Kaum zu glauben

Gestern habe ich in meinem Beitrag zum Wort empfindlich Folgendes geschrieben:

wenn ein bestimmter Verbstamm (oder auch Substantivstamm) nicht bereits mit dem Suffix -lich in der Sprache existiert, können wir das entsprechende Wort nicht einfach erfinden: vorstell-lich oder glaublich gibt es ebensowenig wie esslich/verschlinglich oder spürlich, obwohl wir die bedeutungsverwandten Wörter unglaublich, köstlich und eben empfindlich haben. Das Suffix -lich ist sprachgeschichtlich sehr alt und nicht länger produktiv.

Das war natürlich eine sehr absolute Aussage über einen Phänomenbereich, in dem es nichts Absolutes gibt.

Selbstverständlich sind Sprecher in der Lage, auch nicht-produktive Wortbausteine zu erkennen und — bewusst oder unbewusst — kreativ zu verwenden. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn sich für die zitierten Beispiele vereinzelte Belege finden ließen. In der Werbung stößt man ja auch immer wieder auf kreative Wortbildungen — vom Klassiker unkaputtbar bis zum totalst-probierigsten Mittelscharfen der Welt“ mit dem Löwensenf kürzlich seine neueste Kreation bewarb (bei unkaputtbar haben wir einen Fall, wo ein eigentlich produktives Suffix an einen Stamm der falschen Wortart angefügt wird, bei probierig wird das nicht oder nur sehr eingeschränkt produktive Suffix -ig an das Verb probieren angehängt).

Aber — Sprachblogleser Bernhard hat in seinem Kommentar zum letzten Beitrag darauf hingewiesen — bei glaublich liegt die Sache ein wenig anders.

Zunächst ist klar, dass es das Adjektiv glaublich zu irgendeinem Zeitpunkt gegeben haben muss, sonst hätte man ja das Adjektiv unglaublich nicht daraus ableiten können. Bernhard bestätigt, dass die Treffer für die Form glaublich im DWDS-Kernkorpus alle vom Anfang des letzten Jahrhunderts stammen. Eine Suche bei Google Books bestätigt den Eindruck, dass dieses Adjektiv zwar altehrwürdig, aber auch deutlich angestaubt ist.

Aber was mich völlig überrascht hat, war Bernhards Hinweis, dass sich auch im Deutsch des Internetzeitalters Verwendungen für die Form glaublich finden, und zwar fast zwanzigtausend. Ein großer Teil davon stammt wiederum aus alten Texten und ein weiterer großer Teil ist etwas völlig anderes, auf das ich gleich zurückkommen muss, aber ein Teil stammt aus der aktuellen Umgangssprache, wie die folgenden Beispiele zeigen:

  • Kaum glaublich aber wahr. Die Umweltkosten entstehen nicht auf dem Weg in den
    deutschen Handel sondern auf dem Weg vom Handel nach Hause! [Link]
  • Kaum glaublich! Bitte? Wie soll das funktioniert haben? [Link]
  • Das klingt sicherlich kaum glaublich für einen, der in einem Land lebt, wo man die Idee einer gesetzlichen Krankenversicherung für Sozialismus hält [Link]
  • Das eigentliche Problem ist ja dass du selber kaum noch was weist bzw. nicht glaublich klings da du ja anscheinend getrunken hast [Link]
  • Noch immer finde ich es nur schwer glaublich, dass wir unseren Kleinen bald im Arm halten werden…!!! [Link]
  • wo ist diese domain eingetragen, bei der der fehler auftritt? in $mydestination? unwahrscheinlich. in virtual oder transport? auch wenig glaublich. [Link]

Nun haben diese Beispiele eines gemeinsam, Bernhard hat darauf hingewiesen: sie treten alle in negierten Zusammenhängen auf — für die überwiegende Zahl aller Treffer ist das kaum glaublich, aber auch nicht glaublich und wenig glaublich kommen vereinzelt vor. Für ein nicht-negiertes glaublich finde ich keine echten Treffer, die nicht aus alten Texten stammen. Es scheint also, dass Sprechern klar ist, dass das Wort glaublich nicht existiert. Wenn sie es doch verwenden, dann in Analogie zu unglaublich nur in verneinenden Zusammenhängen — als ob sie eine Art Schema der Form [NEG glaublich] im Kopf haben. Ob dieses Schema eine zeitgenössische Neubildung ist oder ob es sich aus der Zeit erhalten hat, in der glaublich noch verwendet wurde, kann ich nicht beurteilen. Allerdings fällt bei einer Google-Books-Suche auf, dass auch in Büchern älteren Datums mehr als die Hälfte der Verwendungen von glaublich in verneinenden Zusammenhängen stehen. Dies spräche dafür, dass eine Spezialisierung auf diese Zusammenhänge stattgefunden hat, bevor das Adjektiv glaublich sich aus der Sprachverwendung verabschiedet hat.

Das Verschwinden einer Grundform, bei dem nur abgeleitete oder kontextuell beschränkte Verwendungen zurückbleiben, zeigt übrigens noch einmal das, was ich in meinem letzten Beitrag beschrieben habe: abgeleitete Formen werden, bei ausreichender Häufigkeit in der Sprachverwendung, als eigene Einträge in unserem mentalen Wörterbuch gespeichert und können sich dann unabhängig weiterentwickeln.

