Sprachimperialistische Illusionen

Aus den Zeitungen erfahren wir dieser Tage Erstaunliches: „Deutsch erobert die USA“, melden z.B. die Nürnberger Nachrichten. „In Amerika Germanismen auf dem Vormarsch — Deutscher als Lehrmeister im Internet“.

Da bin ich mal gespannt.

„Gesundheit“, wünscht mir mein Bekannter Eddie, als sich einmal mehr das Kribbeln in meiner Nase in einer mittelstarken Explosion entlädt. Eddie ist waschechter Amerikaner: Tagsüber arbeitet er in einer Pfandleihe, wo rezessionsgeplagte Bürger derzeit ihre Uhren und Eheringe in Bares eintauschen. Abends grillt er im Garten, wäscht seinen spritsaufenden SUV oder spielt mit seiner Schusswaffen-Sammlung.

Das ist doch schon mal sehr ermutigend: Der Autor, Friedemann Diederichs, verzichtet auf platte Stereotypisierungen der amerikanischen Kultur. Das deutet auf einen feinsinnigen Beobachter der menschlichen Natur hin.

In Deutschland war er noch nie, doch um wichtige deutsche Begriffe ist er nicht verlegen. Mit „Prost“ anzustoßen lernte er von Nachbar Jack, der als Rentner im „Beethoven Männerchor“ Trompete spielt und ihn letztes Jahr erstmals zu einem „Beerfest“ mitnahm. „The Schnitzel was ubergut“, erinnert er sich - wobei „uber“ nichts anderes als ganz besonders gut kennzeichnen soll - in Anlehnung an das deutsche „über“ - wie bei übermenschlich oder überdurchschnittlich.

Eddie mag ein Schusswaffen-schwingender Redneck im spritsaufenden SUV sein, aber immerhin ist er sich nicht zu schade, um von einem feingeistigen Beethoven-Liebhaber Trinksprüche zu lernen. Außerdem ist er offensichtlich ein Mensch, der mit der Zeit geht — voll integrierte Lehnbildungen wie Beerfest gehen ihm ebenso flüssig von der Zunge, wie Gamer-Slang. Der Autor hat hier aber nicht richtig hingehört: Wenn überhaupt, dann muss Eddie ubergood gesagt haben, denn das Präfix uber- wird im Englischen natürlich nicht an deutsche, sondern an englische Wörter angehängt.

Aber gut, lassen wir Diederichs etwas journalistische Freiheit. Eddie ist offensichtlich ein Composite aus ganz verschiedenen Meschen, die in unterschiedlichen Zusammenhängen deutsche Lehnwörter verwendet haben. Ich habe in Zeitungsartikeln, und vielleicht sogar hier im Blog, auch schon derartige Composites auftreten lassen, obwohl ich mir einbilde, dabei etwas mehr Realitätssinn bewiesen zu haben.

In dem Artikel geht es ja aber gar nicht um Eddie, sondern um den „Vormarsch“ deutscher Lehnwörter. Und wo marschieren die?

Nicht im Volksmund, wie sich herausstellt, sondern im Blog eines deutschen Auswanderers. Chris Haller aus Stuttgart, so erfahren wir, wollte seiner amerikanischen Ehefrau in seiner Wahlheimat Denver eigentlich nur Deutsch beibringen:

Er begann mit jenen Begriffen, die längst Bestandteil der englischen Sprache sind - und entdeckte das, was er als ein Phänomen bezeichnet: dass von Alaska bis Florida mehr Germanismen im Umlauf sind, als er jemals angenommen hatte.

Immerhin weist der Autor hier auf etwas hin, auf das ich gleich zurückkommen werde: deutsche Lehnwörter sind „längst Bestandteil“ des Englischen. Von einem Vormarsch kann hier keine Rede sein, auch wenn Chris Haller nicht mit ihnen gerechnet hat. Ein „Phänomen“ sind sie natürlich trotzdem, denn alles, was existiert oder geschieht, ist ein Phänomen.

