Wortarten (Teil 2): „Namenswörter“

Nachdem ich den Semesteranfang und das Ostereiergesuche überstanden habe, hier nun Folge 2 der „Gespräche über Wortarten“. Ich freue mich über die interessanten Kommentare zum ersten Teil und werde die auch aufgreifen, wenn ich mit der Wiedergabe meiner Gespräche mit meiner Tochter fertig bin (es folgt noch ein dritter Teil über „Wiewörter“).

Dieses Gespräch fand gleich am Tag nach unserer Diskussion über „Tuwörter“ statt.

Ich: Also, gestern haben wir ja über Namenswörter geredet.

Sie: Substantive.

Ich: Ja. Man kann sie auch Nomen nennen, das ist das lateinische Wort für „Name“, ist also so ähnlich wie „Namenswörter“.

Sie: Ja.

Ich: Ja, und ihr habt ja gelernt, dass Namenswörter Sachen bezeichnen, „die man anfassen kann“.

Sie: Ja. Aber Luft kann man ja nicht anfassen, und Licht auch nicht.

Ich: Das stimmt! Naja, Luft vielleicht gerade noch so.

Sie: Ich habe meine Lehrerin neulich gefragt, warum Licht ein Namenswort ist, obwohl man es nicht anfassen kann.

Ich: Und?

Sie: Da hat sie gesagt, „Wieso, man kann Licht doch anfassen“.

Ja, natürlich. Und essen kann man es auch.

Ich: Naja, da muss man die Bedeutung von anfassen aber schon ganz schön dehnen. Aber selbst, wenn man das macht: Freude kann man nicht anfassen, und Unfug auch nicht, und Freiheit auch nicht.

Sie: Nee. Und Trauer auch nicht.

Ich: Sind das denn trotzdem Substantive?

Sie: Ja.

Ich: Aha. Und woran erkennst du es, wenn du es an der Bedeutung nicht erkennen kannst?

Sie: Das kann ich nicht beschreiben.

Ich: Bei den Verben haben wir ja gesehen, dass es bestimmte Formen gibt, an denen man sie erkennt.

Sie: Gegenwartsform und Vergangenheitsform.

Ich: Ja. Und vielleicht gibt es ja bei Substantiven auch solche Formen. Überleg mal, was für Formen gibt es noch für Wörter wie Hund, Fund oder Stunde?

(Pause)

Sie: Hunde, Funde und Stundeen.

Es hat keine zehn Sekunden gedauert, und sie hat ein entscheidendes Merkmal deutscher Substantive identifiziert — eins, das leicht zu verstehen und zu erkennen ist, und deutlich mehr Substantive korrekt klassifiziert als „Dinge, die man anfassen kann“.

Ich: Genau! Was sind denn das für Formen?

Sie: Mehrzahl.

Ich: Ja. Nur Substantive können eine Form für die Mehrzahl haben.

Das ist natürlich eine Vereinfachung der tatsächlichen Situation, da der Numerus eines Substantivs ja Auswirkungen auf Artikel und Adjektive hat, die möglicherweise Verwirrung stiften könnten. Aber darüber muss man reden, wenn man die Beziehungen von Wortarten im Satz bespricht. Das hat noch etwas Zeit.

Ich: Also, wenn ein Wort eine Mehrzahl hat, ist es auf jeden Fall ein Substantiv.

Sie: Ah.

Ich: Aber was ist mit Reis oder Freude? Sind das Substantive?

Sie: Natürlich.

Ich: Und was ist dann die Mehrzahl?

(Pause)

Sie: Weiß ich nicht. Die kenn ich nicht.

Ich: Na, weil es keine gibt. Es gibt also Substantive die haben keine Mehrzahl. Aber woran erkennt man denn dann überhaupt, dass es Substantive sind?

Sie: Ein Reis, zwei Reis, das kann man nicht sagen.

