Endlich heilbar: Die Angst vor dem Sprachverfall

von Wolfgang Hömig-Groß

Die Bitte Anatol Stefanowitschs, für das Bremer Sprachblog eine Rezension über „Du Jane, ich Goethe“ von Guy Deutscher zu schreiben, hat mir gemischte Gefühle bereitet.

Die weniger guten Gefühle haben damit zu tun, dass ich weder ein Rezensionsschreiber noch ein Sprachwissenschaftler bin. Über den ersten Einwand kann ich mich leicht hinwegsetzen — wer schreibt nicht alles Rezensionen! –, über den zweiten weniger, denn dahinter steht ja das Risiko, dass ich in meiner Bewertung Fehler oder falsche Darstellungen des Autors übersehe.

Den Ausschlag, mich an diese Rezension zu wagen, hat am Ende die Tatsache gegeben, dass Deutschers Buch mich schwer beeindruckt hat. Aber vielleicht bin ich ja auch nur leicht schwer zu beeindrucken?

Schaumerma.

Der Autor. Guy Deutscher, 1969 in Tel Aviv geboren, ist studierter Mathematiker und Sprachwissenschaftler. Er promovierte über historische Linguistik und arbeitet in den Niederlanden an der Universität Leiden. Dort gibt es auch einen Überblick über seine bisherigen Publikationen. Der aufmerksame Leser des Sprachblogs könnte den Namen hier schon gesehen haben: In einem Beitrag über einen Artikel Guy Deutschers zum Thema „Sprachverfall“ (die Anführungszeichen markieren Distanz zum Begriff) in der SZ – Sprachentwicklung ist auch das Thema des Buchs.

Das Buch. „Du Jane, ich Goethe“ ist natürlich ein reichlich schriller Titel. Der Untertitel lautet gemäßigter „Eine Geschichte der Sprache“, der englische Originaltitel „The Unfolding of Language“. Trotzdem ist der Titel nicht schlecht, aus mehreren Gründen. Erstens passt er besser als die beiden anderen zur Art, wie Deutscher sein Thema angeht: locker, witzig und stets um Verständlichkeit bemüht. Zweitens spielt „Ich Tarzan, du Jane“, wovon der Titel ja deutlich abgeleitet ist, in dem Buch eine Rolle als angenommener Ausgangspunkt der Entwicklung differenzierter Sprachstrukturen. Deutscher Untertitel und englischer Titel beschreiben dagegen mehr das Was und Wie.
Den Auftakt des Buches macht eine ausführliche Untersuchung über den wahrgenommenen und beklagten Sprachverfall. Der wurde und wird stets als neues, bedrohliches Phänomen beschrieben. Nichts könnte falscher sein, die älteste Quelle, die Deutscher für das Jammern anführt ist fast 4.000 Jahre alt und in Hieroglyphen verfasst. Interessanter für uns Deutsch Sprechende sind etwa Ausführungen Schopenhauers zum Sprachverfall seiner Zeit, die heute auch der schärfste Sprachpfleger nicht mehr nachvollziehen könnte, beispielsweise die Verwendung von der, die und das als Relativpronomen — nach Schopenhauer dürfen allein welcher, welche und welches verwendet werden.

Über der Geschichte des Sprachverfalls (genauer: der Klage darüber) setzt dann sachte das Thema der aufkommenden Sprachwissenschaft ein, die sich der Widersprüche des Themas annahm. Denn wenn beobachtete Sprachentwicklung immer nur Verfall ist, muss man doch umgekehrt annehmen, dass am Beginn der Entwicklung eine perfekt ausdifferenzierte Sprache stand, die dann immer weiter verfiel. Das ist sehr unwahrscheinlich. Hinzu kam wachsendes wissenschaftliches Verständnis für die Rahmenbedingungen und Gesetzmäßigkeiten von Sprachentwicklung, der auf Sprache einwirkenden Kräfte. So belegt Deutscher ausführlich, dass so differenzierte Systeme wie die lateinischen Deklinationen oder die französischen Konjugationen aus dem Abschleifen einfacherer, aber umständlicherer Vorformen hervorgegangen sind, indem etwa mehrere Wörter zu einem verschmolzen.

