Ein sprachlicher Bildungsauftrag

In einem Kommentar hat Leser/in „mus“ darauf hingewiesen, dass der NDR den „Tag der deutschen Sprache“ (den es natürlich nicht wirklich gibt und der nur der überhitzten Fantasie der Sprachnörgler entsprungen ist) mit einer Umfrage würdigt, in der nicht etwa die Schönheit und Vielfalt der deutschen Sprache gefeiert wird sondern in der die Leser zum sprachlichen Snobismus aufgefordert werden.

Unter dem auf sachliche und untendenziöse Diskussion ausgerichteten Titel „Ey, Digger: Welcher Sprachtrend nervt total?“ bietet man den Lesern folgende Auswahl an:

Nervtötende Kollegensprüche
„Alles klärchen? Wunderbärchen!“, „Tschüßli Müsli“, „Tschö mit ö“, „Bis Denver“, „Tschüssikowsky“

Anglizismen
„Hast du aus dem Back-Office den Reminder zum Briefung im Handout bekommen?“

Jugendsprache
„Ey, Digger“, „Quallo will das Perlhuhn knuseln“ [in etwa: der dickliche Typ will das süße Mädchen knuseln - Sie wissen schon…], „voll der Emo, ey“

SMS- und E-Mail-Kauderwelsch
Hdgdl [Hab’ dich ganz doll lieb], lol [laughing out loud - etwa: Da muss ich laut lachen!], Dd [Drück dich], CU [see you - wir sehen uns], asap [as soon as possible - schnellstmöglich], Lg Knuffi

Mode- und Marketing-Erfindungen
„Emotionsmäßig und essenstechnisch bin ich weit vorne, weil das Dressing schmeckt jetzt noch joghurtiger“

Damit der Leser auch richtig abstimmt, wird ihm vor der Abstimmung noch folgendes mit auf den Weg gegeben:

Mit einem tierisch jugendlichen „Ey, Digger: The biggest Voting ever“ bitten wir Sie um sachdienliche Hinweise! Machen Sie mit bei unserem Voting (also: unserer Abstimmung im Netz) und mailen Sie uns, welcher Sprachtrend Ihnen am meisten auf die Nerven geht!

Eine Option „Ich liebe sprachliche Vielfalt“ gibt es bei der Umfrage erwartungsgemäß nicht, aber man hat die Möglichkeit, den Machern der Umfrage über ein Kontaktformular eine Email zu schicken. „Mus“ schlägt vor, den „Tag der deutschen Sprache“ zu feiern, indem man dem NDR erklärt, warum die Umfrage völlig fehlgeleitet ist. Ich finde, das ist ein schöner Vorschlag und habe gleich den Anfang gemacht. Meine Email an den NDR lautet:

Mir geht besonders das gedankenlose Nachbeten der VDS-Propaganda auf die Nerven, das Sie hier betreiben und das nicht zur journalistischen Sorgfalt passt, die ich sonst vom NDR gewohnt bin.

Sprache ist zum Kommunizieren da, und nicht zur Befriedigung irgendwelcher subjektiven ästhetischen Empfindlichkeiten.

Wenn Sie Lehnwörter, jugendliche Umgangssprache und moderne Kommunikationstechnologien nicht mögen, dann verwenden Sie sie doch einfach nicht.

Aber dass Sie glauben, sich deswegen über diejenigen erhaben zu fühlen, die weniger sprachliche Berührungsängste haben, sagt mehr über Sie aus als über irgendwelche „Sprachtrends“.

Wenn sich jemand an der Aufklärungsaktion beteiligen will (hier nocheinmal der Link), wäre es nett, wenn er/sie eine Kopie seiner/ihrer Mail als Kommentar hier im Sprachblog posten würde. Ich weiß nämlich nicht, was der NDR mit den Mails macht und ich fände es schade, wenn die Nachwelt keine Möglichkeit hätte, von den vielen schönen und interessanten Stellungnahmen zu profitieren, die die Leser/innen des Bremer Sprachblogs zu diesem Thema abgeben werden.

[Nachtrag (2008-09-14): Obwohl ältere Umfragen noch zu finden sind, ist diese hier auf mysteriöse Weise von der Webseite des NDR verschwunden…]

47 Kommentare zu „Ein sprachlicher Bildungsauftrag“

  1. Meine Nachricht an den NDR 2:

    Was mir an sprachlichen Trends am meissten auf die Nerven geht ist, dass sich über sprachliche Trends in den Jahren so unreflektiert aufgeregt wird.

    Sprache dient in erster Linie dem Zweck der Kommunikation, solange sich die Gesprächpartner verstehen, funktioniert die Sprache. Dabei ist es völlig unerheblich, ob Aussenstehende (i.e. nicht direkt in einen Sprechakt involvierte Personen) etwas verstehen (wollen) oder nicht, bzw. ob ihnen das Gesagte rein ästhetisch betrachtet gefällt oder nicht.

    Darüber hinaus würde mich persönlich interessieren, welche “Sprachwissenschaftler” sich “Bitte sprecht verständlich - bitte sprecht schönes Deutsch” wünschen und dazu “appelieren”.

  2. Habe folgendes abgeschickt:

    “Sehr geehrte Damen und Herren,

    wenn JournalistInnen in Deutschland nichts mehr einfällt, dann denken sie sich “Sprachtrends” aus, die entweder empirisch nicht belegbar oder lächerlich out of date sind, und machen sich darüber lustig. Das ist Einprügeln auf Strohmänner, dumm, nutzlos, aber verzeihlich.

    Dass Sie allerdings auch noch den Nerv zeigen, Ihre LeserInnenschaft dazu auffordern, es Ihnen gleich zu tun, ist nicht nur dumm, nutzlos und verzeihlich, sondern auch noch überheblich. Wenn es jemanden gibt, den die deutsche Sprache zu fürchten hat, dann sind es nicht die (nichtexistierenden) SprecherInnen, die Ihre (nichtexistierenden) “Sprachtrends” pflegen, sondern WichtigtuerInnen wie Sie, die sich qua ihrer gefühlten journalistischen Wirkungsmacht und völlig unbenommen von jedem Sprachgefühl zu Autoritäten im Gebrauch des Deutschen aufzuschwingen gedenken. Ich hoffe, dass es sich hierbei um einen einmaligen Ausreißer gehandelt hat.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Matthias Warkus”

  3. Brief des Anthropologen an die Moderedakteurin: „Kleidung ist dazu da, vor Umwelteinflüssen zu schützen, und nicht zur Befriedigung irgendwelcher subjektiven ästhetischen Empfindlichkeiten. Wenn Sie die bunten Plastiksandalen nicht mögen, dann ziehen Sie sie doch einfach nicht an.“

    Brief des Bauphysikers an den Architekturkritiker: „Architektur ist dazu da, eine bestimmte Funktion zu erfüllen, und nicht zur Befriedigung irgendwelcher subjektiven ästhetischen Empfindlichkeiten. Wenn Ihnen der neue Hauptbahnhof nicht gefällt, dann betreten Sie ihn doch einfach nicht.“

    Usw.

