Deutsch ins Grundgesetz?

Der „Verein Deutsche Sprache“ versucht seit Jahren, Deutsch als Staatssprache im Grundgesetz festschreiben zu lassen. Wir haben Sinn und Unsinn dieses Begehrens hier schon einmal diskutiert und auch erklärt, warum der aktuelle rechtliche Status des Deutschen nichts zu wünschen übrig lässt.

Nun haben die Sprachnörgler vom VDS sich mit dem Deutschtümlern vom „Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland“ zusammengetan, um wieder einmal einen Anlauf zu machen. Kurios sind dabei die Begründungen, die sie in ihrer gemeinsamen Presseerklärung nennen:

Wir müssen einem schleichenden Bedeutungsverlust der deutschen Sprache entgegenwirken. Eine im April diesen Jahres durchgeführte repräsentative Bevölkerungsumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt: 65 Prozent der Bundesbürger sind der Ansicht, dass die deutsche Sprache zu verkommen droht! Nicht nur Ältere sorgen sich dabei um einen Verfall der deutschen Sprache, sondern auch in der jüngeren Generation sieht dies jeder Zweite so.
[…]
Die Landessprache bietet die geistige Lebensgrundlage, um Kultur und Werte der Gesellschaft zu verstehen und weiterzuentwickeln, auch in Verantwortung für künftige Generationen. Ein nachhaltiges Mittel gegen deren Zerfall und zugleich ein wichtiges Signal an alle, die aus anderen Ländern dieser Welt nach Deutschland kommen, wäre zweifellos ein neuer Artikel 22 a im Grundgesetz: „Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch!“.

Mal davon abgesehen, dass die deutsche Sprache nicht verkommen wird, egal, wie lange und laut der VDS das herbeizuschreien versucht — glauben die Herren von VDS und VDA tatsächlich, dass sich das durch ein Gesetz aufhalten lassen würde?

Übrigens, die Mehrheit von 65 Prozent, die in der Presseerklärung genannt wird, ist durch die lächerlichste Suggestivfrage zustande gekommen, die ich je in einer Meinungsumfrage eines seriösen Instituts gelesen habe. Allensbach fragte damals:

„Wenn jemand sagt: ‚Die meisten Menschen bei uns in Deutschland legen nur noch wenig Wert auf eine gute Ausdrucksweise. Die deutsche Sprache droht immer mehr zu verkommen.‘ Sehen Sie das auch so, oder sehen Sie das nicht so?“

So bekommt man absolute Mehrheiten — über die Meinung der Befragten lernt man vermutlich nichts.

Aber lassen wir VDS und VDA den Spaß. Sie verstehen zwar nicht viel von Sprache oder Kultur, aber Unterhaltsam sind sie allemal. Und abhalten kann man sie ohnehin nicht, denn sie können sich bei all ihren Clownereien auf das Grundgesetz berufen. Artikel 9, Abs. (1) besagt ganz klar: „Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden.“

18 Kommentare zu „Deutsch ins Grundgesetz?“

  1. Aus der Seele! Diese perfide Umfrage war bei mir ganz ähnlich angekommen, was ich auf Falks Nörglerblog auch entsprechend kommentierte.

    Pragmatisch gedacht wäre aber immerhin positiv zu vermerken, daß sich entlang dieses Tandems aus Grundgesetz-Nonsens und Scheinumfrage hochinteressante sozialwissenschaftliche und individualpsychologische Phänomene verfolgen und dokumentieren lassen.

    ^_^J.

  2. “Ein nachhaltiges Mittel gegen deren Zerfall und zugleich ein wichtiges Signal an alle, die aus anderen Ländern dieser Welt nach Deutschland kommen”

    Politisch überaus korrekt ausgedrückt. Und trotzdem möchte ich fragen, ob wir nicht vielleicht zwischen zwei Positionen der “Sprachretter” unterscheiden sollten.

    Die bösen Spracheindringlinge, die von der “Aktion Lebendiges Deutsch” besonders gerne als undeutsch gegeißelt werden, sind ja nicht “Döner” und “Kebab” und “Pizza”, nein, es sind vor allem Anglizismen, die unter Einsatz aller sprachlichen Kreativität “übersetzt” werden müssen: “Public Viewing”, “Coffee to go” oder “Canceln”. Diese englischen (teilweise in der Tat denglischen) WÖRTER, möchte ich behaupten, kommen aber hauptsächlich über öffentliche Medien hier in Deutschland an: Funk, Fernsehen, Kinofilme, Musik, Internet, natürlich auch über Business English und Fachsprachen. Sie stehen nicht frühmorgens plötzlich mit einem schäbigen anatolischen Köfferchen auf dem Rhein-Main-Flughafen, sondern kommen abends als Homer Simpson, Mr. Timberland und Dr. House und zu mir ins Wohnzimmer. Ein medialer kultureller Globalisierungseffekt also.