Auf diesen – ich nenne ihn mal laienhaft „analytischen“ – Teil des Buches folgt ein „synthetischer“ Teil, in dem Deutscher recht genau Entwicklungen und Bedingungen beschreibt, die für die Ausdifferenzierung sprachlicher Strukturen anzunehmen sind – hier kommt das noch erweiterte „Ich Tarzan, du Jane“-Modell zum Zuge. Dabei ist Deutschers Buch stets populärwissenschaftlich im besten Sinne des Wortes: einerseits gut verständlich und mit Blick auf den Horizont des nichtfachlichen Leser geschrieben, andererseits behauptet es nichts, ohne es auch zu belegen. Im Gegenteil: In einem ausführlichen Anhang benennt er mögliche weitere Einwendungen und offen gebliebene Widersprüche.

Die Meinung. Was hat mich nun an diesem Buch so beeindruckt? Es hat mich endgültig dazu gebracht zu glauben, dass es so etwas wie Sprachverfall nicht gibt. Dass Sprache nicht still steht, nicht still stehen kann, darf nicht als Verfall, sondern muss als Entwicklung begriffen werden. Sie führt etwa dazu, dass in nur 15 Generationen eine Sprache wie das Deutsche sich derart verwandelt hat, dass wir heute, begegneten wir einem Deutschen aus dem 15. Jahrhundert, ihn kaum noch verstehen würden. Der Effizienzdruck unter dem die Sprecher stehen, der Drang nach neuen, klaren, unmissverständlichen Ausdrücken und das nach gusto erfolgende Bedienen an den Wörtern und Strukturen anderer Sprachen — ja sogar eigentlich fehlerhafte, sprachgestaltende Analogiebildungen innerhalb der eigenen Sprache – sind Prozesse von einer Gewalt, wie man sie ansonsten bei der Auffaltung und Abtragung von Gebirgen beobachten kann. Und ein Wanderer auf diesem Berge, der sich die Faltungen verbittet, weil doch alles so bleiben möge wie es ist, verkennt seine Position.

Das Buch verschafft mir sehr viel mehr Vertrauen, dass der „Verfall“ nicht wahllos ist, sondern in Wirklichkeit eine zutiefst kreative und notwendige Anpassung der Sprache an die von ihren Sprechern gewünschten Ausdrucksmöglichkeiten darstellt. In diesem Lichte betrachtet führt keine einzige der laut beklagten sprachlichen Degenerationen – etwa Anglizismen – tatsächlich zu einer Verengung der Ausdrucksmöglichkeiten; das erledigen in Wahrheit die wohlmeinenden Kritiker, die taub für mit diesen neuen Wörtern eingeführte Bedeutungsverschiebungen oder -erweiterungen sind.

Zudem habe ich den Eindruck, mit Deutschers Buch einen tiefen Blick in die Seele der Sprachbewahrer getan zu haben: Der Versuch, Sprache gegen alle Vernunft und alle Anderen in der als richtig erlernten Form zu bewahren, muss der von Logik und dem Verständnis für die eigentlichen Prozesse unberührte Wunsch nach Beständigkeit in einem wesentlichen Lebensbereich sein, nach den goldenen Tagen der Kindheit, als das Obst noch gut schmeckte, der Himmel noch richtig blau war und der Kaiser noch einen Bart hatte. Und als, zum Beispiel, eben Kontrahenten noch Vertragspartner waren und keine Gegner – dochdoch, so war das in meiner Jugend!

Einen anderen Grund kann ich mir nicht vorstellen; denn sachlich und fachlich ist die Wahrnehmung von Sprachentwicklung als Sprachverfall haltlos. Nebenbei sind – ganz pragmatisch betrachtet – die Erfolgsaussichten der Kritiker desaströs schlecht, man verbringe seine Zeit also besser mit Sinnvollerem. Zum Beispiel mit der Arbeit an einer Art innerem Toleranzedikt. Dieses Buch ist eine große Hilfe dabei.

