Kreuzchentests

Ich bin mit meiner monatlichen Würdigung der Aktion Lebendiges Deutsch und dem Wort des Monats diesmal spät dran. Die vier alten Herren haben ihre Aufgabe diesmal besser bewältigt als man es in letzter Zeit von ihnen gewohnt war. Die vorgeschlagenen Alternativen sind nicht völlig daneben und das aktuelle Suchwort ist eins, bei dem einem wenigstens nicht gleich eine offensichtliche deutsche Entsprechung in den Sinn kommt:

Gesucht wird diesmal ein griffiges deutsches Wort für „mainstream“ (nach Duden „herrschende gesellschaftspolitische oder kulturelle Richtung“). Vorschläge bitte bis 22. Mai 2009.

Interessant finde ich hier, dass die vier Mainstream-Sprachnörgler diesmal eine Wörterbuchdefinition mitliefern — im letzten Monat haben sie sich selbst im Definieren versucht und dabei zielsicher danebengegriffen.

Bei den Vorschlägen des Monats kann man den Aktioneuren allerdings — wie so oft — mangelnde Präzision und ein mangelndes Gespür für bewertende Bedeutungsschattierungen vorwerfen, die in vielen Wörtern mitklingen.

„Kreuzchentest“ - wäre das nicht praktischer und erfrischender als das umständliche „Multiple-Choice-Verfahren“, bei dem man die richtige Antwort ankreuzen muss? So fragt die Aktion „Lebendiges Deutsch“, die dieses Wort aus 307 eingegangenen Vorschlägen ausgewählt hat.

„Praktischer“ und „frischer“ ist das sicher nicht (ich kenne das Wort noch aus meiner eigenen Studienzeit), aber eine mögliche Eindeutschung ist es auf jeden Fall. Sie hat allerdings den Nachteil, dass nicht jeder Multiple-Choice-Test duch Kreuzchen beantwortet wird — je nach Gestaltung und Auswertungsmethode werden auch Kringel, Häkchen oder das Ausmalen von Kästchen mit einem weichen Bleistift verlangt. Man kann den Kreuzchentest zwar durchaus als prototypische Erscheinungsform des Multiple-Choice-Tests betrachten und das Wort auf diese Weise rechtfertigen. Aber noch besser wäre es gewesen, sich nicht an Oberflächlichkeiten aufzuhängen sondern aus den vorhandenen deutschen Begriffen gleich dasjenige auszuwählen, die das Wesen des Multiple-Choice-Tests erfassen: Auswahltest (mit Mehrfachauswahl oder Einfachauswahl). Dieser Begriff hätte auch den Vorteil, dass er, wie das englische Wort, wertfrei wäre. Bei dem Kreuzchentest schwingt, vielleicht wegen der Verkleinerungsform Kreuzchen eine abwertende Haltung mit, und so wurde das Wort zu meiner Studienzeit auch verwendet.

Beim zweiten Vorschlag gibt es dasselbe Problem:

Ihr Angebot des Monats lautet: Sagen wir doch statt „Discounter“ „Billigmarkt“!

Billigmarkt trifft die Sache zwar recht gut, aber das Wort billig beinhaltet eine negative Bewertung („schlechte Qualität“). Verkäufer verwenden deshalb grundsätzlich Wörter wie preiswert, (preis)günstig und bezahlbar. Die Discounter werden sich also bei der Namensgebung etwas gedacht haben.

Natürlich müssen wir, als Kunden, darauf nicht eingehen. Ich habe genug über die Geschäfts- und Personalführungspraktiken der Discounter mitbekommen, um sie nicht zu mögen und kann mir deshalb durchaus vorstellen, das Wort Billigmarkt in beleidigender Absicht zu verwenden. Und den Discountern selber rate ich, sich als Preiswertmärkte zu bezeichnen (einige tun das schon).

