Barocke Blutarmut

Über die Sprache der ehemaligen DDR werden ja häufig Dinge erzählt, die mehr mit Vorurteilen als mit der sprachlichen Wirklichkeit zu tun haben. Letzte Woche habe ich dieses Juwel auf Welt Online gefunden:

Dann erfand die ostdeutsche Wirklichkeit neue Wörter für neue Sachverhalte. Vielfach handelte es sich dabei um Abkürzungen, die man im Westen schon deshalb nicht verstand, weil das, was sie benannten, dort nicht vorkam: VEB und VVB, LPG und NVA, zum Beispiel. Die Beziehung der Staatspartei SED zur deutschen Umgangssprache war gekennzeichnet durch Blutarmut und barocke Formelhaftigkeit. Gern erfand sie auch Neologismen, etwa wenn einfache Berufe durch eine neue Bezeichnung aufgewertet werden sollten. Da gab es etwa den Facharbeiter für Bürotechnik. Es handelte sich um die Stenotypistin. Auch die Versuche, christlichen Festen den atheistischen Garaus zu machen, führten zu sprachlicher Verrenkung. Eine gewisse Prominenz erlangte die Jahresendflügelfigur, die nichts anderes bezeichnete als den Weihnachtsengel. Ein anderer tabuisierter Bereich war das Sterben. Der DDR-Beitrag zum Thema war ein neues Wort für den Sarg: Erdbestattungsmöbel. [Welt Online]


Es handelt sich dabei um einen Gastkommentar eines gewissen Rolf Schneider, und falls das dieser Rolf Schneider sein sollte, muss ich mich noch mehr wundern, als ich es ohnehin tue.

Also erstmal: Neue Wörter für neue Sachverhalte sind nichts Ungewöhnliches, schon gar nicht etwas typisch Ostdeutsches. Jede Sprachgemeinschaft findet neue Wörter für neue Sachverhalte, sonst könnten sich ihre Sprecher nach kurzer Zeit nur noch über sehr wenige Aspekte ihres Lebens unterhalten. Abkürzungen sind an sich auch nichts typisch Ostdeutsches, ich stelle dem VEB beispielhaft die GmbH gegenüber, der VVB die IHK, der LPG die eG und der NVA das KSK der Bundeswehr. Blutarm vielleicht, aber allesamt erfunden von einer westdeutschen Wirklichkeit (falle eine Wirklichkeit tatsächlich Dinge erfinden kann).

Das Aufwerten von einfachen Berufen durch neue Bezeichnungen ist ganz sicher nichts, was typisch für die DDR war. Ich empfehle diese Liste gesamtdeutscher Ausbildungsberufe für einen Abend heiteren Euphemismenratens — von der „Fachkraft für Lagerlogistik“ über die „Kauffrau im Einzelhandel“ bis zum „Verfahrensmechaniker Steine- und Erdenindustrie (Asphalttechnik)“. Alles ehrbare Berufe, die wir aber im Alltag mit weniger barocken Formeln benennen.

Die Jahresendflügelfigur — sie hieß korrekt eigentlich Jahresendfigur m. F. (mit Flügeln) — haben wir im oben verlinkten Beitrag schon behandelt, und dass dieses Wort nicht wirklich verwendet wurde, ist ohnehin klar. Interessanter finde ich da das Wort Erdbestattungsmöbel. Zunächst: ein Beweis für eine Tabuisierung des Sterbens wäre dieses Wort sicher nicht — das unmissverständliche Wort Bestattung kommt darin vor, ebenso wie das ausdruckskräftige Erd-, das keinen Zweifel daran lässt, wo wir nach dem Tode hingehen. Viel kurioser ist aber, dass ich für die Existenz dieses Wortes keinen Beleg finden konnte — keiner meiner ostdeutschen Kollegen hat das Wort je gehört, und eine Google-Suche findet im Moment exakt zwei verschiedene Treffer, von denen einer der Beitrag auf Welt Online ist (ich nehme an, in ein paar Stunden kommt da noch mein Beitrag hinzu). Falls unter den Leser/innen des Bremer Sprachblogs jemand ist, der einen alten DDR-Duden zur Hand hat, würde ich mich über sachdienliche Hinweise freuen.

