Rollmöpse und deutsche Sehnsucht

Ich kann gar nicht sagen, was mich mehr erstaunt — die sprachlichen Untergangsphantasien der Sprachnörgler vom Verein deutsche Sprache oder der sprachliche Größenwahn, der sich häufig im Umfeld der „schönsten ausgewanderten Wörter“ breitmacht.

Auf der Webseite des ZDF erfahren wir in dieser Woche:

110 Millionen Muttersprachler, eine der wichtigsten Sprachen Europas: Jetzt widmet sich eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin „Der Sprache Deutsch“.


Aber über diese Ausstellung, die zumindest auf den ersten Blick vielversprechend aussieht, mag der Autor, Dominik Rzepka, dann nichts schreiben. Statt dessen behauptet er, die Ausstellung „zeigt: Deutsche Worte sind auch im Ausland beliebt.“

Und das hilft vor allem Touristen, die im Urlaub ein plötzliches Verlangen nach der heimischen Küche haben:

Kein Wort hat Benedikt Hommel verstanden, als er vor einigen Jahren mit der Aktion Sühnezeichen in Frankreich war. „Als ich eines Tages Essen einkaufen war, rauschte das meiste der Sätze wie fremde Musik an meinen Ohren vorbei.“ Doch dann, plötzlich, sagte die Verkäuferin im Supermarkt ein bekanntes Wort: „Rollmops“. Davon hat Hommel sofort ein paar gekauft.

Eine Art teutonischer pawlowscher Reflex? Aber Herr Hommel und seine Rollmöpse werden uns am Ende des Artikels noch einmal begegnen, also weiter im Text:

„Rollmops“ - in Frankreich ein verbreitetes Wort. Ebenso wie „Kuchen“ in Chile oder „Luft“ im Serbischen - dort kann es allerdings auch „Freizeit“ und „leerer Platz“ bedeuten.

Oder vielleicht auch gar nichts? Spricht eine/r meine/r Leser/innen Serbisch (oder Kroatisch) und kann die Existenz dieses Lehnwortes bestätigen? Oder das alles nur heiße Luft?

„Deutsche Worte, die es in andere Sprachen schaffen, füllen dort ganz oft eine Lücke“, sagt Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Goethe-Institutes. Vor rund zwei Jahren hatten sie und ihr Team in einem Wettbewerb die schönsten ausgewanderten Worte gesucht. „Dabei können auch kleine Nuancen entstehen, kleine Abweichungen von der Originalbedeutung“, erklärt Limbach.

Im Prinzip hat Frau Limbach hier ja Recht. Nur: manchmal ist das, was die Sprachauswanderer da zusammentragen, gar kein deutsches Wortgut, und die Lücken und Nuancen sind imaginär.

Beliebt sind deutsche Worte vor allem, wenn es um große Gefühle geht. „Ich weiß von einer Spanierin, die während ihres Deutschkurses auf einmal das Wort Sehnsucht kennengelernt hat “, sagt Rolf Peter, Projektleiter des Wettbewerbs Ausgewanderte Worte. „Endlich hat sie dieses Gefühl ausdrücken können.“ Schließlich gebe es im Spanischen kein Wort dafür.

Ja, die armen Spanier: verspüren Sehnsucht und können nicht darüber reden. Nein, wahrscheinlich können sie sie nicht einmal richtig empfinden, so ganz ohne Bezeichnung — die sehnsüchtige Spanierin hält das, was ihr da den Magen zusammenzieht, vermutlich für das Ergebnis von zuviel Paella.

Doch halt! Ein Blick ins Wörterbuch zeigt, dass die Spanier tatsächlich nicht nur ein Wort für Sehnsucht haben, sondern sogar vier: el anhelo, la añoranza, el ansia und la nostalgia. Die Sehnsucht ist den Spaniern also offensichtlich mindestens so wichtig, wie den Eskimos der Schnee. Aber wen kümmerts — keins oder vier, das sind doch kalte Zahlen, die kann man im Rausch deutscher Gefühligkeit schonmal verwechseln:

„Wir Deutschen sind vielleicht ein Volk von Dichtern und Denkern“, sagt Jutta Limbach. Gerade deswegen schafften es wahrscheinlich gefühlsbetonte Worte auch in andere Sprachen.