Chris Haller aber war so begeistert vom im alltäglichen Sprachgebrauch der Amerikaner doch eher dürftig gestreuten deutschen Lehngut, dass er ihnen nachhelfen möchte:

Nun hat es sich Chris Haller zum Ziel gesetzt, den Gebrauch deutscher Begriffe in den USA auszuweiten — mit seiner dafür eigens eingerichteten Webseite „spreadgermanisms.com“. Es gebe jede Menge Anglizismen in der deutschen Sprache, sagt Haller - aber nicht genug Deutsch im englischen Sprachraum. Auf Hallers Homepage finden sich deshalb auch in regelmäßigen Abständen neue Leser-Favoriten - von „Gesamtkunstwerk“ über „Mauerblümchen“ bis hin zu „Wonneproppen“ und „Scheißerle“ als sicher nicht unumstrittenes Kosewort für ein Kleinkind.

Ich will Hallers Blog hier nicht schlechtmachen. Inhaltlich bringt es nichts, alle Wörter, die er dort zusammengetragen hat, stehen im Oxford English Dictionary und die „Vorschläge“ für neu in die englische Sprache einzuführenden Wörter sind auf dem Niveau des „Schönsten Deutschen Wortes“, aber ich habe schon amateurhaftere Webseiten zum Thema Sprache gesehen. Allerdings scheint ein bisschen der Wind raus zu sein: auf der Webseite finden sich nur ein paar dutzend verstreuter Beispiele.

Diederichs hat offensichtlich noch aus anderen Gründen Zweifel, dass Hallers Wortvorschläge sich durchsetzen werden:

Das sind Germanismen, die natürlich im Kulturteil der ehrwürdigen New York Times weniger häufig eine Chance haben. Dafür aber verweisen die Formulierkünstler des US-Blattes immer wieder gerne auf „Wunderkinder“ bei Musikdarbietungen oder den „Zeitgeist“, der sich in mancher Ausstellung manifestiere. Ein Wort, das die Amerikaner - wagen sie sich denn auf teutonisches Terrain - eher als „Saidgaist“ aussprechen.

Die Schreiber der New York Times mögen diese Wörter verwenden, aber dabei beweisen sie nicht so sehr Formulierkunst, sondern die Fähigkeit, auf konventionelles Lehngut des Englischen zurückzugreifen: Wunderkind ist im englischen Wortschatz seit 1891 nachgewiesen (zuerst bei George Bernhard Shaw), und Zeitgeist sogar schon seit 1848.

Und weiter im Text:

Politik-Berichterstatter griffen zu Zeiten George W. Bushs gerne auf den „Blitzkrieg“-Begriff im Zusammenhang mit der Irak-Invasion zurück - und reden heute immer wieder von „Angst“, um die Furcht von Amtsträgern vor unbequemen Entscheidungen zu kennzeichnen. Auch hat die „Schadenfreude“ längst einen Stammplatz im Vokabular von US-Kommentatoren, die sich mit ihren Analysen kosmopolitisch geben wollen.

Auf den Blitzkrieg greifen Politik-Berichterstatter seit 1939 zurück, es taucht als genuines Lehnwort, wenig überraschend, zuerst in Berichten über den deutschen Angriff auf Polen auf.[1] Schon im selben Jahr findet sich das Verb to blitz (Formal committee chairmen must have known how the poor Poles felt when the German blitzkrieg suddenly started ‘blitzing’ around their ears yesterday noon., OED). Die Kurzform blitz ist seit 1940 nachgewisen (zuerst im Kompositum blitz bombing).

Und angst kennt die englische Sprache schon seit 1922, es kam vermutlich durch Übersetzungen von Werken Freuds, Heideggers und anderer deutschsprachiger Denker. Es fand aber schnell seinen Weg in die Alltagssprache und gründete eine eigene Wortfamilie: 1956 erblickte das Adjektiv angsty die Welt, 1958 angst-ridden, und irgendwann in den letzten zwanzig Jahren kam das Verb to angst dazu (eine frühe Verwendung findet sich hier (The term crept into our collective vernacular when mealy-mouthed “thirtysomething” dinks angsted their way across our TV screens [The Modesto Bee, 1991]).

Interessanterweise gibt es im englischen Sprachraum keine Nörgler, die sich über diesen unbefangenen Umgang mit dem deutschen Lehngut beschweren.

