Heißer Freitag

Passend zum Osterfest arbeitet sich eine generische Pressemeldung durch die Zeitungslandschaft, die die Osterbräuche verschiedener Länder beschreibt. Allerdings ohne besondere Liebe zum Detail. Über die Briten steht dort beispielsweise Folgendes:

Für die Briten gehören der Osterhase und Ostereier als Fruchtbarkeits-Symbole zu Ostern wie für die Deutschen. Der Karfreitag, an dem die Kirche der Kreuzigung Jesu gedenkt, wird in Großbritannien „Good Friday“ genannt - also „guter Freitag“. Einige Sprachwissenschaftler glauben, dass es ursprünglich „God’s Friday“ hieß — also „Gottes Freitag“. Früher war es an diesem Tag üblich, alle Kleidungsstücke für den Ostersonntag blütenweiß zu waschen. [Augsburger Allgemeine]

Also, wenn das tatsächlich „einige Sprachwissenschaftler“ glauben sollten, dann irren sie sich. Ich kenne aber auch keinen, der das tut, denn man muss nur in ein Wörterbuch schauen, um eines besseren belehrt zu werden.

Die ersten Verwendungen des Begriffs Good Friday finden sich im 13. Jahrhundert, und da hatte er bereits seine heutige Form. Es gibt keine Belege für eine frühere Form God’s Friday. Die müsste es aber geben, denn das Englische ist spätestens ab den zehnten Jahrhundert sehr gut dokumentiert. Außerdem erfordert der Begriff keine besondere Erklärung — good wird im Englischen in verschiedenen Zusammenhängen im Sinne von „heilig“ verwendet — so wird die Bibel als The Good Book bezeichnet, und Weihnachten heißt manchmal auch Good Tide. Good Friday bedeutet also schlicht so etwas wie „heiliger Freitag“.

Eigentlich ist das ja egal. Aber man muss sich schon fragen, warum die Zeitungen reihenweise eine Geschichte über die Bedeutungsentwicklung der englischen Bezeichnung für den Karfreitag drucken, und sich dann noch nicht einmal die Mühe machen, ein Wörterbuch zu befragen. Vielleicht liegt es daran, dass man über Sprache eben schreiben darf, was man will. Vielleicht zeigt sich hier aber auch eine Alltagstheorie über den Sprachwandel, die davon ausgeht, das man Wörter und Begriffe, die einem nicht unmittelbar transparent erscheinen, auf transparentere Begriffe zurückführen kann.

Ein Blick ins Wörterbuch hätte übrigens auch folgendes, brandheißes Missverständnis vermieden:

Am Karfreitag steht bei vielen Briten die traditionelle Oster-Leckerei auf der Speisekarte: Hot Cross Burns — das sind Rosinenbrötchen. Vor dem Backen wird oben ein Kreuz eingeritzt, das nach dem Backen mit Zuckerguss gefüllt wird. Das Kreuz soll an die Kreuzigung Jesu erinnern. Früher war es üblich, mit einem Hot Cross Burn die Fastenzeit zu beenden. [Augsburger Allgemeine]

Hier ist wohl die katholische Vorliebe für Feuer und Schwefel mit dem Verfasser durchgegangen — die Briten genießen zu Ostern keine Hot Cross Burns („heiße Kreuzverbrennungen“), sondern Hot Cross Buns („heiße Kreuzbrötchen“)

6 Kommentare zu „Heißer Freitag“

  1. Ich hab mir als Mensch mit nur begrenzten Schulenglischkenntnissen, statt von „Good“ zwanghaft auf „God“ schließen zu wollen, (bevor ich Ihre Erklärung mit „heilig“ las) eher gedacht: Früher hatten ja die einfachen Leute, besonders auf dem Land, keinen Kalender und haben einfach 6 Tage gearbeitet und gingen Sonntags in die Kirche. Dazu zogen sie ihre einzige „gute“ Kleidung an. Den Sonntagsanzug halt wie sonst nur noch bei Beerdigungen. Und der Karfreitag war ausnahmsweise auch arbeitsfrei und man ging in seinen „guten“ Sachen in die Kirche.
    Ein Freitag der mit dem heiligen Sonntag auf einer Stufe stand.

    Frohe Ostern.

    PS:„Short sentences please?“ sagte meine Englischlehrerin immer, und ich krieg’s bis heute nicht richtig hin.

  2. “deM zehnten Jahrhundert”, nicht? :o

    Ich seh’ schon, das trägt wenig zum Thema bei, naja. Ich hab’ jetzt Hunger.
    Frohe Ostern!

  3. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis in den ersten Blättern das Wort “Kar” auf “Karre” oder “Car” zurückgeführt wird. Wartet’s nur ab… ;o)

  4. Mit Rückrecherche lässt sich in diesem Fall herausfinden, wie der DPA-Autor auf die “einigen Sprachwissenschaftler” gekommen sein dürfte:
    1. In der englischen Wikipedia den “Good Friday” nachschlagen und ausschlachten. Da findet man auch die hot cross buns, richtig geschrieben.
    2. Ganz unten auf den Link “Where does the term Good Friday come from?” klicken.
    3. Man landet auf der Webseite einer methodistischen Kirche, und der Text fängt so an: The source of our term for the Friday before Easter, “Good Friday,” is not clear. It may be a corruption of the English phrase “God’s Friday,” according to Professor Laurence Hull Stookey in Calendar: Christ’s Time for the Church (p. 96).
    4. Weil sich nur Sprachwissenschaftler damit beschäftigen können, wo Begriffe her kommen, und weil es da, wo einer ist, bestimmt noch mehr sind, ist die Meldung flugs im Kasten.
    Blöd nur, dass Professor Laurence Hull Stookey ein Theologe und kein Sprachwissenschaftler ist. Aber ist das nicht ohnehin fast das gleiche?

  5. Vielleicht liegt es daran, dass man über Sprache eben schreiben darf, was man will.

    Viele Leute glauben, sie seien Experten für Sprache — sie sprechen schließlich eine. (© Justin B. Rye)

    Katholische Vorliebe für Feuer & Schwefel? Ist mir nie aufgefallen. Um das zu vermeiden, ist ja extra das Fegefeuer da… Fire & brimstone sind doch die Baptisten, oder?

    Blöd nur, dass Professor Laurence Hull Stookey ein Theologe und kein Sprachwissenschaftler ist. Aber ist das nicht ohnehin fast das gleiche?

    Professor…

  6. @Hedemann: Jörg Pilawa oder Günter Jauch haben es als Lösungsmöglichkeit angeboten.

    Die Zielgruppe dürfte damit wissen, daß es das nicht ist.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.