14 Kommentare zu „Barocke Blutarmut“

  1. Alles weise und richtig gesagt. Aber Vorsicht bitte bei den Beispielen für die Abkürzungen. Denn die sind mitnichten “allesamt erfunden von einer westdeutschen Wirklichkeit”. Die GmbH gibt’s seit 1892, die IHK ist mit Sicherheit noch älter. Wenn schon bundesrepublikanische Abkürzungen, dann doch Bw oder BMVg oder so was…

  2. Sie hätten nach Erdmöbel suchen sollen. Und wären auch dabei nur auf Legenden gestoßen. Erdmöbel halte ich eher für einen Witz als für ein Bürokratenwort. Irgendeiner wird das Wort nach drei Hellen und zwei Klaren erfunden haben; nun hat es den Exoten-Bonus der ehemaligen dahingeschiedenen Ex-DDR, von der man sich ja Sachen vorstellen kann, also Sachen, sag ich Ihnen…

  3. Die Wörterbücher helfen hier leider nicht weiter. Das Erdbestattungsmöbel ist im Leipziger Duden von 1987 nicht zu finden, ebenso wenig im 2-bändigen Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (Berlin/O., Akademie-Verlag 1984). Auch die Jahresendfigur steht in keinem der beiden Wörterbücher; dafür aber die Jahresendprämie (statt Weihnachtsgeld), die auch tatsächlich so genannt wurde. Das Erdbestattungsmöbel und die Jahresendfigur kenne ich nur aus dem ironischen Gebrauch. Ich vermute daher, dass sie Schöpfungen eines DDR-Kabaretts oder des Satiremagazins »Eulenspiegel« waren. Ich bin gespannt, ob sich Belege für die Herkunft finden lassen.

  4. Der Große Duden, 2.durchgesehene Auflage der 18.Neubarbeitung aus dem Jahre 1986 kennt keine Erdbestattungsmöbel. Es kennt noch nicht einmal Bestattungsmöbel sondern nur die Bestattung. Daneben finden man einzelne Einträge zu Sarg und Urne (Aschegefäß; Behälter für Stimmzettel od. Lose) inklusive diverser Zusammensetzungen. Auch mir sind im Zusammenhang mit Broiler, Konsum und HO schon desöfteren die Erdbestattungsmöbel präsentiert worden, von denen ich jedoch genauso wenig gehört habe wie der geborene Berliner vom “langen Lulatsch” (aka Fernsehturm). Darf man wohl getrost in die Kiste mit der Aufschrift “moderne Mythenbildung” packen.

  5. @E. Gulk: In »Deutsch-Deutsch. Ein satirisches Wörterbuch« von Ernst Röhl (langjähriger Redakteur beim »Eulenspiegel«), Berlin: Eulenspiegelverlag 1991, findet sich tatsächlich Erdmöbel - Sarg, Särge und nicht Erdbestattungsmöbel.

    Zur Jahresendfigur habe ich bei Wikipedia den plausiblen Hinweis gefunden, dass – wahlweise im vorauseilenden Gehorsam oder mit Witz – ein Beipackzettel so ausgezeichnet war und in der Eule als Kuriosum abgebildet wurde.

  6. Hedemann, Sie haben natürlich Recht, da wollte ich eigentlich, analog zum nächsten Absatz, „erfunden von einer gesamtdeutschen Wirklichkeit“ schreiben.

    E. Gulk, Marion Kümmel, Sprawi69, vielen Dank für die Hinweise. Dann erkläre ich das Erdbestattungsmöbel hiermit zur Legende, und das Erdmöbel gleich mit.

  7. Fast, aber nicht ganz off-topic: Ich habe von Kunden (ehem. Kombinat) nach der Wende noch eine große Menge kombinatseigener “Winkelemente” gezeigt bekommen - die musste man sich z.B. bei der machtvollen 1.Mai-Demonstration da abholen, des einheitlichen Winkens halber.
    Damit lege ich Zeugnis ab, dass es Wort und Ding wirklich gab; anders als “Jahresendfestflügelpuppe” (so kenne ich es), Rollkugeleingabegerät (statt Maus) und viele andere, bei denen ich Scherzkekse am Werk vermute.

  8. Und heutzutage heißt das Weihnachtsgeld “Sonderzuwendung”. Im ÖD gibt es das aber doch eh nicht mehr?

  9. ÖD gefällt mir. Ist das die Abkürzung für Östliches Deutschland?

  10. Ich nehme an, daß eher der öffentliche Dienst gemeint ist.

  11. Ich habe den Artikel bei ‘Welt Online’ mal komplett gelesen. In dem Artikel wurde auch der Begriff “Spottwoerter” der DDR erwaehnt und ich habe wieder einmal feststellen muessen, dass sich so einige Leute ueber Ausdruecke und Woerter der DDR lustig machen und sie verspotten, obwohl Herr Stefanowitsch aufgezeigt hat, dass es aehnliche Bezeichnungen im ehemaligen Westen und in der heutigen Bundesrepublik gab und gibt. Ich habe ‘nur’ meine ersten fuenf Jahre in der DDR gelebt und dennoch stimmt es mich traurig und verletzt mich auch, wenn Aspekte der DDR verspottet oder laecherlich gemacht werden. Genauso koennte man sich sicherlich auch ueber andere Laender und deren Sprache (oder was auch immer) lustig machen. Ich finde solch eine Haltung sehr unpassend und sie mag vielleicht auch dazu beitragen, dass sich die Vorurteile gegenueber “Ossis” und “Wessis” halten.