  4. Mein Gott, “Klärchen, Wunderbärchen” und ähnlicher Bürosprech ist unter anderem in der Figur des Berthold Heisterkamp in Stromberg ja schon weiß Gott hinreichend karikiert worden. Und womit? Mit genau dem Humor, der dieser NDR-Aktion nun leider wieder völlig fehlt…

  5. Meine Nachricht an den NDR:

    Mir gehen vor allem uninformiertes Journalistengeschreibsel (”Politiker, Sprachwissenschaftler und andere berufene Menschen”) und selbstgefällige Imitationen der Jugendsprache von 1985 (”tierisch”) auf die Nerven.

    Ach, und Matthias: Mode ≠ Sprache, Architektur ≠ Sprache. Wer das nicht versteht, der stiehlt auch schlafenden Kindern ihre bunten Plastiksandalen.

  6. Matthias (#4), ich habe tatsächlich nie verstanden, warum sich Menschen über die modischen Vorlieben anderer ereifern. Kleidung ist ja tatsächlich vorrangig dazu da, vor Umwelteinflüssen zu schützen — und bunte Plastiksandalen tun das ebensogut wie einfarbige Ledersandalen oder zweifarbige Stoffsandalen. Einen neuen Hauptbahnhof, der mir nicht gefällt, kann ich trotzdem in seiner Funktion als Bahnhof verwenden, ich muss ihn mir ja nicht als Ölgemälde über den Kamin hängen.

    Davon abgesehen halte ich Ihre Gleichstellung von Sprache und künstlerischen Ausdrucksformen für irreführend. Wenn überhaupt, könnte man Lyrik (eine relativ nebensächliche Verwendung von Sprache) mit Mode und Architektur vergleichen, und niemand zwingt einen Dichter, Pseudojugendslang, englisches Lehngut oder SMS-Abkürzungen in seinen Texten zu verwenden. Ob man es mag, wenn er es doch tut, ist dann aber reine Geschmackssache.

    Der viel zu früh verstorbene Hans Hölzel hatte zum Beispiel eine Art, Deutsch und Englisch zu vermischen, die ich sehr ansprechend finde (z.B. Out of the Dark [You Tube]) und auch dem noch viel extremeren englisch-französischen Sprachmix von „K’maro“ (z.B. Femme Like U [You Tube]) kann ich etwas abgewinnen. Und wenn ich für das freie Ausleben meines Geschmacks in Kauf nehmen muss, dass andere Menschen bunte Plastiksandalen tragen, dann nennt man das wohl „pluralistische Demokratie“.

  7. “Liebe Leute bei der ARD, die hohlen Sprachstanzen eines immer nichtssagenderen Journalistenpalavers halte ich für wesentlich bedenklicher, als das klingklangverliebte Geschnatter dieser kurzlebigen SMS- und Jugendjargons. Die deutsche Sprache hat einen großen Magen - und ein weites Herz. Nur nicht für Sprachnörgler. CU.”

  8. Eine hervorragende Aktion, es war mir klar, daß Sie da wieder stänkern würden. Und sowas wie Sie darf heutzutage Professor spielen. Ich habe dem NDR mein Lob ausgesprochen: “Besonders schlimm finde ich die SMS-Jugendsprache, man versteht kaum, was die von einem wollen, bei diesem Gestotter und Gestammel. Immer ist alles “cool” und “stark” oder “voll öde”. Die Menschen sollen wieder ordentlich Deutsch sprechen lernen, wie zu meiner Jugend.”

  9. Herr Claus,

    es ist eine dämliche Aktion. Der NDR behauptet eine Wirklichkeit, die “vor allem” so aussehe wie in den angeführten Zitaten. Dazu hätte ich gerne ein paar Zahlen.

    Zum “SMS-Gestammel”: Hat jemals jemand zu Ihnen so gesprochen? Zu mir nicht. Und Abkürzungen verwenden wir in der schriftlichen Kommunikation alle und schon sehr lange. Waren Sie nie bei der Bundeswehr? Und stark war in (nicht “zu”!) meiner Jugend Teil der Jugendsprache, das ist nun schon ziemlich out.

  10. @ Hermann Claus: Wissen Sie - das Wörtchen ‘cool’ fand man schon in meiner Jugend ebenso - und das ist nun doch schon eine Zeitlang her.

  11. Meine Nachricht sn den NDR:

    Sehr geehrte Damen und Herren: Das ist schon eine mehr als seltsame Aktion…. Ist Ihnen denn nicht bewusst dass Sprache etwas Lebendiges ist? Das sich ständig verändert und fortentwickelt? Ich empfehle einmal einen Blick in unsere Klassiker, ob wieland ob Goethe: Dort wimmelt es nicht vor Anglizismen und Jugendsprache; aber unzählige französische oder lateinische Ausdrücke werden ganz selbstverständlich verwendet. Teilweise verstehen wir diese heute kaum mehr, geschweige denn dass wir sie noch verwenden: Der Sprachgebrauch im Lauf der Zeiten bewirkt sowohl das Verschwindene inzelner Wörter ode Phrasen, als auch die Aufnahme ganz neuer Ausdrücke. Freuen wir uns lieber an der Vielfalt als uns darüber zu ärgern! Was sinnvoll ist wird sich erhalten oder durchsetzen; unsinnige Wortkonstrukte oder Fremdwortverwendungen oder Modewörter werden auch wieder verschwinden!

  12. Es braucht wohl jede Kommunikationsplattform ihre Trolle - anders kann man den Beitrag von Herrn Claus kaum noch einstufen.
    Zudem fragt man sich, wie lange seine Jugendzeit her ist, denn schon mindestens Anfang des 19. Jahrhunderts wird in Deutschland die Sprache der Göttinger Studenten, ein Vorläufer der Jugendsprache, erwähnt, und mich würde es nicht wundern, wenn nicht schon die alten Griechen daran herumgenörgelt hätten, ganz im Sinne des Sokrates immer wieder zugeschriebenen Zitats: “Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Die Jugend steht nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer”.

