Englischkenntnisse

Warum ich immer wieder über Anglizismen und Anglizismenjäger schreibe, fragt mich ein/e anonym/e Sprachblogleser/in per Email, und auch in den Kommentaren zu diesem Blog werde ich das ab und zu gefragt.

Die Antwort ist einfach: zu keinem anderen Thema werden in den Medien soviele Verwirrtheiten, Halbwahrheiten, schlichte Lügen und mutwillige Dummheiten verbreitet, wie zu englischen Lehnwörtern und Werbesprüchen. Irgendjemand muss den Fehlinformationen, die da verbreitet werden, etwas entgegensetzen. Ich bin glücklicherweise nicht allein: auch andere Sprachblogger unterwandern den normativen Diskurs und zeigen, wo sich Wörtersuche tatsächlich lohnen würde (Detlef Gürtler), wo die eigentlichen Sprachpanscher zu finden sind (Klaus Jarchow) und warum man ganz allgemein nicht allzuviel auf antianglizistischen Unfug geben sollte (Thomas Müller).

Aber machen wir uns nichts vor: auf die öffentliche Diskussion von Sprache haben wir (noch) keinen nennenswerten Einfluss. Kein Tag vergeht, ohne dass irgendein Kolumnist in irgendeiner großen Tageszeitung sich selbst und die immer gleiche, eintönige Anglizismenschelte feiert. Ein Meister abgeleierter Lehnwortgeißelei ist Welt-Online-Textchef Sönke Krüger, der nicht müde wird, seinem großen Helden Wolf Schneider nachzueifern.

So auch in der dieswöchigen Ausgabe seiner Kolumne „Wortgefecht“. Er beginnt mit einer erschreckenden Statistik:

Rund 60 Prozent der Deutschen können kein Englisch, schreibt der Sprachkritiker Wolf Schneider in seinem Buch "Speak German!", das sich gegen die übertriebene Verwendung von Anglizismen wendet. Diese Zahl hat er sich nicht ausgedacht, sie basiert auf einer repräsentativen Umfrage.

Vielleicht gibt es diese Statistik, vielleicht auch nicht. Journalisten haben bei wissenschaftlichen Studien ja grundsätzlich eine Aversion gegen genaue Quellenangaben und so lässt sich das nicht nachvollziehen. Aber überprüfen lässt es sich allemal, denn im Zeitalter des Internet sind solche Studien im Normalfall nur einen Mausklick entfernt. Seit einiger Zeit bietet das lobenswerte Statistik-Suchportal Statista.de auch noch ein einheitliches Such- und Ausgabeformat für tausende aktueller Statistiken und Meinungsumfragen, so dass man nicht einmal mehr selbst recherchieren muss. Und da zeichnet sich ein Bild ab, das Schneiders 60 Prozent wenn schon nicht erfunden, dann zumindest schwarzmalerischst interpretiert dastehen lässt.

Bevor wir uns dem Englischen zuwenden, sehen wir uns zunächst die Fremdsprachenkenntnisse der Deutschen allgemein an: 55 Prozent sprechen nach eigener Aussage eine solche, 45 Prozent tun das nicht:

Das wäre mit Schneiders 60 Prozent noch kompatibel, denn von den 55 Prozent könnten ja 20 Prozent eine andere Fremdsprache als das Englische beherrschen. Interessant ist aber schon hier ein extremer Einfluss des Alters. Grundsätzlich gilt nämlich: je älter, desto weniger Fremdsprachenkenntnisse, und die Unterschiede sind drastisch:

Wie sieht es nun aber konkret mit den Englischkenntnissen aus? Nun, das kommt darauf, an, welcher Umfrage man glaubt. Allensbach fand im Auftrag der Gesellschaft für deutsche Sprachwissenschaft heraus, dass immerhin 63 Prozent der Bundesbürger „zumindest einigermaßen gut“ Englisch sprechen und verstehen:

In einer früheren Umfrage hatte Allensbach mit einer leicht anderen Frage folgende Ergebnisse bekommen:

Wenn man hier „Überhaupt nicht gut/Gar nicht“ und „Nicht sehr gut“ zusammenzählen würde, käme man auf 62 Prozent, nahe an Schneiders Zahl. Allerdings bedeutet „Nicht sehr gut“ eben nicht „nicht“. Zählt man also nicht zusammen, sind es nur 47 Prozent, die Englisch „Überhaupt nicht gut“ oder „Gar nicht“ verstehen (und merke: selbst „Überhaupt nicht gut“ heißt nicht „Gar nicht“).