Ich: Nee. Aber wenn zwei Leute unterschiedlich viel Reis haben, wie kann man das denn dann ausdrücken?

Sie: Wenig Reis, viel Reis.

Ich: Genau. So Wörter wie viel, wenig, kein und auch der, die oder das helfen einem dabei, Substantive zu erkennen.

Sie: Wie-Wörter.

Nein, Wie-Wörter sind das nicht. Sie hat das entweder falsch verstanden, oder ihre Lehrerin hat die Kategorie der Adjektive sehr großzügig ausgelegt. Aber darauf komme ich in der nächsten Folge zurück.

Ich: Eigentlich sind das Quantoren und Artikel. Naja, und Wörter, die hinter einem Artikel stehen können — hinter der, die, das — das sind immer Substantive.

Schon klar: Auch hier muss man noch über die Adjektive reden, aber die Struktur der deutschen Nominalphrase wird sie schon verstehen, wenn wir so weit sind.

Sie: Ja, das hat unsere Lehrerin auch gesagt. Wie-Wörter können nur vor Substantiven stehen.

Da ich annehme, dass mit „Wie-Wörtern“ Adjektive gemeint sind, stimmt das natürlich nicht.

Ich: Nee, das stimmt nicht, besser ist es, wenn man sagt, nur Substantive können hinter Artikeln und Quantoren stehen. Daran erkennt man ja überhaupt erst, dass es Substantive sind.

Sie: Sind Wie-Wörter Artikel?

Ich: Eigentlich nicht. Da müssen wir uns dein Heft ansehen und morgen drüber reden.

14 Kommentare zu „Wortarten (Teil 2): „Namenswörter““

  1. Ganz ehrlich: Diese Beitragsreihe ist mir zu “sickig”. Wirkt alles sehr, sehr besserwisserisch. Aber ich mag mich irren…

  2. Nicht ‘der Reis, die Reise’? Hätte das arme Kind dies nicht beinahe zwangsläufig antworten müssen? Was sagt eigentlich die Lehrerin dazu, dass ihre Autorität und Kompetenz unterlaufen wird; meine Lehrer hatten schon genug Schwierigkeiten mit mir, ohne die Einmischung meiner Eltern - und dann noch mit besserem Wissen?

  3. Erinnere mich, dass ich bereits 1965 in der (DDR-)Schule konsequent dazu angehalten wurde, “Substantiv” und “Verb” zu sagen statt Ding-oder “Tuwort. Mit diesen Begriffen aber begegnete mir im selben Jahr im Krankenhaus gelegentlich meiner Gelbsucht, die ich übrigens auch bereitwillig “Hepatitis” nannte, eine Nonne, die Aushilfsunterricht gab. Sie verwendete auch noch so komische Wörter für Rechenoperationen wie “Abziehen” oder “Malnehmen”. Ihr Wortgebrauch führte dazu, dass ich keinen Respekt vor ihr hatte. Deshalb hatte sie dann auch mit einer Bibelstunde bei mir null Erfolg.

  4. >Nicht ‘der Reis, die Reise’?

    :-) Aber sowas kanns wirklich geben. In manchen Fachgebieten macht die Natur der Sache neue Formen nötig, zB. im Molkereiwesen “die Milchen” als Plural von “Milch”.
    Liest hier jemand aus der Reisbranche mit?

  5. Wie schön, dass der Lateiner zu Namenswörtern auch Namenswort sagt - nur klingt es gelehrter. Und die Etymologie von Substantiv schauen wir uns auch nicht an. Bei “Freiheit” und “Liebe” geht es schließlich um die Essenz und nicht um die Substanz.

    Die eigentliche Aufgabe ist ja, den Kindern nahezubringen, dass Wortarten grammatische und nicht semantische Kategorien sind. Eine Ahnung scheint die Tochter ja zu haben:

    Ich: Aha. Und woran erkennst du es, wenn du es an der Bedeutung nicht erkennen kannst?
    Sie: Das kann ich nicht beschreiben.

