Sich committen

Man fragt sich manchmal, ob die vier glücklosen Brüder von der Aktion Lebendiges Deutsch auch nur dreißig Sekunden darauf verwenden, über die Machbarkeit ihrer Vorschläge nachzudenken. Im Sommerloch war eine Alternative zu sich committen gesucht. Wie schon oft wollten die Aktioneure damit ein Lehnwort abschaffen, das mir in freier Wildbahn kaum je begegnet ist. Aber sei’s drum. Die Neubewortung ist auf jeden Fall daneben gegangen:

Unter den Einsendungen für das Suchwort des Vormonats („sich committen“) hat sich die Aktion für „sich verpflichten“ entschieden.

Das erste Problem an diesem Vorschlag ist das altbekannte: die Alternative erfasst nicht alle Bedeutungsschattierungen des Lehnworts. Sich committen bedeutet eben nicht nur, sich zu verpflichten, sondern es hat auch die Konnotation einer freiwilligen, aus der eigenen Überzeugung erwachsenen, längerfristigen Selbstverpflichtung.

Das eigentliche Problem aber ist das grammatische Verhalten des Verbs verpflichten. In einfachen, aktiven Sätzen kann ich damit den Unterschied zwischen einer Selbstverpflichtung und einer Vepflichtung von außen unterscheiden: Ich habe mich verpflichtet bedeutet etwas anderes als etwa Mein Chef hat mich verpflichtet. In passiven Sätzen kann ich eine Selbstverpflichtung nicht mehr zum Ausdruck bringen: Ich wurde verpflichtet (Verlaufspassiv) oder Ich bin verpflichtet (Zustandspassiv) können nur heißen, dass mir die Verpflichtung von außen aufgedrückt worden ist. Das Verb committen löst dieses Problem: Ich bin committed heißt unzweideutig, dass die Verpflichtung selbst auferlegt ist.

Ich will mich nicht darauf festlegen, dass dieses grammatische Problem die Motivation für Sprecher des Deutschen war, das Verb committen überhaupt erst zu entlehnen. Aber unwahrscheinlich ist es nicht: Sprecher wollen kommunizieren, und sie entlehnen Wörter dann, wenn sie der Meinung sind, dass die Lehnwörter ihnen beim Kommunizieren nützlich sind.

Wer Lust hat, der Aktion Lebendiges Deutsch beim diesmonatigen Wörterraten zu helfen, hat noch ein paar Tage Zeit:

Zum Autofahren brauchen wir die Amerikaner wirklich nicht – warum brauchen wir dann „drive-in“-Kinos und -Schnellimbisse? Die Aktion „Lebendiges Deutsch“ lädt ein, ihr ein treffendes deutsches Wort dafür vorzuschlagen (bis 21. September 2009 an Wort des Monats ).

Ich sage vorher: Autokino, mit Sympathiepunkten für Fahrbarer-Untersatz-Kino und Reinfahrkino.

20 Kommentare zu „Sich committen“

  1. Zum committen: Also mir begegnet das ständig. Ist so Wirtschafts-Team-Sprech-Denglisch. Ich weiß aber auch keine Alternative, auch wenn ich manchmal nach ihr suche.

    Zum Autokino: Das hilft den Herren bei der Frage des Drive-in-Schnellimbisses aber auch nicht weiter. Gibt’s dafür auch einen Vorschlag von Ihnen?
    BTW: Ich habe nie verstanden, warum in DE alle nur reinfahren, während in den USA alle durchfahren (”drive through”)

  2. Seltsam, um mich herum committen sich auch alle Leute. Ich hab das noch nie machen müssen. Ich hab mich entweder verpflichtet (denn “committen” hat keineswegs immer den Unterton des Freiwilligen; sonst könnte man sich nicht vertraglich committen) oder etwas zugesagt, etwas vereinbart, geregelt oder versprochen.

  3. Hm, das Verb ist mir in der Tat auch noch nie begegnet. Rein intuitiv würde ich sagen, dass man sich einer Aufgabe stellt oder sich ihr hingibt, aber vermutlich klingt das zu pathetisch. dict.leo.org schlägt noch “anheimgeben” vor. Das trifft es doch eigentlich.

