Bücher freestyle

Es entsteht vielleicht manchmal der Eindruck, ich würde das Einstreuen englischen Wortguts in deutschsprachigen Zusammenhängen immer und überall gutheißen. Das ist nicht der Fall: Mir geht es bei der Beobachtung dieses Phänomens überhaupt nicht darum, ob ich es „gut“ oder „schlecht“ finde, sondern darum, ob es die deutsche Sprache bedroht (tut es nicht), was für Motive dahinterstehen (sicher keine Scham der deutschen Sprache gegenüber) und was für kommunikative Wirkungen damit erzielt werden.

Die letzte dieser drei Fragen beschäftigt mich im Zusammenhang mit einem Artikel, den ich letzte Woche in der Online-Ausgabe der Tageszeitung „Freies Wort“ gefunden habe. Darum geht es um den Versuch der Stadtbibliothek von Suhl, mehr junge Menschen für das Lesen zu begeistern:

Durch aufgepeppte Lesemöglichkeiten sollen Jugendliche in der Stadtbücherei zum Buch greifen. Noch stehen einige Regale im ersten Obergeschoss der Bücherei leer, doch schon bald wird die bunte Mischung des neuen Projektes „freestyle“ sie füllen.

Der Weg zu den „aufgepeppten Lesemöglichkeiten“ führt über „neue Medien“ und jede Menge englische Sprachschnipsel:

Von dem Geld kaufte die Stadtbibliothek die Regale im modernen Design und Jugendbücher, sowie DVDs und CDs. „Wir wollten nicht einfach nur einen oder mehrere Computer kaufen, sondern etwas Neues machen, um Leser, eine neue Zielgruppe und neue Nutzer anzulocken“, sagt Leiterin Irmhild Roscher. Das Projekt „freestyle“ bot genau diese Möglichkeit. In den jugendlichen Regalen werden verschiedene Medien in einer abwechslungsreichen Mischung präsentiert. Zudem sind sie in verschiedene Interessenbereiche wie „just music“, „fantasy und scifi“, „Boys‘n girls“ und „action + fun“ eingeteilt. Ein Manga und Comic-Regal entsteht und auch Mystery-Bücher, sowie Bücher über die erste Liebe seien sehr gefragt. Außerdem stehen in den Kategorien „jobs“, „reality“ und „help“ beispielsweise Bücher und DVDs zu Themen wie Bewerbungen.

Und diese englischen Sprachschnipsel sind kein Versehen:

Mit Absicht wurden die einzelnen Themen in Englisch betitelt. „Es wurden bewusst Anglizismen gewählt, weil es die Sprache der Jugendlichen ist, auch wenn es unter den Bibliothekaren eine große Diskussion gibt“, sagt Roscher.

Damit wären wir erst einmal bei den Motiven: Die Stadtbibliothek hat sich bewusst für die Verwendung englischer Bezeichnungen entschieden, um damit die Zielgruppe anzusprechen. Das ist zunächst völlig rationales Verhalten, nicht so sehr, weil „Anglizismen … die Sprache der Jugendlichen“ sind, sondern, weil viele an junge Menschen gerichtete Produkte auf diese Weise beworben werden. Englisch suggeriert eine Teilhabe an einer globalen Kultur begehrenswerter Konsumgüter, und wenn die Stadtbibliothek Englisch verwendet, hofft sie, als Teil dieser Kultur wahrgenommen zu werden. Und anscheinend — und damin kommen wir zur kommunikativen Wirkung — funktioniert das auch:

[D]er Erfolg spricht für sich. In anderen Bibliotheken haben sich die Nutzerzahlen verdoppelt, die Anzahl der Entleihungen verdreifacht, so Roscher. Die Stadtbücherei hatte 2008 insgesamt 4 126 Nutzer. 44 Prozent davon sind zwischen sechs und 24 Jahren alt. Also etwa die Zielgruppe von „freestyle“, das 14- bis 24-Jährige ansprechen soll. Im Jahr 2008 kamen 83.200 Besucher, wenn „freestyle“ läuft, könnte die Zahl für 2009 steigen.

Das ist es, was die Sprachnörgler oft nicht verstehen: „Anglizismen“ werden in der Werbung verwendet, weil sie funktionieren. Daran ändert auch die nicht tot zu kriegende Endmark-StudiePDF nichts, die „bewiesen“ hat, dass die Menschen Come in and find out mit „Komm herein und finde wieder heraus“ übersetzen. Denn ob die Konsumenten englische Slogans verstehen steht in keinem Zusammenhang damit, welche Lebensart sie mit ihnen verbinden.

Allerdings lässt sich das Prestige der englischen Sprache nicht beliebig einsetzen:

Gerade für das große Angebot an Musik und Filmen interessieren sich junge Menschen. Über ihre Interessen sollen sie langsam an die Bücherwelt herangeführt werden. „Leseförderung ist nach wie vor unser Ziel, aber dazu muss man erst einmal das Interesse, die Freude und den Spaß wecken.“

Und das ist es, was allzu arg in die englische Sprache verliebte Werbeleute oft nicht verstehen: Nicht jedes Produkt kann glaubhaft in die bunte, globalisierte Wunschwelt eingebunden werden.

Filme und Musik? Natürlich.

Aber Bücher? Wohl kaum.

