Kurzbemerkungen

Ich bin gerade auf einer sprachwissenschaftlichen Fachkonferenz (einer echten, auf der echte Studien mit echten Daten und echten Ergebnissen präsentiert werden) und habe deshalb wenig Zeit zum Bloggen, dafür aber mehr Zeit, mir über gute und schlechte Präsentationstechniken Gedanken zu machen. Da passt dieser Artikel gut.

Ich dachte ja, die deutsche Sprache sei vom Aussterben bedroht, aber ganz im Gegenteil — „Seit vergangenem Jahr nimmt die Nachfrage nach Deutschkursen weltweit zu“, meldet der Deutschlandfunk und berichtet über eine Internationale Deutsch-Olympiade, auf der Jugendliche aus aller Welt ihre Deutschkenntnisse vorführen dürfen. Dem Sieger winkt ein mehrwöchiger Sprachkurs.

Anglizismen dürfen die jungen Deutschbegeisterten dabei vermutlich nicht verwenden — es sei denn, vielleicht, sie wenden sie sinnvoll an. Wie das geht, beschreibt Bernd M. Samland, Gründer der „Naming-Agentur“ Endmark, im Rheinischen Merkur. Endmark ist durch seine Studien [PDF] zum Verständnis englischer Werbeslogans bekannt geworden, über die ich bei Gelegenheit mehr sagen werde.

12 Kommentare zu „Kurzbemerkungen“

  1. /Klugscheiß
    Auch ohne Anglizismen verwendet zu haben wird der Sieger der Internationalen Deutsch-Olympiade 4 Jahre auf seinen Preis warten müssen … (http://de.wikipedia.org/wiki/Olympiade)
    /Klugscheiß

  2. Schön zu sehen, dass auch gestandene Dozenten exakt dieselben basalen Prinzipien eines guten Vortrages eingetrichtert bekommen müssen wie Studenten. :D

    Nicht ganz unnötig, wortwörtlich vorlesende Professoren gibt es nämlich immer noch.

  3. Internationale Deutsch-Olympiade (…) Dem Sieger winkt ein mehrwöchiger Sprachkurs.

    Ich frage mich gerade, was jemand, der eine Deutsch-Olympiade gewinnt (und erwartungsgemäß sehr gut Deutsch sprechen können sollte) mit einem Sprachkurs anfangen will?

  4. Mir brachte man bei, beim Beginn des Vortrages immer etwas umzustellen/ umherzurücken. Den Raum zu erobern sei weit wichtiger als sprachliche Finessen.

  5. das gestiegene interesse an deutschkursen liegt an tokio hotel, zumindest in frankreich lernen viele junge franzosinnen deutsch wegen tokio hotel: SCHANDE

  6. > Mir brachte man bei, beim Beginn des Vortrages immer etwas umzustellen/ umherzurücken. Den Raum zu erobern sei weit wichtiger als sprachliche Finessen.

    Das klingt mir nach managementüblichen Psychotricks (Behaviourale Duftmarke setzen um klarzumachen wer jetzt hier das Sagen hat? :-) ) ) und nicht nach guter Didaktik/Rhetorik. Aber wenn man das Publikum mit anpacken läßt hat man das vielleicht vorhandene Eis gebrochen?

  7. Hab es im Samland-Artikel gelesen und heute wieder irgendwo anders, aber es stimmt nicht und wird auch durch ständiges Wiederholen nicht wahrer: Public Viewing bedeutet nicht (als Hauptbedeutung) öffentliches Aufbahren! Das ist sick-artiger Klugschiß (ob der arme Sick das behauptet hat, weiß ich allerdings gar nicht).
    Und btw, Body bedeutet auch nicht als Hauptbedeutung ‘Leiche’. Im ‘Body Shop’ gibt es Kosmetik und keine Leichen zu kaufen, und diese Kette kommt aus England (London, glaube ich), kann sich also eigentlich nicht der Verwendung dümmlicher Anglizismen schuldig machen.
    Menno, das mußte mal gesagt werden.
    (Noch ein Gedanke zum Public Viewing: Immer wenn ich diese ‘Richtigstellung’ … ‘bedeutet eigentlich öffentliches Aufbahren’ lese, habe ich vor meinem inneren Auge das Bild von massenhaft Aufgebahrten, die von ebensolchen Massen betrachtet werden, und daß das im englischen Sprachraum wohl zum Alltag gehören muß. Dann frage ich mich, wie oft wohl in Wirklichkeit öffentliche Aufbahrungen stattfinden und komme auf zwei Möglichkeiten: nach einer Katastrophe zur Identifizierung der Toten oder wenn eine berühmte oder hochrangige Persönlichkeit verstorben ist (aber da zeigt man doch eher den Sarg als den Verstorbenen selbst). Also normalerweise nicht so oft. Wohingegen öffentliches Gucken allgemeiner Art doch häufiger ist.)

