Aprilscherz aufgelöst

Ich merke schondass ich Leser/innen des Sprachblogs mit so plumpen Mitteln nicht lange zum Narren halten kann. Hier also die — nicht mehr sehr überraschende — offizielle Auflösung unseres Aprilscherzes.

1. Um mehr Jugendliche für die Bibel zu begeistern, hat der Hamburger Pastor Martin Dreyer sie einfach in die Jugendsprache übersetzt. Leseprobe aus der Bergpredigt: „Gut drauf kommen die Leute, die niemandem mehr auf die Fresse hauen wollen.“

Diese Bibel gibt es wirklich, sie wird sogar im Wiki-Prinzip weiterentwickelt (siehe hier). Auf mich wirken die Texte darin wie ein einziger großer Aprilscherz, aber die Wege des Herrn sind ja bekanntlich unergründlich…

2. Die handygewöhnten Jugendlichen kommen mit normalen Computertastaturen nicht mehr zurecht. Die britische Firma cre8txt hat deshalb eine handtellergroße Handytastatur entwickelt, die an jeden Computer angeschlossen werden kann.

Auch diese Tastatur existiert (mehr dazu auf der Webseite der Firma cre8txt).

3. Die vereinfachten Strukturen der Jugendsprache haben eine neurologische Ursache. Wie der New Yorker Neurobiologe Carl J. Miller herausfand, ist die Herausbildung der für die Sprache zuständigen Scheitellappen erst nach der Pubertät vollständig abgeschlossen.

Das war der Aprilscherz. Das Gehirn verändert sich während der Pubertät natürlich noch, aber vereinfachte Strukturen wird man in der Jugendsprache vergeblich suchen (und Carl J. Miller ist frei erfunden).

4. Die Jugendsprache hat ein extrem eingeschränktes Vokabular. Wie der britische Linguist Anthony McEnery herausfand, besteht ein Drittel von allem, was die Jugenlichen von sich geben, aus nur zwanzig häufig verwendeten Wörtern.

Kristian und L. Rosen waren hier mit ihren Vermutungen genau auf dem richtigen Weg: zwar gibt es die Studie von McEnery zur Jugendsprache tatsächlich und sie enthält auch die hier zitierte Aussage, aber dasselbe ungefähre Zahlenverhältnis stimmt für jeden beliebigen Text des Englischen oder auch des Deutschen. Nehmen den Beitrag Sprache im Blut hier aus dem Sprachblog, einen der technischeren und sprachlich anspruchsvolleren Beiträgen. Der Beitrag hat insgesamt 1539 Wörter. Die zwanzig häufigsten Wörter im Text, mit ihren jeweiligen Häufigkeiten, sind: die (64), und (50), der (36), ist (28), von (22), in (22), es (21), dass (20), das (19), nicht (17), eine (15), sich (14), einer (13), sie (13), den (12), mit (11), Sprachen (11), Allele (11), für (10) und haben (10). Insgesamt kommen diese zwanzig Wörter im Text also 419 Mal vor, sie machen also 27,22 % des Textes aus.

Im nächsten Jahr werde ich mich wohl mehr anstrengen müssen…

3 Kommentare zu „Aprilscherz aufgelöst“

  1. Ich finde die Zusammenstellung sehr gelungen - alle vier fußen auf der Vorstellung, Jugendliche seien irgendwie besonders simpel gestrickt. Carl J. Miller ist mir da am sympathichsten, denn glaubt daran nicht wirklich.
    Die Volxbibel finde ich schrecklich, ebenso wie die “in gerechter Sprache”. Es wirkt so fürchterlich aufgesetzt und anbiedernd, so fernab jeglicher Sprachpraxis.

  2. Mal eine frage an die Frauen / Herren Linguist/innen hier : Woher kommt das VolX statt Volks. Mir scheint es so als ob das die linke abgrenzung zu VolkS… ist … oder ist da mehr dahinter ?

  3. Herr Pohanka, ganz falsch ist Ihre Vermutung sicher nicht, aber etwas mehr steckt wohl doch dahinter. Mein sprachbloggender Kollege Detlef Gürtler hat sich mit dieser Frage vor einiger Zeit einmal auseinandergesetzt.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.