All you can eat

Über Sinn und Unsinn der Aktion Lebendiges Deutsch brauchen wir hier nicht mehr zu diskutieren. Immerhin ist sie oft unfreiwillig unterhaltsam. Im laufe des letzten Monats haben die Aktionäre eine Alternative für den Ausdruck All you can eat gesucht und auch gefunden:

„Essen nach Ermessen“, das ist deutscher als „All you can eat“ ? Ist es nicht auch hübscher? fragt die Aktion „Lebendiges Deutsch“, die diesen aus 578 verschiedenen Vorschlägen ausgewählt hat.

Hübscher? Eigentlich nicht, und besonders treffend ist es auch nicht. Beim all you can eat geht es schließlich darum, zu Essen, bis man nicht mehr kann. Wer sein Ermessen walten lassen möchte, der kann ja in lebendigem Französisch à la carte essen.

Der juryeigene Vorschlag des Monats ist auch nicht besser:

Das Angebot des Monats April: Wer das „Burn-out-Syndrom“ hat, über den könnten wir kürzer und anschaulicher sagen: „Er ist ausgebrannt“.

Ja, ein bisschen kürzer ist das wohl, wenn auch nicht unbedingt der Rede wert: es spart ein Wort und zwei Silben. Ob das der Grund ist, warum dieser Ratschlag der Aktionäre wieder einmal offene Türen einrennt? 214 Treffer findet Google für den Satz „Er ist ausgebrannt“, und noch einmal 453 Treffer, bei denen zwischen ist und ausgebrannt etwas wie völlig, total oder müde und steht. Macht fast 700 Treffer, denen gerade einmal 3 Treffer für die Zeichenkette “Er hat das Burn-out-Syndrom” gegenüber stehen. Und selbst von denen können wir einen gar nicht mitzählen, da er nicht den gesuchten Satz repräsentiert:

Er hat das Burn-Out-Syndrom bei evangelischen Pfarrern in Bayern untersucht und festgestellt: Jeder zweite ist gefährdet. [Link]

Das Ganze ist also wieder einmal ein Fall, in dem die Aktionäre Wörter ersetzen wollen, die gar nicht ersetzt werden müssen.

Andererseits zeigt dieses Beispiel sehr schön, warum man ungeliebte Substantive nicht durch Adjektive ersetzen und dann glauben kann, das Problem sei gelöst. Wie soll einem das Wort ausgebrannt in diesem Satz weiterhelfen? Das mindeste, was die vier glücklosen Brüder hier hätten anbieten müssen, wäre etwas wie Ausgebrannt-Sein-Syndrom. Und irgendwie kann ich nicht glauben, dass die Sprachgemeinschaft dieses Wort begeistert aufgreifen würde.

Für den Monat April haben die Aktionäre dafür eine sehr handhabbare Aufgabe gestellt:

Suchwort im April: Diesmal: das treffende deutsche Gegenstück zu dem Allerweltswort „canceln“.

Ich empfehle hier, wie schon so oft, einen Blick ins Wörterbuch.

16 Kommentare zu „All you can eat“

  1. Von meinen Freunden von der Psychologischen Fakultät höre ich den Begriff „Burnout-Syndrom“ recht oft — als Fachbegriff. Wissen die Aktionäre eigentlich, was das Wort Syndrom bedeutet? Mir deucht, daß nicht.

    Anatol Stefanowitsch sagt:
    Das Ganze ist also wieder einmal ein Fall, in dem die Aktionäre Wörter ersetzen wollen, die gar nicht ersetzt werden müssen.

    Na. Wie aus kaum unterrichteten Kreisen verlautete, soll die Zahl der Dialoge wie „Fritz, was gibt’s Neues?“—„Den Jupp hat das Burnout-Syndrom erwischt!“ an bundesdeutschen Bushaltestellen beängstigend zugenommen und entsprechenden Handlungsbedarf eingeleitet haben.

    ;-)
    ^_^J.