  8. Das hat jetzt nicht viel mit Sprache zu tun, aber hier muß ich wohl widersprechen: Zumindest in Amerika ist das Aufbahren von Leichen im offenen Sarg absolut üblich. Das kann man auch in zahlreichen Serien und Filmen sehen, selbst wenn sie sich nicht mit hochrangingen Persönlichkeiten beschäftigen.

    Ob die Leichenbeschauung an sich mit irgendeinem bestimmten Begriff versehen wird, weiß ich nicht. Die gesamte Zeremonie wird, wenn ich mich nicht irre, mit dem schönen Wort “wake” bezeichnet.

  9. ‘Wake’ ist wirklich schön. Außerdem wird nach meinem Gefühl das Wort ‘wake’ der Würde des Verstorbenen auch eher gerecht als ‘viewing’. Aber das gibt es hier doch auch unter dem Namen ‘Totenwache’. Und das ist auch nicht so unüblich. Also daß ein Verstorbener noch aufgebahrt wird und alle Nahestehenden kommen und Abschied nehmen können.
    Aber so richtig öffentlich, also daß jeder kommen und gucken kann, nicht nur die Freunde und die Verwandten, ist das auch üblich? Unter “Public Viewing” im Sinne von öffentlicher Aufbahrung stelle ich mir ein richtiges öffentliches Spektakel (ein Event gar) vor, so wie bei Lenin, den man, glaube ich, heute noch besichtigen kann, oder dem Papst. Und ‘public’ bedeutet in diesem Sinne, daß es für alle ist und eventuell nicht mal Eintritt kostet. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das so häufig ist.
    Ich bin einfach verwirrt über die Leichtfertigkeit, mit der immer wieder die öffentliche Leichenschau als ‘eigentliche Bedeutung’ herangezogen wird, ohne die Implikationen des Wortes ‘öffentlich’ zu bedenken. Unter welchen Umständen wird denn eine Leiche ÖFFENTLICH gezeigt? Und gerade im Bereich Tod und Sterben werden doch eher euphemistische bzw. würdevolle Ausdrücke bevorzugt, ‘public viewing’ klingt eher nach öffentlichem Glotzen. Oder bin ich da WM 06-geschädigt?
    Ich weiß leider die Quelle nicht mehr, aber ich meine irgendwo gelesen zu haben, daß p.v. durchaus öffentliches Aufbahren bedeuten KANN, aber nicht die Hauptbedeutung ist.
    Und ich weiß auch nicht, Rashputin, auf welche Serien und Filme du anspielst (kenn mich da nicht so aus), aber du sagst ja selbst, daß du den Begriff ‘wake’ kennst und ich rate jetzt mal, daß es sich dabei um ‘pseudo-’öffentliche Aufbahrungen handelt, wo alle kommen, die mit dem Toten etwas im Leben zu tun hatten.

  10. Du hast natürlich recht. Ich hatte deinen Kommentar anders interpretiert, unter anderem weil du z.B. “den Sarg statt den Betroffenen selbst” geschrieben hattest.

    Da die Totenbeschauung auch “viewing” heißt, ist es sicher möglich, daß in Einzelfällen mal der Begriff “public viewing” verwendet wird, aber das ist eben eine spontane, je nach Situation sicher logische Konstruktion, die im entsprechenden Zusammenhang auch verstanden wird. Bei den Sprachwarten wird sich das dann eben ganz im Stil einer urbanen Legende verbreitet haben.

  11. Ja, ich meinte den geschlossenen Sarg.
    Könnte ich besser verlinken, hätte ich auch auf den Beitrag vom 8.Juni hier im Blog verweisen können, zum Thema Public Viewing. Den würde ich gern allen um die Ohren hauen, die diesen urban-legendary-Klugschiß weiterverbreiten. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, aber es kommt immer so arrogant und selbstgefällig daher, daß ich gar nicht weiterlesen kann, auch wenn sonst nichts weiter Dummes in dem Artikel steht.

  12. suse, verlinken kann man hier auf zwei Arten: Entweder man kopiert einfach die ganze Adresse in den Kommentar, dann erscheint sie in voller Länge:

    http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2008/06/08/public-viewing/

    Oder, eleganter, man verwendet HTML, gibt also folgendes ein:
    <a href=”http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2008/06/08/public-viewing/”>LINKNAME</a>

    Verwendet man statt LINKNAME z.B. die Worte Public Viewing, erscheint das dann so:

    Public Viewing

    So oder so, auf diesen Beitrag musste an diesem Punkt wirklich mal verlinkt werden. Woher der Mythos von der Leichenschau kommt, habe ich ja vermutlich herausgefunden (siehe Beitrag) — warum er sich so hartnäckig hält, ist mir schleierhaft, denn die ursprüngliche Quelle ist längst korrigiert. Es kann also nur daran liegen, dass Journalisten zwar gerne voneinander, aber nicht von Bloggern abschreiben wollen…

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.