Beitragsaufrufe und Auswahlfragen

Sprachblogleser/innen der ersten Stunde erinnern sich vielleicht, dass ich der „Aktion Lebendiges Deutsch“ gegenüber anfänglich eigentlich positiv eingestellt war. Es ist nichts dagegen einzuwenden, sich Lehnwörter daraufhin anzusehen, ob es im Deutschen nicht bereits eine konventionelle Alternative gibt oder ob man nicht mit Hilfe produktiver Wortbildungsmechanismen eine Alternative aus dem bestehenden Wortschatz zusammenbauen könnte. Ob die sich dann durchsetzt oder ob die Sprachgemeinschaft aus welchen Gründen auch immer — und es gibt oft gute Gründe — beim Lehnwort bleibt, kann man dann getrost dem evolutionären Prozess überlassen, durch den eine Sprache sich ständig verändert und neuen Gegebenheiten anpasst.

Als ich vor ein paar Wochen nach einer Alternative für den Begriff Call for Papers gesucht habe, war mein Wunsch nach einem deutschen Begriff durch dieselben Geschmackspräferenzen motiviert, die vermutlich auch viele Mitglieder des VDS bei ihrer „Anglizismen“-Hatz lenken: der englische Begriff spricht sich nicht besonders gut, er klingt für mich in deutschen Sätzen immer etwas holprig und er schien mir überflüssig zu sein, da seine Einzelteile (call, for und papers) ja problemlos in Deutsche übersetzbar sind. (Anders als das typische VDS-Mitglied habe ich allerdings zugegeben, dass es Geschmackspräferenzen sind und auch nationale Minderwertigkeitsgefühle spielten bei mir keine Rolle).

Aber die Ergebnisse bestätigen mir nur das, was ich nach zwei Jahren intensiver Beobachtung der „Aktion Lebendiges Deutsch“ ohnehin geahnt habe: Wenn sich für ein Lehnwort nicht innerhalb kürzester Zeit eine deutsche Ensprechung durchsetzt, hat das normalerweise gute Gründe. Denn obwohl ein paar gute Ideen dabei waren, ist eine spontan durchschlagende deutsche Alternative für den Call for Papers bei meinem Aufruf nicht herausgekommen. Übrigens habe ich das schon geahnt, als Wortistiker Detlef Gürtler sich kurz nach meinem Aufruf mit diesem beschäftigte, ohne eine zündende Idee zu präsentieren — wenn der Großmeister der Neubewortung schon die Waffen streckt, welche Chance haben dann wir wortistisch Unbedarften?

Nicht, dass die Sprachblogleser/innen sich nicht die allergrößte Mühe gegeben hätten. Neben den sympathiepunktverdächtigen Vorschlägen Schrei nach Papier, Blätterruf und Klitterbitte und dem enzyklopädischen Subversionsversuch Beitragsersuch gab es rund zwei Dutzend Versuche, den Begriff durch zusammengesetzte Substantive oder Phrasen mit Anforderung, Aufforderung, Aufruf, Ausschreibung, Bitte, Einladung und Rundruf zu übersetzen. Papers wurde dabei meistens mit Beiträge oder Manuskripte übersetzt — je nach Kontext beides treffende Begriffe. Aber Frank Oswalt wies in den Kommentaren schnell darauf hin, dass viele dieser Begriffe unerwünschte Konnotationen haben: Ausschreibung klingt potenziell danach, als ob hier Geld oder sonstige Preise zu vergeben seien, Aufforderung und Anforderung klingen zu sehr nach einer Bringschuld der Aufgeforderten, Bitte klingt umgekehrt zu bittstellerisch seitens der Bittenden. Dem kann ich mich im Prinzip anschließen und kann gleich noch hinzufügen, dass Einladung problematisch ist, weil man bei Konferenzen normalerweise zwischen „eingeladenen“ Sprechern (die wegen ihrer Brillianz direkt von den Veranstaltern angesprochen und für ihre Vorträge entlohnt werden) und dem gemeinen Fußvolk unterscheidet.