Wir sind Dichter und Denker (übrigens: wie originell!), und deshalb sind wir Autoritäten für alles Gefühlsbetonte? Ja, die Welt kann sich glücklich schätzen, dass es uns gibt:

Sie selber habe viele Kollegen aus dem In- und Ausland, die gerne Gedichte aus dem Sturm und Drang oder der Romantik läsen. „Gerade Eichendorffs Mondnacht kommt sehr gut an“, sagt Limbach. Die deutsche Literatur habe gefühlsbetonte Worte wie „Fernweh“ oder „Heimat“ in der ganzen Welt bakannt gemacht.

Wenn wir schon dabei sind, Anekdoten auszutauschen: Ich habe fast ein Fünftel meines bisherigen Lebens im Ausland verbracht und habe außerhalb germanistischer Institute nie jemanden getroffen, der Gedichte aus dem Sturm und Drang der deutschen Romantik läse. Frau Limbach und ich verkehren offensichtlich in unterschiedlichen Welten (ich nenne meine gerne die „reale“ Welt).

Ins Wörterbuch wollen die Sucher ausgewanderter Wörter aber offensichtlich nicht gucken. Wie sieht es mit einer Googlesuche aus? Ebenfalls Fehlanzeige:

„Auch durch Erfindungen verbreiten sich Worte weltweit“, sagt Rolf Peter. So habe sich der Begriff „Computer“ in vielen Ländern etabliert. Auf diese Weise sei auch das virtuelle Küken „Tamagotchi“ in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen. Und auch englische Tontechniker verwendeten den Begriff „Gestaltmikrofon“. Für Peter nichts Negatives: „Sprache lebt“, sagt er. „Der Austausch sorgt dafür, dass die Sprecher überall auf der Welt einen ausreichenden Wortschatz haben.“

Lieber Herr Peter, ein paar Klicks reichen, um zu zeigen, das nicht einmal deutsche Tontechniker diesen Begriff verwenden. Ich verstehe ja, dass es eine unzumutbare Anstrengung ist, ein Wörterbuch aufzuschlagen, aber ein Wort bei Google eingeben, bevor man sich öffentlich über dessen Existenz auslässt, das müsste doch drin sein.

Ach, ich vergaß: es ist ja Aufgabe der Wissenschaftler, Ihre ausgewanderten Wörter „systematisch zu erforschen“. Nun gut, hier ist mein wissenschaftliche Ergebnis: das Wort Gestaltmikrofon existiert nicht. Das hat irgendein Teilnehmer Ihres Wettbewerbs erfunden, wunschgedacht oder falsch verstanden.

Aber gut, der schöpferische Umgang mit Sprache ist ja eigentlich etwas Schönes — es sei denn, die Deutsche Bahn wird sprachschöpferisch tätig. Das ist dann natürlich streng abzulehnen, kein Wort mehr von „lebender Sprache“:

Dennoch findet Jutta Limbach Sprachschöpfungen wie „Service Point“ albern. „Ich versuche, so oft wie möglich Deutsch zu sprechen, um nicht falsche Weltgewandtheit vorzutäuschen.“ Dennoch gehöre sie nicht zu denjenigen, die englische Wort jagen. Sprachen seien nicht national abgeschlossen, sondern immer im Wandel. „Durch Migration oder Schüler- und Studentenaustauschprogramme findet eben auch ein Sprachaustausch statt - ich finde das positiv.“ Schließlich lerne man so auch etwas von der Mentalität anderer Kulturen.