  13. @ H. Claus:
    > “Besonders schlimm finde ich die SMS-Jugendsprache, man versteht kaum, was die von einem wollen, (…)”

    Genau das ist ja einer der fundamentalen Gründe für die Existenz und den stetigen Wandel der Jugendsprache.
    Die intolerante Ablehnung, die Sie hier äußern, wird auf diese Weise nämlich erwidert. Das macht die jeweilige “Jugend von heute” nämlich schon seit unzähligen Generationen, um sich von der (sprach- und überhaupt nörgelnden) Vorgängergeneration abzugrenzen.

  14. @ Hermann Claus: Das ist doch jetzt Satire, oder? Die “Früher-war-alles-besser”-Retorik (Vorsicht, freizügige Ortografie) meinen sie nicht wirklich ernst!?

    Meine Nachricht an den NDR:

    Liebe NDR-Redaktion,
    ich vote mal: für sie! Und für alle, die wie sie meinen, sie müssten die Sprachbenutzung anderer kollektiv verunglimpfen.
    Was “verständlich” ist, bestimmen Sprecher und Angesprochener und nur weil sie einer bestimmten Gruppe nicht angehören und damit deren Sprache nicht verstehen (siehe Jugendsprache oder Büro-Jargon), heißt das nicht, dass diese Sprache “schlecht” ist.
    Was wiederum “schön” ist, ist leider/gottseidank so subjektiv, dass sich daraus nicht wirklich Handlungsanweisungen ableiten lassen.
    Emotionsmäßig voll dabei:
    Michael Schäfer

  15. Nicht direkt ein Sprachtrend, aber mich nervt in erster Linie diese ignorante Aktion des NDR. Wer, glauben Sie, sind Sie, sich über die Sprachvielfalt des Deutschen zu erheben und über Sprachgruppen zu urteilen, von denen Sie offensichtlich nicht die geringste Ahnung haben? Dass Sie sich hier auf Sprachwissenschaftler berufen, spricht Bände - ich denke nicht, dass Sie viele davon finden werden, die diese Aktion unterstützen.

    Nächstes Mal bitte nicht nur beim VDS abschreiben, sondern tatsächlich Sprachwissenschaftler befragen. Danke!

  16. Hier ist meine Mail an den NDR:

    Liebe NDR-Redaktion.
    Ihr ästhetisches Empfinden in allen Ehren, aber warum jetzt auch in den allgemeinen Tenor des Sprachuntergangs miteinstimmen?
    Die deutsche Sprache ist eine lebende und hat daher die Tendenz, sich weiterzuentwickeln, ansonsten würden wir noch sprechen wie vor 800 Jahren.
    Dazu gehören auch solche “Sprachpanschereien”, wie Sie es liebevoll nennen.
    Dennoch sehe ich in keinem der oben genannten Beispiele eine ernsthafte Bedrohung, da jedes in seinem bestimmten Kreis seine Bedeutung erfüllt.
    Sprache ist in erster Linie zur Kommunikation vorhanden und solange man denselben Code wie sein Gegenüber verwendet, ist alles in Ordnung.
    Anders ausgedrückt: Die Chatsprache verlässt selten den ihr zugewiesenen Kontext der schriftlichen Kommunikation und vermutlich würde kein Jugendlicher zu seinem Opa: Ey, Alta was gehtn? sagen.
    Die heutigen Anglizismen sind die Latinismen und Gallizismen der Vergangenheit. Niemand käme heute noch auf die Idee “Fenster” (lat. fenestra) oder Portemonnaie zu verteufeln.
    Ich denke, hier werden wieder Dinge problematisiert, die keine sind. Sprach verfügt über gute Selbstregulationsmechanismen und verinnerlicht nicht gleich jeden Trend.

  17. Meine Nachricht: “Sie haben einen Sprachtrend vergessen: Die Sprachnörgelei.”

  18. Frank Oswalt, mit den Kritikpunkten in Ihrer Nachricht an den NDR haben Sie recht. Den Einleitungssatz („Politiker, Sprachwissenschaftler und andere berufene Menschen“) hatte ich heute Morgen noch nicht gelesen. Mich hatte erst einmal Anatol Stefanowitsch mit seiner Formulierung („in der die Leser zum sprachlichen Snobismus aufgefordert werden“) auf Oppositionskurs gebracht. Und dass Jugendsprache in den Medien zu einem großen Teil nicht mehr als das ist, was sich alternde Redakteure darunter vorstellen, sehe ich auch so.

    Zu Ihren an mich gerichteten Nachsätzen: Man kann, wenn jemand einen Vergleich anstrengt, danach suchen, wo der Vergleich hinkt. Oder man kann versuchen zu verstehen, was derjenige mit dem Vergleich ausdrücken wollte (was mir übrigens bei der Sache mit den im Schlaf gestohlenen Plastiksandalen nicht vollständig gelungen ist). Natürlich sind Sprache, Mode und Architektur nur bedingt miteinander vergleichbar. Worauf es mir ankam: Alle drei lassen sich nach funktionalen, aber auch nach ästhetischen Gesichtspunkten betrachten.

    Ich rieb mich an Anatol Stefanowitschs Aussage: „Sprache ist zum Kommunizieren da und nicht zur Befriedigung irgendwelcher subjektiven ästhetischen Empfindlichkeiten. Wenn Sie Lehnwörter, jugendliche Umgangssprache und moderne Kommunikationstechnologien nicht mögen, dann verwenden Sie sie doch einfach nicht.“

    Ich konnte dieser Aussage zumindest heute Morgen nicht mehr entgegensetzen als diesen Vergleich. Das liegt unter anderem daran, dass mir nicht klar ist, was Sie, Anatol Stefanowitsch (ich wechsle mal eben die Perspektive) mit Kommunikation und ästhetischen Empfindlichkeiten meinen. Als Sprachwissenschaftler müssen Sie unter Kommunikation mehr verstehen als die Vermittlung von Sachzusammenhängen. Kommunikation beinhaltet also auch Dinge wie Angeben, Statusmarkierung, Abgrenzung gegenüber anderen, aber auch Identifikation, Etablieren von Gemeinsamkeiten.

    Vor diesem Hintergrund stutze ich, wenn jemand solche Vorgänge, etwa den Versuch Gemeinsamkeiten zu etablieren, als „Empfindlichkeit“ abtut und das noch in Verbindung mit den in diesem Kontext abwertenden Adjektiven „subjektiv“ (eine Einzelperson betreffend und von keiner gesellschaftlichen Relevanz) und „ästhetisch“ (weniger wichtig als sachlich). Da klingt Ihr „wenn Sie das nicht mögen, verwenden Sie es doch nicht“ ein bisschen wie „wenn Ihnen das nicht passt, dann gehen Sie doch nach drüben“. Was ist so schlimm daran, wenn sich jemand kritisch (ach was: launisch kommentierend, mehr nicht) über einen bestimmten Sprachgebrauch äußert?