Der erstaunlichste Absatz des Artikels ist der letzte:

Experten kratzen sich angesichts dieses Trends zu Germanismen den Kopf. Auch Stefan Brunner, Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Instituts in Washington, hat keine Erklärung für das Phänomen gefunden. Ein Grund könnte in der Herkunft mancher US-Bürger liegen. Immerhin behaupten 17 Prozent von ihnen - also rund 50 Millionen -, deutsche Vorfahren zu haben. Und Deutsch rangiert nach Spanisch und Französisch an dritter Stelle der Popularitätsskala.

Da ist er dann doch wieder, der „Trend“, und dazu bekommen wir einen sich am Kopf kratzenden Experten serviert, der sich diesen einfach nicht erklären kann. Ich kenne Stefan Brunner nicht, aber es sollte mich sehr wundern, wenn er tatsächlich „keine Erklärung“ für die Entlehnung deutscher Wörter hat. Ich vermute eher, dass er den Autor darauf hingewiesen hat, dass es erstens keinen „Trend“ zu deutschen Wörtern gibt und dass die Entlehnung von Wortgut aus anderen Sprachen zweitens ein normaler, wenig bemerkenswerter Prozess ist. Aber vermutlich passte das nicht ins Konzept.

Lehnwörter werden dort übernommen, wo (a) zwei Sprachen in Kontakt kommen und (b) eine Lücke im Wortschatz gefüllt werden muss.

Solche Lücken entstehen im typischsten Fall durch den Kontakt selbst, wenn eine Kultur Erfindungen, Ideen und kulturelle Praktiken bei der anderen beobachtet oder von ihr übernimmt und dafür natürlich zunächst keine eigenen Wörter hat. Dem Kontakt der deutschen und englischsprachigen Welt in zwei Weltkriegen verdankt letztere zum Beispiel deutsche Wörter für schöne deutsche Erfindungen wie to strafe („von einem tieffliegenden Flugzeug aus mit Maschinengewehren beschießen“), flak („harsche Kritik“, abgeleitet, mittels der allgemeinen Metapher DISKUSSIONEN SIND KRIEGE, von Flak „Flugzeugabwehrkanone“), panzer („deutsche Panzer“), und das oben diskutierte blitz(krieg) („schneller, unerwarteter Angriff“).

Die zu füllende Lücke muss nicht dadurch entstehen, dass es für etwas noch keine Bezeichnung gibt. Sie kann auch entstehen, weil die Sprecher einer Sprache das Gefühl haben, ihr eigenes Wort sei nicht in allen Situationen angemessen. Im Englischen gibt es beispielsweise eine systematische Unterscheidung zwischen der Bezeichnung für die Tiere, die wir bevorzugt essen, und der Bezeichnung für deren Fleisch: cow und beef, calf und veal, pig und pork, sheep und mutton. Die Bezeichnungen für das Fleisch stammen alle aus dem Französisch der normannischen Eroberer, die die Tiere nur in zubereitetem Zustand zu Gesicht bekamen, sie aber mit deren französischen Namen bezeichneten. Die englischen Muttersprachler, die das Fleisch servierten, bekamen dadurch das Gefühl, dass die englischen Wörter im kulinarischen Kontext nicht angemessen seien.

In seltenen Fällen kann eine Lücke im Wortschatz auch tatsächlich vor der Kontaktsituation bestehen. Das Wort Schadenfreude hat eine solche Lücke gefüllt (und zwar schon 1867). Wie ich hier im Sprachblog ausführlich beschrieben habe (z.B. hier und hier), gab es im englischen Sprachraum zwar das Konzept „Freude über das Unglück Anderer“, wie man am Verb gloat sieht, aber es gab, warum auch immer, kein Substantiv.

(Interessanterweise fallen viele der von Sprachnörglern als „überflüssig” empfundenen „Anglizismen“ irgendwo zwischen die letzten beiden Kategorien, aber um englisches Lehngut soll es heute nicht gehen).

Das einzige Stück Lehngut im Artikel, das irgendetwas mit einem neueren „Trend“ zu tun hat, ist das Präfix uber-, aber auch das hat schon mindestens fünfzehn Jahre auf dem Buckel. Es ist vermutlich durch Nietzsches Wortschöpfung Übermensch 1902 in die englische Sprache gelangt. Wann es sich aus diesem Kompositum gelöst hat und zu einem produktiven Wortbildungsmuster wurde, kann ich nicht genau sagen. Die Wikipedia vermutet, dass dies erst in diesem Jahrzehnt geschehen ist, aber ich habe auf Google Groups deutlich frühere Verwendungen gefunden, etwa uber cool (1994) und uber-luser (1996). Anfang des Jahrtausends war das Suffix schon voll produktiv, wie man an Wörtern wie uber cheap (1998), uber good (1999), uber strong (2001) und uber crazy (2002) sieht.