Und andere Kulturen lernen etwas über unsere Mentalität (und für die gibt es ein französisches Lehnwort):

Auch Benedikt Hommel hat während seines Auslandsaufenthaltes in Frankreich davon etwas gelernt. Vergeblich habe er der Verkäuferin im Supermarkt erklärt, dass es sich bei ihrem „Rollmops“ um ein deutsches Wort handele. „Nein, das ist französisch“, habe diese gesagt. Am Ende hat er aufgegeben: „Geschmeckt haben die Rollmöpse jedenfalls super.“

Ich kann es mir bildhaft vorstellen — Herr Hommel, für den die französische Sprache nur „fremde Musik“ ist, erteilt einer nichts Böses ahnenden Kassiererin in einem französischen Supermarkt eine Nachhilfestunde in Etymologie (welche Sprache hat er dabei wohl verwendet)? Für die Beliebtheit der deutschen Sprache im Ausland muss das ein großer Tag gewesen sein.

Herr Hommel hat bei der Herleitung des Wortes übrigens nur nicht weit genug in die Vergangenheit geschaut: zwar ist die Zusammensetzung Rollmops eine deutsche Erfindung (genau, wie die kuriose Idee, einen Hering um eine saure Gurke zu wickeln), aber das Wort Mops kommt aus dem Niederländischen (von moppen, „mürrisch sein“). Und das Wort rollen — das kommt aus dem Französischen.

38 Kommentare zu „Rollmöpse und deutsche Sehnsucht“

  1. Mmh, ich kenne die Geschichte der Spanierin, die das Wort “Fernweh” kennengelernt hat „Endlich hat sie dieses Gefühl ausdrücken können. Schließlich gebe es im Spanischen kein Wort dafür.” Die stammt aus dem Buch, in dem verschiedene Fremdsprachler über ihr deutsches Lieblingswort schreiben (Sorry, hab den Titel vergessen) (Entshuldigung, darf man “Sorry” hier schreiben?). Vermutlich hatte der gute das nicht mehr so parat gehabt. Sehnsucht und Fernweh sind ja irgendwo ähnlich… :-)

  2. Ich warte immer noch darauf, daß die Lehnwortsucher irgendwann einmal auf Lettisch oder Estnisch kommen, die vor (echten) deutschen Lehnwörtern nur so strotzen. Das läßt sich auch gut erklären: in beiden Ländern gab es vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein eine vor allem deutschsprachige Oberschicht.

    Da muß man sich dann auch nicht irgendwelche Wörter ausdenken, die es dort angeblich geben soll, sondern nur ein bißchen Herumgucken.

    Lettisch z. B. šķiņķis ’Schinken’, ārsts ’Arzt’, brilles ’Brille’
    Estnisch z. B. kunst, reis ’Reise’ (in Tallinn sieht man oft: reisibüroo), politsei

  3. Einige nicht ganz so schöne deutsche Worte hat mal Brigitte Rossigneux in einem Interview mit dem Deutschlandfunk(http://www.dradio.de/dlf/sendungen/gesichtereuropas/758986/ – hier leider schon komplett übersetzt) benutzt: Berufsverbot, Angeber und Großredaktion.
    Ob das nun ein Zeichen an den Gesprächspartner war oder die »übliche« Wortwahl – das kann ich nicht beurteilen.

  4. > Wir sind Dichter und Denker (übrigens: wie originell!), und deshalb sind wir Autoritäten für alles Gefühlsbetonte? Ja, die Welt kann sich glücklich schätzen, dass es uns gibt […]

    Vor allem dank lexikalischer Exportschlager wie dem Führer, dem Blitz(krieg) und ähnlichen Schmuckstücken im Webster’s

  5. @Jens
    Zumindest bei politsei (ich gehe davon aus, dass es Polizei bedeutet) kann man wohl kaum von einem deutschen Wort sprechen. Allenfalls ist es ein griechisch-stämmiges Fremdwort, das (über das Deutsche?) seinen Weg ins estnische gefunden hat. Ähnliche Worte gibt es schließlich auch in anderen europäischen Sprachen (bspw. engl./frz. police, span. policía, schwed. polis usw.)