12 Kommentare zu „Kreuzchentests“

  1. 1a) Das Problem bei “Auswahltest” ist aber, dass es nach meinem Empfinden zu sehr an “Assessment Center” erinnert, man spricht ja bei Recruiting-Veranstaltungen von “Auswahltagen”; “Auswahltests” wären dann die Tests, die dort durchgeführt werden (die nicht zwangsläufig multiple choice bieten müssen).

    1b) Statt “Kreuzchentest” hätte ich “Ankreuztest” vorgeschlagen.

    2) Ich sage nur “Kik - Der Textildiskont”

  2. Naja, die Google-Treffer zu “Preiswertmarkt” beziehen sich aber eher auf ein Marktsegment denn auf einen Laden. Die Discounter haben sich offenbar erfolgreich im Preiswertmarkt positioniert.

  3. Es gibt mindestens eine deutsche Universität, in deren Prüfungsordnungen für Multipel-Sch…-Tests der schöne Begriff “Antwortwahlverfahren” verwendet wird.

  4. Kann man ja schon froh sein, dass nicht ‘Herabsetzungsmarkt’ genannt wurde - obwohl so wunderbar zutreffend, wenn es um die Behandlung der Mitarbeiter geht. Ansonsten wäre natürlich ‘Rabattmarkt’ werbetechnisch ziemlich gut, wenn auch rechtlich problematisch.

    Interessanterweise sind die deutschen Discounter eher selten echte Discounter, gerade Aldi mit seinen Eigenmarken ist wohl kaum als solcher zu sehen. Schließlich müssten gelernte Premiummarken zu einem [weit] günstigeren Preis als am Markt üblich angeboten werden.

    Ansonsten lässt sich festhalten, worauf Andreas H. ja bereits hinweist, dass ‘discount’ auch im Englischen ein Lehnwort ist, entweder vom französischen ‘de[s]compter oder italienischen ‘disconto’. Allerdings hat Diskont eine ganz spezifische Bedeutung im Deutschen, die KIK möglichrweise nicht bekannt ist.

  5. Lidl hat übrigens keine Angst vor dem Wort billig und verwendet es in seiner Werbung ausgiebig. Das kommt mir klug vor, weil die negative Konnotation m.E. in der Alltagssprache nicht (mehr?) so ausgeprägt ist. Wenn ich über ein Schnäppchen sage, es sei “billig” gewesen, kommt mir das sprachlich ehrlicher vor, als “preiswert”, “kostengünstig” etc. Bei Verwendung dieser Wörter habe ich immer das Gefühl, den Werbern auf den Leim gegangen zu sein und mir von ihnen meinen Sprachgebrauch diktieren zu lassen - so eine Art political correctness an den Tag zu legen, die aber nicht Menschen, sondern wirtschaftlichen Interessen dient.

  6. Die negative Konnotation von ‘billig’ war ohnehin wohl nie wirklich, sie entsprang mehr den Hirnen von Werbern und Marketingleitern. Ob eine niedrigpreisige Ware tatsächlich ‘preiswert’ oder ‘kostengünstig’ ist, hängt von ihrer Qualität ab, nicht vom Preis alleine. Kaufe ich billige Plastikschuhe, die nur wenige Wochen halten, muss ich damit rechnen, oft neue zu kaufen. Auf mittlere und lange Sicht ist dann ein hochpreisiger [Leder-] Schuh wesentlich preiswerter.

    Das ganze dreht sich womöglich gerade durch die inflationäre, aufdringliche und nervende Benutzung von ‘billig’, z.B. in der Werbung von Saturn, MediaMarkt, Praktiker etc. Vielleicht ist das aber auch nur ein pet peeve meinereiners.

  7. “Multiple Choice” steht doch aber im Gegensatz zu “Multiple Select”, oder? Bei Ersterem ist nur eine Antwortmöglichkeit richtig, während beim letzteren mehrere Antwortmöglichkeiten richtig sein können. Diesen Gegensatz beinhaltet “Kreuzchentest” allerdings nicht, weil es theoretisch beides sein könnte.