Und zum dritten Platz der Popularitätsskala: nun, das stimmt zwar gerade noch so, aber es ist ein weit abgeschlagener dritter Platz: nur 7% aller Amerikaner, die eine Fremdsprache lernen, lernen Deutsch. Immerhin doppelt soviele Fremdsprachenlerner entscheiden sich für das Französische. Die Spitzenposition nimmt mit sagenhaften 53 Prozent das Spanische ein. Wahrscheinlich gibt es im amerikanischen Englisch deshalb als Alternative zum deutschen uber- auch das spanische mucho, wie in mucho cool (1992).

[1] Korrektur: Hier stand ursprünglich, dass das Wort (a) seit 1938 und (b) zuerst in Berichten über den deutschen Angriff auf Polen auftaucht. „Nörgler“ hat in den Kommentaren darauf hingewiesen, dass das nicht stimmen kann (#7), und Detlef Guertler hat rekonstruiert, wie es zu meiner Verwirrung kommen konnte (#8).

18 Kommentare zu „Sprachimperialistische Illusionen“

  1. das hat mich sofort an folgendes hier erinnert:
    “New York liebt ein bisschen Deutsch”
    http://www.tagesschau.de/schlusslicht/germanismen100.html

    Der eigentliche Titel “In New York spricht man jiddische Wörter” wäre wohl keine Nachricht wert gewesen… Dabei gibt es in New York so viel interessantes, das mit der jiddischen Sprache zu tun hat. Der jiddische “Vorwärts” erscheint z.B. in New York.
    Interessant fand ich die Entstehung neuer Wörter, die erst via Mailingliste vorgeschlagen und dann “eingeführt” werden; z.B. heißt E-Mail blitsbriv.
    Ein wunderbare Wort, wie ich finde.

    In diesem Sinne: zayt gezunt

  2. Gesundheit und Blitzkrieg als die Boten des Vormarsches der Germanismen. Gesundheit.

  3. Zu den “Wunderkindern”: Von denen ist in der NYT eher selten die Rede, weil es naemlich meistens “wunderkinds” heisst — ein Indikator dafuer, dass das Wort als so richtig fremd wohl nicht mehr empfunden wird.

  4. “In seltenen Fällen kann eine Lücke im Wortschatz auch tatsächlich vor der Kontaktsituation bestehen. Das Wort Schadenfreude hat eine solche Lücke gefüllt (und zwar schon 1867). Wie ich hier im Sprachblog ausführlich beschrieben habe (z.B. hier und hier)”

    Die beiden “Verweise” sind nur Text und keine Links. ;)

    [A.S.: Da hat mein Perlskript versagt, ich habe es korrigiert. Danke für den Hinweis!]

  5. Vielen Dank. Da habe ich letzte Woche viel weniger daraus gemacht:
    http://transblawg.eu/index.php?/archives/3511-Spreading-Germanisms-in-the-USAGermanismen-in-den-USA-verbreiten.html

  6. Lehnwörter werden dort übernommen, wo (a) zwei Sprachen in Kontakt kommen und (b) eine Lücke im Wortschatz gefüllt werden muss.

    Es gibt wohl noch einen Grund (c) für die Wahl einer bestimmten Sprache gemäß der Hochachtung (manchmal auch Furcht), die ihre Kultur genießt. Beispielsweise wurden in den achtziger Jahren viele Wirtschaftsausdrücke (z.B. Kanban) aus dem Japanischen entlehnt, aus Hochachtung vor den wirtschaftlichen Erfolgen.

  7. In seltenen Fällen kann eine Lücke im Wortschatz auch tatsächlich vor der Kontaktsituation bestehen. Das Wort Schadenfreude hat eine solche Lücke gefüllt (und zwar schon 1867). Wie ich hier im Sprachblog ausführlich beschrieben habe (z.B. hier und hier), gab es im englischen Sprachraum zwar das Konzept „Freude über das Unglück Anderer“, wie man am Verb gloat sieht, aber es gab, warum auch immer, kein Substantiv.