  2. Ceterum censeo …

    In dem Bemühen, der quantitativen Sprachwissenschaft, deren Berechtigung wir hier keineswegs in Abrede stellen wollen, ab und an einen “qualitativen” (konnotativen, semantischen, pragmatischen) Beitrag an die Seite zu stellen, um sukzessive das Gedankenpflänzchen zu hegen, dass mit der Übernahme englischsprachiger Wörter ins Deutsche eben mehr verbunden ist als die Veränderung der deutschen Sprache (in dieser Hinsicht herrscht Einigkeit, was die “Aktionäre” betrifft), könnte man ja - wie bei jedem hier vorgeführten Begriff - auch in diesem Fall einmal darüber nachdenken, was denn die Realität eines Programms “all you can eat” faktisch mit in unsere Kultur transportiert. Man könnte ja zu dem Schluss kommen, dass es sich dabei um eine ziemlich ekelerregende Schlacht am Buffet handelt, bei der ohnehin übergewichtige Menschen westlicher “Zivilisationen” (geschürten) animalischen Instinkten folgend so viel in sich hineinstopfen, wie es irgend geht - und dass es sich dabei um ein typisch dekadentes Anliegen einer sich im Degenerationsprozess befindlichen Kultur handelt.

    Um es an einem anderen Beispiel deutlicher zu machen: Ist “no-go-area” nur ein Lehnswort aus dem Englischen, das man meinetwegen auch mit “Nix-wie-weg-Gegend” übersetzen kann oder eine inzwischen auch hier erfahrbare gesellschaftliche Realität (Adaption) unter dem Stichwort “Amerikanisierung der Gesellschaft”?

    You know what I mean?

  3. Aber ist es denn wirklich so sicher, dass das all-you-can-eat-”Phänomen” wirklich von den USA nach Deutschland herübergeschwappt ist? All you can eat ist ja letztlich nichts Anderes als ein Buffet, und die gibt es soweit ich weiß schon eine ganze Weile. Die berühmte “Schlacht am kalten Buffet”, die ja genau das oben Beschriebene bezeichnet, ist doch auch schon ein alter Hut, oder etwa nicht?

  4. Mit dem Canceln ist es mit einem Blick in das Wörterbuch nicht getan,
    möchte ich hier mal mit Verlaub beisteuern.
    Will sagen, dass eine Absage etwas so Negatives an sich hat,
    dass man doch bitte in der Heutzeit der Gletscher- und Eisbergschmelze
    bitte eine Vision aufzeigen möge, will sagen, einen neuen Termin anbieten möge.

    Canceln ist aut, Neuterminieren nenne ich es, wenn ich einen Termin nicht halten kann,
    und einen (auch nicht haltbaren) Ersatztermin anbiete…

    Liebe Grüße,
    Ulf Runge

  5. „All you can eat“ ist eine „Freßpauschale“. (Für Dengländer: Eine Pauschale ist eine Flatrate.) Verwandt ist sie mit dem - jedoch wesentlich kultivierteren - brasilianischen Rodízio (http://www.rodizio.de/adv_rodizio_de.htm).

  6. @Ulf Runge: ‘canceln’ wird ja nicht nur in Verbindung mit Terminen gebraucht, man kann auch eine Bestellung ‘canceln’ (=stornieren). Wenn ein Flug ‘gecancelt’ wird (=gestrichen), wird auch kein Ersatzflug angeboten, sondern auf den nächsten regulären Flug verwiesen. Und die von ihnen gemeinte Neuterminierung hat im Englischen das Äquivalent ‘reschedule’.

  7. Ich sehe gerade auf Spiegel-Online: Auch in Texas werden immer häufiger englische Wörter gebraucht.
    http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,546960,00.html

  8. Na dann halte ich mich mal eng an die Semantik.
    Canceln, das ist dann für mich:

    - streichen - Und ich freu mich schon auf den Besuch des nächsten Konzerts mit einem Paint & Cancel Orchestra…
    - abbestellen - In Texas sagen die dann bestimmt “I must put abbe…”
    - auflösen - Ich will Lösungen, sagte der Manager, und der Chemiker lieferte sie…

    Bevor ein Ordnungsruf zur Ernsthaftigkeit gemahnt, enthalte ich mich weiterer Verbal(l)hornungen
    und cancel den Rest meiner Vorschläge…

    LG, Ulf Runge

  9. Nachtrag: „Essen satt“ ist laut Google eine übliche Entsprechung für „All you can eat“, auch in Verbindung mit einem bestimmten Angebot, z.B. „Schnitzel satt“ usw.