Über den Rezensenten: Wolfgang Hömig-Groß (53) lebt und arbeitet in Berlin. Er hat, nach eigenen Aussagen, „mehr Studiengänge abgebrochen (2) als beendet (1). Dabei war, wie man beim Skat sagt, aus jedem Dorf ein Köter: von Theologie bis Chemie, ohne dass mir jedoch irgendetwas Faustisches oder Stinkiges eignet. Wie viele Leute mit einer schlangenlinienförmigen Erwerbsbiografie bin ich am Ende(?) in der Werbung gelandet. Dort verstoße ich tagtäglich gegen meine sprachlichen Überzeugungen, unter Zuhilfenahme der modernen Ausrede, dass ich Dienstleister bin. Darum beschäftige ich mich - als Pönitenz, sozusagen - in meiner Freizeit viel mit Sprache. Aber immer nur als Amateur und Genießer!“

Guy Deutscher
Du Jane, ich Goethe. Eine Geschichte der Sprache.
(Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer).
C.H. Beck
Erschienen: 22.09.2008
Gebunden, 381 Seiten, 24,90 Euro

22 Kommentare zu „Endlich heilbar: Die Angst vor dem Sprachverfall“

  1. Lieber Herr Hömig-Groß,

    als Lektor des Buchs kann ich Ihnen sagen, dass der “populäre” Haupttitel auch im Verlag nicht unumstritten war. Umso mehr freut mich, dass Sie ihn letztlich als passend empfinden.

    Vielen Dank für diese wunderbare Rezension - Guy Deutschers Buch verdient wahrlich viele Leser.

    Mit freundlichen Grüßen
    Jonathan Beck

  2. Ich wollte gerade schreiben, dass ich es auffällig finde, dass im Englischen ein sachlicher, im Deutschen ein, wie nennt man das?, Eye-Catcher-Titel verwendet wurde. Jetzt da der Lektor da ist, kann ich ja direkt fragen: vermutet man, dass ein Linguistikbuch mit sachlichem Titel sich hierzulande nicht so gut verkaufen würde? Oder hat das ganz andere Gründe? (Soll kein Vorwurf sein, interessiert mich bloß!)

    @Thema
    Danke für die Rezension! Ich kenne das Buch noch nicht, werde es mir aber wohl mal zulegen. Die Sprachverfallsmechanismen, die eigentlich nichts als Sprachwandel sind, kann man gar nicht oft genug aufdecken, wie es scheint. Viele Menschen haben ja tatsächlich den Eindruck, das Deutsche verschwinde langsam, diese Ängste muss man nehmen. Bei eingefleischten Nörglern klappt as wohl nicht mehr, aber beim Großteil der Sprechergruppe des Deutschen hoffentlich schon.

    Ob die Nörglerei nur auf dem früher-war-alles-besser-Syndrom fußt, da habe ich meine Zweifel. Gerade die letzten Tage habe ich gleich zwei Mal in unterschiedlichen Texten die These gelesen, “Denglisch” sei weder Deutsch noch Englisch. Da offenbart sich mE das eigentliche Problem der Nörgler: Begriffsverwirrung. Es mangelt schon an den Grundlagen, es ist ihnen überhaupt nicht klar, was eine Sprache eigentlich ist. Statt an einer Antwort zu arbeiten, arbeiten sie einfach mit ihren Intuitionen.
    Man muss also eher eine “wirkliche”, eine rational begründete Angst diagnostizieren, nicht einen bloßen Reaktionismus oder bloße Nostalgie. Diese rationalen Gründe freilich fußen auf völlig falschen Annahmen - und die sind scheinbar reine Emotion, da hat sich der gemeine Sprachnörgler erfolgreich immunisiert.

  3. Thomas Müller (2): Ich muss auch mal nörgeln: Früher [tm] kannten die Leute noch den Unterschied zwischen scheinbar und anscheinend ;-)

  4. Hihi, war mir klar, dass der Spruch kommt. Darauf kann man sich verlassen. *gähn*

  5. @ Wolfgang Hömig-Groß: Danke für die Rezension. Macht neugierig, wenn sich auch bei einigen Ihrer Formulierungen Widerstand bei mir regt.

    @ Jonathan Beck und Thomas Müller: Ich finde den Titel gelungen, obwohl oder gerade weil er vom vermutlichen „Originalwortlaut“ („Ich …, du …“) des Herrn Greystoke abweicht. Dass Scherze dieser Art eine deutsche Eigenart seien, sehe ich nicht.