Es bleiben Aufruf und Rundruf, beide semantisch gut geeignet, den Call zu übersetzen. Am Besten hat mir hier Beitragsaufruf gefallen. Wenn ich einen Sieger küren müsste, es wäre dieses Wort. Es trifft die gewünschte Bedeutung, es hat konventionalisierte Vorbilder (z.B. Spendenaufruf, Streikaufruf), es ist kurz und bündig, es erlaubt Varianten wie Teilnahmeaufruf, Manuskriptaufruf, usw.) und es hat immerhin schon ein paar hundert Google-Treffer.

Ich werde das Wort wohl bei der nächsten Gelegenheit auch selbst verwenden, aber mein ästhetisches Gefühl (das ja Auslöser der Wörtersuche war), ist nicht voll befriedigt. Vielleicht wird immer das Gefühl bleiben, dass mit diesem Wort etwas nicht stimmt, aber vielleicht gibt sich das auch, wenn ich das Wort erst einige hundert Male verwendet habe (Beitragsaufruf, Beitragsaufruf, Beitragsaufruf — ja, es fängt an, ganz gut zu klingen).

Auf jeden Fall weiß ich nun aus eigener Erfahrung, dass die „Aktion Lebendiges Deutsch“ sich keine leichte Aufgabe gestellt hat. Aber mein Verständnis für den Unfug, den die vier alten Herren monatlich verzapfen, wird immer schnell zerstreut, wenn ich die Nachlässigkeit sehe, mit der sie diese Aufgabe angehen. Das fängt an bei der Auswahl der zu ersetzenden Wörter: more often than not gibt es bereits eine deutsche Alternative, so zum Beispiel für das im letzten Monat gesuchte bad bank:

„Giftbank“! Wäre das nicht ein griffiges deutsches Wort für jene „Bad Bank“ , bei der unsere Banken ihre Schulden abladen sollen? Aus 306 Antworten auf diese Frage hat die „Aktion Lebendiges Deutsch“ diese ausgewählt – mit Respekt für Vorschläge wie „Krankbank“, „Bank Rott“ und „Zitronenlager“

Ja, Giftbank ist griffig, aber die Bedeutung des Wortes erschließt sich dem durchschnittlichen Sprecher ebensowenig wie die des englischen Bad Bank. Die längst existierende Alternative Auffangbank wäre da deutlich transparenter.

Auch das aktuelle Suchwort bedarf eigentlich keiner Neubewortung:

Gesucht wird diesmal eine deutsche Entsprechung für „multiple choice“: …

Hier gäbe es ein differenziertes Vokabular aus der qualitativen Sozialforschung: Auswahlfragen nennt man dort Fragen, für die eine Reihe von Antworten bereits vorgegeben ist, und Alternativfragen nennt man speziell den Typ, bei dem nur eine Antwort angekreuzt werden soll.

Die Nachlässigkeit der Aktioneure setzt sich fort in den Definitionen, die sie für die neuzubewortenden Lehnwörter liefern:

Gesucht wird diesmal eine deutsche Entsprechung für „multiple choice“: die Kunst, unter mehreren vorgegebenen Antworten die richtige anzukreuzen.

Aber multiple choice ist nicht „die Kunst, unter mehreren vorgegebenen Antworten die richtige anzukreuzen“. Es ist überhaupt keine Kunst, es ist, wie der Wahrig so treffend sagt, ein „Testverfahren, bei dem aus mehreren vorgegebenen Antworten die richtige auszuwählen ist“. Das ist keine Haarspalterei: wer einem Konzept ein neues Wort zuordnen will, der muss es richtig definieren.

