Billige Preise und teure Freunde

Von Werner Voigt

In einem Forum tadelt ein Teilnehmer heftig den Wirtschaftspsychologen Haase in der Süddeutschen Zeitung vom 19.4.2008, weil dieser den Ausdruck „billige bzw. teure Preise“ gebraucht hatte. Es gebe nur niedrige, hohe oder angemessene, billig und teuer sage man für die Waren.

Dieser Sprachgebrauch lässt sich aber wahrscheinlich aus einem korrekten erklären: billig, wie noch in nicht mehr allgemein verständlicher Rechtssprache (Billigkeit, unbillig) außer im Ausdruck „recht und billig“ heißt ursprünglich und bis ins 19. Jh. allgemein ‚gerecht, angemessen‘: billige Preise waren angemessene und daher, zumindest bei wichtigen Grundbedarfsgütern und Lebensmitteln, meistens auch niedrige Preise.

Es kann sich um eine bloße Fortsetzung des alten Gebrauchs handeln, weil hier alte und neue Bedeutung zusammen enthalten sind. Im Internet findet sich „billiger Preis“ (mit flektierten Formen) auffallend oft, nämlch fast 1,6 Mio mal, „niedriger Preis“ usw. nur rd. 600.000 mal. Teuer kommt demgegenüber mit Preis nur rund 23.000 mal vor, hoch/hohe(R) viel häufiger. Aber auch bei teuer hat sich etwas verändert: Während es früher wie lat. carus, it. caro, frz. cher oft für das Gefühl ‚lieb, geliebt, hochgeschätzt, wertvoll, kostbar (und nicht nur für Geldwert)‘ gegenüber Personen und Sachen gesagt wurde, ist „teurer Freund“ heute selten oder leicht ironisch, „lieb und teuer“ eine erstarrte Verbindung. Hochgeschätztes ist eher selten und daher knapp. Knappe Waren (Teuerung) haben meist einen hohen Preis, sind teuer. Verwandtes engl. dear hat dagegen diese Hauptbedeutung behalten, die schon früh ebenfalls vorhandene Bedeutung ‚mit hohem Preis‘ gibt es noch, ist aber selten. Eine genau entgegengesetzte Entwicklung, die man mit einem Fachausdruck auch Monosemierung nennt.

Und weil übrigens mit billig ein kurzes und prägnantes Wort für ‚gerecht, angemessen‘ ausfiel, da es in vielen Kontexten seltsam bis missverständlich wirken konnte, wird — unter Einfluss des Sports — seitdem im Deutschen häufig das englische fair gesagt. Hier haben wir den Fall, dass ein Lehnwort eine durch störende Mehrfachbedeutung („Polysemie“) entstandene Bezeichnungslücke füllt. Deswegen gehört fair zu den ziemlich gut motivierten Anglizismen. Und dieses Wort ist ganz unauffällig integriert worden - seine Geschichte im Deutschen hat nichts mit den schrillen Anglizismen seit Ende der 1980er Jahre zu tun. Hier ist übrigens von den möglichen Bedeutungen ‚gerecht, angemessen, erheblich, schön, blond‘ nur eine entlehnt worden. Das Wort entwickelt sich anders als in der Gebersprache. Auch bei Chat und chatten ist dies der Fall: bei uns ist es immer das Plaudern im digitalen Netz, für Engländer ist es das alltägliche plaudern und jenes im Netz ist nur ein moderner Spezialfall, an den sie nicht unbedingt zuerst denken. Für das Deutsche kann man, wenn man will, hier eine Präzisierung für einen neuen Sachverhalt durch ein monosemes Lehnwort verbuchen.

Die Erwartung, Englisch (was für eines) könne überall sogleich für eindeutige Verständigung sorgen, verflüchtigt sich, je mehr die Entlehnungen sich selbständig weiterentwickeln. Da den Ausländern meist nur eine engere Auswahl englischer Wörter einigermaßen bekannt ist, verwenden Firmen auf ihren Netzseiten bei möglicher Wahl zwischen Deutsch und Englisch in der deutschen Fassung bisweilen andere (d)englische Wörter als in der durch Tastendruck erreichbaren britischen bzw. amerikanischen.

Vielleicht war es mit Pullover ähnlich; der Überzieher hätte sich als Name des wollenen, meist gestrickten Kleidungsstücks angeboten, doch leider war das Wort schon zweifach „besetzt“: einmal als eine Art von Herrenmantel, also doch etwas deutlich Unterschiedenes; das Wort hierfür ist fast verschwunden, obwohl es ähnliche Mäntel wohl noch gibt. Vielleicht hat beides damit zu tun, dass ein anderer Überzieher ihnen Konkurrenz machte, nämlich als Wort für das, was auch Kondom oder Präservativ genannt wird.