    @Anatol
    Die beiden Google-Links, die sich auf Herrn Peter beziehen, funktionieren so nicht (falsche „Sorte“ Anführungszeichen…)

  6. Vielleicht wurde “gestaltmicrophone” mit “installed microphone” verwechselt.

  7. Ich hab Sehnsucht im OED nachgeschlagen, es ist offensichtlich seit mitte 19. Jh. im Englisch gebracht. Heimweh gibt es seit dem 18. Jh, Fernweh ist unbekannt.

    M.W. wurde Sturm und Drang z.B. in Holland und Japan intensiv gelesen, dann aber in die eigene Literatur aufgenommen. Es gibt jede Menge (meiner Meinung nach schreckliche) Sturm und Drang Literatur auf Holländisch. Wenn heute also jemand so etwas lesen will, dann tut er es in seiner Muttersprach-Literatur und weiss nicht mehr, dass die Entwicklung ursprünglich aus dem deutschen Sprachgebiet kam.

  8. Natürlich sind nicht alle von mir genannten Wörter ursprünglich germanisch. Das ist für ein Lehnwort ja auch nicht Voraussetzung. Deutsch ist aber eben die Sprache, von der aus entlehnt wurde.

    Man bezeichnet Wörter wie Training oder Recycling ja auch als englische Lehnwörter, obwohl sie nicht ursprünglich englisch sind ;)

  9. Das mit dem Mikrophon ist wirklich verwunderlich. Man kommt schwerlich dahinter, was gemeint sein könnte. Vielleicht ein Gefell-Mikrophon vom Hersteller Gefell? Oder gar kein Mikrophon sondern die Gestaltpsychologie, die im Englischen Gestalt psychology heißt? Andererseits gibt es das Wort Mikrogestalt, das mit Tontechnik nix zu tun hat.
    Letztendlich spielt das auch nur eine untergeordnete Rolle. Tatsache scheint, dass alle möglichen Leute mitreden möchten, wenn es um Sprache geht, vor allem um die offensichtlichen Dinge wie Fremdwörter. Klar, da kann man ja auch darüber schön lästern. Fängt man aber mal mit Wortbedeutungen an und skizziert diese als nicht unbedingt das gleiche als das Wort an sich, dann wollen die meisten Leute die Konversation lieber wieder auf die bösen Anglizismen lenken, weil es ihnen schnell zu kompliziert wird.
    Dabei möchten sie natürlich auch nicht wissen, dass wir oft nur eine spezifische Wortbedeutung importieren, nicht das Wort an sich.
    von dem her ist dieses Blog hier die letzte Bastion sprachwissenschaftlicher Vernunft. Den meisten fachlich kompetenten Schreibern dürfte das ganze Plädieren und Erklären zu mühselig sein, wo doch niemand eigentlich wissen will, wie’s wirklich funktioniert.

  10. Jetzt bin ich aber doch ein bisschen entsetzt, dass leo.org, ein liebenswertes Amateurprojekt, hier als Beweis angeführt werden soll, dass Sehnsucht im Spanischen keine genaue Entsprechung hat. Ich habe keine Ahnung, ob es stimmt, weil ich kein Spanisch kann, aber in leo.org steht’s bestimmt nicht vernünftig drin.

  11. @2 jens:
    “…warte immer noch darauf, daß die Lehnwortsucher irgendwann einmal auf Lettisch oder Estnisch kommen, die vor (echten) deutschen Lehnwörtern nur so strotzen.”

    szerbusz!*
    oder ungarisch. das wimmelt geradezu vor magyarisierten lehnworten (und dann vor allen dingen spiegelübersetzungen)…

    (*und jetzt komme keiner und erzähle von lateinischen lehnwörtern!)

