Von Dongeln und Deppen

Wer dachte, nur die langweiligen alten Männer vom VDS würden sich über neumodische Anglizismen aufregen, hat sich getäuscht: auch die langweiligen alten Männer von der Britischen „Plain English Campaign“ regen sich über Wörter auf, die sie nicht verstehen. Und die langweiligen alten Männer von der BBC schreiben einen verwirrten Artikel darüber:

Gadget jargon still confuses many
WAP, dongle, and cookie are some of the least understood words by the British public, according to a survey.
The Gadget Helpline surveyed more than 5,000 users and came up with a Top 10 list of technology-related words people find most confusing.
The firm says companies should use language people understand, rather than resorting to jargon.
Gadget-Jargon verwirrt immernoch viele
Laut einer Umfrage sind WAP, Dongle und Cookie einige der von der britischen Öffentlichkeit am schlechtesten verstandenen Wörter.
Die „Gadget Helpline“ befragte mehr als 5000 Nutzer und stellte eine Top-10-Liste technikbezogener Wörter zusamen, die die Menschen verwirrend finden.
Die Firma sagt, Unternehmen sollten Sprache verwenden, die von den Menschen verstanden wird, statt zu Jargon zu greifen.
[BBC.co.uk]

Da fragt sich ein klar denkender Mensch natürlich erst einmal, ob Leute, die bei einem Telefondienst anrufen, der ihnen bei technischen Problemen helfen soll, eine repräsentative Stichprobe der britischen Bevölkerung darstellen — unter denen, die einen solchen Dienst in Anspruch nehmen, findet man vermutlich überdurchschnittlich viele, die von Technik ganz allgemein überfordert sind.

Außerdem fragt man sich, ob sich hier nicht einfach eine Firma medial in Szene setzt, um Kunden für ihr ansonsten wenig überzeugendes Geschäftsmodell zu finden.

Aber die Plain English Campaign, die sich eigentlich den Kampf gegen die Behördensprache auf die Fahnen geschrieben hat, findet die Studie überzeugend:

The move is backed by the Plain English Campaign, saying it would help bring down the “walls of techno-babble”.
Peter Griffiths, campaign secretary for the Plain English Campaign, told the BBC that there were ways to make things easy for users to understand.
“We need to pull our head out of the digital clouds and use plain English,” he said.
Der Vorschlag wird von der Plain English Campaign unterstützt, die sagt, der würde helfen, die „Mauer aus Technik-Geplapper“ einzureißen.
Peter Griffith, Kampagnensekretär [eigentlich ist er der Schatzmeister, A.S.] der Plain English Campaign, sagte der BBC es gebe Wege, die Dinge für den Nutzer verständlich zu machen.
„Wir müssen unseren Kopf aus den digitalen Wolken ziehen und einfaches Englisch verwenden“, sagte er.

„Mauern aus Technik-Geplapper“, „digitale Wolken“ — eine recht blumige Ausdrucksweise für einen selbst ernannten Stilpolizisten. Aber sei’s drum — könnte er trotzdem Recht haben?

Sehen wir uns die Begriffe an, um die es geht:

  1. Dongle
  2. Cookie
  3. WAP
  4. Phone jack
  5. (Nokia) Navi Key
  6. Time shifting
  7. Digital TV
  8. Ethernet
  9. PC Suite
  10. Desktop

Lassen wir Nr. 5 außen vor (es ist ein Markenname, der sich natürlich aus markenrechtlichen und werbetechnischen Gründen bewusst von einem „einfachen Englisch“ abhebt). Dann bleiben Begriffe übrig, die allesamt fest etablierte Wörter des Englischen darstellen (interessanterweise sind fast alle auch fest etablierte Lehnwörter im Deutschen).

Einige davon sind sogar voll transparente, aus allgemein gebräuchlichen Begriffen zusammengesetzte Komposita: phone jack, time shifting, digital TV (das auf jeden Fall verständlicher ist als „digital clouds“), und PC suite. Wie man diese Dinge noch einfacher ausdrücken soll, ohne gleich ganze Sätze daraus zu machen, bleibt wohl Geheimnis der Plain English Campaign.

Aber auch bei den anderen Begriffen findet man das eigentliche Problem nicht in der Sprache, sondern in den Köpfen der Sprecher: um zu verstehen, was dongle, cookie oder desktop bedeuten, muss ich wissen, welche Technik sich dahinter verbirgt. Wenn ich die nicht kenne oder nicht verstehe, nützen mir auch „einfachere“ Begriffe wie Hardware-/Softwareschlüssel, Profildatei oder Benutzeroberfläche (bzw. deren englische Entsprechungen) nichts.