So spannend das alles ist, noch spannender fand ich etwas ganz anderes (ich habe es oben angedeutet). Die überwiegende Mehrzahl der Google-Treffer für glaublich scheint überhaupt keine Bildung aus glaub(en) und -lich zu sein. Es sind Treffer wie die folgenden:

  • Nachrücker sind glaublich der Sepp Schroll und der Hans Gschwendner [Link]
  • Sarah Reinewald träumt aber vom Schloß und das ist glaublich nicht zum Gemeindesaal Preis zu haben. [Link]
  • Die AMAP ist glaublich die amtliche Karte des BEV, dass die Kompass-Karte in dieser Form auch vom BEV stammen soll, halte ich für ein Gerücht. [Link]
  • Das ist glaublich umgekehrt, die Engine wandelt TGA Dateien automatisch in. TEX Dateien um. [Link]

An diesen Stellen würde ich glaub(e) ich sagen: Das ist, glaube ich, nicht zu diesem Preis zu haben. Oder, wahrscheinlicher noch, glaubich oder sogar nur glaub: Die AMAP ist glaubich die amtliche Karte des BEV, Das ist glaub umgekehrt. Denn aus dem ursprünglichen Einschub glaube ich ist in der Umgangssprache eine Diskurspartikel wie wohl oder wahrscheints geworden.

Was aber bei diesen Sprechern passiert zu sein scheint, ist, dass sie die Diskurspartikel glaubich nicht als verkürzte und lautlich abgeschliffene Form von glaub(e) + ich analysiert haben, sondern als genuines Adverb analog zu wirklich, eigentlich oder tatsächlich (Das ist wirklich nicht zu diesem Preis zu haben; Die AMAP ist eigentlich die amtliche Karte des BEV; Das ist eigentlich umgekehrt). Deshalb haben sie das l eingefügt und so eine Art volksmorphologische Ableitung geschaffen. Hierbei könnte es eine Rolle gespielt haben, dass das Adjektiv/Adverb glaublich im Sprachsystem fehlte und die Reanalyse von glaub ich als glaublich diese Lücke geschlossen hat.

Es kann natürlich auch sein, dass es sich bei dem überzähligen l um einen Tippfehler handelt, aber bei zwanzigtausend Google-Treffern ist das unwahrscheinbar. Da halte ich meine Analyse für deutlich glaublicher.

7 Kommentare zu „Kaum zu glauben“

  1. Mir gefällt das Wort glaublich so ganz ohne Negation recht gut. Vielleicht verwende ich es in Zukunft gelegentlich in dieser Weise.

    Gibt es in der Sprachwissenschaft eigentlich Untersuchungen zum eigenen Störeinfluss auf die beobachteten Xysteme, d.h. dazu, welche unbeabsichtigten Rückwirkungen die Beobachtung und Beschreibung solcher Phänomene auf die Sprache hat?

  2. Könnte es nicht auch sein, dass ‘unglaublich’ nicht von ‘glaublich’ abgeleitet ist, sondern direkt von ‘Unglaube’? Das erklärte die offenbar vorhandene innere Regel NEG glaublich ebenso wie die geringe Verbreitung von glaublich.

    Ich sehe da auch einen Hinweis auf die Entwicklung, möglicherweise fällt es uns leichter - bzw. fiel es unseren Altvorderen leichter -, ein positives Glaubensbekenntnis mit uns selbst als Agens anzugeben als umgekehrt. ‘Das glaube ich nicht!’, wird in den meisten Situation doch zumindest als sehr unhöflich angesehen, bezeichnet es doch das Gegenüber entweder als naiv oder sogar Lügner. Somit wäre ein neutraleres Adjektiv wie ‘unglaublich’ sozial notwendig, um den Gegenstand selbst verantwortlich zu machen, nicht den Verbreiter oder den Hörer.

  3. Wenn ich “glaublich” höre, muss ich an “glaubhaft” denken. Das verwenden u.a. Juristen, um Zeugenaussagen zu bewerten. In vielen Beispielen würde “glaubhaft” meinem subjektiven Sprachgefühl nach “besser” klingen. Wofür mir für das “besser” ehrlich gesagt eine tragfähige Begründung fehlt.

  4. Ich habe keine wirklich Ahnung, was die Sprachwissenschaft angeht. Aber dieses “glaublich” für “glaube ich” könnte doch einfach der automatischen Rechtschreibprüfung geschuldet sein, oder?
    Jedenfalls bietet das Firefox Plugin für “glaubich” das Wort “glaublich” an - warum auch immer. Wenn jemand dann automatisch korrigieren lässt, könnte das doch zu den beobachteten Treffern führen, oder? Nur so ne fixe Idee, weil’s mir sehr merkwürdig vorkam.

  5. Paulus, das ist ein guter Hinweis. Ich nehme an, das ist die richtige Erklärung. Um das abschließend zu kläre, müsste man überprüfen, seit wann die Form glaublich zu finden ist. Wenn die Rechtschreibkontrolle von Firefox Schuld hat, dann dürfte es die Form erst seit 2006 geben.

  6. zu #4 und #5:
    Beim Lesen des Blogs ist mir auch gleich die Möglichkeit von Diktiersoftware durch den Kopf gegangen. Ein verschliffenes „glaub ich“ könnte von solchen Programmen durchaus als „glaublich“ interpretiert werden.

  7. Es ist glaublich so, dass es sich bei den nicht negierten “glaublichs” wohl um Wumbaba-Opfer handelt. Analphabeten, des Lesens und Schreibens nicht wirklich mächtig, ich würde sie mal Phonetiker nennen. Die Theorie des eingefügten “l” halte ich für sehr nahlich.

    Danke für diesen schönen Artikel. So wird Sprache wahrbar authentlich erleblich.

    Liebe Grüße,
    Ulf

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.