Happy Birthday, Noam Chomsky

Noam ChomskyAls Sprachwissenschaftler habe ich eine gemischte Meinung zu Noam Chomsky. Einerseits haben seine Arbeiten in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts dazu beigetragen, aus der Sprachwissenschaft eine eigenständige akademische Disziplin zu machen, andererseits haben seine Ideen und sein autokratischer Wissenschaftsstil dieser Disziplin danach mehr geschadet als genützt. Besonders merkwürdig an ihm ist, dass dieser autokratische Stil so gar nicht zu seinen politischen Überzeugungen passt: „Was Chomsky in der Linguistik macht“, hat sein ehemaliger Student George Lakoff einmal gesagt, „ist genau das, wogegen er in der Politik kämpft: Er beutet Menschen aus. Er duldet es nicht, dass ihm irgendjemand widerspricht.“ Aber was solls, der Mann wird heute achtzig Jahre alt, und deshalb: Herzlichen Glückwunsch.

Bildnachweis. „Chomsky at the Orpheum“ [Link], © 2004 by thelastminute, CC-BY-2.0. Bearbeitung: A. Stefanowitsch 2008.

14 Kommentare zu „Happy Birthday, Noam Chomsky“

  1. “sein autokratischer Wissenschaftsstil” - gibt es das auch konzise irgendwo ausgeführt für Leute, die nicht so im sprachwissenschaftlichen Diskurs drinstecken?

  2. Konzise — weiß ich nicht. Aber sehr interessant (für Leute, die sich entweder für Chomsky oder für die Ideengeschichte der generativen Grammatik interessieren) in Randy Allen Harris’ The Linguistics Wars.

  3. Chomskys Idee der UG/GG (universellen/generativen Grammatik) ist nicht zuletzt deshalb ein Geschenk für die moderne Linguistik, weil man an ihr wunderbar zeigen kann, welche Irrwege Sprachwissenschaft beschreiten kann, wenn sie alles Kulturelle kategorisch ausblendet. Ein äußerst wichtiger Irrtum. Chomsky hat ihn mit der ihm eigenen Sturheit ausziseliert.

  4. TK (#3): Neu ist mir, dass Chomsky alles Kulturelle kategorisch ausblenden wollte. Bisher dachte ich armer Mensch, es ginge ihm - ausgelöst von der wirklich nicht trivialen Frage der Lernbarkeit - um grammatische Strukturen und die Frage, welcher Anteil davon in den Sprachen der Welt auf einem universal gültigen Kern beruht und welcher Anteil sprachspezifische Peripherie ist.

    Die Hypothese, die zu widerlegen schwierig sein dürfte, ist ja, dass es einen gemeinsamen Kern gibt. In praxi haben allerdings viele Leute versucht, alle möglichen Phänomene als zum Kern gehörig zu erklären, die wahrscheinlich in der Peripherie besser aufgehoben wären, z.B. das deutsche Mittelfeld. Das dürfte gut damit zu erklären sein, dass Arbeit an der Großen Einheitlichen Theorie mehr Sex Appeal hat als das Klein-Klein der Peripherie…

  5. An TK: Schonmal daran gedacht, dass man überhaupt keine Aussagen über Sprachverwendung machen möchte, sondern einzig über Sprachstruktur?

