Frei von der Lippe

Ich muss arbeiten und werde es mir nicht ansehen können, aber der MDR will den Markt für mediale Sprachnörgelei wohl nicht dem WDR und Bastian Sick überlassen und strahlt heute abend die Sendung „Frei von der Lippe“ aus, in der Jürgen von der Lippe „den Schwierigkeiten der deutschen Sprache auf der Spur“ sein wird.

Ob sie wirklich Sprachnörgelei bekommen werden, ist allerdings zweifelhaft, denn von der Lippe hat Sick etwas voraus: er hat tatsächlich mal Linguistik studiert (wenn auch ohne Abschluss). In einem Interview auf der Webseite des MDR äußert er sich entsprechend dann auch unaufgeregt und relativ fachkundig.

Ein paar Aussetzer sind dabei, wie etwa dieser hier:

Viele Leute verwenden auch Anglizismen falsch. “Public Viewing” heißt beispielsweise nicht „Liveübertragung von Sportveranstaltungen auf Großbildwänden“ sondern „öffentliche Aufbahrung eines Toten“. Und der „Body Bag“, den man als Umhängetasche in Billigläden kaufen kann, heißt eigentlich „Leichensack“. [MDR]

Dazu muss ich nichts mehr sagen, denn die Leser/innen des Bremer Sprachblogs wissen das ohnehin besser.

Aber insgesamt war ich positiv überrascht über von der Lippes Aussagen. Er weigert sich, Sprachproduktionsfehler oder Sprachwandelprozesse als Vorboten einer sprachlichen Apokalypse zu deuten, er scheint wirklich zu verstehen, dass soziale und regionale Variation normal sind, er will noch nicht einmal grundsätzlich über Anglizismen meckern:

Es ist gut möglich, dass sich Englisch in Europa aufgrund der Globalisierung in der Zukunft durchsetzt, denn die Geschäftssprache ist halt Englisch. Aber auch das ist kein neues Phänomen. Die Musiksprache vor ein paar Jahrhunderten zu Mozarts Zeiten war Italienisch. Es gab auch eine Zeit, da wurde in Deutschland Latein gesprochen, zu Luthers Zeiten war das die Amtssprache. Die deutsche Sprache ist sowieso ein Gemisch und man sagt, dass das, was in einem Land gesprochen wird, 20 Generationen später nicht mehr verständlich ist. Mittel- und althochdeutsche Texte verstehen wir ja auch nur noch mit Mühe. [MDR]

Ob es wirklich informativ wird, ist schwer zu sagen. Aber wenigstens scheint es eher um Spaß an der Sprache zu gehen als um Schadenfreude gegenüber sprachlich vermeintlich Minderbemittelten.

MDR
Fr., 31.10.2008, 19:00 Uhr
Frei von der Lippe

20 Kommentare zu „Frei von der Lippe“

  1. Klingt ja ganz plausibel, nur das mit der Amtssprache zu Luthers Zeiten haut nicht hin. Dann hätte Luther, getreu seiner Devise, “nach der sächsischen Kanzlei” zu schreiben, sich den Mühen einer Übersetzung gar nicht unterziehen müssen :-)

  2. Guten Morgen, Herr Stefanowitsch! “Frei von der Lippe” gibt es bereits seit dem 1. Januar 2008, die MDR-Reihe startete also etwa ein halbes Jahr vor Sicks erstem Fernsehauftritt. Ich persönlich halte die Von-der-Lippe-Folgen für wesentlich frischer und lebendiger als Sicks Programm, sie sind wohl auch aufwendiger produziert. Die Wartburg als Drehort halte ich für einen Glücksgriff.

  3. Neben dem abgekupferten Format des WDR bedient man sich beim MDR also auch noch beim Namen unseres schönen Flusses. Also, sowas unverfrorenes aber auch, phhh ….

    ;-)

    Andererseits: Man munkelt, Sick habe sich bei der Produktion seiner Werke auch nicht immer auf seine eigene Geistesleistung verlassen. Insofern nehme ich diesen Treffer auf der Suche nach Futter für’s Heimatblog zum Anlass, Euch in meine Feedsammlung aufzunehmen. Quasi als nordisch-westfälische Völkerverständigung!