    Es gibt durchaus im Englischen Substantive für Schadenfreude. Erstens kann man immer das Substantiv gloating bilden (wie im Bezugsbeitrag schon gesagt), zweitens gibt es den Wörterbüchern zufolge das allerdings spätere und wohl auch seltenere Substantiv gloat.
    Die Lücke, wenn es überhaupt eine gibt, scheint mir eher in der Zweideutigkeit von gloat zu liegen. Das Wort gloat bezeichnet in erster Linie eine übertriebenes Sichergehen in selbstgefälliger Freude, sei es über eigene Erfolge, sei es über das Mißgeschick anderer.
    Encarta gibt folgende Definition:

    be smugly happy: to feel or express smug self-satisfaction about something such as an achievement, a possession, or somebody else’s misfortune”

    Das Wort gloat drückt in erster Linie diese übertriebene Selbstgefälligkeit aus. Erst in zweiter Linie leitet sich m. E. aus dieser Selbstgefälligkeit die Bedeutungsvariante Freude über das Mißgeschick anderer ab. Diese Bedeutung wird dagegen durch Schadenfreude unzweideutig bezeichnet.

    Inwiefern ist eigentlich das strafing eine deutsche Erfindung? Üblicherweise wird das Wort im Englischen von der Parole “Gott strafe England” abgeleitet.

    Es ist natürlich richtig, daß es viele der genannten Germanismen schon seit längerem im Englischen gibt. Viele entstammen einer Zeit, als Deutschland in vielen Bereichen von Kultur und Wissenschaft eine führende Stellung einnahm, so wie heute die USA (mit entsprechenden, aber wesentlich weitreichenderen Folgen für die deutsche Sprache). Insofern ist es tatsächlich weltfremd, von einem aktuellen “Trend” zu Germanismen zu sprechen.
    Andererseits darf man aus dem Zeitpunkt des ersten Auftretens nicht auf den Zeitpunkt der allgemeinen Verbreitung schließen. So ist das Wort fest im Englischen seit längerem belegt; dessen starke Verbreitung in Nordamerika scheint mir aber eine neuere Erscheinung zu sein. So ist erst in diesem Jahr das “Vancouver Festival” in “MusicFest Vancouver” umbenannt worden.

    Auf den Blitzkrieg greifen Politik-Berichterstatter seit 1938 zurück, es taucht, wenig überraschend, zuerst in Berichten über den deutschen Angriff auf Polen auf.

    1938? Fand der Angriff auf Polen wirklich so früh statt?

  8. @Nörgler: A.S. hat hier etwas verkürzt. Gemeint war wohl etwa folgendes:
    Erstmals taucht der Blitzkrieg bereits Mitte der 30er Jahre auf (http://de.wikipedia.org/wiki/Blitzkrieg) , allerdings nur in deutschsprachigen Publikationen: Die im 2. Weltkrieg eingesetzte Strategie wurde also schon vor Kriegsausbruch intensiv diskutiert. 1938 meinte beispielsweise die von Exil-Deutschen herausgegebene “Pariser Tageszeitung”, dass der Blitzkrieg nicht praxistauglich sei, weil auch “eine kleine Verteidigungsarmee, wenn sie über die modernen technischen Mittel verfügt, durchaus in der Lage ist, einen Angreifer von vielfacher ziffernmässiger Überlegenheit abzuwehren.”
    http://deposit.ddb.de/cgi-bin/exil.pl?bild=1&navigation=1&wahl=0&zeitung=paritagz&jahrgang=03&ausgabe=0780&seite=36010003&ansicht=3&filename=.gif
    In der New York Herald Tribune taucht der blitzkrieg zwar auch schon im Jahr 1938 auf, aber in Anführungszeichen als “the “blitzkrieg” theory of Gen. Goering” und damit klar als nicht-englisches, sondern deutsches Wort gekennzeichnet. Erst nach dem Angriff auf Polen hielten blitzkrieg und to blitz Einzug ins Englische.

