Aprilscherz aufgelöst

Besonders groß war die Ratelust nicht, nur acht Leser/innen haben sich auf eine Antwort eingelassen (zwei davon in einer Twitter-Diskussion, auf die mich einer der beiden netterweise aufmerksam gemacht hat). Hier die Lösungsvorschläge.

Simone: Ich hoffe doch schwer, dass die vierte Geschichte falsch ist.

Sandra: Die sind doch alle erfunden.

Joerg: Mein Favorit für den Aprilscherz ist die Geschichte Nummer 2. Die Idee,
die Sprache zu verändern (wie denn?) um dadurch die Gewaltbereitschaft in
der Gesellschaft zu senken, erscheint mir absurd. Die anderen drei
Geschichten halte ich zumindest für plausibler, obwohl ich die in Nummer 4
genannten Überlegungen als grenzwertig betrachte.

NvonX: Die erste Studie meine ich zu kennen. Dass Phonetiker bei fröhlich kichernden und lustig plappernden Kindern verzweifelt reagieren, wenn doch eigendlich Schmerzensschreie Objekt der Untersuchung sind, kann ich mir irgendwie auch vorstellen. Die Untersuchung der Adjektive klingt für mich plausibel, insofern erscheint mir zunehmend der Zwist um den Zusammenhang von Zischlauten und Gewalt und zwielichtig.

Frank Oswalt: Nr. 4 klingt zwar krank, aber wenn man die Phonetik von Kinderschreien untesuchen will, dann muss man sie ja irgendwie zum Schreien bringen. Nr. 3 klingt im Prinzip grundsätzlich plausibel. Das mit den Sinneskanälen ist vielleicht etwas abgedreht, aber warum nicht. Nr. 2 habe ich schonmal irgendwo gehört, das muss auch stimmen. Bleibt nur Nr. 1. Warum sollte man so etwas machen wollen?

Redwraithvienna: Also meiner Meinung nach ist Antwort 1 falsch. Die anderen klingen so komplett gaga das man sie sich nicht ausdenken kann, und sie daher wahr sind.

SamZidat über Twitter: 1 ist schon fast naheliegend; eben drum könnte es der Scherz sein. 2 - Soziologen traue ich alles zu ;-) Bei 3 bin ich nicht mal ganz sicher, ob ich die Fragestellung verstehe… 4 würde ich wegen des Skalpells tendentiell für ein Fake halten.

Klaus Graf (Archivalia) über Twitter: Ich tipp auf die Zischlaute, die Kleinkinder sind zu offensichtlich gefaked, als dass sie nicht wahr sein dürften …

SamZidat über Twitter: Die 4? Ich denke mal, da würden etwas zu viele Richtlinien verletzt. Andererseits …

Diese Überlegungen sind zwar alle nachvollziehbar aber mir ist es in diesem Jahr zum ersten Mal gelungen, alle Leser/innen auf die falsche Fährte zu locken.

Zur Erinnerung hier noch einmal die vier Studien im Überblick:

  1. Kann man die Bevölkerungsgröße von amerikanischen Städten anhand der Häufigkeit vorhersagen kann, mit der im Internet der Satz I live in [NAME DER STADT] auftaucht?
  2. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Gewaltbereitschaft einer Kultur und der Häufigkeit von Zischlauten in deren Sprache?
  3. Hat die Anzahl der Sinneskanäle, über die man den Referenten eines Adjektivs wahrnehmen kann, einen Einfluss auf dessen grammatisches Verhalten?
  4. Wie kann man Kleinkindern am besten Schmerzensschreie entlocken?

Und hier die Auflösung.

1. Diese Studie gibt es wirklich:

Stefanowitsch, Anatol (2005): New York, Dayton (Ohio), and the raw frequency fallacy. Corpus Linguistics and Linguistic Theory 1(2), 295–301.

Darin ging es nicht nur zum Spaß um diese Frage, sondern ich wollte eins von Chomskys Argumenten gegen Häufigkeitsdaten widerlegen. (Der Verlag und ich haben unterschiedliche Auffassungen über die Frage, ob Autoren ihre Fachaufsätze im Internet zum Download bereitstellen dürfen. Ich folge hier der Auffassung des Verlags und setze keinen Link. Falls jemand die Studie haben möchte, beantworte ich Anfragen gerne per Email).

2. Diese Studie gibt es auch:

Reed, Jan (1977): Theory of linguistic derivation. Manuskript, University of Minnesota. [Link]

Ein Urteil darüber, wie zuverlässig hier gearbeitet wurde, überlasse ich den mutigen Leser/innen.

3. Diese Studie gibt es nicht, sie ist der Aprilscherz. Mein Kollege Stefan Gries und ich haben diese Studie vor einigen Jahren begonnen, haben sie aber wegen methodischer Hindernisse nie zu Ende gebracht.

4. Diese Studie gibt es folglich auch:

Grau, Susan M., Michael P. Robb und Anthony T. Cacace (1995): Acoustic correlates of inspiratory phonation during infant cry. Journal of Speech and Hearing Research 38(2): 373-381. [PubMed]

Ob man für solche Methoden heute noch eine Genehmigung universitärer Ethikausschüsse bekommen würde, weiß ich nicht.

6 Kommentare zu „Aprilscherz aufgelöst“

  1. Die Aufgabe war wohl eher zu schwer, wirkliche Anhaltspunkte (zumindest für den Laien) warum ausgerechnet Nummer drei falsch sein sollte gab’s so weit ich sehen konnte nicht.
    Und wenn ich meinen Tipp einfach nur würfeln müsste, kann ich auch gleich auf die Auflösung warten. :)

    Außerdem schreibe ich nicht gerne E-Mails. :>

  2. Ich muss sagen ich war zu faul für eine Email ;) Ich vermute ziemlich viele haben vorm Rechner gesessen und gegrübelt.

    Ich hätte auf eins getippt… nicht zu glauben, dass man fürs Googlebedienen schon wissenschaftliche Reputation einsammeln kann ;D.

  3. Ich hätte auf Studie 2 getippt, das ist ja wirklich ein abstruser Gedanke.

  4. Zu 1.: “Chomskys Argumenten gegen Häufigkeitsdaten widerlegen” tönt interessant, würde ich gerne mal lesen.

    Zu 2.: Man gehe in ein Gebiet, in dem es kaum Daten gibt und interpretiere die wenigen, schwach belegten Daten die man hat so, dass man das Resultat bekommt, dass man erhalten will.

    Zu 4.: Widerwärtig!

  5. beim ersten Lesen klang alles ausgedacht, beim zweiten Mal fand ich alle realistisch (eine email hat also gar keinen Sinn gemacht). Eins war zu simpel fürs ausgedacht sein und kam mir irgendwie bekannt vor; zwei: Soziologen trau ich (mittlerweile) alles zu (nur noch von Psychologen übertroffen) und kam auch von ganz weit weg bekannt vor; drei klang einfach zu spannend, und wenn das Erinnern von Dingen von Sinnesmodalitäten abhängt, warum nicht auch Einfluss auf die Sprache? Vier: auf den ersten Blick abstrus, auf den zweiten passt es schon, wenn man ein Kind zum Schreien kriegen will, um das zu untersuchen. Schade um die Nr. 3!

  6. 2. erinnert stark an die Kriegssprachen von Pao

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.