Guy Deutscher über Sprachkritik

Wolfang Hömig-Groß macht mich auf einen Beitrag des Leidener Sprachwissenschaftlers Guy Deutscher in der Süddeutschen Zeitung aufmerksam, in dem der sich auf ruhige und intelligente Weise mit dem ebenso ewigen wie sinnlosen Karussell der Sprachkritik beschäftigt. Dabei geht er unter anderem auf die beliebte These ein, das Deutsche sei derzeit besonders stark bedroht:

Die Deutschen scheinen eine schreckliche Angst vor der Normalität zu haben — sogar die Selbstdiagnose des „Klassenschlechtesten“ ziehen sie dem Eingeständnis vor, „ganz normal“ zu sein. Nur, in dieser Angst sind sie — Verzeihung! — ganz normal. Von außen betrachtet fällt am gegenwärtigen Zustand des Deutschen nichts aus dem Rahmen: weder der Wandel, den es derzeit durchmacht, noch die Heftigkeit der Kritik an diesem Wandel. Die Entwicklungen, die wir in den heutigen Sprachen beobachten, sind von genau der gleichen Art wie die Veränderungen, die alle Sprachen seit Jahrtausenden durchmachen. Genau genommen sind die Kräfte hinter dem heutigen Sprachwandel nicht von denen zu unterscheiden, die in grauer Vorzeit die kunstvollen Strukturen unserer Sprachen überhaupt erst geschaffen haben. Doch mit nahezu der gleichen Beständigkeit, mit der sich die Sprache ändert, werden Veränderungen von gelehrten Autoritäten als schädlich, verkehrt und gefährlich gekennzeichnet.

Ich verlinke normalerweise ungern auf die Süddeutsche, da deren Beiträge nach ein paar Tagen hinter einer Bezahlmauer verschwinden — eigentlich schade, denn es stehen immer wieder mal ganz kluge Sachen zum Thema „Sprache“ darin. Heute mache ich mal eine Ausnahme: Wer sich beeilt, kann den Artikel hier lesen.

9 Kommentare zu „Guy Deutscher über Sprachkritik“

  1. “… von genau der gleichen Art wie die Veränderungen, die alle Sprachen seit Jahrtausenden durchmachen” - wirklich? Gibt es dazu empirische Studien? Früher wurde die Schriftsprache ja von viel weniger Menschen verwendet als heute. Und das soll keinen Einfluß haben?

  2. @ Tim: Nein, hat es nicht.
    Sprachwandel geschieht mündlich, nicht schriftlich. Und je nachdem, wann die Schrift fixiert wurde, kann man das auch sehen.
    Nimm z.B. Englisch: Das wird schon lange nicht mehr so gesprochen, wie es geschrieben wird, dasselbe mit Französisch. Und deutsch ebenso: Du sagst umgangssprachlich wir [ham] und schreibst , die sagst [schyssl] und schreibst Schüssel.
    Es ist ein irriger Gedanke, dass Verschriftlichung Sprachwandel aufhält, sie verzögert ihn nur ein ganz kein wenig (wenn überhaupt).

    Es gibt insofern empirische Belege, dass man versucht hat, das “Indogermanische” zu rekonstruieren und das gibt schon den ein oder anderen Aufschluss. Oder vergleiche Althochdeutsch mit Mittelhochdeutsch mit Frühneuhochdeutsch mit Neuhochdeutsch… Zu diesen Sprachstufen gibt es ja doch ein paar schriftliche Belege, auch wenn sie theoretische Konstrukte sind.

  3. Der Text wird auch gerade im VDS-Forum, äh, gibt es ein Wort für „über etwas reden, ohne es wirklich zu diskutieren“? Nichtkutieren?