    @ Achim: Zwar bemühe ich mich, beide Ausdrücke schriftsprachlich im Sinn der Puristen zu verwenden (zumindest, wenn es sich um bezahlte Arbeit handelt), aber ansonsten vertraue ich ausnahmsweise der Duden-Redaktion, die der Meinung ist, dass die „Unterscheidung zwischen den beiden Wörtern […] relativ jung [ist]“ und dass „in der Alltagssprache weiterhin scheinbar im Sinne von ‚anscheinend‘ verwendet [wird]“ (Richtiges und gutes Deutsch, 2007).

  6. @ Wolfgang Hörnig-Groß: Auch meinerseits nochmals danke für die Mühe der Rezension, die ist echt gelungen. Scheint auf jeden Fall ein lesenswertes Buch zu sein.

    Was mich immer interessiert hat, sind die Mechanismen des Sprachwandels. Es gibt ja so Theorien wie die der “unsichtbaren Hand”, aber ich frage mich gerade, ob die Größe einer Sprechergemeinschaft Auswirkungen darauf hat.
    Deutsch wandelt sich relativ schnell/ normal, aber es hat ja auch Millionen Sprecher, wohingegen Isländisch sich seit 800 Jahren minimal verändert hat (ich beschäftige mich gerade mit dieser faszinierenden Sprache). Ist das eine Ausnahme oder liegt es möglicherweise an der relativ geringen Sprecherzahl?
    Ich weiß, dass die Isländer zudem Sprachpurismus betreiben, aber das hält Sprachwandel auf lange Sicht ja auch nicht auf…

  7. @ Thomas Müller und Matthias W.:
    Die meisten Kollegen im Verlag (mich eingeschlossen) fanden, dass ein Titel “Die Entfaltung der Sprache” den Witz, die Unterhaltsamkeit und, wie es in der Rezension so schön heisst, die im besten Sinne Populärwissenschaftlichkeit des Buchs nicht ausreichend vermittelt. Wir sind überzeugt, dass das Buch auch Lesern gefällt, die sich noch nie mit “Linguistik” beschäftigt haben oder zumindest ein “Linguistikbuch” erstmal nicht als Lektüre in Betracht ziehen würden. Außerdem erhoffen wir uns von einem “catchigen” Titel einfach mehr Aufmerksamkeit, denn leider ist Guy Deutscher in Deutschland noch kein bekannter Autor.

    Aber wir haben auch Bücher über Sprache mit sachlicheren Titeln, die sich gut verkaufen:
    http://www.chbeck.de/sprachwissenschaft

    Wir würden und freuen, mehr von Ihren Leseeindrücken zu erfahren, entweder hier, auf amazon.de (o.ä.), oder über die Funktion “Ihre Meinung” auf der Webseite des Buchs:
    http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=24533

  8. @Christine A: Wenn die Mechanismen des Sprachwandels Sie interessieren, sind Sie bei dem Buch bestens aufgehoben - das ist das Thema und genauer und übersichtlicher wird man es als Laie mit vertretbarem Aufwand nicht erfahren. Ein Faktor _gegen_ Sprachwandel, der in dem Buch explizit benannt wird, ist die Isolation einer Sprachgemeinschaft, weil Veränderungsdruck insbesondere dort entsteht, wo es Kommunikationsbedarf mit den Sprechern anderer Dialekte oder Sprachen gibt. Ohne mich mit Isländisch irgendwie auszukennen scheint es mir dafür ein exzellenter Beleg zu sein - schwer zu erreichen ist es allemal.
    Ansonsten an Sie und alle in der Runde meinen Dank für die freundliche Rezeption der Rezension; ich war sehr in Sorge, ob ich es mit dem Weglassen nicht bis zur Unkenntlichkeit übertrieben habe, denn das Buch ist eine echte Materialfundgrube. Echt geschmerzt hat es mich auch, dass ich keine Stelle gefunden habe, an der ich ein begründetes Lob für den Übersetzer aussprechen konnte. Der hat wirklich tolle Arbeit geleistet, weil er - auch nach eigener Auskunft - nicht einfach nur übersetzt, sondern für die deutsche Sprache passende Analogien gesucht hat.
    Und wo Herr Beck schon “hier” ist: Ich weiß, dass an einem guten Ergebnis auch ein Lektor einen wichtigen Anteil hat; der ist allerdings immer am schwersten (Wieso? War doch alles Ordnung?) zu erkennen, wogegen Schlampereien des Lektors sehr schmerzhaft für die Leser sein können.

