Pluralis avaritiae
Vor dem Landgericht Hildeshiem wurde heute der traurige Fall von drei Lottospielern verhandelt, die jahrelang gemeinsam in einer Tippgemeinschaft waren. In einer Sonderziehung hatten sie dann im letzten Jahr 1,7 Millionen Euro gewonnen. Statt den Gewinn zu teilen, behaupteten dann aber zwei der Spieler, der dritte habe just an diesem Spiel nicht teilgenommen.
Der dritte, der zu dem Zeitpunkt der Ziehung im Urlaub war, verklagte seine beiden Mitspieler daraufhin. Er habe den Kollegen seinen Anteil an den Kosten für das Tippspiel vor seinem Urlaub gegeben und müsse deshalb auch am Gewinn beteiligt werden.
Wie ich vorhin im Radio gehört habe, führte er als Beweis für seine Sichtweise unter anderem an, dass ihn einer der Angeklagten im Urlaub angerufen habe und folgenden Satz gesagt habe: „Wir haben gewonnen, Sechser mit Zusatzzahl“.
Und hier wird der Fall linguistisch interessant. Für den Kläger ist das Telefongespräch ein klarer Hinweis darauf, dass er mit den beiden anderen am Spiel beteiligt gewesen sei.
Das Problem dabei ist aber, dass der Satz Wir haben gewonnen drei Bedeutungen hat:
- A. „Ich und mindestens eine andere Person, aber nicht du, haben gewonnen“.
- B. „Ich und du, und keine andere Person, haben gewonnen“.
- C. „Ich, du, und mindestens eine andere Person haben gewonnen“.
Der Kläger behauptet also, die Kläger hätten ihm die freudige Botschaft vom gemeinsamen Gewinn aller drei Spieler mitteilen wollen. (Bedeutung C).
Der Angeklagte behauptet, er habe dem Kläger nur vom Glück der beiden Angeklagten berichten wollen — gemeint gewesen sei Bedeutung A.
Wer Recht hat, lässt sich anhand dieses Satzes also nicht entscheiden. Wer auch immer hier die Wahrheit sagt, hat das Pech, dass die Angeklagten deutsche Muttersprachler sind. Wären sie Sprecher des Abchasischen, des Chamorro, des Hixkaryana, des Maori, des Nivkh, des Rapanui, des Tagalog, des Wardaman, des Yuchi, des Zoque oder einer der vielen anderen Sprachen gewesen, deren Pronominalsystem sematisch feiner differenziert ist als das des Deutschen, wüssten wir genau, was mit dem Satz gemeint wäre.
Denn diese Sprachen haben zwei, manchmal sogar drei verschiedene Pronomen wo das Deutsche mit dem überforderten, vieldeutigen wir auskommen muss.
Nehmen wir als Beispiel das Tok Pisin, eine Kreolsprache, die im neunzehnten Jahrhundert entstand, als englische Muttersprachler (Walfänger, Händler und Plantagenbesitzer) in Kontakt mit Sprechern melanesischer Sprachen kamen und die heute eine der Amtssprachen von Papua Neuguinea ist. In vielen dieser Sprachen, die zu ganz unterschiedlichen Sprachfamilien gehören, gibt es die Unterscheidung zwischen der 1. Person Plural Exklusiv (Bedeutung A) und 1. Person Plural Inklusiv (Bedeutung B/C).
Im Tok Pisin hat sich diese Unterscheidung erhalten. Man kann dort aufgrund des transparenten und extrem fein ausdifferenzierten Pronominalsystems sogar alle drei der oben genannten Bedeutungen unmissverständlich ausdrücken. Der telefonierende Angeklagte hätte einen der folgenden drei Sätze sagen müssen:
- Mipela winim (Bedeutung A, der Kläger wäre eindeutig ein Lügner);
- Yumi winim (Bedeutung B, der Kläger und der SMS-Schreiber hätten zusammen gespielt, der zweite Angeklagte wäre nicht mit von der Partie gewesen);
- Yumipela winim (Bedeutung C, die Angeklagten wären im nachhinein raffgierig geworden und hätten versucht, den Kläger auszubooten).
So, wie die Sache steht, ist nur eins klar: Bei 1,7 Millionen Euro ist das Wir-Gefühl schnell unwiederbringlich dahin.
Stefan hat geschrieben:
Das Erste, was mir bei den Beispielen A, B und C einfällt, ist, dass sich der Esel immer selbst zuerst nennt *grins*
Am 28. Mai 2009 um 22:57 Uhr | Permalink
ajku hat geschrieben:
So gefällt mir das Sprachblog!