Und die Nachlässigkeit findet wie immer ihren Höhepunkt im Eigenvorschlag der wortistisch glücklosen Vier:

Das Angebot des Monats lautet: den „contest“ durch den guten alten „Wettbewerb“ oder „Wettkampf“ abzulösen.

Wenn man sich schon die Mühe macht, in einem deutsch-englischen Wörterbuch die Bedeutung von contest nachzuschlagen, warum gibt man dann nicht alle Übersetzungen an, um so wenigstens die gesamte semantische Bandbreite des Begriffs deutlich zu machen? An erster Stelle vielleicht Wettstreit, das die Kernbedeutung besser trifft als die Vorschläge der Aktioneure, die dann an zweiter und dritter Stelle stehen könnten, vor Auseinandersetzung und Preisausschreiben.

8 Kommentare zu „Beitragsaufrufe und Auswahlfragen“

  1. Zur Wahrig-Definition: “Testverfahren, bei dem aus mehreren vorgegebenen Antworten die richtige auszuwählen ist” vergisst, dass Multiple Choice Auswahlfragen UND Alternativfragen beinhaltet. Es müsste also eigentlich. “Testverfahren, bei dem aus mehreren vorgegebenen Antworten eine oder mehrere richtige auszuwählen ist bzw. sind.”

  2. @Tobi: Heißt Letzteres nicht Multiple Select?

  3. Der “Aktion Lebendiges Deutsch” ist der Spiegel (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,603165,00.html) zuvorgekommen, der in einem Beitrag vom 23.01.2009 schon von “Gift-Bank” spricht. Überhaupt hat die Finanzkrise eine bemerkenswerte sprachliche Kreativität hervorgerufen. Im selben Artikel ist die Rede von: Ramschhypotheken, Giftpapieren, Anlageschrott, Giftmüll, Giftmülldeponie, Bank-Müll, Giftpapier-Sammelstellen, Finanz-Bomben.
    Eine Mißgeburt ist allerdings der Zwitter “Giftassets” (Geschenk-Aktiva???).
    Aktuell hat “Giftbank” auch schon Eingang in eine dpa-Meldung gefunden.

    Auf Anhieb gefällt mir “Giftbank” auch nicht besonders, aber warum nicht? Man gewöhnt sich an alles, und außerdem man kann hoffen, daß das Wort irgendwann einmal wieder überflüssig wird. Schließlich dient eine solche Bank ja tatsächlich der Zwischenlagerung der “Giftpapiere”. “Auffangbank” erscheint mir dagegen nicht so treffend, denn schließlich sollen doch die Giftpapiere und nicht die Banken selbst aufgefangen werden (obwohl sie es vielleicht nötig hätten). Im allgemeinen bezeichnet man als “Auffanggesellschaft” eine Gesellschaft, die die noch einigermaßen rentablen Teile einer bankrotten Gesellschaft übernimmt.

    Die Bedeutung von “Bad Bank” erschließt sich auch dem durchschnittlichen Angelsachsen genausowenig wie die der “Giftbank” dem Deutschen, wenn er nicht schon weiß, was gemeint ist.

  4. “Auffangbank” erscheint mir dagegen nicht so treffend, denn schließlich sollen doch die Giftpapiere und nicht die Banken selbst aufgefangen werden.

    So funktioniert die Wortbildung aber nicht. Eine Auffangbank ist eine Bank, die etwas auffängt. Was sie auffängt, ist durch den Begriff überhaupt nicht näher bestimmt. Bei dem Wort Auffangbecken werden ja auch keine Becken aufgefangen.

  5. @Gareth
    Sie hane vollkommen recht. Was aufgefangen werden soll, ist unbestimmt. Deshalb finde ich “Auffangbank” nicht “deutlich transparenter”, zumal die Analogie zur “Auffanggesellschaft” etwas anderes nahelegen könnte, als gemeint ist.