  12. Man darf bei der Verwendung deutscher Wörter in Südamerika auch nicht vergessen, wieviele Deutsche dahin gleich nach 44/45 dorthin ausgewandert sind. ;)

  13. Sabine (#10), nichts gegen Leo.org! Mein Spanisch ist zwar sehr eingerostet, aber di vier Wörter, die dort angeführt werden, sind garantiert spanische Entsprechungen für sehnsuchtartige Gefühle: anhelo und ansia ist so etwas wie ein sehnsüchtiges Verlangen; añoranza ist am direktesten mit „Sehnsucht“ oder, in entsprechenden Kontexten, „Heimweh“ zu übersetzen, es schwingt darin immer ein Gefühl von Verlust mit; nostalgia kann mit „Nostalgie“ (Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit) aber auch „Heimweh“ oder „Sehnsucht“ (z.B. nach alten Freunden) übersetzt werden. Eine „genaue Entsprechung“ gibt es nicht, aber das liegt schlicht daran, dass es selten bis nie ein 1:1-Verhältnis zwischen den Wörtern zweier Sprachen gibt.

  14. Aber da leo.org keine Beispiele bringt und auch sonst nichts zur Verwendung der Worte sagt, kann der Sprachlernende nicht erkennen, wie er das Wort verwenden soll und fällt garantiert auf genau das falsche Wort rein.

    Ich mag an leo.org, dass sich da Leute bemühen, fremdsprachliches Vokabular unter die Leute zu bringen; für jemanden, der etwas in einer Fremdsprache schreiben soll, die er nicht so gut kann, ist es eine fatale Quelle. Aus Aufsätzen habe ich schon die aberwitzigsten und unerklärlichsten Fehler rausgeklaubt, die dann mit “aber so steht’s bei leo.org” erklärt wurden.

  15. „Ich versuche, so oft wie möglich Deutsch zu sprechen, um nicht falsche Weltgewandtheit vorzutäuschen.“ Sie meint wohl “fehlende”.

  16. >>#14: Die genaue Verwendung zu dokumentieren ist auch nur eingeschränkt der Sinn eines zweisprachigen Wörterbuches! Ich würde jede Wette eingehen, daß man dieselben Fehler bei Sprachanfängern mit einem regulären print-Wörterbuch findet. Mit etwas Sprachgefühl und ggf. der Fähigkeit, kritisch zu googlen, sticht leo die gedruckte Konkurrenz was Praktikabilität und Geschwindigkeit angeht ohne Frage aus.

  17. Für mich ist Serbisch zwar auch nur (bestenfalls halb erlernte) Fremdsprache, aber das Wort ‘Luft’ ist mir bisher noch nicht im alltäglichen Sprachgebrauch untergekommen - laut Goethe-Institut aber offenbar tatsächlich vorhanden (http://www.goethe.de/z/pro/wort/popup/22.html). Gerade für die Sprache gibt es aber sicherlich sehr viel bessere Beispiele von nicht nur irgendwo vorhandenen, sondern auch wirklich normal benutzen Lehnwörtern. Spontan fallen z.B. paradajz (Paradiesapfel, also Tomate), kelner (Kellner) und luster (Luster, also Kronleuchter) ein.

  18. >> # 17 : paradajz kommt aber da auch nur über Umwege von “Paradeisapfel”. Der Ursprung des Wortes dürfe im österreichischen “Paradeiser” liegen, welcher sich von besagten Paradiesapfel ableitet.

    Wobei man da nicht vergessen sollte das Kroatien (in dem ja auch serbo - kroatisch gesprochen wird) bis 1918 zu Österreich - Ungarn gehörte und es dort eine deutschsprachige Oberschicht gab.

  19. Rajsferšlus.

  20. Aber noch besser ist krompir. Das kommt von den steirischen Grundbirnen, also Erdäpfeln, also Kartoffeln. Slowenisch krumpir, falls ich mich richtig erinnere.

  21. Ich bin eben noch über ein interessantes ‘englisches’ Wort gestossen:

    “This morning we’ve been barraged with tips alerting us to the news that President Obama has won his struggle to keep his (apparently deeply loved) BlackBerry — a device which has historically been verboten in the White House due to security concerns.

