Schweinehund

Dass ich in den letzten Tagen nichts gepostet habe, lag nicht an meinem inneren Schweinehund, sondern an einer Konferenz in Bielefeld, auf der es keinen Internetzugang gab (übrigens: Bielefeld gibt es tatsächlich). Nun versuche ich, mich auf den neuesten Stand der Weltgeschehnisse zu bringen, und lese ein Interview mit Steffi Graf auf Welt Online, in dem sie von ihrem neuem Buch „Das Mrs. Sporty-Konzept mit Stefanie Graf: Lebenslust und Energie in 30 Minuten“ erzählt (gut, dass ich mich über englische Wortdekorationen einfach nicht aufregen kann, sonst würde dieser Titel meinen Puls bestimmt höher schlagen lassen). Die Welt Online möchte nun wissen, ob es ihr schwerfalle, sich an ihre eigenen Ratschläge zu halten und klärt zunächst eine Übersetzungsfrage:

WELT ONLINE: Im Deutschen gibt es die schöne Metapher „Innerer Schweinehund“. Gibt es eine Entsprechung im Amerikanischen?
Graf: Fällt mir leider gerade nicht ein, muss ich mal Andre fragen.
WELT ONLINE: Wie überwinden Sie Ihren?

Steffis Antwort habe ich nicht mehr gelesen, denn die Frage nach der Entsprechung im „Amerikanischen“ ließ mir keine Ruhe. Mir fiel aber auch nach intensivem Nachdenken keine Übersetzung ein, also habe ich (wie das auch die Aktion Lebendiges Deutsch öfter mal tun sollte) bei LEO nachgeschlagen.

Dort werden zwei mögliche Übersetzungen für „innerer Schweinehund“ angegeben, nämlich inner temptation und one’s weaker self. Beide klangen für mich nicht völlig unplausibel, aber auch nicht gerade wie geflügelte Worte. Google bestätigt diesen Eindruck: inner temptation kommt auf gerade mal 863 Treffer und one’s weaker self auf 5.810, von denen allerdings viele auf deutschen Webseiten auftauchen, teilweise im direkten Zusammenhang mit inneren Schweinehunden. Im Vergleich: die Redewendung innerer Schweinehund bringt es auf satte 384.000 Treffer.

Es kann natürlich sein, dass der innere Schweinehund (wie angeblich auch die Schadenfreude) etwas typisch Deutsches ist (der große Kurt Schumacher hat den Begriff ja schon 1932 sehr treffend verwendet). Aber mir scheint es wahrscheinlicher, dass hier einer der vielen Fälle vorliegt, in der eine Sprache für einen bestimmten Umstand eine feste Redewendung hat, während in der anderen Sprache eine Vielzahl feiner abgestufter und weniger fester Ausdrücke verwendet wird.

Eine Google-Suche nach “overcome (my|your|his|her) inner” fördert nämlich eine Reihe von inneren Dingen zutage, die der englische Muttersprachler überwinden kann und muss — zum Beispiel demons („Dämonen“), weakness („Schwäche“), resistance („Widerstand“), opposition („Opposition“), cowardice („Feigheit“), critic („Kritiker“), fear („Angst“), obstacles („Hindernisse“), child („Kind“), barriers („Barrieren“), saboteur („Saboteur“), perfectionist („Perfektionist“), distractors („Ablenker“), doubts („Zweifel“), Scrooge („Geizkragen“), ghosts („Geister“), und idiot („Idiot“).

Da haben wir es ja noch gut, dass wir es immer nur mit dem einen müden alten Schweinehund zu tun haben.

12 Kommentare zu „Schweinehund“

  1. Ja, da bleibt viel zu tun für den englischen Muttersprachler.

    Aber warum hält er oder überhaupt irgendjemand es für nötig, das inner child überwinden zu müssen? Wer das geschafft hat, IST ein Schweinehund.

    Kann er gleich wieder von vorne anfangen. Oder sie.

  2. Ich würde ‘fecklessness’ als eine genaue Übersetzung vorschlagen, ist aber weniger verwendet als der innere Schweinehund.