  4. Tobi (#1): Autoimbiss, mit Sympathiepunkten für „Nuckelpinnenfresslaube“…

    moi (#2): Google-Treffer für “vertraglich (committed|committet|committen)”: 0.

  5. Habe das Wort hier zum ersten Mal wahrgenommen. Brauche es nicht, ergo auch keine deutsche Entsprechung.
    Das Wort kann ersatzlos gestrichen werden.

  6. Also wenn ich etwas committe, dann spiel ich neue Codeschnipsel in die Versionsverwaltung hoch. “Sich committen”? Noch nie gehört oder gelesen - für mich ein Grund, sich darüber keine Gedanken zu machen. Für “Autokino” war mir jetzt auch kein anderer Begriff geläufig, da doch das schöne deutsche “DriveIn” fest mit Burgerbratereien an Durchgangsstraßen verbunden ist, oder?
    Also wie immer: Für mich ist mit der Sprache alles in Ordnung. Weiter so, Sprache, u rule (- oder wie es Ivar Combrinck so ’schön’ übersetzt hat: “gibt die Anweisungen”).

  7. @Tobi: Also mir wurde mal erzählt, McDonalds habe sich für den Begriff “drive-in” entschieden, weil dieser für deutsche Kunden angeblich leichter auszusprechen wäre. Inwiefern man dieser Erklärung glauben schenken kann ist natürich eine andere Frage ;)

  8. Im IT-Umfeld begegnet mir dieses Wort sehr häufig.
    Und in der Tat ist es die Freiwilligkeit, die da mitschwingt.
    Natürlich kann man diesen Commit auch vertraglich festhalten. Einen Zwang zum Commit jedoch gibt es nicht, da „sich committen” eine Hingabe aus einer persönlichen Überzeugung für die Sache heraus erfordert.

    Mir ist aufgefallen, dass im Artikel die Vergangenheit mit d am Ende gebildet wurde. (committed) Müsste es sich bei der deutschen Verwendung als Lehnwort aber nicht unserer Gramattik unterordnen und mit t - also committet - geschrieben werden?

  9. Kleine Anmerkung zu der Sache mit der Versionsverwaltung: Committen bedeutet auch beitragen oder beusteuern. Es bezeichnet dabei das Hinzufügen der Änderungen zum Pool der gemeinsamen Arbeit. Meine Vermutung ist, dass die allgemeinere Verwendung von committen aus einer Bedeutungserweiterung dieses Terms entstanden sein könnte.
    Zumindest ist der Begriff in der erstgenannten Bedeutung fest im Bereich der Softwareentwicklung etabliert.

  10. Frank (#8), als Partizip Perfekt dominiert im Web klar die Form mit d“er ist committed” liefert z.B. 9 Treffer, “er ist committet” nur einen. Beim Verb in der 3. Person Singular ist das Verhältnis ausgewogener — “committed sich” hat mit 592 Treffern nur etwa zweieinhalb Mal soviele Treffer wie “committet sich” (mit 229 Treffern).

  11. Mein Beitrag zur Statistik: Auch ich habe dieses Wort oft gehört, als ich noch in der Werbung gearbeitet habe; Mitarbeiter von Werbe- und speziell Marketingabteilungen großer Unternehmen benutzen es sehr häufig. Vielleicht bietet sich dann an, es Fachsprachen zuzuschlagen statt dem allgemeinen Sprachgebrauch.

  12. Habe das Wort noch nie im Deutschen gehört oder gelesen. Glaube auch nicht, dass die Gefahr besteht, dass sich dieses Wort im großen Stil durchsetzt. Es wird wohl bei einer Nischenverwendung bleiben, was ich auch nicht weiter bedenklich finde. Jede Disziplin hat doch ein paar englische Ausdrücke, die meist nur in den fachbezogenen Texten vorkommen.

    Reinfahrkino finde ich übrigens großartig. Sehr amüsantes Wort.

  13. Mir scheint, dass man den freiwilligen Charakter des commitments durchaus auch mit dem Deutschen “sich verpflichten” wiedergeben kann, und zwar, indem man dieses mit Dativkomplement konstruiert. Wenn man sich verpflichtet, irgendeine Neuerung einzuführen, ist das doch etwas anderes, als wenn man sich der Einführung dieser Neuerung verpflichtet.