  9. Ein wenig off-topic: Herr Sick verteidigt den Sprachwandel: Noch halbwegs frisch bei Spiegel-Online http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,590978,00.html

  10. wohingegen Isländisch sich seit 800 Jahren minimal verändert hat

    Die Grammatik, aber nicht die Aussprache. Siehe Eintrag vom 13. Oktober hier.

    Ich würde vermuten, dass eine geringe Sprecherzahl bedeutet, dass weniger Innovationen vorkommen (weniger Mutationen), aber die, die auftauchen, sich viel schneller durchsetzen (mehr genetic drift).

  11. @ David: Mit der Aussprache hast du natürlich recht. Aber die spielt ja für spätere Leser alter Texte eine recht geringe Rolle. Um Althochdeutsch zu verstehen muss ich nicht dringend wissen, wie es ausgesprochen wird, damalige Sprecher werden mir nicht begegnen. Verstehen kann ich es dennoch nur mit Vorkenntnis.
    Die Isländer hingegen können ihre alten Texte problemlos lesen, auch wenn das Schriftsystem tiefer wurde/ Laute anders ausgesprochen werden. Normalerweise ist aber Sprachwandel weniger Aussprachewandel (obwohl der sicher gut mit dabei ist), sondern eher Abschleifungen (die ja nicht gegeben sind, wenn ich etwas anders ausspreche, also jetzt [y] spreche und nicht mehr [u]) und grammatischer Wandel. Natürlich ist der Einwand berechtigt, ich wollte meine Formulierung nur verteidigen, da ich mir dieser Tatsache sehr wohl bewusst bin.

    @ Wolfgang: Danke für die Erklärung mit der Isolierung. Das scheint sehr einleuchtend. Ich werde mir auf jeden Fall durchlesen, was das Buch zu sagen hat. Es scheint informativ zu sein. :)

  12. @ Matthias W: Ja doch, ich habe gar nichts gegen relativ junge Phänomene in der Sprache ;-) Und den Bedeutungsunterschied zwischen anscheinend und scheinbar finde ich schon ziemlich eklatant.

  13. @Matthias W.
    Ob die Bedeutungsunterscheidung zwischen anscheinend und scheinbar jüngeren oder älteren Datums ist, ist unerheblich. Entscheidend ist, daß heutzutage viele Deutsche einen klaren Bedeutungsunterschied empfinden, auch wenn viele andere Deutsche, jedenfalls umgangssprachlich, keinen Unterschied machen.
    Völlig unklar ist, was der Duden denn unter “relativ jung” versteht. Das Grimmsche Wörterbuch führt neben verschiedenen anderen, größtenteils heutzutage völlig ungebräuchlichen Bedeutungen von scheinbar folgende an:
    “4) was nur dem scheine nach existiert, nicht wirklich, trügerisch, wesenlos, vergeblich, erdichtet u. s. w. diese bedeutung ist jetzt die üblichste.”
    Das Adelungsche Wörterbuch (1811) bezeichnet die Verwendung von scheinbar im Sinne von “augenscheinlich” als “eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung”.
    Daß “in der Alltagssprache weiterhin scheinbar im Sinne von ‚anscheinend‘ verwendet” würde, ist so allgemein auch nicht zutreffend. Das trifft für einige Deutsche, aber keineswegs für alle zu.
    Ich halte es für ein Gebot der praktischen Vernunft, um der Klarheit willen und aus Rücksicht auf einen großen Teil der Leser die Wörter scheinbar und anscheinend in der Bedeutung zu verwenden, die im Hochdeutschen “jetzt die üblichste” ist. Das hat mit “Purismus” nichts zu tun. Sie halten es ja auch so.
    @Thomas Müller
    Ich schließe aus Ihrem Beitrag, daß Sie sich der von vielen empfundenen Bedeutungsunterscheidung bewußt sind, sich aber absichtlich darüber hinwegsetzen. Ein bloßes “Hihi” erscheint mir dafür keine überzeugende Begründung.

