Tag der Muttersprache, Jahr der Sprachen — aus dem Kalender des Sprachbewegten

Vor nicht allzu langer Zeit ist uns Sprachwissenschaftlern mit Schrecken bewusst geworden, dass das Forschungsobjekt Nummer 1 unserer Disziplin — die Sprache im Plural — in rasantem Tempo von der Erdoberfläche zu verschwinden droht, so dass man von sprachlichem Artensterben reden kann (wir haben im Bremer Sprachblog darüber geschrieben, z.B. hier, hier und hier). Die Existenzbedrohung von Sprachen, der zu gewärtigende Verlust an kultureller qua sprachlicher Vielfalt der Welt, die zuweilen enge bis engste Beziehung zwischen Sprachtod und sozio-ökonomischer Benachteiligung bzw. politischer Verfolgung der betroffenen Sprecherschaften sind Themen, mit denen die ansonsten oft wegen ihrer vermeintlichen Dauereinmietung im Elfenbeinturm gescholtene Linguistik zunehmend die breite Öffentlichkeit erreicht. Sprecher von bedrohten Sprachen werden bei uns Fachwissenschaftlern vorstellig, damit wir ihnen bei der Dokumentation, der Rettung, der Wiederbelebung, dem Ausbau ihrer Sprachen als Experten zur Seite stehen. Der Bedarf ist in diesem Bereich enorm hoch und sichert der Linguistik auf Jahrzehnte hinaus ein ethisch-moralisch sehr hoch einzuschätzendes Betätigungsfeld, in dem sie keine andere Disziplin ersetzen kann. Auch Laien diskutieren jetzt häufig die möglichen Folgen und Ursachen des Sprachensterbens. Auch die politische Seite nimmt sich zusehends dieses wichtigen und nicht zuletzt auch öffentlichkeitswirksamen Gegenstandes an. Sie tut dies beispielsweise dadurch, dass die UNO das Jahr 2008 zum Jahr der Sprachen ausruft, das am 21.2.2008 seitens der UNESCO mit dem Tage der Muttersprache offiziell eröffnet wird.

Diese überstaatlichen Organisationen haben sich mit vollem Recht das Motto auf ihre Fahnen geschrieben, dass die eigene Muttersprache bewahren zu dürfen ein sprachliches Menschenrecht sein muss. Wir Sprachwissenschaftler sind dementsprechend aufgerufen, uns im Jahr der Sprachen und am Tage der Muttersprache mit nachhaltig wirksamen Aktionen öffentlich zu zeigen und die Interessenten zu informieren. Gedacht ist dabei nicht an Nebenbeiveranstaltungen, sondern an große “Events”, die Breitenwirkung erzielen.

In Bremen fühlen wir uns eigentlich dazu berufen, im Jahr der Sprachen und am Tag der Muttersprache an die Öffentlichkeit zu gehen. Mit den Erfahrungen aus dem Jahr der Geisteswissenschaften im Gepäck sind wir gut darauf vorbereitet, Aktionen der gewünschten Art, Größe und Durchschlagskraft durchzuführen. Jedoch begegnet man einem gewissen Paradox. Zusätzliche Aktivitäten dieser Art kosten etwas, besonders wenn man wirklich etwas erreichen möchte (hier: die nachhaltige Sensibilisierung der allgemeinen Öffentlichkeit). Es müssen Tagungen, Ausstellungen, Infostände, Festvorträge usw. organisiert, Räume gefunden, internationale Beteiligung von Vertretern der betroffenen Gemeinschaften, von Sprachaktivisten, von Sprachpolitikern sichergestellt und noch vieles andere gemacht werden. Wir erfahren aber, dass die Organisationen, die das Jahr der Sprachen und den Tag der Muttersprache ausgelobt haben, sich selber finanziell in keinem Fall beteiligen können. Dafür gibt es sicher gute „budgetbezogene“ Gründe. Ebenso gut Gründe darf man der Zurückhaltung seitens der EU unterstellen, deren sprachorientierte Institutionen vor einer möglichen Förderung die Entrichtung eines fünfstelligen Jahresbeitrages erwarten, der dann dazu berechtigt, an einem Wettbewerb unter der Maßgabe der sog. Matching Funds teilzunehmen.