  4. Ich fürchte ja, dass die Sendung, wenn sie linguistisch akzeptabel und interessant wird, aus dem Programm genommen wird, weil sie eben zu wenig “Mainstreamnörgel” ist.

  5. Bzgl. des “body bags” warte ich allerdings immer noch auf den ersten Fall, bei dem der verlinkte “britische Designer” (http://www.google.de/search?hl=en&q=%22body+bag%22+site:leathershop.co.uk&start=10&sa=N) tatsächlich einen “body bag” und nicht einen “across body bag” bewirbt. Aber “Beweis durch Behauptung” ist ja nur dann ein Problem, wenn er von den vermeintlichen “Sprachnörglern” verwendet wird. Oder es muss demnächst heißen: “I love your across body.”

    A propos: Mir ist auch unklar, wie die Einleitung “[…] der MDR will den Markt für mediale Sprachnörgelei wohl nicht dem WDR und Bastian Sick überlassen […]” mit der späteren Aussage “Aber insgesamt war ich positiv überrascht über von der Lippes Aussagen.” zusammenpasst. Aber warum auch ein geliebtes Feindbild nicht bedienen, wenn es sich noch irgendwie in einem konkreten Fall herbeireden läßt?

  6. Langweiliger Troll (#5):

    http://www.timberlandonline.co.uk/Timberland-Stratham-Up-Shoulder-Body-Bag/M1384,default,pd.html?cgid=women_accessories&color=

    http://www.grattan.co.uk/Firetrap-Body-Bag/productdisplay.stm?An=673&A=55W781_&N=4294963589+4294967165cm_sp%3DChristmasShop08-_-hero-_-GiftsforHer&Au=P_MasterItem&Nu=P_MasterItem&Ns=P_Colour|0||P_Size|0

    http://www.thehempshop.co.uk/product-62.htm

    http://adams.co.uk/boys-small-body-bag-in-black

    http://www.travel-zone.co.uk/webshaper/store/viewCat.asp?catID=116

    Google ist dein Freund.

  7. Herr Stefanowitsch, vielleicht sollten sie den Google-Smiley in ihr Blog integrieren: http://tbn0.google.com/images?q=tbn:2tmFNebnitcy3M:http://forum.cncreneclips.com/style_emoticons/cncre/GoogleSmiley.gif

  8. Hm, ich dachte immer, “de Hietsch” (ohne orthographische Zwänge ;) ) sei ein Lexem des Erzgebirgischen und im Sächsischen gar nicht so bekannt… Da ich glücklicherweise ohne Fernseher lebe, mal eine Frage: Weiß jemand, ob die Sendung als Stream im Internet übertragen oder nachträglich irgendwo als podcast zu bekommen sein wird?

  9. @A.S., #6

    Ja, diese Links sind jetzt überzeugend.

    Im ursprünglichen Artikel, auf den Sie heute auch wieder verwiesen haben, verlinken Sie aber nur auf leathershop.co.uk, die - soweit ich sehen kann - ohne Ausnahme nicht von “body bag”, sondern nur von “across body bag” redet. Da dies der einzige Beleg in dem Artikel sein soll, dass “body bag” auch eine entsprechende Tasche sein kann, und dieser Beleg keiner ist (und auch schon damals keiner war), handelte es sich um einen “Beweis durch Behauptung”. Und dann ist, mit Verlaub, nicht “Google mein Freund”, also es meine Schuld zu versuchen, Ihre Behauptung zu belegen. Meine “Aufgabe” wäre höchstens gewesen, schon bei dem damaligen Artikel die fehlenden Belege zu bemängeln - wenn nicht zu dem Zeitpunkt, zu dem ich das auch getan hätte, schon die Kommentarfunktion geschlossen gewesen wäre.

    Jetzt haben Sie die Belege nachgeliefert, das ist gut. Damit haben Sie Ihren vorherigen Fehler korrigiert. Danke. Das beantwortet den ersten Teil meines letzten Postings.