    Wird hier das Ganze nicht ein wenig zu wichtig genommen, und wird hier nicht vielleicht mit ungleichen Waffen ein Kampf gegen eine Windmühle gefochten; der WDR hat schließlich – meines Wissens – kein ähnliches Blog, in dem dessen Anhänger über Anatol Stefanowitsch herziehen können? Ich kenne WDR 2 nicht, aber nach allem, was ich bislang oberflächlich darüber in Erfahrung bringe konnte, ist das die Popwelle des Senders, die um Hörer buhlt, die abends die kommerziellen Fernsehprogramme konsumieren, in denen wöchentlich die „zehn nervigsten“ Irgendwas präsentiert werden. Dass sich öffentlich-rechtliche Sender an dieses Niveau anpassen, kann man natürlich beklagen (je öfter, desto besser), aber mal ehrlich und von wegen journalistischer Sorgfalt:

    Es handelt sich um ein Boulevardprogramm, nicht um die Wissenschaftssendung des NDR. Dass sich dessen vermutlich meist jugendliche Hörer in irgendeiner Richtung im Sinne der Umfrage manipulieren lassen, halte ich für unwahrscheinlich – zumal ja dabei alle möglichen Gruppen ihr Fett wegkriegen: die Jungen wie die Alten („nervtötende Kollegensprüche“ sind meines Wissens ein Privileg der Generation 40 plus, wenn nicht gar 70 plus), die Vertreter des mittleren Managements mit ihren Anglizismen wie die Alt-68er mit ihrem „Emotionsmäßig“-Slang (wir wissen zumindest, was gemeint ist).

  19. (Ein bisschen freut’s mich schon: dass auch der Herr Atkins bisweilen an den Nikolaus glaubt.)

  20. Wie peinlich. Zum Glück kommunizieren wir hier ja im kleinen Kreis.

    Ich schrieb vom WDR, meinte aber den NDR. Ich bitte um Entschuldigung.

  21. Matthias (#18):

    Wird hier das Ganze nicht ein wenig zu wichtig genommen,

    Es ist mir wichtig.

    und wird hier nicht vielleicht mit ungleichen Waffen ein Kampf gegen eine Windmühle gefochten; der WDR hat schließlich – meines Wissens – kein ähnliches Blog, in dem dessen Anhänger über Anatol Stefanowitsch herziehen können?

    Da ich keine inhaltliche Kommentarfilterung vornehme, können die auf meinem Blog über mich herziehen, wenn sie wollen…

  22. In Wirklichkeit werden diese Artikel des VDS und der Zeitungen & Redaktionen, bei denen der VDS offensichtlich kräftig Lobbyarbeit betreibt, doch nur verfasst, damit hier immer wieder neue, amüsante Postings verfasst werden.
    Geben Sie’s zu, Herr Stefanowitsch, Sie stecken doch mit denen unter einer Decke ;-) Im Dienste der Unterhaltung Ihrer Leser.

    Mal ernsthaft: Dass streng konservative und nationalistische Meinungsmacher sich über Denglisch & Co. aufregen, ist doch nichts weiter als Zeichen eines gewaltigen Minderwertigkeitskomplexes.
    Mit Sprache an sich hat das wohl nicht so viel zu tun.

  23. Wenn jemand sich entscheidet nur mit Schimpfwörtern zu kommunizieren hätten wir auf Grund der sprachlichen Vielfalt keinen Grund, uns zu beschweren?

    “Sprecht schönes Deutsch” ist schon ein bisschen zu weit, aber ich habe kein Problem mit harmloser Kritik gegen Sachen wie die oben erwähnten “Kollegensprüche” (die tatsächlich verdrießlich sind).

  24. Auf der Programmseite der Sendung „Der NDR 2 Morgen“, nur vier Absätze von der hier diskutierten Meinungsmache äh, ich meine -umfrage entfernt, habe ich folgendes gefunden - Zitat: „Der Test: Wie tolerant sind Sie wirklich? Wer outet sich schon als intolerant, wenn er gefragt wird? Aber wie sieht es wirklich aus?…“ klickt man den Test dann an, so wird noch weiter ausgeführt: „… Aber im Alltag sieht es oft anders aus. Menschen, die anders aussehen, anders denken oder sich anders verhalten, werden oft schief angesehen oder sogar offen angegriffen… “
    da fällt mir nichts mehr ein.

    Meine Email an den NDR lautet deshalb natürlich:

    „Liebes NDR 2 Morgen-Team, mich nervt am meisten, dass eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, von der man eigentlich eine gewisse Bildungsverantwortung erwartet, sich so unreflektiert vor den Narrenkarren dümmlich arroganter Vereine wie dem VdS und seiner plumpen und peinlichen Meinungsmache spannen lässt. Dass Sie dieses Kasperletheater mitmachen, können Sie unmöglich ernst meinen, witzig ist es allerdings auch nicht.
    In diesem Zusammenhang wäre ich natürlich sehr gespannt auf Ihre Selbsteinschätzung beim Test „Wie tolerant sind Sie wirklich?“, den Sie praktischer Weise gleich auf Ihrer eigenen Programmseite bereitstellen.“

  25. Meine Nachricht an den NDR:
    “Augenscheinlich wird man durch Unbekanntes am meisten abgeschreckt. Meine Mutter ist fürchterlich von englischen Wörtern genervt, weil sie die Sprache nicht gelernt hat. Gegen spanische Einflüsse hat sie hingegen garnichts, weil sie dadurch an ihren Urlaub erinnert wird. Ich selbst spreche die meisten europäischen Sprachen und einige außereuropäische und freue mich über “Panschereien”, weil sie sich effizient in meine Assoziationen einpassen. Nur wer unbegabt für Fremdsprachen ist, wehrt sich gegen Fremdeinflüsse!”