  9. Nörgler (#7),

    Es ist natürlich richtig, daß es viele der genannten Germanismen schon seit längerem im Englischen gibt. Viele entstammen einer Zeit, als Deutschland in vielen Bereichen von Kultur und Wissenschaft eine führende Stellung einnahm, so wie heute die USA (mit entsprechenden, aber wesentlich weitreichenderen Folgen für die deutsche Sprache).

    Was für weitreichende Folgen sind das?

    Insofern ist es tatsächlich weltfremd, von einem aktuellen “Trend” zu Germanismen zu sprechen. Andererseits darf man aus dem Zeitpunkt des ersten Auftretens nicht auf den Zeitpunkt der allgemeinen Verbreitung schließen. So ist das Wort fest im Englischen seit längerem belegt; dessen starke Verbreitung in Nordamerika scheint mir aber eine neuere Erscheinung zu sein. So ist erst in diesem Jahr das “Vancouver Festival” in “MusicFest Vancouver” umbenannt worden.

    Verbreitung und erstes Auftauchen sind nicht dasselbe, das ist natürlich richtig. Bei fest würde ich aber sagen, dass es seit über hundert Jahren ein etabliertes Lehnwort im amerikanischen Englisch ist. Das OED nennt Beispiele für den gesamten Zeitraum seit dem ersten Auftreten 1865:

    1865 Harper’s Weekly 5 Aug. 490/2 Arrangements were made for the Saengerfest. 1889 Kansas Times & Star 24 June, Bob Ricketts won the gold medal at the shooting fest of the Kansas City Gun Club Saturday. 1910 Chicago Daily Maroon 10 June 1/2 After the roll call a ‘talk fest’ was indulged in by some of the old timers. 1924 [see BULL n.4 3b]. 1945 A. J. LIEBLING in Best Amer. Short Stories (1946) 275 He explained that a rat fest was a ‘rat race, but all bollixed up’. 1952 M. STEEN Phoenix Rising iv. 86 Some kind of a liquor-fest in an off-colour bar. 1963 M. MCCARTHY Group i. 23 She..loved..a good hen fest. 1970 Guardian 26 Sept. 11/2 ‘Cinema City’, the Round House’s filmfest, ended with an open forum.

  10. @Anatol Stefanowitsch (#9)
    Die “entsprechenden Folgen” sind (wie sich m. E. aus dem Zusammenhang ergibt) die heutige Übernahme vieler Anglizismen im Deutschen. Und (quantitativ) “weitreichender” sind sie insofern, als es heutzutage wohl wesentlich mehr Anglizismen im Deutschen als Germanismen im Englischen gibt.

    Ich leugne ja gar nicht, daß fest im Amerikanischen seit längerem “etabliert” ist, wobei der Begriff “etabliert” natürlich auslegungsfahig ist. Ich habe allerdings, seitdem ich mich nach langer Zeit erstmals wieder in Nordamerika aufhalte, den deutlichen Eindruck gewonnen, daß sich die Verwendung des Wortes fest hier in den letzten Jahrzehnten wesentlich ausgedehnt hat und in vielen Fällen das Wort festival ersetzt. Interessanterweise wird hier häufig fest dort verwendet, wo man im Deutschen eher Festival sagen würde.

    Wenn ich spekulieren darf, so würde ich vermuten, daß die weltweite Bekanntheit des Oktoberfestes, die jüngeren Datums ist, zur weiteren Verbreitung des Wortes fest in Amerika beigetragen hat. Ins englische Englisch ist das Wort vermutlich erst wesentlich später aus dem Amerikanischen übernommen worden. Mein OCD von 1964 verzeichnet das Wort noch nicht.

    Zu den Beispielen des OED ist zu sagen, daß das älteste Beispiel Saengerfest jedenfalls nicht als Beleg für fest einschlägig ist. Möglicherweise ist es allerdings eine der Quellen für das Lehnwort fest. Das shooting fest könnte evtl. auf Schützenfest zurückzuführen sein.