  12. Sehr anregende Diskussionen hier (Danke, Detlef, für den Hinweis). Um meine zwei Cent beizutragen: Die “Erdmöbel” waren m.W. durchaus semi-populär, hörte ich erstmals nach Mauerfall von einem Ost-Schriftsteller, der ein Buch über den politischen Witz in der DDR geschrieben hatte (es kam, wie er selbst, erst im Westen raus).

    Zu Erdmöbeln und Jahresendflügelfiguren
    findet sich übrigens folgendes bei Bodo Mrozek in einem Spiegel-Beitrag von 2006. Das Zitat ist zwar etwas länger, doch es bestätigt die bisherige Spurensuche:

    “Immerhin gab es eine Karikatur, die eine Jahresendfigur zeigt. Mitarbeiter des “Eulenspiegels” war zu dieser Zeit der Humorist und Sprachkritiker Ernst Röhl. In seinem Buch “Wörtliche Betäubung” finden sich allerlei neudeutsche “Hieb-, Stich- und Schlagwörter”, darunter so schöne Exemplare wie der Schlitzkopfgewindebolzen (Schraube), der Weichraumcontainer (Sack) oder das Fruchtstilbonbon (Lutscher). In dem 1986 in Ost-Berlin erschienenen Büchlein findet sich auch das Stichwort Jahresendflügelfigur. Dazu schrieb Röhl: “Nieder mit dem Weihnachtsmann! Wer glaubt schon noch an ihn. Es lebe der Jahresendmann!” Dem folgt eine Auflistung von Wörtern “für den standhaften Atheisten” von Jahresendabend bis -stern. Ist das Rätsel damit gelöst - und die Jahresendfigur nur die Erfindung eines Witzboldes?

    (…)Helga Elschner ist heute beim Bund der Steuerzahler in Sachsen-Anhalt, damals war sie in Leipzig bei der Abteilung örtliche Versorgungswirtschaft. Als Anfang der Siebzigerjahre halbstaatliche Betriebe zu volkseigenen verstaatlicht wurden, begegneten der damaligen Referentin für Finanzen allerlei seltsame Wörter. Da sei aus einem Familienbetrieb, einer Sargtischlerei, die VEB Erdmöbel geworden, erinnert sie sich. “Daran war damals nichts ungewöhnlich, wir hatten uns an merkwürdige Wörter gewöhnt.” Ebenso an die Jahresendflügelfigur. Die sei schon in der DDR Gegenstand des Humors gewesen. Einmal, so erinnert sich Elschner, hatten die Kakao-Lieferanten Importschwierigkeiten. Darum gerieten die Schokoladenweihnachtsmänner in jenem Winter ungewöhnlich blass, fast weiß. Die DDR-Bürger trösteten sich über die kakaoarme Schokolade mit einem Witz: “Das ist die sozialistische Jahresendfigur, der es gelungen ist, ihre braune Vergangenheit abzulegen.”

    Ach ja: ÖD ist der Öffentliche Dienst. Es gibt sogar TVÖD - kein dröges Verwaltungsfernsehen, sondern der neue Tarifvertrag des ÖD (Nachfolge BAT). Was sonst das Weihnachtsgeld ist, heißt dort “Jahressonderzahlung” und gehört zu den “Zuwendungen”.

  13. In Birgit Wolfs “Sprache in der DDR” (Berlin/New York 2000) findet sich “Erdmöbel” erwartungsgemäß nicht (allerdings die notorische “Jahresendflügelfigur”, S. 107).
    In H. Glück/W.W. Sauer “Gegenwartsdeutsch” (Stuttgart/Weimar 1997) gibt es ein schönes Kapitel über DDR-spezifische Entwicklungstendenzen des Deutschen (S. 153ff). Dort wird auch darauf hingewiesen, dass von Westseite auch noch die vor Ironie triefendste Verballhornung gerne mal für bare Münze genommen wurde und wird (S. 161ff).

  14. Ich lege die Hand dafür ins Feuer, daß es sich um satirisch überspitzte Bezeichnungen handelt. Keiner weiß es genau, weil sich solches Wortgut, ähnlich den Witzen, in aufgeräumter Stimmung und geselliger Runde rasch verbreitete. Für den Weihnachtsengel, so glaube ich, war der “Eulenspiegel” mit “geflügelte Jahresendfigur” verantwortlich, und im Erzgebirge, wo ich wohne, spottete man über eine angebliche Sargtischlerei “VEB Erdmöbel Aue”. Es sind schöne Beispiele, wie sich eine sprachbewußte und ideologiekritische Öffentlichkeit über bestimmte Unarten lustig machte. Wann hört man endlich auf, solches als bewußte Sprachlenkung der DDR-Oberen auszugeben? Was man diesbezüglich mit der ehemaligen (überflüssiges Attribut, jetzt aber bewußt gesetzt) DDR anstellt, grenzt langsam an Leichenfledderei.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.