Herr Griffith scheint zumindest zu ahnen, dass eine Umbenennung der entsprechenden Technologien keine Lösung wäre:

“If changing the name isn’t an option then a glossary of terms would work. Not only does it explain the language, but it’s a nice way of learning for people who don’t have such a good grasp of the language.”
„Wenn man einen Namen nicht ändern kann, dann wäre ein Glossar von Begriffen hilfreich. Es würde diese Sprache nicht nur erklären, es wäre für diejenigen, die die Sprache nicht beherrschen, auch eine schöne Art, diese zu lernen“

Eine fantastische Idee! Warum ist da bloß noch niemand drauf gekommen? Diese Idee sollte man sich sofort patentieren lassen. Man könnte so etwas — hm, es müsste ein transparenter Begriff sein… ah, ich weiß: man könnte es Wörterbuch nennen. Aber ich hab’s erfunden!

Griffith täuscht sich hier aber sowieso: Selbst komplette Definitionen wie „Stecker zum Schutz vor unautorisierter Verwendung und Vervielfältigung von Software“, „Datei zum Speichern benutzerspezifischer Daten“ und „grafische Arbeitsfläche eines Betriebssystems“ helfen demjenigen nicht weiter, der nicht weiß, wie Computer funktionieren.

Sprache ist dazu da, um über die Welt zu reden. Über eine Welt, die man nicht versteht, kann man eben nicht reden. Dagegen kann man etwas unternehmen — einen Volkshochschulkurs besuchen, einfach mal die Bedienungsanleitung lesen, oder von mir aus einen Telefondienst anrufen (wenn man weiß, wie ein Telefon („Fernsprecher“, „Gerät zur Übermittlung von Sprache mittels elektrischer Signale“) funktioniert. Am Wortschatz herumzupfuschen bringt dabei gar nichts.

(Dank für den Tipp an Simone Überwasser)

17 Kommentare zu „Von Dongeln und Deppen“

  1. “PC Suite” ist übrigens der Name der PC-Applikation zur Verwaltung von Nokia-Mobiltelephonen — also ein Name für ein spezifisches Produkt.

  2. Die Welt wäre so schön, wenn alles einfach wäre!
    Aber jeder heute lebende Mensch sollte begriffen haben, dass wir unsere Sicherheit, unsere Gesundheit und unseren Wohlstand nur komplexen Zusammenhängen verdanken.
    Anscheinend meinen Leute wie die Plain English Campaign, dass man die Welt durch Forderungen zwangsweise vereinfachen kann. Eine andere übliche Herangehensweise besteht übrigens darin, die Komplexität zu leugnen und das Schicksal der Welt in die Hand von Göttern und Gurus zu legen. Aus dem Zwang zur Vereinfachung folgt dann auch eine Argumentationsweise wie diese: “Wozu Kraftwerke? Bei uns kommt der Strom aus der Steckdose!”
    Wir müssen uns alle am Riemen reißen und Lernen als lebenslangen Prozess akzeptieren!

  3. Gedankenexperimente:

    (1) Man stelle sich vor fuer die Mitgliedschaft der Jury des VDS gaebe es eine Altersobergrenze, sagen wir 25…

    (2) Diesen Artikel hier sollte man den alten Maenner dort (bei der Jury des VDS) mal ausdrucken und per Brief schicken. Wobei hinterher geben die vielleicht noch einen Kodex Woerterbuch der zur Benutzung erlaubten Woerter nebst ihrer Verwendung heraus…

    Kurzum besser als mit diesem Artikel haette man nicht zeigen koennen, dass Sprache ueber ihre Verwendung bestimmt wird. Ich erhebe nicht den Anspruch ein Gespraech zwischen Maschinenbauern zu verstehen. Wer keine Ahnung von Internet- und Technik(kultur) hat, der sollte seinen Anspruch die damit verbundende Sprache verstehen zu wollen zurueckschrauben.

  4. Ein Wörterbuch hilft wahrscheinlich nicht, denn in einem Wörterbuch stehen in der Regel sehr knappe Begriffserklärungen, aber keine weiteren Erläuterungen. Eine Enzyklopädie wäre hilfreicher, z.B. Wikipedia.