Nun könnte man meinen, wenn also viele Wörter und Zusammensetzungen mehrere Bedeutungen tragen, die nicht immer besonders gut zueinander passen, dann seien die sogleich gefährdet, und Ersatz, aus eigenem Material oder anderen Sprachen, müsse her. Ganz vorsichtig würde ich sagen: je mehr solche Kontrahenten dem Grundwortschatz angehören, je häufiger sie im Alltag vorkommen und dann noch im selben Lebensbereich (Haustiere, Werkzeuge, Speisen), desto eher kann es zu einer Verdrängung kommen. So ist vergeben bei Fehlverhalten häufig, das von Preisen oder Lebenspartnern schon seltener, und natürlich hilft ein verschiedener Satzbau (mit Dativ bzw. Präposition an jemanden) beim Auseinanderhalten.

Versehen mit ‚ausstatten‘ ist sehr viel seltener als sich versehen ‚irren‘, und das „ehe sich(s) der Hase versah (‚es merkte‘), war der Igel schon da“ kommt nur noch im Märchen und älteren Texten vor. Den Sprechenden ist meist nicht mehr bewusst, dass schon das ver- mehrere ganz verschiedene Bedeutungen hat. Bemerkenswert ist, wie von gängigen Zusammensetzungen meist ein oder zwei Bedeutungen allen sofort einfallen, andere erst danach: Einfall ‚Gedanke, Idee, die einem kommen‘ ist viel häufiger als Einfall ‚feindliche Invasion‘, Abfall ‚Müll‘ alltäglicher als Abfall vom Bündnis oder Glauben. Anschlag ‚Plan, Absicht‘ mit allgemeiner Bedeutung ist so gut wie ausgestorben, vielleicht weil der besondere Anschlag mit Gewalt auf andere Menschen sich so in den Vordergrund gedrängt hat. Angeben ‚mitteilen, übermitteln‘ im allgemeinen Sinn ist verbreitet, allerdings etwas schriftsprachlicher als angeben ‚prahlen‘. Und der Angeber ist nur noch der ‚Prahler‘, nicht mehr der ‚Denunziant, Petzer‘ wie in älteren Wörterbüchern. Jeder kann Sprachwandel — und hier ist der unauffällige, natürliche, nicht von Behörden, Werbeagenturen oder Jugendmagazinen beeinflusste gemeint — beobachten. Verschieden ‚mit Unterschied‘ ist allgemeines Alltagswort, verschieden ‚gestorben‘ von dem fast geschwundenen verscheiden ist heute schon vornehm-feierlich.

Wird eine der beiden Bedeutungen fast nur in einer besonderen Situation oder nur von einer gesellschaftlichen Gruppe verwendet, dann ist die Gefahr von Missverständnissen oder Peinlichkeit nicht so groß, als wenn beide auch in der Alltagssprache und Umgangssprache vorkommen. Wer beide oder mehrere Bedeutungen kennt, mobilisiert bei der Verarbeitung in seinem Hirn aber offensichtlich auch die nichtpassende und selbst die durch den Kontext ausgeschlossene. Als in der Schule ein Lehrer sein Zuspätkommen mit den Worten entschuldigte, er sei im Verkehr steckengeblieben, ging ein Grinsen durch die Klasse. Genau darauf, auf der doppelten Assoziation, beruhen viele Witze und Wortspiele. Geschickte Werbung verwendet Sprüche, in denen beides zu passen scheint oder das eine doch nahe liegt: „Ein schöner Zug der Bahn“. Andererseits hilft ein ganz verschiedener Kontext, die nichtpassende Bedeutung (wohl) wieder auszublenden. Sonst könnten viele Wörter, die selbst als verhüllende Umschreibung Peinliches vermeiden sollen wie Stuhl, Geschäft, selbst wegen Peinlichkeit schon wieder ausgestorben sein.

Bisher habe ich Beispiele besprochen, in denen es sich um Bedeutungen ein und desselben Wortes handelt. Manchmal unterscheiden sich diese Fälle in ihrer Art und ihren Folgen wenig von solchen, wo ursprünglich unverwandte Wörter dieselbe Lautform annehmen und zusammenfallen. Wenn neue Wörter aufkommen, denkt der Erstbenutzer kaum an störenden Gleichklang, etwa bei dem kurzen haschen für ‚Haschisch rauchen‘. Dort, wo das schon vorhandene haschen häufig für ‚fangen‘ gesagt wird, kann es merkwürdig wirken, die Schriftsprache hat erhaschen und haschen nach etwas. Wo fangen, kriegen gesagt wird, fällt das neue Wort weniger seltsam auf. Manche Bildungen der Werbung wie Back-Office Back-Store oder After-Show können allerdings falsche Assoziationen hervorrufen.