  6. Achim (#4): Dass es einen gemeinsamen Kern gibt, halte ich für wenig kontrovers — ich kenne niemanden, der das nicht annimmt. Und in der Tat wäre es auch schwer, das einfach pauschal zu widerlegen. Das Problem ist nicht das „ob“ sondern das „warum“. Ich löse bei meinen Kollegen häufig erstaunen aus, weil ich (trotz meiner kognitiv-funktionalistischen Grundorientierung) die Idee eines angeborenen Spracherwerbsmechanismus nicht für grundsätzlich falsch halte — allerdings als Hypothese, nicht als Vorannahme. Nur müsste diese Hypothese spezifisch genug formuliert werden, um sie widerlegbar zu machen. Chomskys Argumente für eine Universalgrammatik sind aber nur nachvollziehbar, wenn man ohnehin an diese UG glaubt. Eine der Grundvoraussetzungen für eine saubere Formulierung einer solchen Hypothese wäre in der Tat eine genaue Vorstellung davon, was zu einem universellen Kern gehört und was nicht. Und darüber, da stimme ich Ihnen völlig zu, macht sich kaum jemand ernsthafte Gedanken (ich lasse Chomsky-Hauser-Fitch mal außen vor, bis sich zeigt, ob dieser Vorschlag ernst gemeint war). Die HPSG könnte da eher ans Ziel kommen, wenn ich an Ackermanns und Webelhuths grammatische Archetypen denke, die sich quasi induktiv aus der formalen Beschreibung möglichst vieler Sprachen ergeben könnten. Nur sehen die dann eben wenig angeboren aus, sondern vielmehr so, als seien sie durch die Kernfunktionen von Sprache geformt, die ja ihrerseits auf jeden Fall universell sind.

  7. Achim (#4): Chomskys Perspektive war und ist so gewählt, dass sich die Frage nach Zeifelsfällen in einer Sprache gar nicht stellt. Sätze sind eben genau das, was eine “grammatische Vorrichtung” hervorbringt. Mit kulturell meine ich nun genau den Aspekt von jeder natürlichen Sprache, der für Chomsky uninteressant ist: Prägung der Sprache durch ihre Sprecher und ihr Handeln, ihre kommunkativen Koorientierungen etc.

    Das Bedenkliche an Chomsky ist ausdrücklich nicht seine Hypothese (und das wird sie auf ewig bleiben, da sie schlechterdings nicht bewiesen werden kann), sondern ihr Geltungsanspruch. Man kann und darf Sprache natürlich auch unter einer eher biologischen Perspektive in den Blick nehmen, nur muss man sich eben der Grenzen dieser Perspektive bewusst sein. Chomsky und seine geistigen Söhne und Töchter betrieben und betreiben allerdings zu großen Teilen einen wissenschaftlichen Feldzug, an dessen Ende ein “Alleinerklärungsanspruch” zu befürchten ist.

    Sprache ist eben auch entscheidend sozial und kulturell geprägt. (Die Untauglichkeit von Übersetzungsprogrammen gibt das augenfälligste Zeugnis hierfür ab.) Wer “Sprache” aber mit (hypothetischen) Strukturen gleichsetzt, ohne sich (und seinen Lesern) selbst die begrenzte Reichweite dieser Gleichsetzung bewusst zu machen, handelt in meinen und den Augen vieler anderen wissenschaftlich fahrlässig.

  8. Noam Chomsky hat immerhin nicht nur die GTG, sondern auch (polemischen) Stil und Sprachkunst in die Linguistik eingeführt. Bis dahin galt für die Sprachwissenschaft: Die Schuster tragen die schlechtesten Schuhe. Die ‘Linguistik als Teil der Psychologie’ zu betrachten, und andere Verirrungen mehr, das ist dagegen in meinen Augen Mumpitz.

  9. Hypothese (und das wird sie auf ewig bleiben, da sie schlechterdings nicht bewiesen werden kann)

    *heul* *schluchz*

    Bitte. Wissenschaft! In der Wissenschaft kann sowieso nichts bewiesen werden, nur in der Mathematik und der formalen Logik. Wissenschaft kann nur widerlegen.

    Der Unterschied zwischen Hypothese und Theorie ist ein Größenunterschied: eine Theorie (Evolutions-, Relativitäts-, Theorie der Quantenelektrodynamik…) erklärt einen erheblichen Teil der Welt, eine Hypothese viel weniger.

    Der Unterschied zwischen Theorie und Fakt ist kein Altersunterschied (Theorien wachsen nicht zu Fakten heran). Er ist qualitativ. Theorien erklären Fakten.