    Mir ist das Wort nicht bekannt, der OED kennt es aber und gibt ein witziges Beispiel aus dem Jahre 1918, wo das Wort offenbar das erste Mal gebraucht wird: “8 Meads towards Haslingfield and Coton Where das Betreten’s not verboten.”

  22. Verboten findet man zumindest im amerikanischen Englisch öfter, in der ironisierenden Bedeutung “verboten, weil es als ganz, ganz schlimm gilt”.

  23. Ich habe einen eMailfreund aus Italien, der liebend gerne deutsche Gedichte liest, wenn auch mit Wörterbuch, oder mich nach einer Übersetzung fragt. Aber ich gebe zu: Er ist wohl eher die Ausnahme, denn er regt sich regelmäßig darüber auf, dass es in Italien kaum Literatur dazu gibt, selbst zu solchen Koriphäen wie Anette von Droste-Hülshoff nicht…

  24. Daß es ein Wort “Gestaltmikrofon” im Englischen nicht gibt, ist nicht überraschend. Allerdings findet eine Google-Suche immerhin zwei, wenn auch reichlich obskure Belege für “gestalt microphone”, was immer das auch heißen mag. Das ist aber immer noch besser als die eine Fundstelle für das “Handy” in einem englischen Roman, die hier breitgetreten wurde.

    In einer Werbung für ein Mikrophon- und Lautanalysesystem finde ich auch den Ausdruck “contour edition (Gestalt interpretation)”.

    Zweifellos ist das Wort “gestalt” oder “Gestalt” im Englischen recht verbreitet (ca. 10 Mio Fundstellen bei Google). Dabei scheint es Bedeutungen anzunehmen, die sich einem deutschen Muttersprachler nicht unmittelbar erschließen. Es ist inzwischen geradezu ein Modewort geworden, das man - ob es paßt oder nicht - einstreuen kann, um seine Inetellektualität zu beweisen. Insofern erinnert es durchaus an gewisse Anglizismen im Deutschen, ob sie nun Weltgewandtheit ausdrücken oder nicht. Wenn man nicht sehr firm im Englischen ist, ist das aber nicht zu empfehlen - man kann sich sehr leicht damit blamieren.

    Den “Rollmops” gibt es auch im Englischen (Deutschland mal wieder Exportweltmeister!). Übrigens finde ich die Idee, einen Hering um eine saure Gurke zu wickeln, nicht kurios, sondern geradezu genial (”Deutschland - Land der Ideen”!). Dabei darf man aber nicht die Zwiebeln vergessen!

    Ob aber das Wort “Mops” aber aus dem Niederländischen stammt, erscheint mir recht zweifelhaft. Im Grimmschen Wörterbuch heißt es dazu u.a.:
    das zufrühest aus dem ende des 16. jh. hier nachgewiesene wort, eine masculinbildung wie tapps, runks, schnaps u. a., mitteldeutschen und niederdeutschen gepräges, geht zunächst auf einen menschen, an dessen gesichtsausdruck anknüpfend, und hängt mit dem verbum niederl. moppen, das gesicht verziehen, westfäl. möpen, gesichter schneiden (WOESTE 177b), engl. mop, gesichter ziehen, ein schiefes maul machen, zusammen. Jedenfalls dürfte es im 16. Jh. noch keine klare Unterscheidung zwischen Niederländisch und Niederdeutsch gegeben haben.

  25. @Nörgler (24)

    Gestalt:
    Die “gestalt” im Englischen dürfte mit der Gestaltpsychologie eingewandert sein und vor allem mit deren Bedeutung verbreitet worden sein. “The Gestalt effect refers to the form-forming capability of our senses” (http://en.wikipedia.org/wiki/Gestalt_psychology)
    Das ist so breit und wolkig, das kann man in viiiiieeelen Kontexten unterbringen und beweist Bildung…

    Der Mops lebt noch: Der Ausdruck jm. “mopst sich” für schmollen oder sich mißmutig herumdrücken wird noch benutzt (ich hörte ihn von Ostpreußen etwa Jahrgang 1920-30).

