Keine Durchfahrt

Vor ein paar Wochen war ich auf einer Konferenz im Süden Englands und beim Zwischenaufenthalt in London ist mir dieses Schild aufgefallen:

ROAD AHEAD CLOSED

Aufgefallen ist mir das Schild wohl deshalb, weil die grammatische Struktur der Warnung für mich ungewoht klingt. Ich habe einige Jahre in Texas gelebt und von dort ist mir dieses Schild vertraut:

ROAD AHEAD CLOSED

Wörtlich übersetzt bedeutet das Londoner Schild „Die Straße voraus ist geschlossen“ (es ist eine verkürzte Form von The ROAD AHEAD is CLOSED), das Schild aus den USA bedeutet „Die Straße ist weiter vorne geschlossen“ (vergleiche The ROAD is CLOSED AHEAD). Streng genommen ist das nicht genau das gleiche: das Londoner Schild weist darauf hin, dass eine Straße, die vom Leser aus gesehen irgendwo voraus liegt, geschlossen ist — die Struktur der Aufschrift legt nicht zwingend nahe, dass es die Straße sein muss, auf der man sich gerade befindet. Das texanische Schild weist dagegen eindeutig daraufhin, dass die Straße, auf der man sich gerade befindet, weiter vorne geschlossen ist.

Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass beide Schilder genau die gleiche Funktion haben, nämlich, dass sie soviel bedeuten wie „Keine Durchfahrt“. Meine Vermutung war, dass sich Verkehrsplaner in den beiden Ländern mehr oder weniger zufällig zwei verschiedene Formulierungen ausgesucht haben, um dasselbe zu erreichen.

Bei der Suche nach Bildern für diesen Beitrag bin ich dann aber auf dieses Schild gestoßen, fotografiert in England, aber mit der grammatischen Struktur des amerikanischen Schildes:

ROAD AHEAD CLOSED

Nun frage ich mich, ob das eine zufällige Variation ist oder ob die beiden Schilder aus England tatsächlich etwas unterschiedliches bedeuten. Außerdem frage ich mich, ob es irgendwo in der englischsprachigen Welt auch die dritte mögliche Wortstellungsvariante gibt: CLOSED ROAD AHEAD („Geschlossene Straße voraus“). Kennt sich unter den Sprachblogleser/innen zufällig jemand mit Verkehrsschildtypologie aus?

Bildnachweise:
Road Ahead Closed: © 2008 Anatol Stefanowitsch (Creative Commons BY-NC-2.5)
Road Closed Ahead (US) © 2007 Mark Norman Francis (Creative Commons BY-NC-2.0) [Flickr]
Road Closed Ahead (UK) © 2007 Anyhoo (Creative Commons BY-NC-2.0) [Flickr]

7 Kommentare zu „Keine Durchfahrt“

  1. Ich finde das Schild zwar nicht im Highway Code (offizielle Straßenverkehrsvorschriften), aber unter Signs and markings - Warning signs (PDF) gibt es mehrere andere Schilder, die alle das Wort “ahead” als letztes haben
    Highway Code

  2. Also eine kurze, natürlich anfechtbare Google-Image-Suche suggeriert schon, dass es sich dabei wahrscheinlich doch um einen US/UK-Unterschied handelt, wenn auch keinen sehr scharfen - “road ahead closed” liefert primär Schildhändler mit co.uk-Top-Level-Domain, bei “road closed ahead” dominieren dafür com-Sites.

  3. Spontan erschien mir die erste Version sinnvoller, aber das kann ganz einfach daher kommen, dass ich in London lebe und mit der Version vertraut bin. Der Unterschied in der Bedeutung ist sicher theoretisch vorhanden — es ist aber zweifelhaft, ob in der Praxis da eine bewusste Wahl erfolgt.

    Flickr hat ein paar Variationen zu dem Thema, mit beiden Varianten von beiden Seiten des Atlantik. Dieses Schild illustriert, dass “ahead” ein Mindestmaß an zugänglicher Straße erfordert. Außerdem gibt’s zahreiche Beispiele von “X closed ahead” (oder natürlich “X ahead”) mit X != “road”. Das ist ja wohl die Vorlage, die für solche Schilder dient.

    “Closed Road” ist unwahrscheinlicher, da es ja ein Wechsel von Verbal- zu Nominalstil wäre. Im Deutschen ist der ja verbreitet, wohingegen das Englische dieselben Konventionen wie für Schlagzeilen und Überschriften anwendet. Ein anderer Unterschied: Im deutschsprachigen Raum ist der Hinweis auf die Umleitung normalerweise das, was am meisten ins Auge springt. (Soweit ich mich erinnere.)

  4. Zur Klärung der sprachlichen Frage kann ich nichts beitragen. Aber der Ingenieur in mir sagt: wenn unterschiedliche Semantik beabsichtigt ist und irgend etwas von der richtigen Interpretation abhängt, sollte man den Unterschied tunlichst deutlicher darstellen. Die Wortstellung alleine ist vermutlich auch für Muttersprachler nicht klar genug, um Fehler unwahrscheinlich zu machen.

  5. Der aktuelle Blog-Eintrag erinnert mich an ein US-Verkehrsschild, das warnte:

    SLOW
    CHILDREN

    z.B.
    http://farm1.static.flickr.com/204/441576332_0bf70eab25.jpg?v=0

    habe ich nie verstanden. Ich meine, die langsamen Kinder sind doch nicht das Problem, sondern die schnellen, oder? ;-)

    Lange habe ich auch das Schild:

    PED X-ING
    http://images.jupiterimages.com/common/detail/27/40/23304027.jpg

    nicht verstanden, bis es mir eines Tages wie Schuppen aus den Haaren fiel und ich vor Lachen fast vom Fahrrad. Muss amn erst mal drauf kommen. Aber: echt kreativer Umgang mit Sprache.

    Gibts sowas in Deutschland auch?

  6. bei “slow children” dachte ich jetzt sogar an eine dritte Möglichkeit - “Verlangsamen Sie die Kinder!”. Was dann ganz besonders absurd wäre.

    Ped Xing klingt auch irgendwie nach China.

    Ich würde auch behaupten, daß der Unterschied letzten Endes nicht auf einem wirklichen konzeptuellen Unterschied benutzt. Wieder so ein Beispiel dafür, daß es verschiedene Wege gibt, etwas zu sagen - bzw. daß manche logisch-semantischen Ambivalenzen gar nicht wirklich reale Ambivalenzen darstellen.

  7. Beides weist hundertprozentig auf den gleichen Sachverhalt hin. Die grammatische Struktur stört weniger, wenn man statt “voraus” “gerade aus” oder “weiter vorne” benutzt.

    Straße gerade aus geschlossen. Die Straße ist gerade aus geschlossen.

    Es kann doch auch heißen “This Road (further) Ahead is Closed”. Es ist auf jeden Fall ein sprachliches “Dead End” in das wir hier hineinfahren :D , denn die Erklärung dessen, was sich hier abspielt, liegt im Unterbewusstsein eines Schildemachers oder seines Auftraggebers, der nicht gerade in Oxbridge studiert hat. Ganz klare “Assoziationssache”.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.