  26. Angesichts der Tatsache, dass die tolle Morgen-Sendung von NDR2 heute schon wieder den selben Stiß erzählt, die selben planlosen Leute in seinem Einspieler über den Sprachgebrauch der Jugend nörgeln lässt und mit den selben “witzigen” Umformulierungen für die selbe beschissene Umfrage wirbt, da heute (ja, wann denn nun? gestern? heute? jeden Tag?) der Tag der Deutschen Sprache sei, bin ich versucht zu sagen, dass die hier hochengagierten Mitteilungen der Sinnlosigkeit an die Redaktion vergebens waren, wenn überhaupt, dann nur vom Volontär gelesen wurden und aller Wahrscheinlichkeit nach direkt in den Orkus gewandert sind.
    Danke an alle, die sich trotzdem beteiligt haben.
    Danke, NDR2 - I see where this is going, and I don’t care. Radio ist eh überbewertet.
    PS: Ich bin “Leser”, nicht “Leserin”.

  27. Oh, und wer noch nichts zu tun hat, und sich ein bisschen wissenschaftlich fundiert streiten möchte: Hiera findet sich ein Verzeichnis (nach Postleitzahlen geordnet) der Info-Stände und Aktionen der VDS zum heutigen Tag der Deutschen Sprachnörgelei. Leider nichts in meiner Nähe…

    Viel Spaß dabei!

  28. @ 19 Matthias: Wie meinen?

  29. Immer ist alles “cool” und “stark” oder “voll öde”.

    Ah, “öde” ist Jugendsprache? Ich habe geglaubt, alle Deutschen (wenn ich einmal etwas vereinfachen darf) sagen das, wenn ihnen “langweilig” zu lang ist — “fad” kennen sie ja nicht.

    Ich selbst spreche die meisten europäischen Sprachen

    Das wären dann so ungefähr 60… selbst die EU hat 21 Amtssprachen…

  30. @ Chat Atkins in # 28: Ich meine, dass Hermann Claus (der „Nikolaus“ in # 8) in eine Rolle geschlüpft ist und eine fremde Meinung wiedergegeben hat, die Sie ihm (wie Achim in # 9) als seine eigene abgekauft haben.

  31. Der tiefrote Kreis, der aussieht wie ein stilisiertes Gesicht mit Stirnband oder Augenbinde (er ersetzt die Ziffer 8 und eine schließende Klammer), wurde hier ohne mein Zutun eingefügt. (Warum? Der Mehrwert erschließt sich mir nicht.)

  32. Matthias (#31): das sind automatische Smileys, die braucht man, sonst ist es kein Web 2.0. Der Sonnenbrillensmiley 8-) hat aber schon öfter Probleme gemacht, ich habe deshalb den Code meiner Wordpress-Installation so angepasst, dass er nur noch durch 8–) und nicht mehr durch 8) aufgerufen werden kann.

    Wo ich schon dabei war, habe ich ein Nörgler-Smiley erfunden. Es kann über :noergler: eingefügt werden und sieht so aus: :noergler: — ist das nicht schön?

    Ach, und Hermann Claus — ich vermute, er meint seine sporadischen Kommentare nicht ernst, aber sicher bin ich mir nicht…

  33. Es ist erfreulich, dass der Tag der deutschen Sprache zu einer so ergiebigen Diskussion im Bremer Sprachblog geführt hat. Genau das ist eines der Ziele dieses Tages: »Der Tag der deutschen Sprache soll zum Nachdenken und zum persönlichen und öffentlichen Meinungsaustausch über die deutsche Sprache anregen.«

    Bedauerlich hingegen ist die Anmerkung, dass »es (den Tag) natürlich nicht wirklich gibt und der nur der überhitzten Fantasie der Sprachnörgler entsprungen ist«. Warum verschließt der Autor die Augen vor der Wirklichkeit? Welcher ideologische Hintergrund wird aus diesem Satz sichtbar? Wem nützt eine solche Aussage?

    Den »Tag der deutschen Sprache« gibt es seit 2001. Er wird jährlich am zweiten Septembersamstag begangen. Allein im Verein Deutsche Sprache gab es in diesem Jahr wieder über 40 Veranstaltungen. Aber auch andere Sprachvereine beteiligen sich regelmäßig. Die Medien nehmen daran zum großen Teil mit eigenen Beiträgen teil.
    Das Sprachbewusstsein der Deutschsprecher hat sich seither u. a. wegen dieser Initiative erheblich erhöht. Jährlich kommen neue Bücher über die deutsche Sprache heraus. Daran ist abzulesen, wie wichtig die Muttersprache dem Sprachvolk ist.

    Nur Linguisten mit extremen Ansichten stehen diesem Aktionstag argwöhnisch und feindselig gegenüber.

    Gedenk- oder Aktionstage entstehen auf unterschiedliche Weise. Meistens sind Einzelpersonen oder kleine Gruppen die Schöpfer, verbunden mit erheblichem ehrenamtlichem Einsatz. Immer geht es um Fürsorge zum Nutzen der Gesellschaft. Ist ein solches Verhalten zu tadeln? Schauen Sie sich die Liste der Gedenk- und Aktionstag einmal an, um zu erkennen, wie sehr der Autor mit seinem Teilsatz »der nur der überhitzten Fantasie der Sprachnörgler entsprungen ist« die Handlungsmotive böswillig verdreht http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Gedenktage

    Es geht im Übrigen nicht nur um Anglizismen oder die Jugendsprache. Der Mängel- und Beobachtungskatalog der deutschen Sprache ist lang. Ich führe einige Stichworte auf: Abnehmendes Interesse an Deutsch als Fremdsprache im Ausland, damit verbunden: Angst der Deutschlehrer im Ausland vor dem Arbeitsplatzverlust; Auseinanderklaffen von Lautung und Schreibung; Etikettierung von Wörtern unseres Traditionswortschatzes als nationalistisch (Hall of Fame); Stellung der deutschen Sprache in den EU-Gremien; Deutsch als Forschungs- und Lehrsprache an den Universitäten; Englisch z. T. mit Fachunterricht in Kindergärten; Englisch bei Produktbeschriftungen; Englisch als Arbeitssprache in deutschen Betrieben; Konferenzsprache Englisch bei wissenschaftlichen Veranstaltungen in Deutschland; Englischer Immersionsunterricht; Ansehensverlust der deutschen Sprache bei unseren Landsleuten (Anglizismen, Gesang) usw.

    Ich habe noch keinen Sprachwissenschaftler kennen gelernt, der diese Gefährdungsquellen leugnete. Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages »Kultur in Deutschland« sieht laut Schlussbericht vom 13. 12. 2007 ebenfalls Handlungsbedarf (s. Punkt 6.5 »Erhalt und Förderung der deutschen Sprache«)

    Die meisten unserer ausländischen EU-Nachbarn haben im Gegensatz zu uns nicht nur ihre Landessprache in der Verfassung verankert, einige haben – wie inzwischen auch wir seit 2001 - seit langem ihre eigenen Sprachtage ins Leben gerufen (Journée de la Francophonie, Dìa de la Hispanidad usw.)
    So viel zum »Tag der deutschen Sprache«.

