Metaphorische Gestik

Ein kurzer Hinweis: Mein Münchner Kollege Hans-Jörg Schmid spricht in der Süddeutschen Zeitung vom Samstag und in der BR-Sendung „Sozusagen“ vom 6. März allgemeinverständlich und auf dem Stand der Forschung über Metaphern.

Er spricht dort unter anderem über die Bedeutung, die Metaphern über die Sprache hinaus für unsere Denkprozesse haben und weist unter anderem auf folgende, interessante Quelle für diesbezügliche Evidenz hin:

Eine Frau spricht über eine Beziehung zu einem Mann. Sie sagt, es sei immer so ein Auf und Ab gewesen, es sei von ganz steil oben an und dann nach einer Abflachung immer etwas hoch und runter gegangen. Und dazu macht die Sprecherin eine kreative Kurvenbewegung mit der Hand, während die Metapher - eine Beziehung als Weg, der Höhen und Tiefen hat - ja sehr konventionell ist. Die Gestik zeigt also, dass eine Standard-Metapher trotzdem im Bewusstsein sehr konkret wird, wenn man intensiv über ein Thema spricht — sonst wäre die Handbewegung nicht so bedacht und individuell, also eine metaphorische Gestik, die weit über das Standardrepertoire hinausgeht.

Beobachten Sie doch in den nächsten Tagen mal sich und Ihre Gesprächspartner und suchen Sie nach solchen metaphorischen Gesten. Ich weiß zum Beispiel, dass ich oft diese Geste mache, wenn ich Dinge wie Mach dir darüber keine Sorgen mehr oder Schon vergessen:

Es gibt sicher verschiedene Erklärungen für diese Geste, aber die, die mir spontan einfällt, ist die folgende: In der deutschen Sprache reden wir über die Zeitlinie so, als ob die Zukunft vor uns und die Vergangenheit hinter uns liegt:

  • Da haben wir ein schönes Stück Arbeit vor uns.
  • Wir bewegen uns auf eine Krise zu.
  • Das liegt weit zurück
  • Eine anstrengende Zeit liegt hinter uns.

Und mit meiner Geste verschiebe ich ein Ereignis metaphorisch in die Vergangenheit.

Wer sich wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandersetzen will (Studenten: BA-Arbeitsthemen!), dem sei das folgende Buch meiner Kollegen Alan Cienki und Cornelia Müller als Einstieg empfohlen:
CIENKI, Alan und Cornelia MÜLLER (2009): Metaphor and Gesture. Amsterdam: John Benjamins. [Google Books]

Nachtrag: Wer Probleme mit der verlinkten Videodatei hat, kann sie hier herunterladen:
http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/wp-content/img/geste.m4v (z.B. QuickTime)
http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/wp-content/img/geste.avi (z.B. Windows Media Player, VLC)
http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/wp-content/img/geste.ogm (z.B. VLC)

17 Kommentare zu „Metaphorische Gestik“

  1. Bei einer der letzten Reden unserer Kanzlerin dachte ich noch: Die Gesten sehen so einstudiert aus, daß, egal, was sie dazu sagt, irgendwie unehrlich wirkt/klingt… Gibt es eigentlich auch bei Gestik sowas wie Konversationsmaximen?
    Bei mir selber habe ich festgestellt, daß ich sowohl bei ‘keine Ahnung’ als auch bei ‘x ist heikel’/'kann man nicht mit Gewissheit sagen’ dazu neige, die Finger auseinander zu spreizen - deutet evtl. Offenheit der Entscheidung/im Resultat an - kA.

    P.S.: War C. Müller nicht neulich irgendwo im TV zu sehen? Wenn ich nur erinnerte, wo… *stirnrunzel* *kopfkratz*

  2. Hierzu habe ich folgenden Artikel gefunden, den ich zur Lektüre empfehle:

    SPRACHE UND WAHRHEIT
    Wenn Wissenschaftler lügen

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,614195,00.html

  3. Hm, ich könnte ja jetzt mal provokant sein und fragen, was das mit Linguistik zu tun hat? Oder ich bin selbstkritisch und frage mich, ob Pragmatik nicht doch zur Linguistik dazugehört…

    (Nichts für ungut, aber ich finde fachliche Kontroversen nunmal interessanter als endlose Diskussionen um Religion oder Sprachnörgelei)

  4. “Es konnte kein passendes Plugin gefunden werden.”

    Sagt jedenfalls Firefox, und der Internet Exploder merkt nicht mal, dass es hier etwas auszuführen gibt.

  5. Abzuspielen gibt es diese Datei hier:
    http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/wp-content/img/geste.m4v

    Bei mir spielt es das QuickTime-Plugin ab.