Da die Universitäten nicht nur in Bremen finanziell am äußersten Rande ihrer Möglichkeiten angekommen sind, ist selbstverständlich auch deren substanzielle Beteiligung illusorisch. Wenn man dann als Antragsteller die DFG und die VolkswagenStiftung bereits mit anderen Projekten strapaziert, bleibt einem kaum noch ein gangbarer Weg zur Einwerbung von Mitteln zur Unterstützung der geplanten Aktivitäten. Klinkenputzen bei den Interessenvertretungen der betroffenen Sprachgemeinschaften ist eine Option, die im konkreten Fall der Organisation einer durchaus im Interesse der jeweiligen Sprachen populär gedachten Großtagung im Verbund der Universitäten Bremen, Oldenburg und Luxemburg folgende Gestalt angenommen hat: Sofern die eigene Sprache auf der Tagung sichtbar “gefeatured” wird, wollen sich die Angesprochenen gerne finanziell beteiligen; die Beteiligung darf sich aber nur auf die “eigenen Leute” beziehen. Also muss eine Mischfinanzierung aus verschiedenen Quellen angestrebt werden. Wenn dann aber keine der auf diesem Wege erfolgten Zusagen jemals konkretisiert wird, entsteht keine Planungssicherheit und infolgedessen auch keine Möglichkeit, die Aktion auch erfolgreich durchzuführen. Man kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass es zwar eine weit verbreitete Angst vor dem Sprachtod gibt, aber bei denjenigen, die durch Richtlinien, Mittelzuweisungsobergrenzen und Instanzenwege in ihrem Agieren eingeschränkt sind, die Angst nicht groß genug ist, um unbürokratisch in die Bresche zu springen.

Wenn nun die Sprachwissenschaftler in Bremen und an anderen universitären Standorten zum Auftakt des Jahres der Sprachen, also am Tag der Muttersprache kein Spektakel veranstalten, besteht die Gefahr, dass wir uns der öffentlichen Kritik aussetzen. Nur würde diese Kritik am eigentlichen Knackpunkt vorbei zielen. Wenn der Geldbeutel verschlossen bleibt, kann auch derjenige nichts tun, der dazu bereit und berufen ist. Es ist leicht, Themenjahre auszurufen, es ist vielleicht auch noch leicht, sich Programme für ihre Gestaltung auszudenken, aber es ist alles andere als leicht, etwas Teures umzusetzen, wenn es niemanden etwas kosten darf.

[Nachtrag (21.2.2008): Thomas Stolz war heute im Deutschlandfunk zum Tag der Muttersprache zu hören. Wer das Interview nachlesen möchte, kann das hier tun. A.S.]

2 Kommentare zu „Tag der Muttersprache, Jahr der Sprachen — aus dem Kalender des Sprachbewegten“

  1. Sprache und Sprachforschung hängen nicht vom Geld ab.

    Außr in Liechtenhausen.

    Auß für Bücherkauf.

    Au für Dutzi-Dutzis!

  2. Kürzlich habe ich ein Angebot bei Rosetta Stone gesehen: wenn man seine Sprache retten will, kann man sie in einen Rosetta-Stone-Kurs speichern, damit wohlwollende Lerner die Sprache fließend sprechen können. Es schien mir irgendwie als ob die Sprachunterweisung bei unseren Schulen eine gelernte Hilflosigkeit gelehrt hätte: man lernt wie man eine Sprache lernen kann, wenn die passende Lehrmittel vorhanden sind. Der Student lernt normalerweise nicht was er machen soll, wenn es sich um eine noch nicht kommodifizierte Sprache handelt.

    Ich nehme an, das spielt eine wichtige Rolle beim Sprachverschwinden: einerseits sind es meistens Sprachenwissenschaftler, die verschwindende Sprachen lernen können; andererseits ist es ganz einfacher für die Mitglieder einer kleinen Sprachgemeinde eine dominante Sprache zu lernen, da die Mechanismen der Beherrschung einer derartigen Sprache hoch entwickelt sind. Dass heißt, das Schwung der sprachlichen Globalisierung wird durch eine besondere Lehrpraxis ständig verstärkt.

    Es leidet mir zu erfahren, dass die UNO so wenig getan hat, beim Jahr den Sprachen gegen den Sprachtod zu kämpfen.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.