Wörter zu Pflugscharen

Angeregt von den Kommentaren zu unserer Verlosung (die mittlerweile beendet ist) habe ich darüber nachgedacht, ob Sprachwissenschaftler neidisch auf Sicks Erfolg sind und warum sie sich manchmal so über ihn aufregen. Die kurze Antwort ist „Nein“ und „Weil er etwas trivialisiert, was ihnen am Herzen liegt“. Die lange Antwort muss noch ein paar Tage auf sich warten lassen, da ich die Naturgewalt des gerade angefangenen Semesters noch in den Griff bekommen muss. Hier aber ein schönes Zitat zum Thema, das ich in Randy Allen Harris’ The Linguistics Wars gefunden habe (meine Übersetzung):

Leider begegnen viele Menschen der Linguistik mit Unkenntnis und Furcht — eigenartigerweise, denn Sprache ist unsagbar grundlegend für unser Menschsein. Man betrachte folgenden merkwürdigen Vergleich, den Herbert Spencer im neunzehnten Jahrhundert zog (zu einer Zeit, als die Linguistik spektakuläre Fortschritte machte):

Erstaunt über die Leistung des englischen Pflugs bemalen die Hindus ihn, stellen ihn auf einen Altar und beten ihn an — sie machen ein Idol aus einem Werkzeug. Linguisten tun dasselbe mit der Sprache (Herbert Spencer, Essays: Moral, political and aesthetic, New York [1865]).

Dieser Vergleich, davon abgesehen, dass er Hindus von einer geradezu mythischen Idiotie erfindet, ist so falsch, wie er nur sein könnte. Linguisten würden ihre Schraubenschlüssel und Schraubenzieher herausholen, den Pflug auseinandernehmen und versuchen, herauszufinden, wie er funktioniert. Ignoranten verehren und fürchten. Wissenschaftler verehren und erforschen.

Und dann gibt es natürlich noch die selbst ernannten Sprachpäpste, die anderen Angst vor der Sprache einjagen um deren ehrfüchtige Bewunderung zu ernten.

9 Kommentare zu „Wörter zu Pflugscharen“

  1. Die kurze Antwort ist „Nein“

    Da bin ich ja mal auf die lange Antwort gespannt. Dreieinhalb Millionen verkaufte Bücher und kein bisschen Neid?

  2. Sie schreiben “Weil er etwas trivialisiert, was ihnen am Herzen liegt”. Es muss aber heißen “Weil er etwas trivialisiert, DAS ihnen am Herzen liegt”! Lesen Sie mal lieber den Sick, da können Sie noch etwas dabei lernen.

  3. @Hermann: Herrlich, welch ein feiner Sinn für Ironie!

    Ich finde übrigens nicht, dass es sich falsch anhört.

  4. @Hermann Claus:
    “Lesen Sie mal lieber den Sick, da können Sie noch etwas dabei lernen”
    Es müsste richtig heißen: “Lesen Sie mal lieber den Sick, dabei können Sie noch etwas lernen” oder “… da können Sie noch etwas lernen”
    Lesen Sie lieber mal den Grammatikduden ;-) )

  5. Die Verlosung ist beendet, ich kam zu spät. Was mich an Herrn Sick stört ist, dass er zwar gerne auf Regeln herumreitet, dabei aber die Sprache als statisches, festgeschriebenes Konstrukt betrachtet. Dass die Sprache durch ihren Gebrauch laufend geformt wird und einer natürlichen Evolution unterliegt, das lehnt er anscheinend unterbewusst strikt ab. Würde die Sprache immer nur nach genau festgelegten Regeln benutzt, so wären zumindest die Computerlinguisten glücklich. Die Menschen als solche aber nicht, denn ihre geliebte Sprache wäre einfach nur mausetot und damit noch langweiliger als der Zwiebelfisch.

  6. Arrgh, schon vorbei?! Jetzt war mir just eingefallen, was ich mit dem Buch hätte anfangen wollen: es lesen. Aber gut, kein herausragender Grund, ein Buch haben zu wollen.

    By the way: Die 3 Sätze “Linguisten würden ihre Schraubenschlüssel und Schraubenzieher herausholen, den Pflug auseinandernehmen und versuchen, herauszufinden, wie er funktioniert. Ignoranten verehren und fürchten. Wissenschaftler verehren und erforschen.” sind Sätze von beängstigend tiefer Einsichtskraft. “Auseinandernehmen und versuchen, herauszufinden”, wie etwas funktioniert, bringt die Bewegung des ewigen ‘Zweifelns, Fragens, Behauptens und los geht’s erneut’ auf den Punkt. Mein älterer Bruder machte das auch immer so. Danach war meistens alles entzwei, und herausgefunden hat er auch nie sehr viel, aber verehrt habe ich ihn dennoch. Und gefürchtet, was mich somit zur Ignorantin stempelt. Zumindest in dem Sandkasten, in dem Leute wie Mr. Harris spielen.

  7. SuMuze, nein, das macht Sie nicht zu einer Ignorantin: Ältere Brüder verdienen grenzenlose Bewunderung für alles, was sie tun — als älterer Bruder weiß ich das nur zu gut…

  8. Ja, wie? Nein, ja, nun was? Das Zitat regiert doch! Oder - herrscht hier Anarchie?

    (Das hier ist natürlich teilnehmende Beobachtung, soweit zum Auseinanderschrauben)

    Und, ja, wie Recht Sie doch haben - was ältere Brüder verdienen, weiß niemand so gut wie jüngere Schwestern. Schrauben Sie mal diese Worte auseinander!

  9. Ist denn wirklich kein Buch mehr da? Ich habe die Verlosung verpasst, weil ich den Duden fertig lesen musste… Meine Mutter meint ich müsse die Sprache schon in der richtigen Reihenfolge erlernen.
    1. Babylaute
    2. Sick (Dativtod)
    3. Fibel
    4. Mein erstes Lesebuch
    5. Mein zweites Lesebuch
    6. Irgendwas von Heike Klappdor Kopps
    7. Mein drittes Lesebuch
    8. Duden Band 9
    und jetzt hätte ich mir dieses Buch vorgenommen… Schade… dann lese ich die anderen eben noch einmal.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.