Medizin hat keine Methoden außer der wissenschaftlichen. Ein klinischer Versuch ist ein ganz gewöhnliches wissenschaftliches Experiment.

    (…Naja, theoretisch. In Wirklichkeit wird in der Medizin viel auf Tradition u. ä. gesetzt. Aber in der Theorie ist Medizin schlicht und ergreifend angewandte Wissenschaft.)

    die Naturwissenschafter ziehen sich nur allzu gerne auf ihr Credo der “fundierten Kenntnisse” zurück

    Häää?

    Ja, gut, der Direktor meines Gymnasiums — ein Biologielehrer — hat sehr gerne das Wort “gesichert” in den Mund genommen. Aber wir haben damals schon alle gemerkt, was für ein geradezu peinlicher Blödsinn das ist. Sonst tut das meiner Erfahrung nach niemand. Ich weise darauf hin, wie extrem selten das Wort “Beweis” in (zumindest natur)wissenschaftlichen Artikeln auftaucht.

    wissenschaftliche Methode: Hypothese - Experiment.

    Spekulation, Hypothese oder Theorie — davon abgeleitete Vorhersage — Beobachtung, ob die Vorhersage stimmt; wenn sie nicht stimmt, Spekulation/Hypothese/Theorie –> Mistkübel.

    (…Abfalleimer. Abfallkorb. Mülltonne. Und vermutlich noch 20 mehr regionale Synonyme, um auf die Sprachwissenschaft zurückzukommen.)

    Wenn man eine Beobachtung nach Belieben arrangieren kann, macht das natürlich alles einfacher, aber in vielen Wissenschaften geht das oft nicht: Astrophysik/Kosmologie, Geologie, Klimatologie, Archäologie, Paläontologie… Da muss man eben warten, bis sich eine Gelegenheit für eine Beobachtung ergibt, oder die Überreste des fraglichen Ereignisses beobachten und daraus Rückschlüsse ziehen. Notwendig ist die Möglichkeit eines Experiments keineswegs.

    Und dann kommt der zweite Teil der wissenschaftlichen Methode: das Parsimonieprinzip — man mache so wenige zusätzliche Annahmen wie möglich.

  17. kleiner Hinweiß [sic]: Nicht alles wird experimentell bewiesen

    Überhaupt nichts wird experimentell bewiesen. Wissenschaft kann nicht beweisen, nur widerlegen. Beweise gibt es in der Mathematik und der formalen Logik.

    Angenommen, wir finden die Wahrheit. Wie kommen wir drauf, dass das, das wir gefunden haben, die Wahrheit ist? Vielleicht indem wir es mit der Wahrheit vergleichen, die wir nicht haben?

  18. David Marjanović, richtig, das war eine ungünstige Formulierung. Worauf ich hinauswollte: In der Logik (und damit in der Mathematik) wird bewiesen.
    1. Die Logik basiert auf nicht experimentell oder sonstwie widerlegbaren oder beweisbaren Grundlagen, den Axiomen.
    2. Sämtliche (Natur-)Wissenschaften basieren auf der Logik.
    Also: Alle (Natur)Wissenschaften basieren auf nicht beweisbaren *und* nicht widerlegbaren Grundlagen. Religionen nennen so etwas Dogmen (Ja, ich weiß, dass Axiome zusätzliche Bedingungen erfüllen müssen).

    Ist natürlich schwer zu akzeptieren, wenn man der Kirche der naiven Experimentalisten angehört, ist aber so. Im Gegenzug nehme ich mir nicht das Recht heraus, in einem Blogkommentar die Diskussion zu beenden, was *die* wissenschaftliche Methode ist, oder gar “Wissenschaft”.

  19. @fischer, #8

    “Anlass des Zitats war die Nachbereitung einer Podiumsdiskussion, bei der es unter anderem um begriffliche Unschärfe und den Umgang mit ihr ging. Und da hat der praktisch arbeitende Naturwissenschaftler schlicht das Privileg, die sprachliche Unschärfe für sekundär zu erklären, indem er sozusagen das Objekt seiner Wissenschaft sprechen lässt. Und das bedingt natürlich eine grundlegend andere Einstellung zu solchen Abgrenzungsproblemen.
    Beispiel: Die Wissenschaft zerbricht sich seit Wöhler den Kopf darüber, was genau Leben konstituiert und wo es anfängt. Für die praktische Biologie ist diese Unschärfe völlig unerheblich, …”

    Vielen Dank zunächst für Ihre Erläuterungen und Hinweise zum Diskussionszusammenhang.