    Es wäre aber nett, wenn Sie mir den zweiten Teil noch beantworten könnten: Wieso gehen Sie davon aus, dass der MDR mit einer Sendung über Sprache, die von jemandem moderiert wird, dessen Ansichten Sie in guten Teilen für vertretbar halten, “Sprachnörgelei” betreiben will? Welchen konkreten Anhaltpunkt gibt es dafür? Oder handelt es sich nur um einen Anfall von Sprachnörgeleinörgelei?

  10. Herr Müller (#7), Der Google-Smiley ist nun verfügbar:
    :google:
    Um ihn in einen Kommentar einzubauen, gibt man :google: ein.

    Herr Paulwitz (#2), vielen Dank für den Hinweis. Hier die Webseite der Sendung, mit Zusammenfassungen der bereits gesendeten Folgen: http://www.mdr.de/frei-von-der-lippe/

    Herr Schulz (#8), leider hat die MDR-Mediathek die alten Folgen nicht vorrätig.

    Jan (#9), Googeln müssen Sie natürlich nicht selber, vor allem, da Sie hier ja sowieso nur stänkern wollen. Aber wenn Sie schon Textexegese betreiben, sollten Sie wenigstens den Links folgen. Dann hätten Sie zum Beispiel bemerkt, dass die Fragen des Interviews, aus dem von der Lippes Aussagen stammen, darauf abzielen, ihn zur Sprachnörgelei zu bewegen. Daraus schließe ich, dass der MDR (der ja die Fragen stellt), sich eine sprachnörgelnde Sendung gewünscht hätte. Wenn Sie das anders sehen, starten Sie doch Ihr eigenes Blog und schreiben Sie dort darüber.

  11. Immer wieder lustig, wie viele Metaebenen des (Meta-Meta-Meta-)Nörgel man erklimmen kann. ;)

  12. @A.S., #10:

    Sie scheinen viel über mich zu wissen, wie zum Beispiel, dass ich kein Blog habe, dem Link im Text nicht gefolgt bin und sowieso nur stänkern will. Alles drei ist falsch, aber ich gehe, um auf den dritten Punkt einzugehen, davon aus, dass jemand, der andere Menschen regelmäßig als “Sprachnörgler” herabwürdigt, auch einstecken kann, ohne gleich beleidigt sein zu müssen. Um das an dieser Stelle festzuhalten: Ich gehe davon aus, dass die Betrachtungsweisen “Sprache lebt und wir dürfen sie nur beobachten und beschreiben, aber nicht kritisieren” wie auch “Sprache ist ein Kulturgut, das um jeden Preis in ihrer aktuellen Form beschützt werden muss und nicht verändert werden darf” beide nicht stimmen, bzw. in einer moderateren Form beide Ihre Berechtigung haben, je nachdem, welchen Blickwinkel man gerade einnimmt. Daher haben Sie mich z. B. bei den “body bags” mit den neuen Beispielen tatsächlich überzeugt; aber bei Ihrem letzten Artikel war ich eben dem einen Link gefolgt und habe mich von den “across body bags” verarscht gefühlt. Wie gesagt, danke dass Sie richtige Belege nachgeliefert haben, es wäre aber noch besser, wenn Sie mit einem Wort mal sagen würden, dass Sie auch sehen, dass Sie bei besagtem Artikel mit dem Beleg einen Fehler gemacht haben. Ich mag hier für meinen Teil etwas zu schroff formuliert haben und möchte als Ausrede vorbringen, dass ich mich über den vermeintlichen Beleg zu “(across) body bags” damals ehrlich sehr geärgert habe, weil ich mich für dumm verkauft gefühlt habe.