    Nur, wie verhält sich dazu die Formulierung des VDS: “an alle, die aus anderen Ländern dieser Welt nach Deutschland kommen”? Sind da alle WÖRTER und Sprachfiguren gemeint, die aus anderen Ländern zu uns kommen? Nein, hier geht es wohl eher um den Migrationshintergrund von MENSCHEN. Sprich wir sind hier nicht bei “Ernie’s Back-Shop”, sondern plötzlich auf einer “Sprachtests für Einwanderer”-Schiene.

    Nun meine gar nicht rhetorisch sondern ernst gemeinte Frage: Sind das zwei voneinander getrennte Positionen, oder wird hier ganz bewusst ein Doppelpass zwischen “keine Wörter rein” und “keine Menschen rein” gespielt?

  3. Den 22a haben die exakt so vorgeschlagen? Ohne jetzt nachgeschaut zu haben, würde ich sagen, daß im GG nicht allzuviele weitere Ausrufezeichen vorkommen. Da scheint das mit der Sprache ja wichtig zu sein.

    Aber ein bißchen exakter könnte man schon sein - Amtssprache? Staatssprache?

    Und die Formulierung ist auch Murks. Warum nur “Bundesrepublik”, und nicht “Bundesrepublik Deutschland”? Vielleicht sollte der Satz auch an eine passendere Stelle. Ich schlage “Die Staatssprache [wahlweise Amtssprache] ist Deutsch.” als Art. 20 Abs. 1a oder Art. 22 Abs. 3 vor.

  4. Jens, im Grundgesetz kommt natürlich tatsächlich kein einziges Ausrufezeichen vor, obwohl das dem Ganzen vielleicht hier und da Nachdruck verleihen könnte: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“, „Männer und Frauen sind gleichberechtigt!“, „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten!“ — so würden es vielleicht auch die letzten begreifen.

    Amtssprache der Bundesrepublik ist auch jetzt schon Deutsch. Das steht nicht im Grundgesetz, sondern im Verwaltungsverfahrensgesetz, wo es ja auch hingehört, da dort der Umgang zwischen den Menschen und dem Staat geregelt wird. Und nur da kann und sollte der Staat, wenn überhaupt, sprachliche Vorschriften machen. Dem VDS geht es tatsächlich darum, deutsch zur Staatssprache zu machen. Ich habe in den oben verlinkten früheren Beiträgen schon diskutiert, warum das ein äußerst fragwürdiges und auch gar nicht praktikables Ziel ist:
    Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus
    Amtssprache Deutsch

    Lazerte, diese Doppelstrategie ist bestimmt kein Zufall. Ich empfehle eine sorgfältige und kritische Lektüre der Hauspostille des VDS, die da noch einiges in dieser Richtung zutage fördert und zitiere hier einfach noch einmal ganz wertfrei den Vorsitzenden des VDS:

    Pidgin ist ja eine Sprache mit einer reduzierten Grammatik, einem reduzierten Vokabularium, 500 Wörter, einige simple Regeln, mit denen man in der Karibik Fische kaufen kann, oder auch Bananen verladen kann irgendwo im Hafen, aber keine Gedichte schreiben und auch keine physikalischen Abhandlungen verfassen kann. Das heißt, indem wir diese Pidginsprache benutzen begeben wir uns auf das Niveau von Bananenhändlern hinab, und wer will denn dass?

    Gyokusai, „Tandem aus Grundgesetz-Nonsens und Scheinumfrage“ — besser kann man es nicht zusammenfassen.

  5. Danke für das erhellende Zitat und den Rücklink auf Ihren älteren Artikel. Für mich seit heute: VDS = Niveau von Bananenhändlern.

  6. Schwieriges Thema. Ausnahmsweise wäre ich bereit, darüber nachzudenken, daß Deutsch (natürlich in den Grenzen von 1995!) als die amtliche Sprache in Deutschland grundgesetzmäßig festgelegt werden sollte, genauso wie daß die Bundeshauptstadt Berlin ist und daß der Tag zwischen Freitag und Sonntag “Sonnabend” heißt.

    Im Ernst … es ging bisher ohne und wird auch weiter ohne gehen. :-)

  7. Lazerte sagt:
    Für mich seit heute: VDS = Niveau von Bananenhändlern.

    Vielleicht verstehe ich ja hier irgendetwas falsch, oder den Witz nicht, aber meiner Ansicht nach reproduziert diese Aussage exakt die fragwürdigen Ideenwelten, auf die Anatol Stefanowitsch mit dem Zitat aufmerksam macht …

    ^_^J.

  8. und daß der Tag zwischen Freitag und Sonntag “Sonnabend” heißt.

    Ähem.

  9. @ gyokusai
    Zugegeben, Pauschalierungen sind nicht hilfreich, und eine differenzierte Ausdrucksweise verträgt sich schlecht mit Gleichheitszeichen. Aber mir werden beim Stichwort VDS in Zukunft unweigerlich freigiebig verteilte Formulierungen wie “Bananenhändler” und “in der Karibik Fische kaufen” für andere Kulturkreise in den Sinn kommen. Diesmal klar ausgedrückt?