    Darf ich noch eine Anschlussfrage stellen?

    Was ich noch nicht recht nachvollziehen kann, ist die Auffassungen, dass “das Objekt” irgendwie sprachunabhängig gegeben sei. Oder habe ich Sie da missverstanden?

    Gottlob Frege spricht in einem seiner Beiträge, die für das Thema “Referenz” wichtig geworden sind, von der “Art des Gegebenseins” (aus dem Gedächtnis zitiert) von Gegenständen bei der Bezugnahme.

    Wenn Sie sagen: “das Objekt seiner Wissenschaft”, dann sind das doch schon Einheiten, die auf der Kategorisierungsfunktion sprachlicher Mittel beruhen. Schwefelsäure, Zelle, Phthisis oder Cholera sind sprachlich konstituierte Gegenstände. Sicher: sie haben eine reale Grundlage in der Welt draußen, aber die Art, wie wir sie ansprechen, ist eine historisch gewachsene Kategorisierungsleistung.

    “Die Wissenschaft zerbricht sich seit Wöhler den Kopf darüber, was genau Leben konstituiert”

    Ich verstehe nicht recht, warum Sie die Diskussion dieser Frage so spät und gerade bei Wöhler beginnen lassen. Hat das etwas mit dem “genau” zu tun?

    In sprachwissenschaftlicher Hinsicht ist die Frage bedeutsam geworden bei der Untersuchung der öffentlichen Diskurse um die Abtreibung. Siehe z.B.:

    Karin Böke: Lebensrecht oder Selbstbestimmungsrecht? Die Debatte um den § 218. In: Kontroverse Begriffe (1995). Hg. G. Stötzel, M. Wengeler. Berlin/ New York, 593ff.

    E.S.

  20. Was ich noch nicht recht nachvollziehen kann, ist die Auffassungen, dass “das Objekt” irgendwie sprachunabhängig gegeben sei. Oder habe ich Sie da missverstanden?

    Gottlob Frege spricht in einem seiner Beiträge, die für das Thema “Referenz” wichtig geworden sind, von der “Art des Gegebenseins” (aus dem Gedächtnis zitiert) von Gegenständen bei der Bezugnahme.

    Wenn Sie sagen: “das Objekt seiner Wissenschaft”, dann sind das doch schon Einheiten, die auf der Kategorisierungsfunktion sprachlicher Mittel beruhen. Schwefelsäure, Zelle, Phthisis oder Cholera sind sprachlich konstituierte Gegenstände. Sicher: sie haben eine reale Grundlage in der Welt draußen, aber die Art, wie wir sie ansprechen, ist eine historisch gewachsene Kategorisierungsleistung.

    Da möchte ich Ihnen vehement widersprechen. Die Sprache mag ein Mittel zum Umgang mit realen Gegenständen sein, aber sie bleibt ein bloßes Hilfsmittel. Sie konstituiert nicht, sie beschreibt. In den Naturwissenschaften gibt es weite Bereiche, die über die Möglichkeiten der Sprache (und des damit verbundenen intuitiven Begreifens) schlicht hinausgehen, und von denen jegliche sprachliche Beschreibung unvollständig ist. Wie kann Sprache da das Konstituierende sein?

    Ich verstehe nicht recht, warum Sie die Diskussion dieser Frage so spät und gerade bei Wöhler beginnen lassen. Hat das etwas mit dem “genau” zu tun?

    Man könnte jetzt argumentieren, dass mit Wöhler das “moderne” molekulare Verständnis der Frage begonnen hat, aber eigentlich ist das nur der Chemiker-Bias.

  21. Alle (Natur)Wissenschaften basieren auf nicht beweisbaren *und* nicht widerlegbaren Grundlagen.

    (Wie macht man das, dass Zitiertes hier eingerückt und rot erscheint, wie das bei einigen der Fall ist?)