  5. Der Phone Jack heißt übrigens auf Deutsch einfach Klinkenstecker und ist kein Lehnwort. Das scheint doch auch logisch, denn mit Phone hat dieser Jack schon lange nichts mehr zu tun, dafür aber eher mit E-Gitarren und Tontechnik. Schon irgendwie verwirrend, heißt aber nun eben mal so.
    Zu Kommentar #2 möchte ich anmerken: Naja, es ist die alte Frage, ob eine zwanghafte Veränderung der Sprach wie zum Beispiel die “StudentInnen” oder seit einiger Zeit die “Studierenden” - hier bei der Gleichstellung - auch zu einer Veränderung der Zustände in der Welt führt. Ich denke, dass sie das nicht tut, ist doch Sprache eher eine Beschreibung als eine Vorschrift. Andere sehen das anders, von Newspeak in Brave New World bis zur Sapir-Whorf-Hypothese…

  6. Daniel (#3)

    […] dass Sprache ueber ihre Verwendung bestimmt wird. […]

    Hm, naja, darüber lässt sich wohl streiten und hängt stark davon ab, was man unter „Sprache“ verstehen will. Klingt erstmal nach off-topic, aber ich kann solche statements nachvollziehen, wenn ich mir anschaue, was hier in den letzten Monaten so thematisiert wurde: ausschließlich Sprachverwendung (im allerweitesten Sinne).

    Der Sprachblog (nach A.S.s eigener Aussage, wenn ich sie richtig interpretiere) wurde als Werkzeug ins Leben gerufen, um dem Laien die Sprachwissenschaft nahe zu bringen (zeigen, worum es geht). Den Beiträgen der letzen Monate zufolge, bekomme ich aber den Eindruck, dass es in der Linguistik ausschliesslich um Fragen der Sprachverwendung geht (wenn das stimmt, habe ich wohl doch das falsche Studienfach gewählt…).

    An Anatol Stefanowitsch: Vielleicht könnten Sie mal wieder zu den interessanten Fragen der Sprachwissenschaft zurück zu kehren, als immer nur mit erhobenen Zeigefinger über das Bild zu berichten, das Sprache und ihre Verwendung in der Öffentlichkeit hat. Dann kommen einige Leser hier vielleicht von selbst auf die Idee, die Aussagen von Sprachschützern, Werbetreibenden etc. pp. zu hinterfragen als hier alles fein säuberlich vorgekaut zu bekommen, was sie dann bestätigen oder abstreiten können (Kristins Sprachblock zeigt imho mitunter recht gut, wie sowas aussehen könnte, auch wenn es sehr germanistiklastig ist).

    So könnte man zum Beispiel zeigen, warum neue Begriffe für bereits sagbares etabliert werden (aufgrund welcher allgemeinen — kognitiven oder angeborenen, je nach Theorie — Prinzipien) anstatt zu zeigen, dass einige Sprecher nicht wahrhaben wollen, dass sie etabliert werden.

  7. “Sprache ist dazu da, um über die Welt zu reden. Über eine Welt, die man nicht versteht, kann man eben nicht reden.”

    Auch wenn ich kein grosser Fan der ganzen Nörgeln-über-Nörgler-Beiträge bin, der Satz bringt es einfach wunderbar auf den Punkt. Das sollte man auf ein Handtuch sticken.

  8. Schon mal aufgefallen, dass die verwendeten und angeprangerten Begriffe schlicht Fachsprache sind? Mag sein, dass diese spezifischen Termini bereits Eingang in die Umgangssprache geschafft haben - nicht unähnlich Begriffen wie ‘E-Nummern’ [bzw. E 605] oder ‘ASS’ oder ‘bipolare Störung’ -, doch bleiben sie Wörter, die in ihrem üblichen Nutzungsumfeld klar definiert sind.

    Hierfür neue Wörter zu benutzen, ist schlicht falsch. Kommt ja wohl auch keiner auf die Idee für ’spezielle Relativitätstheorie’ ein einfacheres Wort zu finden, nur weil die meisten Menschen keine Ahnung haben, was das bedeutet. Witzigerweise haben die Computer-Ingenieure sogar ganz bewusst sehr einfache Wörter adaptiert [’cookie’], erfunden [’Ethernet’, ‘dongle’] oder akronymisiert [’WAN’, ‘WEP’] damit die Menschen sich nicht mit typisch bürokratischen Halbsatzmonstern technischer Erläuterungen auseinandersetzen müssen.

    Ts, seltsame Blüten treibt der Unverstand über die nächste Generation.

  9. Das Telefonbespiel zeigt auch, dass man eben nicht wissen muss, wie so ein Gerät funktioniert, sondern welche Funktion es erfüllt. Beim Telefon muss ich eben wissen, dass ich damit mit Menschen, die nicht anwesend sind, kommunizieren kann. Wie die Umwandlung und Übertragung der Signale passiert ist herzlich egal, außer dass ich wissen muss, dass sie irgendwie funktioniert. Sonst rufe ich nachher noch ins Kabel rein, wenn der Hörer kaputt ist.

    @Damiel (#3). Dem VDS wird dieser Artikel auch nichts nutzen, da er zu Recht einwenden kann, dass sie ja auch andere Dinge bemängeln, deren Funktion sich erschließen. Was ein Service-Point ist wird der durschnittliche medienunkundliche Bürger schon wissen.