    Einige wenige Punkte aus den Beiträgen greife ich noch auf:

    Wer längere Zeit im Ausland war, wird bei der Rückkehr in die Heimat leicht feststellen können, dass Sprache nicht nur Kommunikationsmittel ist. Diese Erkenntnis, die z. B. von Heinrich Heine im Wintermärchen (Caput 1, Verse 1 – 3) bearbeitet worden ist, ist allerdings nur denjenigen zugänglich, die noch über echte Gefühle und nicht nur über ein emotionsloses »Feeling«-Wortgeklingel verfügen.

    Die kurzlebigen Jugendsprachen werden künstlich aufgebauscht. Dahinter steht der Kommerz (s. Lexikon der Jugendsprache).

    Es ist erschreckend, wenn Sprache mit Mode und Geschmack, also Konsum- und Wegwerfprodukten gleichgesetzt wird. Welche Geisteshaltung sich darin offenbart, möge jeder selbst beurteilen.

    »Sprache sei etwas Lebendiges«, habe ich gelesen. Richtig, niemand wird den Sprachwandel leugnen. Wir sorgen uns um die zunehmende Geschwindigkeit, mit der dies angesichts der vielen Anglizismen, die sich in der deutschen Sprache breitmachen, geschieht. Es sei auch darauf hingewiesen, dass die eindeutigen Ausspracheregeln unserer Sprache durch den leichtsinnigen Gebrauch englischer Wörter verloren gehen; Lautung und Schreibung klaffen immer weiter auseinander. Wir sind dabei uns die englische Krankheit in die Sprache zu holen.

    Natürlich gab es auch in der Vergangenheit mehr oder weniger sprachliche Einflüsse, wie z. B. Griechisch, Lateinisch, Französisch, um nur die großen zu nennen. Sollen wir denn diese Fehler heute wiederholen. Schauen Sie sich einmal die immer dicker werdenden Fremdwörterbücher an, um ermessen können, wie viele Fremdwörter heutzutage nachgeschlagen werden müssen. Ohne Sprachpfleger wie von Stephan, Campe, von Zesen, Luther, Gottsched, Schottel, die mit ihren Wortschöpfungen und Übertragungen verständlich deutsche Wörter gefunden haben, wären diese Wörterbücher noch dicker.

    Die oft genannten »Selbstregulierungsmechanismen« laufen nicht mehr rund. Andauernde Sprachmanipulationen von unterschiedlichen Interessengruppen sind Sand im Getriebe dieses Systems. Wenn die ausländischen Schüler und Studenten der deutschen Sprache merken (das ist schon der Fall), dass sie sich ohne Englisch in Deutschland nicht mehr verständigen können, wenn sich bei unseren Landsleuten im Inland die Meinung verbreitet, dass Deutsch nichts mehr wert ist, werden sich Selbstverstärkungsmechanismen einstellen. Die Folgen, auch für Arbeitsplätze, kann sich jeder selbst ausmalen.

    Zum Schluss führe ich noch die Ziele des Tages der deutschen Sprache auf:

    [Aufgrund einer vermuteten Urheberrechtsverletzung wurde dieser Teil des Kommentars entfernt. A.S.]

  34. “Andauernde Sprachmanipulationen von unterschiedlichen Interessengruppen sind Sand im Getriebe dieses Systems.”

    Richtig. Fällt Ihnen was auf?

  35. Die Ziele des Tages der deutschen Sprache können Sie bedenkenlos aufführen. Sie sind von mir und meinem Arbeitskreis entwickelt worden, sozusagen ein Selbstzitat.

  36. Herr Dey (#33), nur, dass ich das richtig verstehe: meine Aussage, dass der „Tag der deutschen Sprache“ eine Erfindung der Sprachnörgler ist, halten Sie für falsch.
    Ihre Belege für Ihre Meinung sind:
    1. dass der Verein Deutsche Sprache (also eben jene Vereinigung von Sprachnörglern, die den Tag erfunden haben), an diesem Tag Veranstaltungen durchführt;
    2. dass der Tag in einer „Lister der Gedenktage“ in der Wikipedia auftaucht, in der auch solche klaren Beispiele für anerkannte Gedenktage wie der „Internationale Anti-Diät-Tag“, der „Tag des Systemadministrators“ und der „International Talk Like a Pirate Day“ verzeichnet sind;
    3. dass sich das „Sprachbewusstsein der Deutschsprecher … seither u. a. wegen dieser Initiative erheblich erhöht“ hat, und dass „jährlich … neue Bücher über die deutsche Sprache heraus“ kommen.
    Und wen das noch nicht überzeugt hat, den lassen Sie in Ihrem zweiten Kommentar (#35) wissen, dass die Ziele des „Tag der deutschen Sprache“ in Ihrem „Arbeitskreis entwickelt worden“ sind.
    Helfen Sie mir weiter: Inwiefern sind das nun Argumente gegen meine Feststellung, dass es den Tag „natürlich nicht wirklich gibt und der nur der überhitzten Fantasie der Sprachnörgler entsprungen ist“?

  37. Es ist jetzt an Ihnen, zu erklären und zu begründen, welche “wirklichen” Gedenk- und Aktionstage Sie akzeptieren und warum Sie von überhitzter Fantasie sprechen. Ich habe in meinem Beitrag (# 33) alles allgemeinverständlich erkäutert.

    Ich füge noch einmal die Ziele des Tages der deutschen Sprache an, damit die Leser erkennen können, dass Ihr Kampfbegriff “Sprachnörgler” in Wirklichkeit aktive Sprachpflege ist.

    Der “Tag der deutschen Sprache”
    • soll ein Sprachbewußtsein schaffen und festigen, das den unkritischen Gebrauch von Fremdwörtern eindämmt bzw. verhindert;
    • soll bei allen Bürgern unseres Landes den Sinn für die Schönheit und Ausdruckskraft der deutschen Sprache wecken;
    • soll der kulturellen Selbstvergessenheit entgegenwirken;
    • soll die Wichtigkeit guter muttersprachlicher Kenntnisse für die Herausforderungen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit hervorheben;
    • soll den Willen verstärken, gutes und verständliches Deutsch in Wort und Schrift zu gebrauchen;
    • soll bewirken, daß wir unsere eigene Sprache schätzen, nur dann wird sie im Ausland ernstgenommen;
    • soll an die Gleichwertigkeit aller Sprachen erinnern;
    • soll ein partnerschaftliches Band zwischen den Freunden der deutschen Sprache im In- und Ausland knüpfen;
    • soll zum Nachdenken und zum persönlichen und öffentlichen Meinungsaustausch über die deutsche Sprache anregen.