  14. Naja, der Kontext scheint die Bedeutung jedenfalls noch insofern hinreichend klar zu machen, als dass “falsche” Verwendungen von scheinbar/anscheinend noch auf Anhieb gespottet werden können (wie das hier ja der Fall war), also kein Verständigungsproblem aufkommt.

  15. @Michael: Kommt drauf an. Ich schenke diesen zwei Wörtern relativ viel Aufmerksamkeit und nach meiner persönlichen Statistik ist in 90% der Fälle wirklich aus dem Kontext zu erkennen, welcher Tatbestand beschrieben werden sollte. Es gibt allerdings immer wieder Fälle (10%?), in denen keine Schlüsse möglich sind. Das passiert immer dann, wenn der Leser von der beschriebenen Sache selbst nichts weiß. Wenn ich z.B. einfach nur schreibe “Die Kellerassel ist scheinbar tot” kannst du mir nie und nimmer sagen, ob sie nun wirklich tot war oder sich - was diese Tiere ja gern tun - einfach nur tot gestellt hat. Dann muss man einfach glauben, dass die Anwendung regelhaft erfolgte (heißt in diesem Fall: Sie war nicht tot); ich bin wegen der meist unbedachten Verwendung von scheinbar/anscheinend inzwischen dazu übergegangen, die Aussage eines solchen Satzes in diesem Fall für unbestimmbar zu halten. Und das ist doch eigentlich schade …

  16. Schöne Rezension. Das Buch habe ich schon auf der Liste - auch wegen des Titels übrigens, der ziemlich klar sagt, wo die Reise hingeht bzw. was mich erwartet. Das ist aber auch nicht das erste Mal, dass mir der deutsche Titel mehr zusagt als der englische (äh, naja, Sie wissen wie ich das meine). Das Buch über Verhaltensökonomie “Denken hilft zwar, nützt aber nichts” ist mir auch nur wegen seines Titels aufgefallen. Der Originaltitel “Predictably illogical” hätte das vermutlich nicht geschafft.

  17. Vielen vielen Dank für diese tolle Rezension. Und dem Autor Dank für das Buch. Endlich mal etwas was man Sick-Fans zu lesen geben kann.

  18. Sehr geehrter Herr Wolfgang Hömig-Groß,
    auch ich danke für die schöne Rezension, die bei mir ebenfalls das Interesse geweckt hat, das Buch zu lesen. Allerdings zöge ich es doch vor, das Buch in der Originalsprache zu lesen - nicht zuletzt, um die Sprache noch besser genießen zu können, die uns bekanntlich mit so vielen schönen neuen Wörtern bereichert.
    Es ist sicherlich immer wieder verdienstvoll, daran zu erinnern, daß die Klagen über den Verfall der Sprache, der Sitten, der Moral, über die Jugend von heute, die in der Straßenbahn den älteren Bürgerinnen und Bürgern (Verzeihung - ich sollte wohl besser Seniorinnen und Senioren sagen) nicht ihren Sitzplatz anbietet, usw. usw., daß diese Klagen uralt sind und ständig wiederholt werden. Ds mag einen davor schützen, in jeder Veränderung einen Verfall zu sehen, alles Neue abzulehnen, nur weil es das in unserer Jugend noch nicht gegeben hat.

    Alerdings kann das uns als mündige Menschen nicht der Verantwortung entheben, uns eine eigene Meinung zu bilden über all diese Veränderungen, die uns ständig umgeben. Sind diese Änderungen denn Änderungen zum besseren oder zum schlechteren? Was ist mit Rechtschreibreform, Agenda 2010, Hartz IV, Finanzkrise? Darüber gehen die Meinungen doch sehr auseinander. Warum sollte das für die verschiedenen Erscheinungen des Sprachwandels anders sein?