11 Kommentare zu „Bücher freestyle“

  1. Aber Bücher? Wohl kaum.

    Außer englische Bücher, natürlich 8-)

  2. Wieso koennen Buecher nicht glaubhaft in diese Anglizismen-Kampagne eingebunden werden? Action, SciFi, Mystery etc. sind doch zu 100% etablierte Genre-Bezeichnungen. Wenn die Kids keinen Bock auf Lesen haben liegt das doch wohl nicht daran dass sie das “boys+girls”-Regal nicht fuer glaubhaft genug halten.

  3. Ich wollte gerade sagen, so viele Anglizismen hat diese Bibliothek dann nun wirklich nicht verwendet. Gerade im Kultur- und Medienbereich sind sowohl die von Daniel genannten Begriffe als auch Fantasy, Fun und Reality gängig und etabliert. Jobs ist sowieso ein ganz normales Wort. So bemerkenswert finde ich den Vorstoß aus Suhl daher nicht.

  4. “jugendliche Regale” LOL (ohne Holzwürmer?)

  5. “jugendliche Regale” LOL (ohne Holzwürmer?)

    Meine Vermutung: Jugendstil.

  6. [D]er Erfolg spricht für sich. In anderen Bibliotheken haben sich die Nutzerzahlen verdoppelt, die Anzahl der Entleihungen verdreifacht, so Roscher. Die Stadtbücherei hatte 2008 insgesamt 4 126 Nutzer. 44 Prozent davon sind zwischen sechs und 24 Jahren alt. Also etwa die Zielgruppe von „freestyle“, das 14- bis 24-Jährige ansprechen soll. Im Jahr 2008 kamen 83.200 Besucher, wenn „freestyle“ läuft, könnte die Zahl für 2009 steigen.

    Aus diesem merkwürdigen Absatz kann ich nicht so recht ersehen, wo “der Erfolg für sich spricht”. Aus den Zahlen des Vorjahres kann man das doch wohl nicht erschließen. Was sind das denn für “andere Bibliotheken”? Die bloße Vermutung, daß “die Zahl für 2009 steigen []könnte]”, ist noch kein Erfolg, der für sich spricht. Daß es einen meßbaren Erfolg noch gar nicht geben kann, geht doch klar aus der weiter unten stehenden Feststellung hervor: “Noch müssen sich neugierig gewordene Jugendliche etwas gedulden. Am 19. Mai wird ‘freestyle’ in der Stadtbücherei vorgestellt.”

    Ich wünsche der Stadtbibliothek möglichst großen Erfolg. Daß man mehr Jugendliche gewinnt, wenn man mehr DVD’s, CD’s, Comics usw. anbietet, ist ja nicht unplausibel. Ob dadurch aber junge Menschen “langsam an die Bücherwelt herangeführt werden” können, oder ob sie dadurch eher vom Lesen abgehalten werden, wird sich noch erweisen müssen.

    Und selbst wenn der erwünschte Erfolg einträte, wäre es ja noch völlig unklar, ob die englische Beschriftung der Regale damit auch nur das geringste zu tun hat. Als ich selbst noch Jugendlicher war, habe ich Bemühungen von Erwachsenen, sich durch Verwendung angeblicher “Jugendsprache” anzubiedern, als höchst lächerlich empfunden. So etwas hat mich eher abgestoßen als angelockt.

  7. Wäre es nicht für uns altherkömmlich gebildete besser, die “kids” würden gar nicht lesen lernen? Ich meine, nicht nur dass wir dann automatisch zur immer kleiner werdenden Elite würden, wir hätten auch die Möglichkeit, über die ‘blöden Kinder von heute’ zu schimpfen. Ist doch gar nicht einzusehen, dass Aristoteles sich über die Jugend von damals beschweren kann, unsere Großeltern, unsere Eltern das konnten - wir aber nicht!

  8. @Nörgler: Das Projekt gibt es in anderen Bibliotheken bereits, die Erfolgszahlen stammen also wohl daher. (Eine kurze Google-Suche verweist z.B. auf Bielefeld, Düsseldorf, …)

    “Konzipiert in einer Projektpartnerschaft mit der Stadtbibliothek Mönchengladbach und der ekz Bibliotheksservice GmbH, wird bei “freestyle” konsequent der Grundsatz des Outsourcings bibliothekarischer Tätigkeiten umgesetzt. Modellcharakter erhält “freestyle” durch die bundesweite Vermarktung, die bei Bedarf eine unkomplizierte Nachnutzung durch andere Bibliotheken als Komplettversion oder in einzelnen Modulen ermöglicht.”

    Quelle

  9. „Es wurden bewusst Anglizismen gewählt, weil es die Sprache der Jugendlichen ist […]“

    Nicht schon wieder Erwachsene, die glauben, sie wissen, was… <headdesk>

    Da hat Nörgler recht.

  10. Hat er.
    Und wieso soll Musik problemlos in die bunte, globalisierte Welt übertragen werden können? Etwas pauschalisiert, nicht? Oder wie muß man sich das vorstellen - “Gunther, deiner Bitch ist übel”?

  11. Ich als “Zielgruppe” entwickle persönlich immer eine Art fremdschämen, wenn ich sehe, wie irgendwelche Einrichtungen, die um ihr junges Publikum, bzw. um dessen Nichterscheinen, fürchten, beinahe schon krampfhaft versuchen “hip” und “cool” zu wirken. Da kommen dann so Slogans zusammen wie “Check das aus!”, die völlig an der Alltagssprache der Jugendlichen vorbeiziehen.

    Ich schätze mal, dass die jungen Leute jetzt nicht diese Bücherei besuchen, weil sie so ein modernes (= amerikanisches/intarnationales) Auftreten an den Tag legt, sondern weil sie sehen, DASS etwas für sie getan wird.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.