  6. Und hier nochmal im AVI-Format:
    http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/wp-content/img/geste.avi

    Und, um mich vom Bösen zu reinigen, das mich berührt hat als ich die AVI-Datei kodiert habe, auch noch als Ogg-Theora-Datei:
    http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/wp-content/img/geste.ogm

  7. Ein Schatz für die Sammlung metaphorischer Gesten ist sicherlich die Gebärdensprache, die ja genau die im Video dargestellte Geste als “gestern” oder “vergangen” benutzt.
    Weiterhin gibt es natürlich die Hinweise auf bestimmte Körperteile als Ausdruck für bestimmte Gefühle, wie z.B. das Streichen über den eigenen Bauch als Hinweis auf einen guten Geschmack, obwohl der ja nur im Mund, oder noch exakter in der Nase, zustandekommt.
    Da es wissenschaftliche Hinweise darauf gibt, dass die frühkindliche und die frühmenschliche Sprache in erster Linie eine Gebärdensprache ist, ist dieses Thema also Linguistik par excellence.

  8. “In der deutschen Sprache reden wir über die Zeitlinie so, als ob die Zukunft vor uns und die Vergangenheit hinter uns liegt”
    Ich würde sogar meinen, daß das auf absolut jede Sprache zutrifft? Wobei ein Gegenbeweis natürlich spannend wäre, aber Raum -> Zeit ist ja ein absolut standardmäßiger Grammatikalisierungsweg.

  9. P. Frasa (#8), nein, die Versprachlichung von Zeit ist flexibler. Im Mandarin zum Beispiel ist die Zukunft oben und die Vergangenheit unten (Link) und im Aymara ist die Vergangenheit vorne und die Zukunft hinten (Link). Ich nehme an, dass das deutsche Modell statistisch das häufigste in den Sprachen der Welt ist, aber das könnte natürlich ein relativistischer Fehlschluss sein.

  10. Ich habe sogar irgendwo mal eine plausible Erklärung dafür gelesen, warum in (auch) manchen afrikanischen Sprachen die Zukunft hinten imaginiert wird: Die Vergangenheit liegt vor uns im Sichtbereich, die Zukunft ist unsichtbar, also hinter uns. Schon Klasse, dass man alles auch immer anders machen kann. Ähnliche Unterschiede soll es übrigens auch in der Wahrnehmung von Raum und Richtung geben. Wenn ich nur wüsste, wo ich das gelesen habe … Es ging um einen Versuch, bei dem Probanden eine zerstörte räumliche Ordnung sinngemäß wieder herstellen sollten, was Asiaten anders lösen als Europäer (die ersten nach Himmelsrichtung, die letzeren in Bezug auf sich selbst).

  11. Ach so: Welches Plugin brauche ich denn für obigen Inhalt? Mein Firefox sagt immer, ich müsse noch ein Plugin installieren, aber die Automatik gibt nur ein “unbekanntes Plugin” an. Das ist leider etwas zu unspezifisch, da ich zu viele unbekannte Plugins kenne. Und wie nennt man eigentlich Plugins auf deutsch? Stöpsel? Pfropfe? Viele Fragen, wenige Antworten.

    [A.S.: Ich habe oben einen Nachtrag mit Links zu verschiedenen Medienformaten und entsprechenden Programmen eingefügt.]

  12. Die eindringlichste literarische Verarbeitung des Themas “herabsetzende, abwehrende, demütigende, ‘abschneidende’ Geste” ist Ernst Wiecherts frühe Erzählung “Die Gebärde”.

    (Zur Entstehung: E.W. verfaßte diese für ihn untypische Erzählung 1932 und reichte sie für einen Erzählwettbewerb ein; was abglehtn wurde. Er wollte dann den Text integrieren in seine (erste) Autobiographie “Wälder und Menschen. Eine Jugend” (1936).
    Die Erstveröffentlichung kam aber erst nach dem Ende der Nazi-Herrschaft im Jahre 1947 in einem Schweizer Verlag zustande. - Ich verfüge über eine private, nicht veröffentlichte Arbeit über diese Erzählung, hinsichtlich Entstehung, Wortwahl, Stilmittel, paralinguistsiche Gestik, Struktur und Intention…)

    Text der Erzählung im Netz verfügbar:

    http://www.ernst-wiechert.de/Ernst_Wiechert_Der_Fremde/Ernst_Wiechert_Herbig_Die_Gebaerde_und_Der_Fremde.pdf

  13. Im Mandarin zum Beispiel ist die Zukunft oben und die Vergangenheit unten (Link)

    Nein, umgekehrt, heißt es dort. Es wird sogar der Vergleich dazu gezogen, dass man auf dem Computer von oben nach unten liest und nach unten scrollen muss, um in die Zukunft zu kommen.

    Wenn ein chinesisches Buch zwei Bände hat, heißen sie “oben” und “unten” statt “1″ und “2″; längere Serien werden durchnumeriert.

