Abkürzungsgefährdet

Die SMS ist den Briten ihr Anglizismus. Während hierzulande die Angst umgeht, die deutsche Sprache könnte unter der Last einiger Lehnwörter und sprachlich fehlgeleiteter Werbesprüche zusammenbrechen, glaubt man im Vereinigten Königreich (und, wie wir hier erwähnt haben, auch in Irland) ernsthaft, dass SMS-typische Abkürzungen dabei sind, in die Alltagssprache junger Menschen einzudringen und dort althergebrachte Wörter zu vernichten.

So fest verwurzelt ist dieser Mythos, dass die BBC es für nachrichtenwürdig hält, wenn der Waliser Überlinguist David Crystal nun ein bisschen gesunden Menschenverstand in die Diskussion bringt.

Crystal weist zunächst darauf hin, dass die Abkürzungen selbst in den Kurzbotschaften nicht besonders häufig sind:

If you collected a huge pile of messages and counted all the whole words and the abbreviations, the fact of the matter is that less than 10% would be shortened.
Wenn man einen großen Berg SMS-Botschaften sammeln und alle Wörter und Abkürzung zählen würde, würden die Abkürzungen tatsächlich weniger als zehn Prozent ausmachen.

Vor allem aber bleiben die Abkürzungen dort, wo sie hingehören:

As part of the research I did I asked teachers if work in the classroom was riddled with abbreviations, and it wasn’t.
Im Zuge meiner Forschung fragte ich Lehrer, ob Klassenarbeiten vor Abkürzungen strotzen, und das tun sie nicht.

Denn den jungen Menschen ist — wer hätte das gedacht — bewusst, dass es einen Unterschied zwischen SMS und Hausaufgaben gibt:

If you ask kids if they use the same style in their work they look at you as if you are mad.
Wenn man die jungen Leute fragt, ob sie den selben Stil auch ihn ihren Schularbeiten pflegen, sehen sie einen an, als ob man irre wäre.

Und so kommt Crystal zu einer besonnenen Einsicht:

The panic about texting and its effects on language is totally misplaced. It adds a new dimension, enriches language, gives you a new option.
Die Panik bezüglich des SMS-Schreibens und seiner Auswirkungen auf die Sprache ist völlig fehl am Platz. Es fügt der Sprache eine neue Dimension hinzu, bereichert sie, eröffnet den Sprechern neue Möglichkeiten.

Nochmal zum Mitschreiben: Veränderung eröffnet neue Möglichkeiten. Warum ist das bloß so schwer zu verstehen?

8 Kommentare zu „Abkürzungsgefährdet“

  1. Ich hatte nie geglaubt, daß diese Mobiltelegramme (SMS) mit ihren Abkürzungen die Sprache gefährden. Eigentlich kenne ich auch niemanden, der so etwas glaubt. Freilich sind die mit Abkürzungen durchsetzten Kurzmitteilungen nicht besonders schön. Diese abgehackten Gebrauchstexte entstehen durch das mühsame Eindäumeln von Nachrichten. Ich hoffe, daß der technische Fortschritt in nicht allzu langer Zeit hier Abhilfe schafft, so daß dieses Phänomen bald verschwindet. Und der Spruch “Fasse dich kurz” ist ja auch bei Sprachkritikern sehr beliebt; “… aber in ganzen Sätzen”, möchte man hinzufügen.

  2. FACK!

  3. Nun ja, zumindest die Wörter “lol” und “rofl” (ausgesprochen : “lol” und “roffel”) haben sich in Nerd-Kreisen etabliert und wurden in den alltäglichen Sprachgebrauch integriert. Allerdings werden sie begleitend zum Lachen ausgeprochen (ähnlich wie das Wort “Aua” bei Schmerzen). Wie man das jetzt finden soll? Ich würde sagen befremdlich wäre das richtige Wort.

  4. @Paul Wix:
    Keine Sorge, das befremdliche Gefühl legt sich, sobald man die Ausdrücke oft genug gehört hat. Oder wirkt die Verwendung von “OK” heute noch befremdlich?

  5. “lol” und “rofl”

    hm, aber gab’s solche abkürzungen [”RTFM” finde ich z.b. auch sehr praktisch :) ] nicht auch schon vor sms-zeiten, in foren und emails?

  6. So weit hergeholt ist das alles gar nicht… Ich hörte schon vor Jahren Menschen lollen.

  7. Wobei es aber natürlich nicht so ist, dass SMS-Abkürzungen nicht schon einmal zum Untergang eines Weltreichs geführt hätten, hahaaa.

  8. Naja das sich abkürzungen als Umgangssprache wirklich einbürgern werden halt ich nicht für möglich. Hier gibts ein paar SMS Abkürzungen aber die wird wohl kaum wer im Sprachgebrauch verwenden. :) denke da eher das ist wie ein Strohfeuer, abkürzungen sind kurz in um bald wieder out zu sein.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.