    Ich finde den Deutschers Text aber insgesamt auch nicht soo überzeugend. Ich habe gerade folgenden Kommentar dazu im VDS-Forum hinterlassen:

    Man kann Guy Deutscher vielleicht vorwerfen, dass er (in dem hier zitierten kurzen Text) sehr unterschiedliche Traditionen der Sprachbetrachtung verrührt: Allgemeiner Deutscher Sprachverein, Schopenhauer, Grimm — das ist schon eine wüste Mischung. Aber ihm geht es ja um etwas anderes: seine These ist doch, dass jede Sprachgemeinschaft glaubt, gerade sie sei besonders stark von anderen Sprachen bedroht. Ich weiß nicht, ob ich das hundertprozentig überzeugend finde. Ich habe selbst einige Jahre in den USA gelebt und hatte den Eindruck, die Angst vor dem Spanglish, die Deutscher erwähnt, ist völlig anders motiviert als die deutsche Angst vor dem Denglisch. In den USA findet sich die Feindseligkeit besonders bei Menschen, die generell einwandererfeindlich sind, also Angst vor einer „gesellschaftlichen Überfremdung“ haben. In Deutschland sehe ich eher die Angst vor „kultureller Überfremdung“. Das hat auch Konsequenzen für die Art der sprachpuristischen Diskussion: In den USA grenzt sie häufig an unangenehme isolationisische und fremdenfeindliche Ideen, in Deutschland wird sie eher in einem kulturpolitischen Zusammenhang ausgetragen.

  4. In diesem Zusammenhang könnte man sarkastisch auch den Sprachverfall des Lateinischen im Vatikanstaat beklagen: Wie können sich die Hüter dieser altehrwürdigen Sprache erdreisten, Wörter wie “aeroplanum” neu einzuführen? Ist das nicht ein Anglizismus? Oder umgekehrt? Man könnte doch einfach Themen vermeiden, in denen das moderne Leben beschrieben wird! Gute Sprache ist doch schließlich ein höherer Wert als simple Kommunikation, oder?

  5. Ich nenne diese Sprachkassandras inzwischen die ‘verbale Lätta-Fraktion’: “Alle sollen so sprechen wie ich bin!”.

  6. @Tim & Christine A: Doch, ich würde schon behaupten, daß die Schriftsprache einen erheblichen Einfluß auf eine Sprache (und Kultur) ausüben kann. Die Schriftsprache ist auch - gerade heute - nicht NUR ein marginales Phänomen einer Übertragung dessen, was gesprochen wird.
    Trotzdem ändert das nichts an den grundlegenden Prinzipien des Sprachwandels, die in weiten Zügen für verschriftlichte Sprachen gelten wie für nicht verschriftlichte. Das (nicht geschriebene) Camling ist z.B. durchsetzt mit Wörtern vom Nepali (und im Übrigen auch vom Aussterben bedroht).

  7. @2. In der „normalen“ Umgangssprache spricht sich [∫ysl] mit nur einem s, Konsonantengeminaten gibt’s vor allem im südwestdeutschen Raum (Schweiz!)

  8. @ Jens: Upsi, das ist mir in der Transkription ein zuviel reingerutscht, das ist wahr. Ich wollte eigentlich darauf aufmerksam machen, dass das nicht mehr gesprochen wird, nicht mal als Schwa. ;)

    Und wenn ich schon dabei bin, kann ich auch meinen anderen Fehler ausmerzen:

    “Und deutsch ebenso: Du sagst umgangssprachlich wir [ham] und schreibst <wir haben>, du sagst [∫ʏsl] und schreibst <Schüssel>” (Das hab ich transkiptorisch unkorrekt geschrieben, in Ermangelung des Wissens, wie ich an das Sonderzeichen komme…)

  9. Interessante Diskussion, danke!
    @Anatol Stefanowitsch: wenn Sie ungern auf die SZ verweisen, könnten Sie auch auf das (noch klügere und unterhaltsamere) Buch und die Leseprobe verlinken, das erlaube ich mir hiermit:
    http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=24533

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.