  26. An Nörgler (#24): Dass “gestalt” im Englischen so breit vertreten ist, dürfte zu einem nicht kleinen Teil an der gleichnamigen wahrnehmungspsychologischen Richtung liegen, welche zu Beginn des 20. Jhds. im deutschsprachigen Raum vertreten und in alle Welt exporiert wurde.

  27. Daß man das Wort “luft” beim “Cruiser Dictionary” nicht findet, erscheint mir kein hinreichender Grund zu sein, die Aussage der Serbin Sonja Šcepanovic (http://www.goethe.de/z/pro/wort/popup/22.html) zu bezweifeln. Dieses Wörterbuch kennt ja auch nicht das Wort “Freizeit”.

    Unter Anwendung der bewährten wissenschaftlichen Methode der Google-Suche finde ich auf Anhieb in einem Slang-Wörterbuch folgende Definition (http://vukajlija.com/luft):

    luft
    Pozajmljenica iz nemačkog. Tamo znači vazduh, a kod nas je više prostor, razmak, mesta da se razmaše neko ili nešto. Sve je počelo sa našim majstorima koji su pekli zanat od švapskih - i usvojili luft, veker, cangle, ciger…nažalost dezadorans nisu naučili.

    Da ich kein Serbisch kann, verstehe ich die Definition nicht. Vielleicht kann uns ein Forumteilnehmer aufklären?

    Natürlich mag man sich fragen, ob solche Wörter eines sehr speziellen Vokabulars gute Beispiele für “ausgewanderte Wörter” sind. So gibt es das Wort “luft” lt. Wikipedia ja sogar im Englischen, allerdings nur in der Fachsprache des Schachspiels. Dagegen gehört “Zugzwang” durchaus zum gebildeten englischen Wortschatz.

  28. Im Russischen gibt es ebenfalls viele schöne deutsche Lehnwörter, manche davon können auch Holländischen Ursprungs sein:

    Buterbrod = belegtes Brot, meist aber ohne Butter.
    Schlagbaum = Schlagbaum
    Schtraf = Geldstrafe
    strafowat’ = mit einer Geldstrafe belegen
    Schtrafnaja = Glas, das ein Zuspätgekommener leeren muß, um auf den selben Alkoholpegel zu kommen,
    wie der Rest
    Parikmacherskaja = Frisuerladen
    Galstuk = Krawatte (von Halstuch, “H” in Fremdwörtern wird im Russischen wie “G” gesprochen)
    Botsman = Bootsmann
    Junge = Schiffsjunge

    Natürlich gibt es auch sehr viele französische Lehnwörter, das Französisch in der Russischen Oberschicht genauso verbreitet war wie in Deutschland.

  29. das Französisch in der Russischen Oberschicht genauso verbreitet war wie in Deutschland.

    Mehr noch: die Oberschicht wurde jahrhundertelang auf Französisch erzogen.

  30. Ebenso wie „Kuchen“ in Chile oder „Luft“ im Serbischen - dort kann es allerdings auch „Freizeit“ und „leerer Platz“ bedeuten.
    Spreche ich gleich Serbisch, wenn ich sage: “Sie können Freitag kommen. Da habe ich noch Luft.” Hin und wieder sollen ja auch in Kursen noch Luft drin sein. Also irgendwie verstehe ich das “allerdings” nicht so recht …

    Zur Gestalt: In der Tat habe ich ein einer englischsprachigen”Wikipedia” – ich glaube es war en.wiktionary – mal den Hinweis gelesen, dass es vor allem mit Hinweis auf Psychologie verwendet würde. Ich möchte aber ergänzend darauf hinweisen, dass es bis heute ein Framework für OS-X-Entwickler gibt, dass einen … tada … “Gestalt Manager” enthält.
    http://developer.apple.com/DOCUMENTATION/Carbon/reference/Gestalt_Manager/Reference/reference.html

    Hier geht es wohl um eine abgeleitete philosophische Bedeutung, da man mittels des Gestalt-Managers erfahren kann, auf was für einen Computer man denn gerade so als Programm läuft.