    Der “Tag der deutschen Sprache” findet jährlich am zweiten Septembersamstag statt. Alle sprachlich Interessierten sind eingeladen, sich an diesem Tag zu beteiligen.

  38. Konferenzsprache Englisch bei wissenschaftlichen Veranstaltungen in Deutschland

    1. Wissenschaftliche Veranstaltungen sind ipso facto international.
    2. Bin ich froh, dass die Konferenzsprache beim 2. Internationalen Paläontologiekongress Englisch war. Der war nämlich in Peking. 2.000 Teilnehmer, mich eingeschlossen, wären sonst nicht zusammengekommen.

    die eindeutigen Ausspracheregeln unserer Sprache

    Eindeutiger als Englisch schon, aber weniger eindeutig als Französisch.

    Schauen Sie sich einmal die immer dicker werdenden Fremdwörterbücher an, um ermessen können, wie viele Fremdwörter heutzutage nachgeschlagen werden müssen.

    “Müssen”? Wer kauft denn solche Bücher? Ich z. B. nicht… und außerdem, was man in solchen Wörterbüchern am häufigsten findet, sind lateinische und französische Importe aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die inzwischen wieder aus der Mode gekommen sind.

  39. @ Anatol Stefanowitsch: Ist es okay, wenn ich hier eine Richtung einschlage, die deutlich vom Ursprungsbeitrag wegführt?

    @ hddey # 33. Sie schreiben, „dass die eindeutigen Ausspracheregeln unserer Sprache durch den leichtsinnigen Gebrauch englischer Wörter verloren“ gingen, „Lautung und Schreibung […] immer weiter auseinander [klafften] und wir dabei seien, „uns die englische Krankheit in die Sprache zu holen“.

    Nun, eindeutig im Sinn eines exakten Laut-Buchstaben-Verhältnisses sind die Ausspracheregeln des Deutschen (meine Übersetzung für „unserer Sprache“) ja schon lange nicht. Vielleicht waren sie es nie, aber das weiß ich nicht so genau. Das Englische ist in dieser Hinsicht natürlich dennoch um einiges problematischer.

    Insofern glaube ich zu verstehen, was Sie mit der „englischen Krankheit“ meinen, auch wenn ich diesen Ausdruck etwas unglücklich finde. Es dürfte Ihnen schwerfallen, einen Engländer, Amerikaner, Inder oder Neuseeländer aufzutreiben, der seine Muttersprache oder deren Schreibung als „krank“ bezeichnet, außer vielleicht ironisch und mit deutlichen Anführungszeichen.

    Aber stimmt es denn überhaupt, dass derzeit besonders viele Wörter aus dem Englischen in die deutsche Sprache einwandern, bei denen das Laut-Buchstaben-Verhältnis ungünstiger ist als beim hierzulande etablierten Wortschatz? Haben Sie dafür Beispiele? Auf der Internetpräsenz des VDS habe ich dazu nichts gefunden. (Aber vielleicht habe ich nicht lange genug gesucht.)

    Den Lerneffekt, der dazu führt, dass sich „managen“ für den durchschnittlich gebildeten Deutschen heute nicht mehr auf „nagen“ reimt, muss man natürlich berücksichtigen. Den hat der durchschnittlich gebildete Deutsche aber auch vor hundert Jahren durchgemacht, als er lernte, wie man „Giro“ und „Portemonnaie“ ausspricht.

    Nach Belegen in Ihrem Sinn suchend stieß ich auf „tough“ – den Klassiker im Englischunterricht, der am Beispiel des fiktiven Worts „ghoti“ die Widersinnigkeit der englischen Orthografie zu verdeutlichen sucht. Gleichzeitig illustriert „tough“ wunderbar, wie Sprecher des Deutschen eine Wortschatzlücke schließen, ohne dabei Aussprachehindernisse zu produzieren: „taff“.

    „Taff“ ist nicht verbreitet, mehrheitlich heißt es wahrscheinlich noch immer „sie ist eine toughe Frau“, aber das regelt sich. Langfristig wird die deutsche (sexistische) Sonderbedeutung wahrscheinlich entweder aussterben oder mit einer wieder etwas anderen Bedeutung in den Wortschatz der Gemeinsprache Einzug halten.

    Wie gefragt: Haben Sie Beispiele für Wörter, die an der „englischen Krankheit“ leiden?

  40. Auch den Muttertag “gibt es nicht wirklich”. Vielmehr ist er der überhitzten Phantasie der Floristenverbände entsprungen.

  41. De Bezeichnung »Englische Krankheit« ist als Metapher für die Unregelmäßigkeiten der englischen Rechtschreibung zu verstehen. Das bekannte Beispiel »ghoti-fish« wurde genannt. Gehen Sie einmal durch eine deutsche Geschäftsstraße. Sie werden allein dort viele Beispiele finden. Ich kopiere meinen Aufsatz »Lautung und Schreibung« ein, der die Problematik beleuchtet.

    Lautung und Schreibung

    Je weiter Schreibung und Lautung einer Sprache auseinanderklaffen, um so schwieriger ist die Schriftsprache zu erlernen. Das ist bei den Schülern in England deutlich zu erkennen, die für das Erlernen der Rechtschreibung länger brauchen als Schüler aus Ländern, die über eine regelmäßigere, weitestgehend phonetische Rechtschreibung verfügen. Diese Gefahr besteht inzwischen auch für die deutsche Sprache, wenn wir Wörter, besonders aus der englischen Sprache, gedankenlos in unseren Wortschatz übernehmen. Die sprachbewussten Bürger, besonders die Medien, sollten sich deshalb bemühen, deutsche Entsprechungen für Anglizismen zu finden und sich auf treffende Wörter aus dem eigenen Wortschatz zu besinnen – zum Wohle unserer Sprache.

    Fremdwörter aus dem englischsprachigen Bereich, die sich im Sprachgebrauch bereits eingebürgert haben und nützlich sind, sollten mit Umsicht und Augenmaß verdeutscht werden. Dazu zählen Wörter wie z. B. Händi (Handy, scheinenglisch) und Skänner (Scanner). Für das Portemonnaie ist erst jetzt, nach Jahrzehnten, das orthographisch deutsche Portmonee zugelassen. Die Angleichung der Schreibung des Wortes „Baby“ ist uns bis heute nicht gelungen (s. bébé im Französischen, bebé im Spanischen).