  10. Der eigentliche Witz an der Umfrage ist mE, dass sie sich schon im oberflächlisten Ergebnis selbst zu widersprechen scheint. Wenn fast 2/3 der Sprecher den Verfall fürchten, können, sollte man meinen, nur 1/3 für eben diesen Verfall verantwortlich sein. Bei diesen Verhältnissen kann es ja eigentlich nicht sooo schlimm sein…

    Das Pidgin-Zitat ist lustig. :D

  11. Was ist eigentlich mit Sorbisch? Müssen die dann die Schulen dichtmachen, die Bananenhändler, die?

  12. Mist. Note to self: Erst lesen, dann schreiben.

  13. Sehr geehrter Herr Stefanowitsch,

    Sie schreiben im Sprachblog, daß die deutsche Sprache ” nicht verkommen wird”.

    Sie irren: sie ist leider schon verkommen.

    Schuld daran ist unsere Wohlstandsgesellschaft mit ihrem Hedonismus und ein mangelndes Selbstbewußtsein der Deutschen. Und leider geht die Entwicklung unserer Sprache nicht vom Volke aus, sondern von den Medien, der Werbung, der Wirtschaft und einer falschen Schulpolitik.

    Die Deutschen wollen eigentlich gar keine Anglizismen, sie wäre froh, wenn sie wenigstens ihre Muttersprache richtig sprechen, schreiben, lesen und - noch wichtiger - verstehen könnten. Die Medien und Werbung überbieten sich aber geradezu, neue Angliszismen und dumme, nichtsagende Sprüche in unsere Sprache einzuführen und damit die Menschen weiter zu verunsichern.

    Das lächerlichste Wort ist tatsächlich “Public Viewing” für öffentliches Fernsehen Kein Mensch in Deutschland hat es vorher gekannt hat. Der größte Schwachsinn ist, das dazu noch deutsche Fähnchen geschwenkt werden sollen!

    Machen Sie einmal ein Volksumfrage, wie viele Menschen “Pablick Fjuing” auf Anhieb schreiben können. Schon dies wird den ganzen Unsinn entlarven. Daß bei einer Umfrage für einen Ersatzbegriff auch Unsinniges zu Tage kommt, ist doch ganz klar und spricht für die Einsender: offensichtlich sind sie der deutschen Sprache noch ganz gut mächtig.

    Meine generelle Meinung über Ihren Sprachblog möchte ich besser nicht schreiben, aber Sie haben diese sicher schon herausgelesen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Hans W. Fedder

  14. Herr Fedder, die lustigen roten unterstrichenen Zeichen sind dazu da, dass man sie anklickt. Und hätten Sie das getan, hätten Sie Ihren Kommentar vielleicht unterlassen. Denn so schwer ist es nicht zu verstehen, dass die deutsche Sprache in absehbarer Zeit nicht verkommen wird (geschweige denn dass sie natürlich auch noch NICHT verkommen ist - in welcher Sprache schreiben Sie denn?).

  15. Die Deutschen wollen eigentlich gar keine Anglizismen

    Und das wissen Sie woher?

  16. Ich find es immer noch erheiternd, dass die Verfechter der deutschen Sprache immer nur gegen die Anglizismen hadern und nichts an Wörtern wie “Hedonismus, Medien, Schulpolitik, Anglizismen, generelle” auszusetzen haben.

    Vielleicht sollte ich aber auch anfangen, Jupiterlogik zu verwenden, und alles wird so viel einfacher!

  17. Die deutsche ist wichtig und ihr haben wir nicht zu letzt zu verdanken
    dass wir wirtschaftlich da sind wo wir heute stehn.
    Auch der Ruf “Land der Dichter und Denker” ist durchaus der Sprache
    zu verdanken.
    Wer daran nicht glaubt dem sei gefragt wie wir es zum Wirtschaftswunder
    in den 60ern geschafft hatten, ganz ohne Englisch!

  18. Die deutsche [Sprache] ist wichtig[,] und ihr haben wir nicht zu[…]letzt zu verdanken[,] dass wir wirtschaftlich da sind[,] wo wir heute steh[e]n.

    Wieso? Wie soll die Sprache mit der Wirtschaft zusammenhängen?

    Auch der Ruf “Land der Dichter und Denker” ist durchaus der Sprache
    zu verdanken.

    Wieso?

    “English is a rich language, because it has borrowed so many words. Romani is a poor language, because it has borrowed so many words.”

    Wer daran nicht glaubt[,] dem sei gefragt [sic], wie wir es zum Wirtschaftswunder in den 60ern geschafft hatten [nachdem wir was erledigt hatten?], ganz ohne Englisch!

    Ohne Deutsch hättet ihr es auch geschafft.

    Und überhaupt steht die fortgesetzte Existenz der deutschen Sprache überhaupt nicht zur Debatte! Die ist dadurch nicht gefährdet, dass sie ein paar Wörter aufnimmt!

    Solche Unlogik kenne ich sonst nur von Kreationisten.

    Übrigens braucht man nicht Enter zu drücken, wenn man am Ende eine Zeile angekommen ist. Anders als eine Schreibmaschine bricht ein Computer die Zeile selbst um. Enter braucht man nur, um Absätze zu beenden.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.