Jugend spricht

Wir haben ja hier bereits vor einiger Zeit Zweifel an der Authentizität dessen geäußert, was sich in Langenscheidts Wörterbuch der Jugendsprache findet. Jetzt kommen auch die traditionellen Medien langsam darauf, dass da irgendetwas nicht stimmen kann. Auf FAZ.net findet sich in der Rubrik „Jugend schreibt“ ein Artikel, in dem Jugendliche selbst über ihren Sprachgebrauch nachdenken. Darin kommt auch das Langenscheidtsche Meisterwerk vor:

Christina Roth schaut das kleine gelbe Heftchen mit dem „L“, das man eigentlich von Fremdsprachenlexika kennt, interessiert an. Als sie beim Herumblättern aber das Wort „Güffel“ für „Idiot“ entdeckt oder „jammern“ für „essen“, lacht sie laut los. So etwas würde sie nie sagen. Sie blättert die kleinen, festen Seiten durch, lacht immer wieder, liest besonders komische Worte laut vor und amüsiert sich mit Anna Schwendler sehr über die zum Teil vollkommen fremden Ausdrücke. „Das soll Jugendsprache sein? Von der Hälfte hab’ ich noch nie was gehört.“ Am Entstehen des Buches arbeiteten Schülerinnen und Schüler der 8. bis 10. Klasse mit. Mit deren Worten kann sich Christina nicht identifizieren. Das liegt wahrscheinlich am Altersunterschied, außerdem ändert und entwickelt sich die Sprache der Jugend so schnell wie ihre Erfinder selbst.

Die Autorin Sarah-Maria Goerlitz, selber noch Schülerin, ist hier sehr großzügig mit den Wörterbuchmachern. Ja, der Sprachgebrauch unter Jugendlichen ändert sich: als ich jung war, haben wir krass und fett/phat noch gar nicht verwendet, meine neunjährige Tochter hält sie heute für normale, stilistisch unmarkierte Wörter. Irgendwann in dem Vierteljahrhundert dazwischen waren sie Jugendsprache. Aber dass sich der jugendliche Sprachgebrauch so schnell ändert, dass die Zwölftklässer die Zehntklässler nicht mehr verstehen, wäre dann doch überraschend.

Isabel Ernst geht auf der Webseite der Deutsche Welle in ihrer Kritik deutlich weiter und trifft den Kern des Problems:

[W]as für eine Sprache benutzen Jugendliche eigentlich genau, wenn sie sich untereinander unterhalten? Man könnte an Wörter wie cool, krass und Alta denken. […] Doch Langenscheidt hat sich stattdessen dafür entschieden, kreative Wortneuschöpfungen wie Zornröschen (zickiges Mädchen) oder Gammelfleischparty (Party für Leute über 30) als Jugendsprache zu verkaufen. Ob derartige Begriffe tatsächlich die Sprache von Jugendlichen heutzutage repräsentieren? Nun, darüber lässt sich streiten.

Sie fragt dann bei Eva Neuland nach, und die wuppertaler Professorin für Soziolinguistik, die seit über zwanzig Jahren Jugendsprache erforscht,

… ist zumindest skeptisch: „Unseren Untersuchungen zufolge sind Jugendliche heute wirklich kreativ, aber man kann wohl kaum sagen, dass Jugendliche solche Wörter erfinden und auch unter sich benutzen, jedenfalls nicht in so einem Umfang, wie diese Aktion vielleicht jetzt nahe legt.“ […]

Doch woher kommen Wörter wie Stockente als Bezeichnung für Nordic Walker oder Heuchlererbsen für Blumenstrauß dann? Die Germanistin glaubt, „dass dies Erfindungen von Leuten sind, die so was vielleicht auch professionell machen. Denn man muss natürlich zugestehen, dass die oft mit einem gewissen Witz verbunden sind. Man kann darüber schmunzeln, allerdings nutzt sich der Witzeffekt relativ schnell ab.“

Ein wahres Wort.

Frühere Beiträge zum Thema Jugendsprache:
Jugendwort
Würdelose Jugend
Forever Young
Jugend ohne Syntax
Sprachliche Erziehungsprobleme
Entfesselte Sprachpfleger
Türkendeutsch Reloaded
Sprachverwirrungen
Kleine Anleitung zum geistreichen Fluchen

10 Kommentare zu „Jugend spricht“

  1. Bei solchen Sprachneuschöpfungen muss man natürlich bedenken, dass sie nicht nur von einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung gesprochen werden, sondern auch vorerst örtlich eng begrenzt. Das kann soweit gehen, dass (gemäß einer französischen Untersuchung) Jugendliche im Osten von Marseille diejenigen im Westen nicht verstehen (dort haben sich verschiedene Herkunftswörter aus Einwanderersprachen eingebürgert).
    Die Logik von Sprachneuschöpfungen ist leicht einsichtig: Wenn sich ein Wort aus seinem Ursprung verbreitet, tritt es in Konkurrenz mit anderen neuen oder bestehenden Wörtern und wird entweder akzeptiert oder ersetzt.
    Im Fall des Jugendwörterbuchs heißt das wohl, dass sich einige Teile davon nur an manchen Schulen des Bundesgebietes gebrauchen lassen. Dann ist es natürlich verfrüht, es als gesamtdeutsches Werk zu verkaufen.

  2. Der topographische Aspekt ist mir in dem Beitrag jetzt auch ein wenig untergegangen. (Meine schwäbischen Freunde sind immer wieder entsetzt, wenn ich hin und wieder ein frankfurter-türkisches Wort fallen lasse.) Aber insgesamt muss man schon sagen, dass Stockente oder Gammelfleischparty vermutlich höchstens lokale Bedeutung erlangen können, die semantische Verschiebung bei diesen Konstrukten ist einfach zu komplex. Tatsächlich klingen sie sehr “erfunden”.