  10. “Benutzeroberfläche” statt “Desktop” ist schlicht falsch, weil die Benutzeroberfläche reserviert ist als Begriff für so ziemlich jede Mensch-Maschine-Schnittstelle, insbesondere im Computerbereich. Meistens meint man damit eine grafische Schnittstelle, aber es kann sich genauso gut um eine Konsole für die Kommandozeileneingabe handeln. Eine solche “Umbennenung” wäre also ein krasser Schuss ins Knie.

  11. @david (10):
    “Falsch” wäre dass nur wenn man annimmt dass beide Bedeutungen nicht parallel existieren dürfen. Dürfen sie aber, solange man nicht selber den Sprachsheriff spielt. Ob dass die Verständlichkeit des Beschriebenen fördert steht natürlich auf einem anderen Blatt.

  12. Ich dachte immer, Leute wie jene vom VDS langweilen sich - und habe mich wohl nicht ganz getäuscht. Man regt sich über einige neumodische Wörter auf, die die deutsche Sprache erobern würden, und verkennt dabei, dass andere Sprachen dem Ansturm der Anglizismen längst erlegen sind. (Diese Feststellung ist aber keineswegs einem erhobenen Zeigefinger gleichzusetzen.)

    Die Rede ist von Ländern (z.B. Osteuropas), in denen Importeure sich nie die Mühe gegeben haben, Software und generell neue Begriffe aus der Technolgie- und Gadget-Welt zusammen mit Linguisten und IT-Leuten zu “lokalisieren”, wie es übrigens auch mit einem schönen Neuwort heißt.

    So dass z.B. in meiner Muttersprache (Rumänisch) fast alle Begriffe aus der Computerwelt nur auf englisch durch die Gegend geschmettert werden, obwohl es z.T. durchaus passable Entsprechungen gebe. Wörter wie desktop, hard, soft, mouse, printer etc. sind gang und gäbe, die rumänischen Entsprechungen (die - zugegeben - nicht immer toll klingen) werden sogar belächelt. Den sprachverwandten Franzosen streitet man auch ab, mit Wörtern wie logiciel, souris usw. eine sinvolle Übersetzung zumindest anzustreben, seien sie doch per definitionem “Sprachchauvinisten”.

    Die Tatsache, dass es bis vor wenigen Jahren keine Tastaturen mit rumänischem Schriftsatz gab, hat auch zur Unsitte geführt, dass sehr viele Menschen im Internet (Webseiten, e-mails, Bloggs etc.) ohne die dem Runänischen spezifischen Sonderzeichen schreiben.

    Ich glaube auch nicht an die Gefahr einer Überfremdung, umso weniger befürworte ich eine Sprachpolizei. Dass aber mehr Sprachpflege im Sinne einer Sorgfalt für und Liebe zur eigenen Muttersprache (nicht gegen das Englische zu deuten) vielleicht vonnöten wäre, könnte ich mir gut vorstellen.

  13. Lehrwörter…?
    Dass diese Begiffe “fest etablierte Lehnwörter im Deutschen” seien, ist ein solche Fehleinschätzung, dass man sie wohl IT-Fachmännern (ἰδιόται(idiótai), aber nicht sein-wollenden Sprachwissenschaftlern nachsehen muss:

    1. Dongle
    2. Cookie
    3. WAP
    4. Phone jack
    5. [….]
    6. Time shifting
    7. Digital TV
    8. Ethernet
    9. PC Suite
    10. Desktop

    [… (interessanterweise sind fast alle auch fest etablierte Lehnwörter im Deutschen)…] (Master-Zitat)

  14. Da gibt es doch ein schönes Comic von xkcd: http://xkcd.com/547/

    Grüße,
    Felix

  15. @Adele Bongartz: Außer “Phone Jack” sind es alles Wörter, bei denen meine Kinder erstaunt wären, wenn ich ihnen sagen würde, dass das keine deutschen Wörter seien. Aber ich vermute, außer Pseudo-Bildungsbürgergetrolle haben Sie für Ihre Bemerkungen ohnehin keine Evidenz, oder?

  16. „unter“ denen, die einen solchen Dienst [=Hotline] in Anspruch nehmen, findet man vermutlich überdurchschnittlich viele, die von Technik ganz allgemein überfordert sind.

    Nunja, manche Hotline ist so apparatelastig, dass die allzu technik„untauglichen“ gleich aussortiert werden. Eben Hotline, nicht Helpline.

  17. Da hat’s mir das Zitat-Tag im ersten Satz gefressen: Techniküberforderung. Pardon!

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.