    Nehmen wir die rasant um sich greifende Übung, ständig männliche und weibliche Formen zu benutzen oder krampfhaft nach geschlechtsneutralen Ausdrücken (Auszubildende, Studierende) zu suchen. Ist das wirklich ein Gewinn für die deutsche Sprache? Ein weiteres Beispiel des aktuellen Sprachwandels ist die gewaltige Vermehrung der Adjektive mit der Endung -bar. Schon lange hat man die Substantivitis der Bürokratensprache beklagt; jetzt kommt die Adjektivitis hinzu. Heutztage sagen viele: “Das ist den Bürgern nicht zumutbar.” Früher sagte man: “Das ist den Bürgern nicht zuzumuten.” Oder auch: “Das kann man den Bürgern nicht zumuten.” Das mag jeder so sehen, wie er will; ich erlaube mir aber das Urteil, daß damit die deutsche Sprache nicht verschönert wird.

    Sie sagen selbst, daß wir heute einen Deutschen aus dem 15. Jahrhundert kaum noch verstehen würden. Was wäre denn, wenn der Sprachwandel noch viel schneller vor sich ginge, so daß wir heute auch Goethe und Schiller nicht mehr verstehen könnten? Wäre das nicht ein gewaltiger Verlust? Nicht nur der Wandel zum besseren, auch die Bewahrung des guten sind Aufgaben, die sich jeder Generation von neuem stellen.

    Sie sagen auch, die Erfolgsaussichten der Kritiker seien desaströs schlecht. Das mag in vielen Fällen so sein, aber nicht notwendigerweise immer. Man vergleiche die Sprache der deutschen Klassiker mit der Sprache ein Jahrhundert früher. Das war doch ein sehr positiver Sprachwandel. Ist das einfach so geschehen, oder nicht doch das Ergebnis eines bewußten Bemühens um eine einfachere und natürlichere Sprache, für das wir unseren Dichtern und Denkern dankbar sein sollten?

    Und was ist mit den zahlreichen französischen Wörtern, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus der deutschen Sprache verschwunden sind? Ist das ganz von alleine vor sich gegangen? Waren nicht vielleicht doch die “Puristen”, die “Deutschtümler”, die “Sprachnörgler” daran ein bißchen beteiligt? Wer weint denn dem “Billet” noch eine Träne nach? Wie sich die Zeiten doch ändern: heutzutage will uns die Deutsche Bahn das “ticket” aufdrängen. Ist das ein Gewinn?

    Noch in den Kriegsbüchern Theodor Fontanes wimmelt es von militärischen Fachausdrücken aus dem Französischen, die heute verschwunden sind. Wenn man heute von Erkundung und nicht von Rekognoszierung, vom Troß und nicht vom Train spricht, ist das nicht Sprachwandel zum besseren? Ist auch das ganz von alleine erfolgt, oder haben vielleicht die “Spachnörgler” etwas nachgeholfen?

    Dabei muß ich an unsere Kinder denken, als sie noch klein waren. Damals war immer ein ominöser Herr von Alleine schuld, wenn mal wieder was zerdeppert war.

  19. Was wäre denn, wenn der Sprachwandel noch viel schneller vor sich ginge, so daß wir heute auch Goethe und Schiller nicht mehr verstehen könnten? Wäre das nicht ein gewaltiger Verlust?

    Was wäre denn, wenn meine Oma Räder hätte? Wäre sie dann nicht ein Autobus?

  20. ein ominöser Herr von Alleine

    “Reiner Zufall ist deutscher Staatsbürger, daher der Name.”

  21. @ Wolfgang Hörnig-Groß: Die vielen guten Beispiele aus und Analogien zum Deutschen stammen nicht nur aus der Feder des Übersetzers Martin Pfeiffer, sondern auch aus derjenigen des Autors. Auch wenn er das gerne bestreitet, spricht und schreibt Guy Deutscher bestens auf Deutsch, und er hat die Übersetzung aufs genaueste begleitet.

  22. Die Legende vom Sprachverfall…

    Damit räumt Guy Deutscher in seinem Buch „Du Jane, ich Goethe“ auf. Nachdem ich die Rezension auf dem Bremer Sprachblog gelesen habe bin ich doch neugierig geworden und werde es bei Gelegenheit mal lesen.

    Für den Gelegenheitsnörgler, der ang…

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