  3. Mit Verlaub: Mal wieder so ein typischer “taxonomischer” Ansatz, erstmal zählen!

    Es gab Zeiten, da kursierte der Begriff “Rezeptionsästhetik” in den Fluren der Uni Bremen - zugegegen mehr vor den Türen der Kollegen der Literaturwissenschaften.

    Es wäre hier doch m. E. viel interessanter, zu untersuchen, wer den Begriff so in die Welt setzt hat und warum? Wikipedia weiß es.

    Und danach kann man sich die Frage stellen, welche Funktion (und Semantik) so eine Begrifflichkeit bei Kaiser und
    Führer hatten (Schumacher hat den ja nur “zitiert”). Und weshalb gerade die so wild darauf waren, dem Volk die Mär vom inneren Schweinehund zu verkaufen.

    Laut wiki soll der Begriff zudem inzwischen eine “Melioration” erfahren haben soll, siehe div. Titel bei amazon, “Entrümpeln / Abnehmen mit dem inneren Schweinehund” usw. Das wäre doch mal ein paar Gedanken wert.

    “Selbstüberwindung”, um die geht es ja wohl, jedenfalls von der positiven Konnotation her. Aber manchmal ist es eben viel schöner, sich selber nachzugeben. Dazu könnten uns dann die Kollegen von der Neurolinguistik wiederum Bände erzählen.

  4. Inner Pigdog kommt auf 2.570

    http://www.google.de/search?hl=de&q=inner+pigdog&btnG=Suche&meta=

  5. Übrigens:
    http://www.semiologic.com/software/wp-fixes/dofollow/

  6. Herr Heidtmann, ich bin nun mal quantitativer Linguist, die Rezeptionsästhetik überlasse ich tatsächlich meinen hervorragenden literaturwissenschaftlichen Kolleg/innen. Die ideengeschichtliche Einbettung des Begriffs ist in der Tat spannend, daher mein Verweis auf Schuhmachers treffende Verwendung.

    Dirk, “inner pigdog” -site:de kommt allerdings nur auf gerade einmal 74 Treffer. Da liegt noch viel Arbeit vor uns, wenn wir den Begriff weltweit durchsetzen wollen…

  7. Da könnense mal wieder sehn wie wenig ich weiß: Weder kenne ich Ihre richtige Besoldungsgruppe noch Ihre Stellenbeschreibung. Aber mal im Ernst: Ihre Eltern hätten Sie doch auch was Richtiges lernen lassen können ;.)

  8. Gratulation zum 1000.sten´.

    Weiter so, auch wenn ich hier meist nur per RSS-Reader mitlese!

    Immer wieder interessant, wenn auch manches Mal etwas akademisch ;-)

  9. Gerade finde ich dieses hübsche Zitat von Erich Kästner:

    „Wenn jemand faul und zugleich schadenfroh, heimtückisch und gefräßig, geldgierig und verlogen ist, dann kann man zehn gegen eins wetten, dass es sich um einen Schweinehund handelt.“

    (Erich Kästner - Nachdenkerei Nummer zwölf))

  10. Grade bei nerdcore gelesen, dass es Ohrwurm im Englischen wohl auch nicht gibt, die Entsprechung lautet wohl „catchy tune“. Anscheinend haben es die Angelsachsen nicht so mit Tiervergleichen? Könnte man ja vielleicht eine nette Rubrik/Sammlung draus machen, obwohl es sowas bestimmt schon irgendwo gibt, im Internetz.

    Pax

  11. corax: Als englischer Muttersprachler, es nervt, daß wir keine Übersetzung für Ohrwurm haben. Allerdings finde ich “catchy” als adjektiv. Dementsprechend schlage ich vor, daß “catchy” eingedeutscht werden soll!

    Auf die Frage “Schweinehund”:
    “inner demon” oder “inner opposistion” hört sich für mich am besten an.

  12. Earworm scheint aber auch verbreitet zu sein.

    http://www.google.com/search?hl=de&q=earworm+-site%3Ade&btnG=Suche&lr=

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.