Im Russischen gibt’s doch auch irgend so ein Zwischending?
Am 28. Mai 2009 um 23:09 Uhr | Permalink
Johannes hat geschrieben:
Neben dem sprachlichen möchte ich nicht wissen, welches Problem erst Juristen daraus machen würden. Nehmen wir an, jede der beiden Parteien hätte auch nur einen davon, und die Sache käme vor einen Richter, also einem weiteren Juristen, ich würde mit Nichtwissen bestreiten wollen, ich wüsste, wie die Sache auch nur ausgehen könnte.
Am 28. Mai 2009 um 23:59 Uhr | Permalink
Patrick Schulz hat geschrieben:
Wie jetzt? Ein sprachwissenschaftliches Thema im Spachblog? Und noch dazu Morphologie? Sachen gibts…
Am 29. Mai 2009 um 01:25 Uhr | Permalink
Frank Rawel hat geschrieben:
Das “Wir” kann also auch bedeuten: wir alle haben gewonnen, weil doch Lottomittel nach jeder Ziehung in edel, gemeinnützige Projekte fließen. Allerdings möchte ich nicht jedes Mal angerufen werden.
Was ich sagen will: Mit “Wir” ist meistens noch gar nichts gesagt. “Wer wir?” passt als Frage fast immer. Weswegen wohl der Deustche gern “Wir zwei” oder “Wir Deutsche” sagt.
Am 29. Mai 2009 um 09:19 Uhr | Permalink
Jens hat geschrieben:
“Nach einer kurzen Bedenkpause für beide Parteien lehnt der Verteidiger der Kläger den Vergleich ab.” Die Bedeutung dieses Satzes erschließt sich mir nicht …
Am 29. Mai 2009 um 10:26 Uhr | Permalink
wakaranai hat geschrieben:
Interessant wären hier Untersuchungen, in welchen Situationen Muttersprachler welche Deutung des “wir” (A, B oder C) spontan bevorzugen. Das hat vermutlich schonmal irgendjemand gemacht, ich habe aber nie danach gesucht und momentan sind meine Möglichkeiten sehr beschränkt. Für Lesetipps wäre ich da sehr denkbar (nicht zwangsweise nur für die Deutsche Sprache).
Am 29. Mai 2009 um 11:03 Uhr | Permalink
Christian hat geschrieben:
@ Jens:
“Der Verteidiger der Kläger” ist auch blühender Unsinn. Der Journalist berichtet aus einem Zivilprozess, da gibt es keine Verteidiger, nur Prozessvertreter.
Am 29. Mai 2009 um 11:11 Uhr | Permalink
Achim hat geschrieben:
@ Johannes (#3): Die Sache ist bereits vor einen Richter gekommen, siehe den verlinkten Spiegel-Artikel.
@ Jens (#6): Wenn man im zitierten Satz “Verteidiger” durch “Anwalt” ersetzt, gibt es einen Sinn. Vor allem, wenn man den nachfolgenden Satz hinzunimmt. Seit Bastian Sick sich seine Spässchen mit den Tippfehlern und Rechtschreibproblemen anderer Leute erlaubt, hat der Spiegel offenbar einen Schlussredakteur zu wenig.
Ansonsten fiel mir spontan eine Hausarbeit zur Sprachtypologie ein, für die ich mit viel Vergnügen Universals of Language durchgepflügt habe
Am 29. Mai 2009 um 11:13 Uhr | Permalink
Achim hat geschrieben:
Ach so, noch eins: wakaranai (#7) fragt nach einer präferierten Deutung von wir durch deutsche Muttersprachler. In der geschilderten Situation (langjährige Tippgemeinschaft unter Kollegen, Anruf im Urlaub) hätte ich an Stelle des sich ausgebootet fühlenden Dritten auch an eine Beteiligung am warmen Regen geglaubt. Ansonsten wäre doch mindestens ein “Ätschbätsch und du nicht” fällig gewesen.
Am 29. Mai 2009 um 11:17 Uhr | Permalink
TMP hat geschrieben:
Wollte nur sagen das ich diesen Beitrag sehr interessant fand und genossen habe.
