Je Ne Regrette Rien

Wie regelmäßige Leser/innen wissen, verwende ich manchmal Google-Häufigkeiten, um Behauptungen über die Verwendung bestimmter sprachlicher Formen zu überprüfen. Randall Munroe, dessen Cartoons wir hier ab und zu in deutscher Übersetzung posten, zeigt, dass man Google-Häufigkeiten auch verwenden kann, um etwas über die Welt und unsere Spezies zu erfahren.

Hier hat er zum Beispiel die Gefährlichkeit unterschiedlicher Freizeitaktivitäten anhand ihres Auftretens in der Phrase died in a _____ accident gemessen. Vor ein paar Tagen hat er sich nun mit der Frage beschäftigt, was man mehr bereut — die Dinge, die man getan hat, oder die, die man nicht getan hat:

XKCD: Regrets

Ich bin ja ein erklärter XKCD-Fan, aber ich finde, dass er in diesem Fall durch die Zusammenfassung der Ergebnisse für him und her eine Chance vertan hat, detaillierteres Wissen über die menschliche Natur herauszufinden. Ich habe seine Untersuchung deshalb wiederholt (da seine Cartoons sich immer schnell im Internet ausbreiten, habe ich bei der Google-Suche alle Seiten ausgeschlossen, auf denen das Wort XKCD vorkommt). Die Ergebnisse sind höchst interessant (Achtung: die Spalten für should und shouldn’t sind andersherum angeordnet als bei XKCD):

Regrets by Sex

Die Reue über versäumte Küsse ist (im englischen Sprachraum) also deutlich größer, wenn das potenzielle Objekt der Begierde weiblich ist (über das Geschlecht des Bereuenden sagt die Untersuchung allerdings nichts).

Die Deutschen bereuen dagegen stattgefundene und versäumte Küsse zu etwa gleichen Teilen, allerdings sind die Zahlen zu niedrig um ihnen zu trauen (hier die Zahlen für Ich hätte ihn/sie (nicht) küssen sollen):

Regrets by Sex in German

[Dieser Beitrag steht, wie XKCDs Cartoon, unter einer CC-BY-NC-2.5-Lizenz].


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5 Kommentare zu „Je Ne Regrette Rien“

  1. Hmmm, in der direkten Ansprache “Ich hätte dich küssen sollen” sind es auch nicht mehr Treffer.
    Was ist los mit den Deutschen/Schweizern/Österreichern/…?
    Vielleicht sind sie ja zielstrebiger und setzen alle Vorhaben in die Tat um…

  2. Die Untersuchung hat einen Haken: Sie geht davon aus, dass Männer und Frauen zu gleichen Teilen im Internet vertreten sind und waren (www gibt es seit 15 Jahren, Google bezieht den gesamten Zeitraum ein) und dann nochmal davon, dass das auch für alle Altersgruppen gilt.

    Wobei der Unterschied so groß ist, dass man sich fragen muss, welche Faktoren sonst noch eine Rolle spielen könnten.

  3. Sooo riesig ist der Unterschied zwischen “him”- und “her”-Äußerungen nicht, dass man ihn nicht mit Hypothesen zur Internetnutzung im Allgemeinen und Besonderen erklären könnte:

    Ca. 24.000 Anhänger der Weiblichkeit (ob die Urheber nun Männlein oder Weiblein sind, wird in den hier untersuchten Sprachen nicht am Personalpronomen markiert - um den Bogen zur Linguistik zu schlagen…) gegenüber 7.000 Männerküsser/inne/n. Ich finde eine dreifache Überlegenheit der Männer (in der Annahme, dass der Anteil homoerotisch motvivierter Äußerungen den Gesamteffekt nicht dominiert) über die gesamte Zeit des WWW hinweg nicht gesondert erklärungsbedürftig. Und ansonsten müssen Frauen die Reue über unterlassene oder durchgeführte erotische Avancen offenbar nicht im gleichen Umfang dem Netz mitteilen wie wir Männer ;-)

  4. Oh, das ist aber ein schöner Blogeintrag. Gibt es eigentlich schon wissenschaftliche Untersuchungen zu der Leistung, die Google als Korpus erbringt?

    Übrigens: Ich hätte ihn küssen sollen. Ich mein ja nur.

  5. Wobei sich die Frage stellt, ob “ich hätte XY tun sollen”-Konstruktionen im Deutschen nicht vllt. generell seltener sind als die entsprechende englische Variante. Aber das ist nur Spekulation.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.