  8. @Thidrek
    Bei den Auswahlboxen von Computerprogrammen gibt es eine klare Unterscheidung zwischen multiple choice und multiple select.
    Eine entsprechende Unterscheidung bei Prüfungen gibt es im allgemeinen englischen Sprachgebrauch anscheinend nicht. Den Ausdruck multiple select finde ich in verschiedenen englischen Wörterbüchern überhaupt nicht, sondern nur multiple choice. Nach dem Encarta Dictionary bedeutet multiple choice sowohl Einfach- als auch Mehrfachauswahl: “offering several possible answers: requiring the choice of the correct answer or answers out of several possible suggested answers”. Die anderen konsultierten Wörterbücher kennen es nur im Sinne von Einfachauswahl.
    Eine Google-Suche nach “multiple select test” ergibt nur 14 Fundstellen, fast alle im Computerzusammenhang. Nur zwei unterschiedliche Fundstellen verwenden den Begriff im Zusammenhang mit Tests. Interessanterweise kommen beide aus Deutschland.
    Eigentlich ist der Begriff “multiple-choice test” ja mißglückt. In den meisten Fällen hat man ja nur eine “choice”, wenn auch zwischen “multiplen” Angeboten. Da erscheint mir der Ausdruck “Auswahltest” treffender.

  9. Zu 5. und 6.: sehe ich genauso. “Preisgünstig” und “günstig” sind manipulativer Sprachgebrauch der Werbeindustrie und den sollte man als Verbraucher nicht unreflektiert nachäffen — was leider allzuoft geschieht.

    Und “preiswert” heißt nicht “billig” sondern “seinen Preis wert”. Somit kann etwas absolut gesehen auch teuer gewesen sein und es ist trotzdem preiswert. Leider haben die Sprachversauer der Konsumentenmanipulationsbranche auch dieses Wort schon fast auf dem Gewissen.

    Und den ungewaschenen Massen mit derlei Bedeutungsnuancen zu kommen, ist vergebliche Liebesmüh’. Umso leichter haben’s die Sprachkaputtmacher. Und wir in unseren Elfenbeintürmchen haben was zum Drüberaufregen :)

  10. Die Diskussion um Wörter zeigt mir: Wörter haben ein Eigenleben. Es ist auf jeden Fall sinvoll, sich anzuschauen, wie andere Menschen Wörter benutzen. Dadurch erfahre ich, was ein einzelnes Wort alles bedeuten kann. Wörter mögen definiert sein, aber diese Definition ist nie starr. Wenn ich alle Schattierungen eines Wortes verstanden und gefühlt habe, dann kann ich von der Übelegung weg, wie andere dieses Wort benutzen, und kann anfangen mir klar darüber zu werden, wie ich es selbst beutzen will, wenn ich mich KLAR ausdrücken will. Dann kann ich anfangen mit Wörtern zu spielen.
    Wenn mir nicht klar ist, dass das Wort “billig” aus dem Mund eines Arbeitslosen eine andere Bedeutung haben kann, als aus dem Mund eines Milliardärs, dann muss ich ein anderes Wort benutzen, wenn ich einen Text schreiben oder eine Rede halten will.
    Wenn die Wörter ihre Macht über uns verlieren erlangen wir Macht über Wörter und werden fähig uns unmissverständlich auszudrücken.
    Falls das hier jemand nicht geschnallt hat, ist Kritik an diesem Text nur recht und billig.

  11. “Verkäufer verwenden deshalb grundsätzlich Wörter wie preiswert, (preis)günstig und bezahlbar.”
    Wobei Ausnahmen auch hier die Regel bestätigen. Anfang der Neunzigerjahre verwendete ein Möbel-Discounter den Slogan “Spürbar billig”. Ans sich schon grenzwertig, unfreiwillig komisch in der Matratzenabteilung…

  12. Da fällt mir auch was ein:
    Was ist der Unterschied zwischen kostenlos und umsonst?
    Ich ging kostenlos zur Schule, du umsonst!

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.