    Nur für Geologen, Paläontologen, und vermutlich Archäologen ist die Vergangenheit unten und die Gegenwart oben! :-)

  14. @Wolfgang Hömig-Groß (10)

    Es ging um einen Versuch, bei dem Probanden eine zerstörte räumliche Ordnung sinngemäß wieder herstellen sollten, was Asiaten anders lösen als Europäer (die ersten nach Himmelsrichtung, die letzteren in Bezug auf sich selbst).

    Solche Versuche wurden u.A. von Mitarbeitern des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik in Nijmegen durchgeführt. Es ging dabei um die Frage, welche Rolle die Sprache für die Raumkognition spielt, also, wie räumliche Wahrnehmung und Orientierung in der jeweiligen Sprache kodiert werden. Die Feststellung, dass Asiaten “es anders machen” als Europäer ist allerdings zu pauschal.
    Bei Sprachen mit einem sog. Absoluten System werden Richtungen im Sinne von Himmelsrichtungen verbalisiert, also z.B.: “Hol mal bitte den Ball, der da süd-östlich von dem Baum liegt. Diese finden sich auf mehreren Kontinenten, sind allerdings relativ selten. Ein in der einschlägigen Literatur häufig genanntes Beispiel ist das Guugu Yimithirr, eine Australische Sprache, der wir das Wort Känguru verdanken (ich schlage vor, dieses schlimme Fremdwort umgehend in “Hüpfbeutler” zu ändern). Die häufigste Variante sind relative Systeme, bei denen Richtungen z.B. entweder in Relation zu Sprecher oder Hörer oder zu explizit benannten Objekten ausgedrückt werden (Hol mal bitte den Ball, der da links vom Baum liegt). Andere Varianten beziehen oft die unmittelbare Umwelt der Sprecher ein, also z.B bergauf/bergab, Richtung Meer/Richtung Land usw. Auf der Homepage der Language and Cognition Group des MPI Nijmegen gibt es eine Reihe von Literaturhinweisen.

  15. Was ich jetzt vergessen habe um den Unterschied zwischen Absolutem und Relativem System zu verdeutlichen: Beim Absolutem System ist es völlig egal, wo Sprecher und Empfänger sich im Verhältnis zum Baum befinden; der Ball wird immer süd-östlich vom Baum liegen. Im Fall des Relativen Systems ist es hingegen wichtig, wo sich Sprecher und Empfänger in Relation zum Baum befinden. Stehen sie nördlich des Baums ist “links vom Baum” ein anderer Ort, als wenn sie südlich des Baums stünden.

  16. Ein in der einschlägigen Literatur häufig genanntes Beispiel ist das Guugu Yimithirr

    In vielen oder allen solchen Sprachen gibt es übrigens auch keine Wörter für “links” und “rechts”. “Schau, da ist eine Ameise auf deinem östlichen Bein!”

    Andere Varianten beziehen oft die unmittelbare Umwelt der Sprecher ein, also z.B bergauf/bergab, Richtung Meer/Richtung Land usw.

    Tlingit: vier Verbpräfixe für “an Land zur Küste”, “an Land von der Küste weg”, “auf dem Meer zur Küste”, “auf dem Meer von der Küste weg”.

  17. argh, dieses Thema jetzt wieder… ich hab meine letzte Seminararbeit genau über dieses Thema verfasst…

    So Systeme wie Guugu Yimitthir oder Tzeltal (benutzt ein “intrinsisches” System, das ist noch mal etwas anders) sind zwar vielleicht selten, aber es ist doch allgemein in einigen Sprachen noch so, daß z.B. “oben” und “unten” eine erhebliche Rolle im linguistischen System darstellen. Wird oft übersehen, wenn man sich am Standard orientiert, aber z.B. in alemannischen oder auch italienischen Dialekten des Alpengebiets ist die vertikale Dimension ziemlich zentral im ganzen Denken und Sprechen verankert. Extremstes Beispiel für so etwas sind aber die Kiranti-Sprachen in Ostnepal, der bislang einzig bekannte Fall von “Höhenkasus” (d.h. verschiedene Lokativkasus je nach Höhe des Objekts relativ zum Sprecher).

    Die Untersuchungen vom MPI sind zwar sehr gut, aber ich denke, nicht ganz so systematisch. Es wird z.B. ausgeblendet, daß wir auch im Deutschen oder Englischen eine Reihe an anderen Möglichkeiten haben, den Raum zu beschreiben, als nur mit “links” und “rechts”, etc. etc. Darauf wird bei Leonard Talmy (”Toward a Cognitive Semantics”) etwas mehr eingegangen.
    Wichtig ist vor allem, daß Sprachen wie Tzeltal und so gewisse Systeme häufiger/spontaner benutzen als wir. Wir können zwar auch Himmelsrichtungen verwenden (”nördlich von…”), aber eben seltener in prototypischen, spontanen Situationen. Ist also letzten Endes wieder eine Frage von “habitual thought”, Whorf läßt grüßen.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.