    Fremdwörter müssen nicht verdeutscht werden, wenn sie bereits fester Bestandteil unseres Wortschatzes geworden sind und eine passende Rechtschreibung für unsere Sprache besitzen. Dazu gehört zum Beispiel das Wort »Internet«.

    Ein anderes Problem besteht bei den Eigennamen, die aus dem nichtenglischen Bereich ohne lateinisches Alphabet stammen. Die verbindlichen Transkriptionen und Transliterationen werden dabei häufig außer Acht gelassen. Als Beispiel ist die Schreibung »sh« statt »sch« wie in Geisha, Shaba, Hiroshima, Shanghai zu nennen. Auch für den Ersatz des »dsch« durch »dj«, »s« durch »z«, »ch« durch »kh«, »tsch« durch »ch«, »w« durch »v«, »j« durch »y« usw. gibt es zahlreiche Fundstellen.

    Bei chinesischen Wörtern führen die bekannten Transkriptionen, die mit unserer Aussprache nicht übereinstimmen, einerseits zu Ausspracheunsicherheiten und –fehlern (Qi-Gong). Andererseits wird oft die englische Schreibung gewählt.

    Der Duden-Verlag setzt Englischkenntnisse für das Verständnis der deutschen Sprache in seinen Wörterbüchern bereits voraus und verzichtet bei der Auswahl der Wörter auf jeden sprachpflegerischen Ehrgeiz. In seinem Aussprache-Wörterbuch wird das internationale phonetische Alphabet auf Englisch erläutert. Dieses Wörterbuch merkt in der Ausgabe von 2005 an: »Da z. B. das Englische als Fremdsprache im deutschen Sprachgebiet eine viel größere Bedeutung hat als das Russische, wird man bestrebt sein, das Englische eher echt fremdsprachlich auszusprechen als das Russische.« Die ARD-Aussprachedatenbank mit seinen 170.000 Ausdrücken geht denselben Weg. Es ist z. B. seit einigen Jahren in Deutschland, besonders in Rundfunk und Fernsehen üblich geworden, Abkürzungen englischer Bezeichnungen unnötigerweise englisch auszusprechen (ISAF als Aisaf, iPod als Aipott, CIA als Sziaiäi, ISS als Aiessess, IT = Informationstechnologie! als Aiti). Im Duden finden sich diese Ausspracheregelungen ebenfalls wieder. Die Aussprache der Abkürzung »USA« und »Nato« stammt noch aus einer Zeit, als der Aussprache-Reinheitswahn noch nicht das heutige Ausmaß erreicht hatte.

    Konrad Duden hat sich nicht nur mit Erfolg für die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung eingesetzt, sondern war mit gutem Grund auch ein Verfechter der phonetischen Schreibung von Fremdwörtern. Das Vermächtnis dieses großen Mannes bröckelt immer mehr ab – zum Nachteil für die deutsche Sprache.

  42. @hddey (#41): Verbindliche Transliterationen werden außer Acht gelassen? Geisha, Hiroshima usw. sind nach Hepburn transliteriert, dem vermutlich weitestverbreiteten Transliteratisnssystem für das Japanische. Sie meinen wohl eher, daß man Transliterationen verwendet, die nicht den deutschen Orthografie-Prinzipien entsprechen. Das mag vielleicht besserwisserisch und pingelig sein, aber Genauigkeit ist meiner Meinung nach das A und O, gerade, wenn es sich um einen Aufsatz handelt.
    Man könnte das natürlich zu “Geescha” und “Chiroschima” anpassen, dagegen hätte ich nicht einmal etwas - eine eingängige Rechtschreibung ohne große Ausnahmen hat nur Vorteile :)

  43. Ja, das habe ich gemeint. Vielen Dank für die Verdeutlichung.

  44. Wenn wir schon pingelig sind, sollten wir von Hepburn-Transkription und nicht von Transliteration sprechen.
    Gibt es überhaupt ein deutsches Transskriptionssystem für das Japanische?

  45. Es dürfte Ihnen schwerfallen, einen Engländer […] aufzutreiben, der seine Muttersprache oder deren Schreibung als „krank“ bezeichnet, außer vielleicht ironisch und mit deutlichen Anführungszeichen.

    Glaube ich gern, aber selbstverständlich gibt es welche (Links zu weiteren ganz unten auf der Seite).

    Das bekannte Beispiel »ghoti-fish« wurde genannt.

    Ich verstehe übrigens nicht, wieso es fast nie zu ghotiugh erweitert wird (mit dem stummen ugh von though).

    Für das Portemonnaie ist erst jetzt, nach Jahrzehnten, das orthographisch deutsche Portmonee zugelassen.

    …das übrigens nicht der verbreitetsten französischen Aussprache entspricht: für die meisten frz. Muttersprachler hat es [ɛ], nicht [e], am Ende.

    Bei chinesischen Wörtern führen die bekannten Transkriptionen, die mit unserer Aussprache nicht übereinstimmen, einerseits zu Ausspracheunsicherheiten und –fehlern (Qi-Gong). Andererseits wird oft die englische Schreibung gewählt.

    Pinyin ist seit den 70erjahren in der Volksrepublik und seit ein paar Jahren auch in Taiwan verbindlich. Es verwendet sh und ch und macht damit manchmal einen englischen Eindruck (Beispiel: Shanghai), aber das täuscht. Solange wir nicht völlig phonetisch schreiben, so wie etwa auf Serbokr… ups BCSM üblich, hat es überhaupt keinen Sinn, an solchen Konventionen zu rütteln.

  46. @David Marjanović:
    “Für das Portemonnaie ist erst jetzt, nach Jahrzehnten, das orthographisch deutsche Portmonee zugelassen.

    …das übrigens nicht der verbreitetsten französischen Aussprache entspricht: für die meisten frz. Muttersprachler hat es [ɛ], nicht [e], am Ende.”

    Das entspricht nicht meiner Erfahrung. Ich höre von Franzosen generell in den Endungen kaum noch ein [ɛ], fast nur noch [e]. Im Deutschen habe ich Portemonnaie noch nie mit [ɛ] gehört. Sprachwandel eben.

  47. Ich höre von Franzosen generell in den Endungen kaum noch ein [ɛ], fast nur noch [e].

    Das kann leicht ein geographischer Unterschied sein. Ich höre hier in Paris [ɛ] häufiger als [e].

    Im Deutschen habe ich Portemonnaie noch nie mit [ɛ] gehört.

    Ich habe es im Deutschen überhaupt noch nie gehört, nur Geldtascherl

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.