    Discussion
    The Apple-defined selector codes fall into two categories: environmental selectors, which supply specific environmental information you can use to control the behavior of your application, and informational selectors, which can’t supply information you can use to determine what hardware or software features are available. You can use one of the selector codes defined by Apple or a selector code defined by a third-party product.

  31. Ein Ess nehme ich zurück … *g*

  32. die von Herrn Marjanovic zitierten Begriffe Rajsferšlus und krumpir fand ich witzig. Als geborene Pfälzer sagen wir “Krumbeere” zu den Kartoffeln oder “Schesslong” zum Sofa. Warum heißen Wiener Würstchen in Schwaben “Saiten” ? Sicherlich nicht weil sie gut klingen…. Die Kartoffel ist dort übrigens die “Ebbiire”. Ich finde Sprachgeburten egal von welcher Seite sie original kommen oft recht nett und würde nur ungern darauf verzichten.
    Den Deutschen mit dem vom Autor zitierten “französischen Lehnwort” als PEDANT zu bezeichnen ist einseitig. Er ist nun mal gründlich aber nicht von Natur aus schlecht!!

  33. @27: Eine rasche Übertragung der Definition ins Deutsche wäre:

    luft
    Lehnwort aus dem Deutschen. Dort bedeutet es Luft, und bei uns ist es eher Raum, Zwischenraum, ein Ort, wo sich jemand oder etwas ausbreiten kann. Alles hat mit unseren Meistern begonnen, die ihr Handwerk von den Schwaben abgekupfert haben - und sich luft, veker, cangle, ciger angeeignet haben … leider haben sie Deodorant nicht gelernt.

    Beste Grüße,
    K.

  34. @33
    Vielen Dank an K.
    Diese Bedeutung von “luft” im Serbischen entspricht ja, wie Amin Negm-Awad bemerkt hat, durchaus auch der Bedeutung im Deutschen im Ausdruck “sich Luft verschaffen” und in der englischen Schachsprache. Man schafft dem König “Luft” (Bewegungsspielraum), damit er sich einem drohenden Schachmatt entziehen kann.
    Können Sie uns vielleicht als Serbischkenner auch noch sagen, was veker, cangle und ciger im Serbischen bedeuten? Ich würde ja vermuten Wecker, (kleine?) Zange und Zeiger. In der Tat finde ich bei www.vokabular.org für veker die Herkunft Wecker. Cangle finde ich anderswo in Zusammenhang mit “nail cutter”, was auf “Zange” zumindest hindeutet. Ciger finde ich auf Anhieb nicht.
    Zu “luft” finde ich auf der genannten Internetseite noch luft-linija, luftbalon und luftirati (lüften).

  35. oder “Schesslong” zum Sofa.

    Chaise longue.

    Das g in ciger ist das stumme h, das (im Schraubenzieher) in den bairisch-österreichischen Dialekten als /g/ auftaucht.

  36. (Also überhaupt in ziehen, nicht nur im Schraubenzieher.)

  37. Schldkroete (#32): Die Würstchen heißen “Saiten”, weil es sich um “Saitenwürstchen” handelt. Damit ist gesagt, dass sie im Naturdarm stecken, aus dem man ursprünglich (und teilweise heute noch) Saiten für Musikinstrumente macht.

    Leider ist mir nicht klar, ob es ursprünglich ein Wort für den Darm war, das dann die Bedeutung des daraus gefertigten Gegenstands angenommen hat, oder ob die Schwaben aus der Instrumentensaite den Rückschluss auf das Material gezogen haben. Aber vielleicht weiß das ja jemand hier?

  38. Grumbiere kenne ich von meiner Mutter, die aus dem Kraichgau stammte. Die Krume ist die Erdkrume, die noch an deren Schale anhaftet, und Biere = Birne hängt doch eng mit dem Erdapfel zusammen.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.