  10. Anatol (#6), TK(#7): Die “generative Grammatik”, um mal diesen irreführenden Oberbegriff zu benutzen, hat in ihrer Geschichte ja einige Wandlungen durchgemacht. Ursprünglich war sie ja als ein Regelwrrk zur Produktion von sprachlichen Äußerungen verstanden worden, d.h. ein Apparat, der Sätze erzeugt, mit der Vorstellung, dass das tatsächlich in unseren Köpfen abläuft, wenn wir Sätze bilden. Mein Lieblingsbeispiel in dieser Richtung ist Brian Newtons Generative Interpretation of Dialect, wo mit “rule reordering” erklärt werden soll, warum Varietäten einer Sprache voneinander abweichen.

    Ich habe die UG in meiner aktiven Zeit (die schon eine Weile her ist) eher als eine Sammlung von Wohlgeformtheitskriterien verstanden, die in irgendeiner (noch unbekannten) Form die unserer Sprachfähigkeit zugrunde liegenden kognitiven Strukturen repräsentieren. Über die sich entwickelnde Kindersprache sollte erkennbar sein, was an verschiedenen Sprachen offenbar auf universal gültige Struktureigenschaften zurückgeht und was sprachspezifisch ist.

    Besonders spannend fand ich in meiner eigenen Arbeit die Grenzziehung zwischen Syntax und Semantik, konkret: die genaue Analyse der sprachlichen Entwicklung in Bezug auf verschiedene Wortarten. Hier konnte die UG in meinen Augen ihr Erklärungspotenzial entfalten und gleichzeitg wurden Grenzen der rein syntaktischen Analyse deutlich.

  11. Das Problem ist ja nicht nur, daß gewisse Hypothesen von Chomsky nicht verifiziert werden können (das ist in der Tat schwer zu bewerkstelligen), sondern mehr, daß sie den meisten anderen Erkenntnissen aus der Anthropologie, usw., widersprechen, soweit ich das verstehe. Ich habe jedenfalls mehrfach gelesen, daß man heute davon ausgeht, die Sprachfähigkeit sei kein spezifisches Prinzip des menschlichen Hirns, sondern ein quasi “zufälliger” Zusammenschluß vieler eigentlich anders genutzter Hirnfunktionen. Damit wird die Betrachtung von Sprache als in sich geschlossenes System, das unabhängig von anderen Prozessen des menschlichen Hirns existiert, m.E. hinfällig. Ein anderes Problem betrifft das “poverty of stimulus”-Argument, das auch eher unplausibel erscheint, wenn man sich vor Augen führt, daß Babytalk nicht der einzige linguistische Input ist, den ein Kind erhält. Und schließlich ist die Annahme, Sprache würde sich jeweils von Generation zu Generation sprunghaft verändern, weil die Kinder die Sprache ihrer Eltern “falsch” interpretieren, auch kaum glaubwürdig (z.B. weiß man, daß Kinder nicht dieselben sprachlichen Fehler machen wie Erwachsene bzw. daß die Fehler von Kindern von ganz anderer Art sind als die typischen Muster, nach denen Sprache sich verändert).

    Über diese Grundannahmen hinaus, sind noch einige andere Dinge störend: Das eine ist die Hyperfokussierung auf gewisse Elemente, unter kompletter Ausblendung von anderen. Das Kulturelle wurde genannt. Allgemein kann man sagen, daß Linguistik unter dem chomskyanischen Paradigma viel zu sehr nur noch Tatsachen erklärt, statt sich um die (m.E. spannenderen, aber das muß man natürlich selbst wissen) Fragen zu kümmern, wieso das so ist. Dabei führen funktionale Analysen, die sich bemühen, kommunikative Strategien aufzudecken, oft zu erstaunlich viel einleuchtenderen Resultaten (auch wenn ihre Gültigkeit natürlich oft schwer zu überprüfen ist) als reine Formalismen. Außerdem ist es einfach erstaunlich, wie sehr etwas exotischere Sprachen von Generativisten gemieden werden. Ich glaube, es gibt keine generative Grammatik des Thai, oder so. Hier zeigt sich halt einfach, daß die Annahmen, die ausgehend vom Englischen (und vllt. von gewissen anderen europäischen Sprachen) gemacht werden, selten für Sprachen zu gebrauchen sind, die ganz anders funktionieren. Schon nur Sprachen mit head-marking oder solche, die den Konstituentenbegriff zumindest in gängiger Form ziemlich dehnen(allein schon Latein), werden absolut unter den Tisch gekehrt. Aber auch schon für Sprachen wie das Deutsche wird m.E. total an den empirischen Fakten (den tatsächlichen Äusserungen von Sprechern) vorbeiargumentiert, wenn man ständig mit Beispielsätzen wie “welche Frau glaubt der Lehrer hat jeder Schüler hofiert” (kein Witz) argumentiert, die wohl nie jemand äußern würde, um auf irgendeine krumme Art und Weise (was normalerweise auf Introspektion hinausläuft) herauszufinden, welches genau der Quantorenskopus in diesen Sätzen ist.