Es wird ja allgemein viel zu wenig gelobt. :>
Am 29. Mai 2009 um 12:02 Uhr | Permalink
S hat geschrieben:
Ich kann mich nur den Vorlobern anschließen. Ich freue mich, dass im Sprachblog endlich mal ein Thema aus der Sprachwissenschaft (und dann auch noch mit außereropäischen Sprachen, wenn auch nur am Rande) besprochen wird und nicht immer nur leidige Diskussionen über Anglizismen…
Am 29. Mai 2009 um 12:41 Uhr | Permalink
ramses101 hat geschrieben:
“Der Verteidiger der Kläger …” passt doch, immerhin hat erst der eine die beiden verklagt (die sich daraufhin einen Anwalt genommen haben). Erst danach haben die beiden anderen gegen die Pfändung geklagt. Vermutlich mit ihrem Verteidiger als Anwalt. Bisserl holprig ist das natürlich.
Am 29. Mai 2009 um 14:00 Uhr | Permalink
Wentus hat geschrieben:
Hilfskonstruktionen zur Unterscheidung zwischen in- und exklusivem “wir” gibt es allerdings auch in anderen Sprachen, wie schon Frank Rawel erwähnt. Schließlich wird auch im Tok Pisin nur eine Kombination der Wörter eingesetzt. Im Deutschen steht für das inklusive “wir” das Wort “man”, das im Französischen als “on” noch viel klarer für eine kleine Anzahl von Personen benutzt wird.
Am 30. Mai 2009 um 09:38 Uhr | Permalink
Frank Oswalt hat geschrieben:
@Wentus: “Man hat gewonnen” wäre in diesem Kontext aber extrem merkwürdig gewesen. Wenn ich das richtig verstehe, bedeutet inklusives Wir, dass der Sprecher und der Zuhörer gemeint sind. Das ist bei “man” doch höchstens in Ausnahmen der Fall?
@Anatol Stefanowitsch: Mir hat der Beitrag auch gefallen, aber ich finde auch die leidigen Diskussionen über Anglizismen gut…
Am 30. Mai 2009 um 09:56 Uhr | Permalink
Robert Jäger hat geschrieben:
ist übrigens im malaysischen und indonesischen sehr ähnlich:
kita: wir incl. des Sprechers
kami: wir excl. des Sprechers
Am 30. Mai 2009 um 20:52 Uhr | Permalink
Carsten aus Hannover hat geschrieben:
Robert: Wie funktioniert denn ein “wir excl. des Sprechers”? Ist hier “wir excl. des Ansgesprochenen” gemeint, oder bin ich gedanklich auf dem Holzweg?
Am 30. Mai 2009 um 23:18 Uhr | Permalink
Patrick Schulz hat geschrieben:
Vielleicht meint Robert mit “wir excl. des Sprechera” sowas wie “kami bedeutet [-1, +pl]?
Am 31. Mai 2009 um 14:23 Uhr | Permalink
ralf hat geschrieben:
Im Indonesischen schließt “kami” den Angesprochenen aus, “kita” dagegen nicht.
kami: wir ohne dich
kita: wir und du auch
Also wird nicht der Sprecher, sondern der Hörer aus- bzw. eingeschlossen.
Am 31. Mai 2009 um 15:46 Uhr | Permalink
Peer hat geschrieben:
“Wir exklusive des Sprechers” wäre wohl “ihr”, oder?
Am 1. Juni 2009 um 11:07 Uhr | Permalink
wakaranai hat geschrieben:
@Peer: Ich würde da widersprechen, es kann durchaus ein wir geben, daß den Sprecher selbst nicht miteinschließt, so in der Art einer “Ingroup” (soziologischer Terminus). Man stelle sich nur einmal folgendes vor:
Es existiert eine Lerngruppe von Studenten, bei einer Sitzung fehlen zwei der Teilnehmer. Einer der fehlenden frägt danach den anderen, wie weit man gekommen sei. Da der andere zufällig auch nicht dabei war, antwortet er: “Was ich gehört habe, sind wir bis XY gekommen.” (Und damit verwendet er ein “wir”, daß ihn als Sprecher selbst nicht einschließt)
Es bestünden frelich auch andere Antwortmöglichkeiten, aber wäre diese Antwort denkbar? Für mich zumindest schon.
Am 1. Juni 2009 um 13:54 Uhr | Permalink
Kris hat geschrieben:
@ralf
Zwar stimmt es, daß im Indonesischen standardsprachlich “kami” exklusiv und “kita” inklusiv aufzufassen sind. Aber in der populären Umgangssprache (auch Jakarta-Indonesisch genannt, jedoch aufgrund seines Prestige auch außerhalb von Jakarta weitverbreitet) ist in letzter Zeit ein Trend zu beobachten, “kita” auch in exklusiver Bedeutung zu verwenden, auf Kosten von “kami”. In so einem Fall wäre dann dasselbe Problem wie im Deutschen gegeben.