  11. ‘Blitzkrieg’ ist - und hier die Überraschung - mit hoher Wahrscheinlichkeit ein englisches Wort:

    Historian J. P Harris stated that the Germans never used the word “Blitzkrieg”. It was never used in any German military field manual, either in the Army or the Air Force. It first appeared in September 1939, by a Times newspaper reporter. Harris also rejects that German military thinking developed any kind of “Blitzkrieg” mentality.
    Harris, J. P. The Myth of Blitzkrieg in War in History, Volume 2, No. (1995), pp. 333-336.*

    In einem vorherigen Blog-Eintrag wurde ‘Dumpinglohn’ zu einem deutschen Wort - sicher, das Kompositum ist eines, aber ‘dumping’? -, die Wurzel der BEstandteile scheint also nicht unbedingt eine Rolle zu spielen, oder? Die bekannteste Anwendung von ‘Blitz[krieg]’ findet sich in englischer Literatur zum Luftkrieg über London [1940]; für die Deutschen war weder der Einmarsch nach Polen noch der nach Frankreich, schon gar nicht besagter Luftkrieg, ein Blitzkrieg. Zumindest den Polenfeldzug sahen die Deutschen als eine Befreiung, ein Zurückholen rechtmäßig deutscher Gebiete, es war offiziell eine Strafaktion bzw. ein Verteidigungsschlag.

    Es ist wohl auch so, dass zumindest das Oberkommando der Wehrmacht [genau genommen das Oberkommando Heer] durchaus überrascht war, wie schnell Deutschland zu Anfang Siege erzielte. Während Polen noch ein Selbstgänger war, das Land selbst hatte kaum etwas gegen die deutsche Armee zu setzen, verließ sich auf das verbündete England sowie den gegenseitigen Hass der Nazis und Stalinisten [da lagen sie ziemlich daneben], hatte keiner damit gerechnet Frankreich praktisch per Wochenendausflug zu erobern. Großbritannien musste im Lauf des Krieges überhaupt erst eine schlagkräftige Armee aufbauen, die Amerikaner hielten sich raus, die Sowjetunion baute auf den Hitler-Stalin-Pakt.

    *zitiert nach dem Wikipedia-Artikel ‘Blitzkrieg’, englische Wikipedia. [nur damit alle das finden können, ohne in die nächste militärgeschichtliche Bibliothek rennen zu müssen]

  12. Dierk (#11), dass Blitzkrieg eine englische Wortschöpfung ist, hat der Militärhistoriker Karl-Heinz Frieser in seinem Buch Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug 1940 (München, 1995) widerlegt. Das Wort taucht 1935 in der Militärzeitschrift „Deutsche Wehr“ auf. „Deutsche Emigranten brachten dieses Wort in den angelsächsischen Sprachraum, und zwar schon vor dem Zweiten Weltkrieg” (Frieser 1995: 5). Hitler stritt ab 1941, nachdem der deutsche Angriff auf Russland nicht zu einem schnellen Sieg geführt hatte, an verschiedenen Stellen ab, dieses Wort je verwendet zu haben (die entsprechenden Reden finden sich leider nur auf Neonazi-Webseiten, auf die ich hier nicht verlinken möchte). Er behauptete, es sei eine Überseztung aus dem Italienischen (siehe Frieser 1995: 6) und in der deutschen Presse gab es die Behauptung, dass es eine britische Erfindung sei (Frieser 1995: 7) aber Frieser zeigt, dass Hitler selbst zumindest die Wörter Blitz und blitzartig vor dem Russlandfeldzug mehrfach verwendet hat. Im „Deutschen Beamten-Kalender“ von 1942, herausgegeben vom Reichsbund der Deutschen Beamten, wird das Wort explizit auf den Angriff auf Polen verwendet:
    Blitzkrieg

  13. Danke für den Hinweis auf Frieser und die Wiedergabe der Originalausschnitte! Wieder einmal zeigt sich, dass man in der Geschichtsschreibung niemals auf eine kleine Auswahl von Quellen vertrauen soll. Und meine Neigung, deutsche Forscher/Wissenschaftler nicht wahrzunehmen, sollte ich wirklich besser unter Kontrolle bekommen.