    Und zuletzt bleibt, was im Artikel angesprochen wurde: Ein Diskurs, der einfach die Leitplanken eines sauberen Wissenschaftsstils nicht beachtet. Stattdessen hat man oft das Gefühl, es handle sich um einen Glauben, der keinen Widerspruch dulden darf. Vielleicht ist das eben doch auch politische Agenda - sich der Tatsache verweigern, daß es eben doch Unterschiede gibt zwischen den Menschen, und nicht alles gleich (”psychic unity of humankind”) ist.

    Um Chomsky doch eine Ehre zu erweisen: Ich glaube, im Gebiet der Informatik hat er durchaus wichtige, d.h. praktikable Erkenntnisse geleistet, ich denke dabei an die Chomsky-Hierarchie, etc., die sich sicher bewährt. Aber der Fehler war dann wohl zu unterstellen, daß natürliche Sprachen genau wie formale Sprachen funktionieren.

  12. Beispielsätzen wie “welche Frau[,] glaubt der Lehrer[,] hat jeder Schüler hofiert” (kein Witz) argumentiert, die wohl nie jemand äußern würde

    Ich schon. Also, grammatikalisch gesehen, und wenn ich ihn richtig interpretiert habe (also die Beistriche stimmen).

    Da sollte ich allerdings dazusagen, dass man das Fusionsprodukt von glaube ich in meinem Dialekt wahrscheinlich besser als Adverb, als eigenes Lexem, auffasst.

  13. P. Frasa (#11): Es stimmt sicherlich, dass viele Generativisten den Eindruck machten, einer Orthodoxie anzuhängen. Das hat allerdings bei vielen Nicht-Generativisten zu einem ähnlichen Verhalten geführt. Rückblickend erscheint mir das größte Manko, dass unklar ist, worüber man eigentlich Hyothesen aufstellt, was also der Gegenstand ist. Klar ist inzwischen nur, dass die Formalismen der generativen Grammatik keinen Generator beschreiben, Sprachproduktion also anders abläuft. Welcher Art aber die den beobachteten Phänomenen zugrundeliegenden Strukturen sein sollen, ist aber völlig nebulös. (Man möge mir verzeihen, wenn das inzwischen anders ist, ich bin seit > 10 Jahren nicht mehr aktiv dabei.)

    D. Marjanović (#12): Das ist glaubich richtig. Und zwar auch in Gegenden, wo man zum Beistrich Komma sagt ;-)

  14. An Achim (#13): Das kann ich aus meiner Sicht bestätigen: “Generative” Grammatitheorien machen keine Aussagen über Sprachproduktion, zumindest bei uns (bin selbst Student an der Uni in Leipzig) wird das so aktuell auch gelehrt. Obwohl ich eine Menge z.T. an ihrer Abschlussarbeit arbeitende Komilitonen (und auch weit Fortgeschrittenere) kenne, die immer noch auf die Formeln und Abstraktionen der Theoretischen schimpfen und in ihr einen Sinn erkennen (wollen)…

    Ich denke ein Großteil der Verwirrung ist durch die Y- bzw. T-Representationen der sprachlichen Beschreibungsebenen der Generativen zurückzuführen, die einigen psycholinguistischen Modellen und dem intuitiven Verständnis der Sprachproduktion recht ähnlich sehen.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.