Am 1. Juni 2009 um 14:34 Uhr | Permalink
ralf hat geschrieben:
@kris
Das ist mir bekannt, dann kann man sagen es gibt beide Varianten von kita.
Am 1. Juni 2009 um 16:12 Uhr | Permalink
Kris hat geschrieben:
@ralf
“es gibt beide Varianten von kita”? Das verstehe ich nicht ganz. In so einem Fall müßte man sagen, daß inkl. und exkl. zusammengefallen sind, und wir u.U. eine Situation ähnlich wie im Mandarin vorfinden, wobei auch hier erhebliche regionale Schwankungen das Bild erschweren.
Am 2. Juni 2009 um 07:06 Uhr | Permalink
Achim hat geschrieben:
@ wakaranai (21): Wenn jemand wie in diesem Beispiel “wir” benutzt, schließt er sich als Sprecher durchaus ein: “Die Gruppe, zu der ich auch gehöre, hat einen bestimmten Stand erreicht.” Dass der Sprecher bei einer Sitzung nicht dabei war, heißt ja noch nicht, dass er nicht mehr zur Gruppe gehört. In der gleichen Situation könnte der Sprecher sagen: “Ich war auch nicht da, aber die anderen sind bis S. 234 gekommen.”
Am 2. Juni 2009 um 09:18 Uhr | Permalink
ralf hat geschrieben:
@kris
Je nach Sprachvariante ist kita inklusiv oder so wie unser wir. Im Jakartadialekt wird nur noch kita verwendet, aber in anderen Gegenden Indonesiens wird es nur als inklusivform verstanden und kami auch verwendet. Deshalb meinte ich es gibt 2 Varianten von kita. Sie haben recht mit ihrem Vergleich.
Am 2. Juni 2009 um 12:07 Uhr | Permalink
Kris hat geschrieben:
@ralf
Einverstanden. Wobei ich denke, daß im Jakarta-Indonesischen kita zum allgemeinen Pronomen geworden ist, aber falls die Notwendigkeit besteht, auf das EXKL. zurückgegriffen werden KANN, denn schließlich ist kami durch die Standardsprache auch im Jakarta-Indonesischen verfügbar. Und da die regionalen Varianten des Indonesischen auch durch das Jakartaindonesische beeinflußt werden (Stichwort cinetron), würde es mich nicht wundern, wenn sich dieses Phänomen ausbreitet. Ich werde bei Gelegenheit weitere Nachforschungen betreiben.
Strenggenommen ist es im Chinesischen andersherum, hier scheint die EXKL-Form zum Normalfall geworden zu sein: im Peking-Chinesischen steht 我们 wǒmen für exklusiv und 咱们 zánmen für inklusiv. Jedoch wird außerhalb von Peking in der Regel ausschließlich 我们 wǒmen verwendet, weswegen auch in Peking 我们 wǒmen als default angenommen werden kann. Allerdings scheint dies auch sprachhistorisch nicht ganz mit dem indonesischen Fall vergleichbar zu sein.
Am 2. Juni 2009 um 13:20 Uhr | Permalink
wakaranai hat geschrieben:
@Achim (25): Ich stimme ihnen teilweise zu. Der Sprecher zählt sich zur selben Gruppe, bei der angesprochenen Tätigkeit ist er aber nicht mitgemeint. Er kann sagen “Wir haben xy gemacht.”, aber nicht “Ich habe nicht xy gemacht.”. Das scheint mir genau ein “wir” zu sein, daß den Sprecher ausnimmt.
Am 2. Juni 2009 um 13:24 Uhr | Permalink
Peer hat geschrieben:
@wakaranai Ich bin da eher der Meinung von Achim. Wenn “wir” im Fussball gewinnen, sind wir ja auch nicht dabeigewesen, oder? Einschließen tun wir uns dennoch irgendwie…
Am 2. Juni 2009 um 14:21 Uhr | Permalink
Frank Rawel hat geschrieben:
Kann mir nicht verkneifen, an die BILD-Schlagzeile “Wir sind Papst!” zu erinnern.
Am 2. Juni 2009 um 17:37 Uhr | Permalink