    Man könnte hier allerdings irgendwie auch noch “nicht hintergehbaren” hinzufügen, sofern es nur um Logik geht. Ich verstehe sowieso nicht, was an Logik so ungeliebt ist. Ja, vielleicht, weil man ohne den Satz vom Widerspruch leichter mit kognitiver Dissonanz leben kann… Aber ohne den kann man gar nicht mehr sinnvoll kommunizieren. (Womit wir auch wieder irgendwie bei der Sprache wären.) Und ja, auch parakonsistente Logiken haben riesige Probleme, die Möglichkeit des Kommunizierens zu erhalten.

    Naturwissenschaften auch nur in die Nähe von Religion zu Rücken ist alleine schon deshalb eine Sauerei, weil die letztere ein konzeptueller Misthaufen ist, während die erstere vielleicht kein Diamant, aber wenigstens ein Quarzkristall ist. ;-)

    Das Sparsamkeitsprinzip ist momentan die einzige Grundlage der Wissenschaft, die ich für problematisch halte. Und das ist auch nur dann problematisch, wenn die Wissenschaft sich nicht darauf beschränken will, wahre Aussagen über Beobachtbares zu machen, sondern auch will, dass ihre Aussagen über Unbeobachtbares wahr sein sollen. Abgesehen davon, dass auch im Alltag niemand Teekannen in einer Umlaufbahn um die Sonne annimmt…

  22. Ganz im Gegenteil: Alle bislang bekannten Teekannen befinden sich auf einer Umlaufbahn um die Sonne. :-p

    Die eingerückten Zitate bekommt man mit dem blockquote-Tag.

  23. Da möchte ich Ihnen vehement widersprechen. Die Sprache mag ein Mittel zum Umgang mit realen Gegenständen sein, aber sie bleibt ein bloßes Hilfsmittel. Sie konstituiert nicht, sie beschreibt. In den Naturwissenschaften gibt es weite Bereiche, die über die Möglichkeiten der Sprache (und des damit verbundenen intuitiven Begreifens) schlicht hinausgehen, und von denen jegliche sprachliche Beschreibung unvollständig ist. Wie kann Sprache da das Konstituierende sein?

    Wollen wir mal ein Beispiel wählen? Einen Zellkern vielleicht? Ist ein Zellkern das, was Sie vielleicht einen “realen Gegenstand” nennen würden? Was ich sagen will: Seine Identifizierung als Zellkern ist an Kategorisierungsleistungen und an (sprachlich verfasste) Theorien gebunden.

    Wie hätte Ihre “Realität” ausgesehen, wenn Sie als Chemiker um 1730 auf die Welt gekommen wären? Dann wäre wahrscheinlich das Phlogiston auch Bestandteil Ihrer Realität gewesen. Warum? Weil es Bestandteil der Diskussionen der Zeit war.

    Weil Sie die Quantenphysik ansprachen. Vor kurzem habe ich (in Teilen) eine Biographie über Wolfgang Pauli gelesen: Ernst Peter Fischer: Brücken zum Kosmos. Wolfang Pauli - Denkstoffe zwischen und Nachtträume zwischen Kernphysik und Weltharmonie. 2004. Ich verstehe leider nichts von Quantenphysik. Aber beruhen die mathematischen Symbolsysteme nicht auch auf (teilweise) sprachlichen Fundamenten? Einstein, Heisenberg, Pauli, sie alle haben diskutiert, Briefe geschrieben, Abhandlungen verfasst, …

    Nun als kleiner Abweg zum Thema sprachliche Kreativität (Hamburger Abendblatt) noch ein kurzes, bescheidenes Zitat aus dem Buch über Wolfgang Pauli:

    Es gibt zahlreiche Geschichten über die Empfehlungsschreiben, die Pauli für ehemalige Mitarbeiter ausgestellt hat. Sie waren oftmals mehr “Schlechtachten” als “Gutachten”. Der freundlichste Text soll gelautet haben: “Ich habe gegen Herrn XY nichts einzuwenden.” (Fischer, Brücken zum Kosmos, 2004, 95).

    E.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.