  6. @Anatol Stefanowitsch
    Warum stellen Sie sich nicht der “Aktion Lebendiges Deutsch” als Berater zur Verfügung? Immerhin teilen Sie ja anscheinend gelegentlich die Geschmackspräferenzen einiger Mitglieder der ALD. Sie würden der ALD manche unnütze Wortsuche ersparen, wenn Sie rechtzeitig darauf hinwiesen , daß es schon deutsche Entsprechungen gibt. Auch manche andere Dummheit der ALD könnten Sie ja vielleicht verhindern helfen.
    Bei aller berechtigten Kritik an der stereotypen Verfahrensweise der ALD, so erscheint mir das Bemühen, sich Gedanken zu machen, wie man bestimmte Anglizismen durch deutsche Wendungen ersetzen kann, doch durchaus sinn- und verdienstvoll. Schließlich haben im Fall von “call for papers” die Teilnehmer diese Forums genau das getan.
    Erstaunlich erscheint mir allerdings zu sein, daß es anscheined so schwierig ist, eine geeignete deutsche Entsprechung zu finden und selbst ein “Großmeister” vor dieser Aufgabe kapituliert. Dabei ist doch Beitragsaufruf oder Aufruf zu Beiträgen (wobei mir letzteres aus verschiedenen Gründen besser gefällt, es gibt auch mehr Google-Teffer dafür) die - unter Berücksichtigung des Zusammenhangs - wörtliche Übersetzung von “call for papers”. Warum fällt es dann so schwer, diese Übersetzung zu finden, und warum haben Sie das Gefühl, “daß mit diesem Wort etwas nicht stimmt”?
    Schließlich ist “call for papers” nichts unerhört Neues. Etwas ähnliches wird es doch auch früher, als Anglizismen noch nicht so gesellschaftsfähig waren, in Deutschland gegeben haben. Wie hat man sich denn damals ausgedrückt? Weiß das niemand mehr?
    Mir scheint, daß es doch einen Verdrängungseffekt gibt. Hat sich erst ein Anglizismus auf breiterer Basis durchgesetzt, fällt es schwer, sich an frühere Ausdrucksweisen zu erinnern oder ein angemessenes neues deutsches Wort zu finden. Vor allem stoßen Neologismen fast immer auf Widerstand. Ich erinnere mich, wie absurd und lächerlich mir das Wort machbar erschien, als es Ende der 60er oder Anfang der 70er Jahre zuerst aufkam. Versuche, ein neues Wort im Deutschen zu prägen, stoßen immer auf Einwände, es treffe nicht genau das Gemeinte, es erwecke irgendwelche unerwünschte Assoziationen usw. usw.
    Da haben es Anglizismen erheblich einfacher. Keiner fragt, ob sie wirklich genau das Gemeinte ausdrücken, und die meisten Deutschen empfinden nicht die Assoziationen, die ein englischer Muttersprachler womöglich dabei empfindet.

  7. Zu “call for papers”: Ein kurzes Nachschauen bei iate (InterActive Terminology for Europe) hat als “quasi offizielle” Terminologie (für Übersetzungen im Rahmen der europäischen Institutionen) “Aufruf zur Referatanmeldung” (http://iate.europa.eu/iatediff/SearchByQuery.do;jsessionid=9ea7991c30d6561309cf9f3644aba83eb4cbef015f53.e3iLbNeKc38Ke3eKaNiLaxuRaO0) ergeben. (Das im europäischen Kontext häufigere “call for proposals” - inhaltlich natürlich etwas anderes, aber, was die Konstruktion betrifft, ähnlich - wird als “Aufruf zur Einreichung von Vorschlägen” oder “Aufforderung zur Einreichung von Vorschlägen” übersetzt.)

  8. “Rundruf” habe ich gar nicht gekannt, “Wettstreit” ist rein poetisch, und “Aufruf zur Referatanmeldung” ist ziemlich blöd.

    “Beitragsaufruf” ist nicht schlecht… obwohl es noch immer nicht richtig gut ist…

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.