  3. @#1
    Selbst das halte ich noch für eine zu positive Bemerkung. Nach meiner Erfahrung beschränken sich solche regionalen “Neubildungen” doch primär auf Dialekt-Ausdrücke und davon abgeleitete jugendsprachliche Begriffe. In Zeiten des Internet dürften Schulhofsprachvarietäten einen sehr schweren Stand haben.

    Wenn es solche lokalen Neubildungen doch gibt: fördern moderne Kommunikationsmittel die Verbreitung solcher Neologismen oder dämmen sie sie ein? Sie sprechen sich schneller herum, aber vielleicht verlieren sie sich auch in der großen weiten Welt - wenn Klein-Michi merkt, dass das neue Wort, dass er kürzlich gehört hat, von keiner Sau verwendet wird außer von den zwei, drei Gestalten an seiner Schule, dann wird er es womöglich lieber nicht benutzen wollen. Klingt spontan beides einleuchtend.

  4. Im Fall des Jugendwörterbuchs heißt das wohl, dass sich einige Teile davon nur an manchen Schulen des Bundesgebietes gebrauchen lassen. Dann ist es natürlich verfrüht, es als gesamtdeutsches Werk zu verkaufen.

    Verfrüht? Komplett unmöglich, weil es keine gesamtdeutsche Jugendsprache gibt. Wo ich herkomme, wird krass von allen Altersgruppen verachtet, weil es mit, äh, “dem Bundesgebiet” identifiziert wird. Es kommt im Sprachgebrauch nicht vor, nicht einmal in dem meiner 16jährigen Schwester.

  5. Ein wenig erinnern mich die erwähnten Begriffe an die zum Glück etwas nachgelassenen publizistischen Behauptungen über den Berliner “Volksmund”, er würde “Telespargel” zum Fernsehturm sagen oder “Goldelse” zur Siegessäule. Ich habe noch nie einen Berliner das freiwillig sagen hören. Es sind Erfindungen der Presse, die es als “abgelauscht” ausgibt. Ähnlich scheint mir das auch um die “Jugendsprache” zu stehen.

  6. > Bei solchen Sprachneuschöpfungen muss man natürlich bedenken, dass sie nicht nur von einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung gesprochen werden, sondern auch vorerst örtlich eng begrenzt

    Und vor allem nur in sehr speziellen Situationen.

    > Tatsächlich klingen sie sehr “erfunden”.

    Sind sie auch.

    Langenscheid geht so vor:
    - Sprachlehrer anschreiben wg. Teilnahme
    - Die (idR Deutsch-)Lehrer sammeln die Ausdrücke in einer (mehreren?) Unterrichtsstunde(n?)
    - Fremdsprachenlehrer lassen die Schüler geeignete Übersetzungen erarbeiten
    - Einsendung an den Verlag
    - Dort werden nur Mehrfacheinsendungen berücksichtigt.

    => Das ist eine hochgradig künstliche Situation in der die Worte gesammelt werden, gesättigt mit der lustvollen Konkurrenz sich gegenseitig mit Formulierungen zu überbieten und dem Spaß daran Sprache mal wild wuchern zu lassen. Ein kreatives Hochschaukeln produziert aber keine Ergebnisse die dem Alltags-Sprechen ähneln. Dem Jungvolk aufs Maul geschaut? - Nixda!

    Das so kollaborativ erarbeitete Vokabular ist eher mit produziertem Humor zu vergleichen (etwa Neue Frankfurter Schule, Brainpool-Comedy) als mit einer gesprochenen (Jugend-)Sprache mit einem Mindestmaß an alltäglichem Sprachgebrauch.

    Langenscheid sollte man hier nicht ernst nehmen, und wissen was bei diesem Verlag neben dem Wörterbuch der Jugendsprache noch im im selben Regal steht.

  7. @Frank Rawel: Das deckt sich mit meiner Beobachtung, aber z.B. “Schwangere Auster” für die Kongresshalle habe ich tatsächlich in vivo schon gehört. Aber das ist “verdamp lang her”.

  8. @guckstuda: Wenn die Leute bei Langenscheidt wirklich dem Jungvolk aufs Maul geschaut haben, dann ist ihr Wörterbuch aber mittlerweile mehr als veraltet. ;-)

  9. @Christian Kaul
    Veraltet auch. Allein schon wegen der kurzen Halbwertszeit bei allen Ich-bin-so-cool-Merkmalen und -Verhaltensweisen.

  10. Böse, da wird also ein polemischer Ausdruck geschöpft, der witzig ist und L verkauft das.

    Ich meine, gucken wir doch mal was die semantische Stelle ist, die diese Jugendsprachwörter einnehmen. Da gibt es immer ein Wort für gut, schlecht, Mädchen usw. Welches Wort da in einer jeweiligen Zeit diese Rolle einnimmt, das ist doch eigentlich wumpe. Meine Oma sprach immer von “fünsch” werden, alternativ ganz “römisch-katholisch”. Ob ich nun “rasend”, “aufgedreht”, “aufgeregt” usw. sage, das spielt doch gar keine Rolle. Es wird aber mit solchen Wortfeldern ein Bereich abgesteckt, es wird ein Stil gepflegt.

    So genannte Jugendsprache von Erwachsenden erzählt und aufgenommen ist immer daneben. Dazu fällt mir dann auch nur das englische Wort “moron” ein und wahrscheinlich gibt es für den Sozialidioten in jeder Generation und in jedem Bezirk ein eigenes Wort. Ein Wort, das für etwas steht.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.