  14. Noch eine Info zu committet (Sorry, Anatol - mein persönliches Sprachgefühl verbietet mir an dieser Stelle das d am Ende. ;) ) und IT.

    Derzeit ist eine neue Projektmanagement-Methode im Kommen. Diese entspringt dem agilen Software-Development und nennt sich “scrum”. In dieser spielt der Begriff “commitments” eine Rolle.
    Bei der Erklärung unterscheidet man zwischen zwei Personengruppen, von denen die eine “involved” ist und die andere “committed”.

    Dazu gibt es auch eine kleine Geschichte die den Unterschied der zwei Grade von Beteiligung aufzeigen soll: http://www.implementingscrum.com/2006/09/11/the-classic-story-of-the-pig-and-chicken/

    Diese Methode liegt gerade im Trend und könnte das Wort im Sprachgebrauch (zumindest einer bestimmten Personengruppe) festigen.

  15. Ich habe “sich committen” auch schon im Gebrauch gehört, weiß aber nicht wo. Ich würde es von der Bedeutung her am ehesten mit “sich einer Sache verschreiben” übersetzen, was aber wesentlich unhandlicher ist.

  16. “Sich committen” gehört zur gesprochenen Wirtschaftsfachsprache und scheint mir etwas weniger zu bedeuten, als eine juristisch unanfechtbare Verpflichtung. Typischerweise soll ein Projekt dadurch vorangebracht werden und ist aber in seiner verpflichtenden Wirkung noch von den Commitments anderer Partner abhängig.
    Wie andere Fremdwörter, die als Fachausdrücke gebraucht werden, grenzt es die umgangssprachliche Bedeutung auf einen Teilaspekt ein und erweitert es eventuell in eine andere Richtung. Alle Kritiker, die meinen, es durch eine umgangssprachliche Entsprechung erwetzen zu können, kennen schlicht die Bedeutung nicht korrekt, weil sie den entsprechenden Wissensbereich nicht verstehen. Ein Verzicht auf solche Fremdwörter würde also einen Mangel an treffenden Beschreibungen bedeuten.
    Ein “Nischendasein” haben natürlich auch alle Fremdwörter rund um das Mobiltelefon geführt, solange bis jeder eins oder mehr davon hatte und sie im Alltag benutzen musste.

  17. Zum Thema “committen*:

    Manager, ebenso wie Politiker, sind häufig gezwungen, etwas zu sagen, ohne sich festlegen zu können (oder zu dürfen). Ähnliche, analog wirksame Notwendigkeiten gibt es in der Werbung. Dadurch ist die Sprache von Managern, Politikern und Werbefuzzis unvermeidlich blähig und schwurbelig.

    Es will mir scheinen, als werde in den Äusserungen der ALD häufig das Thema “Bläh und Schwurbel” mit dem Thema “Englisches Lehnwort” verquickt; wobei (fahrlässig oder vorsätzlich) ausser Acht gelassen wird, dass die betreffenden Gruppen auch dann Schwurbel reden, wenn sie gutes(TM) Deutsch verwenden.

  18. Kenne Commitment nur als Fachausdruck in der Zellbiologie. :-)

  19. @anatol stefanowitsch #4
    Es gibt noch ein Leben außerhalb von Google.
    Unsere Firma schließt ständig Verträge, und in diesen Verträgen, so bekomme ich fast täglich zu hören, haben wir uns stets zu irgendetwas committet.

  20. In meinem früheren Leben als Software-Berater war “sich committen” ein häufig gehörtes Wort. Situative Einbettung in der Regel so, dass der Abteilungsleiter sagt: “Wir haben uns dazu committed.” Übersetzung: “Ich habe für dieses Jahr mehr Projekttage zugesagt, als wir noch frei haben, also reißt euch bitte den Arsch auf.” Oder: “Wir haben etwas zugesagt, was wir eh nicht leisten können, aber es hat den Kunden beruhigt.”

    Ich habe mich dann in den öffentlichen Dienst abgesetzt. Da macht man einfach Überstund^W^W^W leistet man einfach Mehrarbeit, Überstunden müssten ja vom Personalrat genehmigt werden.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.