  14. Auf jeden Fall scheint das Thema “Wie andere Länder deutsche Begriffe in ihren Alltag integriert haben” momentan in Mode zu sein:
    http://www.zeit.de/online/2009/26/sprache-lexikon-deutsch?page=1

  15. Auch das Buch von Frieser klärt nicht eindeutig Entstehung und Verbreitung des Begriffes und des Wortes “Blitzkrieg”. Daß das rein deutsche Wort “Blitzkrieg” nicht in England erfunden worden sein kann, versteht sich ja so gut wie von selbst. Über die Herkunft des Begriffs ist dadurch aber noch nichts gesagt.
    Jedenfalls ist aber noch lange nicht geklärt, wo, wie und wann das Wort zuerst größere Verbreitung gefunden hat und auf die deutschen Anfangserfolge in Polen, Norwegen und Frankreich angewandt wurde. Da hilft auch das Zitat aus dem Jahre 1942 nicht weiter.
    Frieser sagt ja auch zur Verwendung des Wortes in der deutschen militärischen Literatur:

    Derartige Fundstellen aber sind in der deutschen Militärliteratur vor dem zweiten Weltkrieg ausgesprochen selten. Das Wort “Blitzkrieg” wurde auch während des Zweiten Weltkrieges in der offiziellen militärischen Terminologie der Wehrmacht praktisch nie verwendet.

    Dagegen sei das Wort im deutschen Propagandajournalismus “in inflationärer Weise” benutzt worden. Er zitiert dazu ausgerechnet einen Artikel über eine “Blitzkriegpsychose” in England. Das könnte als Hinweis darauf angesehen werden, daß die erstaunlich frühe und breite Verwendung des Wortes in England auf dessen Verwendung in Deutschland zurückgewirkt hat.
    Es ist auch nicht widerlegt, daß das Zitat aus der “Times” die erste Verwendung des Wortes “Blitzkrieg” im Zusammenhang mit dem Polenfeldzug war. Dazu müßte man eine entsprechende frühere Verwendung in Deutschland nachweisen.

    Erst nach dem Angriff auf Polen hielten blitzkrieg und to blitz Einzug ins Englische.

    Das stimmt so wohl nicht. Vielmehr ist das Wort “Blitzkrieg” in einschlägigen Kreisen Englands wohl schon vor dem Krieg geläufig gewesen. In der “Times” soll es schon am 14. Juni 1939 verwandt worden sein (s. http://hnn.us/blogs/comments/40472.html).
    Das Wort scheint in England aber zunächst auf den Luftkrieg bezogen worden zu sein, im Sinne eines lähmenden, vernichtenden Erstschlags durch die Luftwaffe. Dafür spricht auch das von Detlef Guertler angegebene, noch frühere Zitat über eine angebliche Blitzkriegstheorie Görings.
    Das würde auch die sonst nicht so ohne weiteres verständliche Tatsache erklären, daß der deutsche Bombenkrieg gegen England als “Blitz” bezeichnet wurde.
    Jedenfalls bleibt der historischen Sprachforschung noch einiges zu tun.

  16. Erwähnenswert ist auch noch das Wort Sitzkrieg. Auch dazu gibt es die Behauptung, es sei von der britischen Presse erfunden worden. Das wäre bei diesem Wort immerhin plausibler als bei Blitzkrieg.

  17. das Präfix uber-

    Mittlerweile in gewissen Fachsprachen zum Adjektiv geworden. (Man vergleiche wienerisch ur.) Hier eine zweideutige Verwendung:
    http://www.thenoobcomic.com/index.php?pos=70
    …gefolgt von eindeutigen:
    http://www.thenoobcomic.com/index.php?pos=237
    http://www.thenoobcomic.com/index.php?pos=238

  18. Vielen Dank für die ausgiebige Besprechung und Erwähnung von SpreadGermanisms.com. Ich bin für den Artikel nicht interviewt worden und stimme all den Kommentaren zu, dass wir es hier tatsächlich nicht mit einem neuen Trend zu tun haben. Letztendlich ist die Seite von einem absoluten Sprachwissenschaftslaien entworfen worden, mit nostalgischem Hintergedanken und der Idee Deutsch-Amerikanern, die teilweise schon sehr lange nicht mehr in Deutschland leben, einen Identifikationspunkt zu geben. Insofern ist die Liste unvollständig und die Empfehlungen, die von mehr als 100 Benutzern zusammengetragen wurden, sind eher perönlichen Eindrücke als tatsächlich ernsthafte Vorschläge, die auf Lücken in der Englischen Sprache basieren.
    Und es freut mich zu hören dass wir “weniger amateurhaft” erscheinen als der Verein Deutscher Sprache e.V. ;-)

    Cheers, Chris

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.