    Um auf den MDR zurückzukommen: Danke, dass Sie mir die Frage beantwortet haben. Ich bin allerdings so frei, nicht zu glauben, dass die Meinung eines Interviewers von einer MDR-Fersehnachmittagssendung “hier ab vier” einen Schluß darauf zuläßt, warum “der MDR” (also ja wohl die Programmverantwortlichen, die hier ziemlich sicher nicht als Interviewer tätig sind) die Sendung ins Programm genommen hat. Das “der MDR” die Fragen so stellt, halte ich für überinterpretiert (muss aber zur Kenntnis nehmen, dass Sie das offensichtlich so sehen).

    Ich halte hier viel für möglich: Dass in der Programmplanung jemand sitzt, der tatsächlich eine Sendung gegen Sprachwandel haben möchte (der hätte dann vermutlich etwas falsch gemacht), dass da jemand sitzt, dem das Thema Sprache am Herzen liegt, der aber lieber jemand so etwas machen lassen will, der Linguistik wenigstens angefangen hat zu studieren, oder aber, dass da jemand das Thema Sprache bedienen will und ihm das Thema und die Tendenz der Sendung herzlich egal ist.

    Für den aktuellen Beitrag war es gar nicht nötig, “dem MDR” genau eine der möglichen Positionen zu unterstellen und aus dem Link läßt sich auch nicht belegen, was “der MDR” will. Noch weniger war es notwendig, auf den WDR und Bastian Sick zu verweisen. Natürlich ist das Ihr Blog und Sie können hier schreiben, was Sie wollen, klar, und auch Zusammenhänge zeigen und postulieren, wie es Ihnen passt. Aber ich halte Ihr Blog für größtenteils sehr lesenswert, gerade weil Gegenpositionen zu Sick et al. vertreten werden - un ich fände es noch deutlich lesenswerter, wenn nicht immer wieder bei Artikeln Verbindungen herbeigezerrt würden, um unmotiviert, oder besser: semi-motiviert das Wort “Sprachnörgler” unterbringen zu können.

  13. Über welche Kleinigkeiten sich so mancher hier aufregt, nicht schlecht. Ein Zweizeiler hätte es doch auch getan.

  14. Das wird ja immer schlimmer! Jetzt ist auch noch der MDR von Sprachnörglern unterwandert. Wohin man blickt: überall Sprachnörgler. Man muß den Akteuren dieses Blogs wirklich dankbar sein, daß sich in diesem schier aussichtslosen Kampf gegen die vielköpfige Hydra so aufopfern.
    Ich empfehle dringend, jeden Abend vor dem Schlafengehen unters Bett zu schauen. Womöglich lauert auch dort ein Sprachnörgler!

  15. Wenn wir das Mantra noch oft genug wiederholen, könnte Sprachnörgler vielleicht sogar “Unwort des Jahres” werden. Das wäre doch mal lustig. :D

  16. Ach was, hier wird doch nur Suchmaschinenoptimierung betrieben:
    http://www.google.de/search?q=sprachn%F6rgler

    :-)

  17. Ach was, nögeln ist lustig, nörgeln über Nörgler ist noch lustiger und das Nörgeln über Nörgelernörgler ist am allerlustigsten. Alle drei Formen des Nörgelns haben ihre Berechtigung, darum will ich hier nicht über sie nörglen, sondern sie alle loben.

  18. Nach Deutschland eingewanderte Amerikaner finden unsere Verwendung der Begriffe body bag und public viewing aber tatsächlich merkwürdig: http://nothingforungood.com/2008/06/21/after-the-shooting-grab-a-body-bag-and-head-to-the-public-viewing/

  19. @ Tom S. Fox:

    Nach Deutschland eingewanderte Amerikaner Ein nach Deutschland eingewanderter Amerikaner, der sein Geld damit verdient, über die komischen Deutschen zu schreiben findent unsere Verwendung der Begriffe body bag und public viewing aber tatsächlich merkwürdig

    Hab es für dich repariert.

    Guckst du hier, siehst du, wie es wirklich ist: http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2007/02/16/body-bag-blues/

  20. Frank, nicht den Troll füttern (hab es leider selbst gerade getan, bevor ich mir seinen gesammelten Schwachsinn durchgelesen habe). Ganz ehrlich, einer von der Art reicht mir hier.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.