Im Lauf der Zeit wird störender Gleichklang wie englisch ‚engelhaft, -gleich‘ (vgl. Englische Fräulein?? Wie Schottenkloster oder wie noch bei Goethe) vermieden; ein häufiges Mittel ist die Differenzierung durch Zusatz wie Wagen-Bremse oder Rinder-Bremse. Es sieht so aus, als ob im Grund- und Alltagswortschatz des Deutschen heute deutlich weniger zusammengefallene Wörter weiterbestehen als im Englischen oder Französischen. Das wird mit dem dort stärkeren Abbau der Lautmasse und Kürzung der Wörter zu tun haben.

Wegen der Neigung, Wörter (wieder) monosem zu machen, könnte man mit immer dünneren Wörterbüchern und einem immer einfacheren Wortschatz rechnen. Das ist, selbst wenn alte, manchmal störende Polysemie beseitigt wird, dennoch nicht so. Denn die Sprechenden schaffen mit ihrem Bedürfnis, neue Sachverhalte auszudrücken, auf der Grundlage gegebener Wörter für konkretes und Abstraktes immer neue Vergleiche und Metaphern, und das Spiel geht von neuem los.

© 2008 Werner Voigt

Dr. Werner Voigt studierte Englisch, Altgriechisch und Neugriechisch. Der promovierte Sprachwissenschaftler arbeitet als Übersetzer und zeitweilig auch als mehrsprachiger Fremdenführer. Er ist Mitglied im Verein Deutsche Sprache und leitet dort eine Arbeitsgruppe zum Thema „Deutsche Sprache in europäischen Institutionen und Organisationen“.

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3 Kommentare zu „Billige Preise und teure Freunde“

  1. Anschlag ‚Plan, Absicht‘ mit allgemeiner Bedeutung ist so gut wie ausgestorben, vielleicht weil der besondere Anschlag mit Gewalt auf andere Menschen sich so in den Vordergrund gedrängt hat.

    Wird wohl an der Gewalt liegen, die im Schlagen selbst anklingt.

    Aber inzwischen ist noch ein Anschlag aufgekommen und wieder ausgestorben: ich erinnere an den alten Witz mit der Sekretärin, die bei ihrer Einstellung gefragt wird “wieviele Anschläge schaffen sie pro Minute?”

    (Hm… Einstellung. Noch so ein polysemes Wort.)

  2. Man könnte auch von “Renewal” sprechen. Es gibt mehrere Tendenzen oder Maximen in der Sprache, die gegeneinanderlaufen. Das Erschaffen von Polysemien hat etwas damit zu tun, dass man verstanden werden will - einen neuen Sachverhalt wird man so durch Extension/Generalisierung/Abstrahierung eines alten Wortes ausdrücken (z.B. “back”: Rücken->hinter (räuml.)->hinter (zeitl., wie in “back then”)). Gegenläufig ist die Tendenz kreativ zu sein, um die eigenen Gedanken eindeutiger formulieren zu können bzw. besonderen Wert auf gewisse Aspekte zu legen (”j’étais en train de manger” ist logisch gleichbedeutend mit “je mangeais”, aber ersteres streicht die Progressivität viel deutlicher heraus; insbesondere ist zweiteres lautlich “j’ai mangé” sehr ähnlich) - diese kreativen Wendungen werden dann wieder irgendwann gewöhnlich, schleifen sich ab und werden irgendwann durch nochmal was Neues ersetzt.
    Das sind jedenfalls die Prinzipien, die man bei der Grammatikalisierung entdeckt; höchstwahrscheinlich gelten sie aber für Bedeutungswandel allgemein.

  3. Was, der VDS darf hier jetzt mitmischen?!? ;-)

    Also, die Diskussion um billige/teure Preise gefällt mir ja ganz gut, obwohl ich mir nicht sicher bin, dass das die ganze Geschichte ist. Woher sollte ein heutiger Sprecher denn wissen, was billig und teuer früher einmal hießen?

    Danach gleitet mir der Text in einen etwas konfusen Aufguss der alten Idee ab, Sprecher wollten um jeden Preis polyseme Wörter vermeiden. Ist das noch Stand der Forschung?

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.