Die frühere Allensbach-Umfrage lässt sich nach Alter aufschlüsseln, und hier bestätigt sich das, was wir schon für Fremdsprachen allgemein gesehen haben. Es sind die älteren Menschen, hauptsächlich die, die sechzig und noch älter sind, die Schwierigkeiten mit dem Englischen haben (oder die einfach sehr kritisch mit ihren eigenen Sprachkenntnissen umgehen):

Die Shell-Jugendstudie bestätigt, dass die Zukunft unseres Landes, die Jugendlichen bis 25 Jahre, zu fast 80 Prozent funktionale Englischkenntnisse haben:

Nichts gegen die Alten, aber die jungen Leute machen ihnen vor, wie es geht: Wenn man kein Englisch kann, lernt man es einfach! Dieser Ratschlag sollte eigentlich auf offene Ohren stoßen — fast neunzig Prozent der Bundesbürger würden gerne perfekt Englisch sprechen:

Die Volkshoschschulen müssten damit doch arbeiten können, und die anglistischen Studiengänge an den Universitäten freuen sich auch über jeden, der den Weg zu ihnen findet.

Vor allem aber sind sich alle einig, dass Englisch in der Schule oberste Priorität genießen sollte:

Selbst, wenn Schneiders 60 Prozent Nicht-Englisch-Sprecher also existieren sollten, sie werden bald Vergangenheit sein.

Aber Krüger geht es auch gar nicht um die fehlenden Fremdsprachenkenntnisse der Deutschen. Worum es ihm eigentlich geht, ist nach meiner Einleitung nicht schwer zu erraten:

Trotzdem sind aus dem Englischen eingewanderte Wörter in deutschsprachigen Medien an der Tagesordnung.

Beispiele gefällig? Da wäre etwa der Underdog (der gern als Unterrock übersetzt wird, aber Benachteiligter heißt), da wäre Patchwork (was viele als Fliegenklatsche missverstehen, obwohl es Flickwerk/Flickenteppich bedeutet), da wäre die Westbank (die keine westdeutsche Bank ist, sondern das Westjordanland).

Mit diesen albernen und offensichtlich erfundenen Beispielen will Krüger hier wohl suggerieren, dass englische Lehnwörter Verständnisprobleme verursachen. Unter Sprachnörglern wird diese Behauptung knapp und treffend als „Die-Menschen-können-kein-Englisch-also-verstehen-sie-auch-keine-englischen-Lehnwörter“-Schachzug bezeichnet. Wenn ich für jedes Mal, dass ich ich diesen als Argument verkauften Fehlschluss schon gehört oder gelesen habe, einen Euro bekäme, könnte ich mich zur Ruhe setzen. Leider bekomme ich keinen Cent dafür, deshalb muss ich mich für heute meiner Hauptbeschäftigung zuwenden und morgen weiterbloggen.

12 Kommentare zu „Englischkenntnisse“

  1. Wunderbar! Und dabei ist es eigentlich ein ganz einfacher Trick: Man muss nur nach Belegen für das suchen, was man sagt. Aber das kann man von einem Journalisten nicht verlangen.
    Und btw, lose an das Thema Sprachverfall angeknüpft, ich habe inzwischen Guy Deutscher Buch “Du Jane, ich Goethe” gelesen. Das hat mich doch nachhaltig beeindruckt und inzwischen keinerlei Verständnis mehr für die Leute (und damit in gewissem Sinne auch für mich selbst, siehe ältere Einlassungen von mir an diesem Orte) übriggelassen, die andauernd versuchen, etwas höchst dynamisches in etwas statisches zu verwandeln und Veränderung allein als Verfall betrachten wollen. Aber es klappt ja auch nicht - die Sprache und ihre Sprecher sind den Nörglern einfach über. Hier liegt mal wirklich alle Macht beim Volk.