  10. “All you can eat” könnte m.E. in dem Sinne “Alles, was Sie essen können” dem Gast auch bedeuten, dass alles, was man nicht essen kann, Tischdecken, Teller etc. bitte nicht mitgenommen werden soll.
    (Eine mir bekannte Landgaststätte in Treuenbrietzen wirbt übrigens mit dem Slogan “Essen bis zum Platzen”. Leider war im Vorbeigehen noch nie zu sehen, wie von innen Inneres gegen die Fensterscheiben fliegt.)

  11. “Friss, biste platzt!” hieß das früher mal. Ist zwar weit entfernt von jeder Wörtlichkeit, dafür aber inhaltlich zutreffend.

  12. Nachtrag: „Essen satt“ ist laut Google eine übliche Entsprechung für „All you can eat“, auch in Verbindung mit einem bestimmten Angebot, z.B. „Schnitzel satt“ usw.

    …wobei diese Verwendung von “satt” dem durchschnittlichen unbelesenen Österreicher völlig unbekannt ist.

  13. “essen nach ermessen” find ich super. es erinnert mich stark an “nach dem essen isst gudrun”. ich frage mich nur, was eigentlich “erm” ist.
    “friss, biste platzt” kenne ich nur in einer plattdeutschen kindersprachvariante als “iss mann fiss mann bisse platzt”-finde ich schöner als die prosaische drei-wort-variante.

  14. Zum BURNOUT dieses:

    1. Warum stört es niemanden, daß hier wieder einmal(oder EINMAL MEHR?) mit AUSGEBRANNTSEIN mittels sklavischer Lehnübersetzung die englische Metaphorik völlig unnötig übernommen wird? Wir kennen etwa AUSGELAUGT, dazu dann AUSLAUGUNG. Und ERSCHÖPFUNG ist auch nicht schlecht.

    2. Vermutlich ist BURNOUT eine bildliche Übertragung der ursprünglichen Bedeutung “Ausgebranntsein von Flugtreibstoff” oder “Versagen wegen Überhitzung”. Das Englische versteht es ja im Gegensatz zu der Deutschen Unwillen und/oder Unfähigkeit, alte Wortbestände mit neuen Bedeutungen aufzuladen. Man denke an STALKING (Jemand wird “gestalkt”!): meines Erachtens aber wenig gelungen, weil Anschleichen an die Beute mit Tötungsabsicht nicht paßt. Auch pflegen Jäger oder Raubtier mit dem Opfer nicht zu kommunizieren. Im Deutschen wäre daher sinnvoll etwa BELAG-/ERN/ERER/ERUNG.

    3. BURNOUT hat auch wie viele andere Anglizismen den Nachteil, daß Wortfamilien zerstört werden: man ist AUSGEBRANNT, hat aber BURNOUT. Ähnlich: man lädt herunter, was dann einen DOWNLOAD ergibt. Warum nicht knapper HERLAD-/EN/UNG? Es muß doch nicht HERUNTER (down) sein!
    Siehe Nr.1.

  15. Zu Nr. 3: Ist ja auch nichts Bedenkliches. Die frz. Konjugation von “aller” zerstört sogar ein ganzes Paradigma, indem munter von “ambulare” (j’allais), “vadere” (je vais) und “ire” (j’irai) Formen durcheinandergewürfelt werden. Überhaupt, dass sprachliche Lücken existieren, ist nun wirklich weder neu, noch ein Drama.
    Man kann übrigens auch schon längst “downloaden” sagen.

  16. “Belagern” passt überhaupt nicht — wenn man etwas belagert, bewegt man sich nicht.

    Die Herunterladung wäre der Vorgang des Herunterladens und nicht das Ergebnis.

    Man kann übrigens auch schon längst “downloaden” sagen.

    Aber… tut das jemand außer Microsoft?

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.