    Welcher Wortart ein Wort angehört, lässt sich am besten erklären, wenn man es ins Verhältnis zu anderen Wörtern setzt. z.B.:

    Wörter, die hinter einem Artikel stehen können — hinter der, die, das — das sind immer Substantive.

    Aber um dahin zu kommen, muss man gewaltig abstrahieren, und es schadet sicher nicht, zunächst protoypische Vertreter einer Wortart einzuführen.

    Ansonsten kann ich mich Dierk anschließen - mein Vater ist Erziehungswissenschaftler und hat 2/3 seines Berufslebens mit Lehrerbildung verbracht. Da gab es nur mal bei Erzählungen aus der Schule den Kommentar “wenigstens hat er nicht bei mir studiert” ;-) Aber eingemischt hat er sich in der Regel nicht.

  6. Bin kürzlich zufällig auf diesen für mich als Deutschlehrerin in Frankreich hochinteressanten Blog gestoßen und sehr erfreut, endlich mal Leute zu finden, die meine Meinung über Sprache und Sprachentwicklung teilen.
    Speziell zu den Beiträgen über Wortarten: darüber habe ich eigentlich nie nachgedacht, denn die Kenntnis des Grammatikvokabulars ist bei meinen Schülern schon Voraussetzung, aber keinesfalls dessen Beherrschung. Nein, das muss immer wieder erklärt werden, wobei ich intuitiv semantische Erklärungen ablehne, da sie nie auf alle möglichen Fälle zutreffen.

  7. imho. gibt es eine Mehrzahl von Freude… Mir fallen so spontan irgendwie nur “Die Freuden der käuflichen Liebe” ein :) aber ich nehm mal an man kann das variieren …

  8. Ich persönlich find’s sehr schön. Weil es dieses schwierige Thema “deutsche Rechtschreiung” stark vereinfacht und damit _anfassbar_ macht (Der Artikel ist also sehr substantiv ;o)

    @Dierk: Warum sollte sich die Lehrerin angegriffen fühlen? Ich dachte, Schule und Elternhaus sollten bei der Erziehung Hand in Hand arbeiten. Dürfen Künstler, Sportler, gebürtige Engländer etc. ihren Kindern etwa nicht zuhause unter die Arme greifen?

  9. Oh Mann! Grade bei DEM Wort! Also gut: Ich meinte natürlich “Rechtschreibung”

    (mist)

  10. zu 9
    Och nö, Rechtschreiung find ich eigentlich richtig gut, so fühlt sich jedenfalls die Rechtschreibreform für mich an…

  11. Zwei Dinge:
    1. Weiß ich noch dass sich “meine” Lehrerin gegen die Definition “Dinge die man anfassen kann” gewehrt hat. Die wurde den Schülern nämlich von einigen Eltern eingetrichtert und ging ganz schwer raus. Ich glaube wir lernten “Nomen sind Worte, vor denen man der, die , das setzen kann”. Ist also nicht so “dass Lehrer immer noch versuchen Worte über XYZ zu definieren” - nur diese eine Lehrerin versucht das.
    2. Ist es natürlich eines seinem Kind in 10 Sekunden Substantive beizubringen, eine ganz andere einer gazen Klasse dasselbe beizupuhlen….

  12. Ich persönlich find’s sehr schön. Weil es dieses schwierige Thema “deutsche Rechtschreiung” stark vereinfacht und damit _anfassbar_ macht (Der Artikel ist also sehr substantiv ;o)

    Wo ging’s denn hier um Rechtschreibung?

  13. @Gareth: Da siehste, wie schwer es ist ;o)

  14. ist mir (im universitären Kontext) auch aufgefallen: es ist wesentlich einfacher, wenigen Personen einen Sachverhalt zu erklären, als das bei einer Gruppe zu tun. Aber damit wird der Herr Professor ja auch seine Erfahrungen haben:)

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.