  2. “… zu keinem anderen Thema werden in den Medien soviele Verwirrtheiten, Halbwahrheiten, schlichte Lügen und mutwillige Dummheiten verbreitet …”

    Echt? Und was ist dann bitte mit den Themen Politik, dem Yeti, Grippeimpfung, Krieg, allem was so auf Bildblog steht, Klimawandel, New Economy, Geldanlagen, Integration, Ufos und so weiter?

    … mal abgesehen davon, dass man bei einem Sprachblog (trotz des Wortteils “blog”) schon mal genauer hinsieht und sich fragt: “soviele”?!

    ;o)

  3. Das Problem bei den Argumenten von Sönke Krüger et al. ist, dass sie nicht verstehen, was ein Lehnwort ist: Es kommt zwar aus einer anderen Sprache, wurde aber gastfreundlich eingebürgert. Man muss kein Englisch können, um unter Jugendlichen Wörter wie “cool” erfolgreich zu benutzen. Zumal es im Deutschen wahrscheinlich eine um Nuancen abweichende Bedeutung angenommen hat. Die wenigsten Deutschen können Griechisch, was sie nicht daran hindert, das Wort Telefon zu verstehen.

    Es gibt ja immer wieder Fälle, wo sich Anglizismen (und andere Ismen) langfristig nicht gegen deutsche Entsprechungen halten können: Die Festplatte und das Laufwerk haben sich wohl durchgesetzt, ebenso (schon etwas älter) der Bahnsteig und die Fahrkarte. Das deutsche Wort muss vor allem griffig sein, was man von vielen Vorschlägen der Anglizismenabschaffer nicht sagen kann ;-)

  4. Neulich gefunden: There’s this special biologist word we use for “stable”. It’s “dead”. - Jack Cohen

    Bezieht sich zwar auf Evolution, aber ist mMn genauso auf sprachen anzuwenden.

  5. Herr Hömig-Groß (#1), wie wäre es bei Gelegenheit mit einer kleinen Rezension von Deutschers Buch?

    Andreas K. (#2), das habe ich tatsächlich sehr missverständlich formuliert: ich meinte natürlich: „zu keinem anderen SPRACHBEZOGENEN Thema“.

  6. Nachdem ich nach mehrminütigem Suchen endlich herausgefunden habe, dass es sich bei dem genannten Deutscher-Buch um die Übersetzung von “The Unfolding of Language” handelt, nutze ich die Gelegenheit um auf meine eigene Rezension der englischen Version zu verweisen. Wirklich ein herausragendes Buch, dessen Lektüre mir sehr viel Freude bereitet hat.

  7. Statistik, die sich völlig auf Selbstschätzungen basiert, ist aber nicht sehr viel wert. Viele, die es sagen, das Sie Englisch gut beherschen, tuen es in der Wirklichkeit überhaupt nicht. “Ich habe in der Schule so viele Stunden Englischstudium durchgemacht. Dann muss ich wohl Englisch können. Sonst wäre ich ziemlich blöd, oder?”

  8. Bertilo Wennergren (#7), der Wert der Statistik ist unabhängig davon, worauf sie sich stützt — hier haben wir es eben mit einer statistischen Auswertung von Selbsteinschätzungen zu tun. Das die nicht hundertprozentig zuverlässig sind, ist hier wohl jedem klar. Es kann natürlich sein, dass die Jugend ihre Fähigkeiten hier besonders stark überschätzt — wie es, da sie nun mal die Jugend ist, ja auch ihr gutes Recht ist. Ein Hinweis auf einen möglichen Selbstübesrschätzungseffekt liefert der Vergleich der Selbsteinschätzung von Männern und Frauen (Link), bei dem sich Männer tendenziell besser einschätzen als Frauen, obwohl wir aus der Forschung wissen, dass Frauen das sprachbegabtere Geschlecht sind. Nur: Sie glauben doch nicht, dass die Studie, die Schneider (laut Krüger) zitiert, wenn es sie überhaupt gibt, nicht auf Selbsteinschätzungen beruht?

  9. “Sie glauben doch nicht, dass die Studie, die Schneider (laut Krüger) zitiert, wenn es sie überhaupt gibt, nicht auf Selbsteinschätzungen beruht?”

    Keine Ahnung. Aber nur Studien, die auf tatsächliche Sprachteste beruhen, sind hier was wert.

  10. Ich habe keine Ahnung welche Studie Schneider zitiert, aber zu seiner Verteidigung sei kurz gesagt: In “Speak German” auf Seite 1:
    “Also weg mit allem, was wir aus dem Englischen übernommen haben? Um Gottes Willen - nein! Jede Deutschtümelei, jede Hexenjagd auf Anglizismen wäre weltfremd, hinterwäldlerisch und einfach albern.”

    Die Nachricht des Buchs ist meines Erachtens mehr, dass Anglizismen nicht immer und überall eingesetzt werden sollten, sondern eben mit bedacht (wie z.B. nicht “Human Resources Department” sondern Personalabteilung).

  11. und die anglistischen Studiengänge an den Universitäten freuen sich auch über jeden, der den Weg zu ihnen findet.

    Also ehrlich – Englisch zu studieren, um Englisch zu lernen, ist ein gefährlicher Rat! Eigentlich wären Englischkenntnisse Voraussetzung fürs Studium; die Freude über Studierende, die die Sprache Ihrer Wahl nur radebrechen können, dürfte mager sein.

    (Das sagt allerdings – mit Blick von außen – ein Germanist; bei uns sieht’s mit Freuden und Problemen naturgemäß ein wenig anders aus.)

  12. Ich bin heute zur Lösung einer Denkblockade (in anderer Sache) in die Buchhandlung mit den bequemen Sitzen spaziert, habe mir dort Wolf Schneiders Deutsch! aus dem Jahr 2005 gegriffen (weil ich es mit Speak German! aus dem Jahr 2008 verwechselte, dessen Existenz ich wegen des albernen Titels schon verdrängt hatte) und habe darin nach einer Quellenangabe für die dubiosen 60 Prozent gesucht. Ungeachtet meiner Verwechslung denke ich, dass ich fündig geworden bin. Schließlich recycelt Schneider ja ständig sein eigenes Material.

    Schneider bezieht sich (im Buch von 2005) auf das Magazin Spiegel, ohne jedoch genauere Angaben zu machen. Mit großer Wahrscheinlichkeit meint er diesen Artikel. Dort heißt es: „Nur 49 Prozent der Westdeutschen und 26 Prozent der Ostdeutschen können Englisch sprechen, das ergab eine im Jahr 1996 erstellte Erhebung.“ Wer diese Daten (im Auftrag des Spiegel?) erhoben hat und nach welcher Methode, wird nicht gesagt.

    1996 lebten gut 81 Prozent der Bundesdeutschen in Westdeutschland und Westberlin, knapp 19 Prozent in Ostdeutschland und Ostberlin (nach Fischer Weltalmanach ’98, Verteilung für Berlin auf Basis älterer Daten geschätzt: etwa 62 Prozent Westberliner, 38 Prozent Ostberliner). Mit den oben genannten Prozentwerten verrechnet, ergibt das einen Anteil derer, „die Englisch sprechen können“, von rund 45 Prozent, nicht 40 Prozent. Dies schon mal als rein rechnerische Widerlegung. Vom Autor des Handbuch des Journalismus mit dem Kapitel „Vorsicht, Zahlen!“ hätte ich mehr erwartet.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.