Pimped out

Wenn man beruflich viel und öffentlich redet, muss man sehr aufpassen, was man sagt. Das musste letzte Woche der US-amerikanische MSNBC-Fernsehmoderator David Shuster feststellen. In einer Diskussion um die Wahlkampfstrategie von Hillary Clinton äußerte er Kritik daran, dass diese auch ihre Tochter Chelsea in die Kampagne eingebunden hat. Sein Gesprächspartner fand nichts kritikwürdiges an diesem Vorgehen, woraufhin Shuster ihn fragte:

… but doesn’t it seem like Chelsea’s sort of being pimped out in some weird sort of way?

Nun ist das Wort pimp in Deutschland hauptsächlich durch die Sendung Pimp My Ride (etwa „Motz meine Karre auf“) bekannt, und die Bemerkung ist für uns deshalb eventuell völlig unverständlich oder scheint zumindest unverfänglich. Aber tatsächlich ist ein Pimp ein „Zuhälter“, und to pimp sb. out bedeutet folgerichtig „jemanden anschaffen schicken“. Im Zusammenhang mit Autos kann to pimp nur deshalb „aufmotzen“ heißen, weil Zuhälter häufig aufgemotzte Autos fahren.

Shuster hat also in etwa gefragt: „aber bekommt man nicht den Eindruck, dass Chelsea irgendwie anschaffen geschickt wird, auf eine merkwürdige Art“. Eine solche Äußerung würde vermutlich auch im relativ entspannten Deutschland für eine gewisse Empörung sorgen. In den USA, der Heimat der politischen Korrektheit, ist die Empörung entsprechend größer.

Der Moderator entschuldigte sich vorsorglich gleich am nächsten Morgen in der Frühstückssendung Morning Joe (YouTube). Wie in solchen Situationen üblich, allerdings nicht für seine Äußerung, sondern dafür, dass man ihn da möglicherweise falsch verstanden habe:

But we also talked about the fact that Chelsea Clinton, as the campaign has acknowledged, she’s making calls to the superdelegates to try to help get Hil– her mum the nomination, which can be, as I pointed out, the unseemly side of politics. Well last night I used a phrase, erm, some slang, about her efforts — I didn’t think that people would take it literally, but some people have, and to the extent that people feel that I was being pejorative about the actions of Hil– Chelsea Clinton making these phone calls, to the extent that people feel I was being pejorative, I apologize for that. I should have seen that people might view it that way and for that, then, I’m sorry.

Aber wir haben auch über die Tatsache gesprochen, dass Chelsea Clinton, wie das Wahlkampfbüro [von Hillary Clinton] bestätigt hat, die Superdelegates anruft um zu versuchen, mitzuhelfen, Hil– ihrer Mutter die Kandidatur zu erhalten, was, wie ich bemerkt habe, die unangemessene Seite der Politik sein kann. Nun, gestern Abend habe ich eine Redewendung verwendet, ähm, einen Slang-Ausdruck, um ihre Bemühungen zu charakterisieren. Ich hätte nicht gedacht, dass die Leute das wörtlich verstehen würden, aber einige haben das getan. Und in dem Maße, zu dem die Leute das Gefühl haben, dass ich mich damit abwertend über die Aktivitäten von Hil– Chelsea bezüglich dieser Telefonate äußern wollte, entschuldige ich mich dafür. Ich hätte wissen müssen, dass man es auf diese Art betrachten könnte, und das tut mir leid.

Das klingt etwas lahm, aber ich muss ihm in der Sache im Großen und Ganzen zustimmen. Es ist durchaus möglich, die Redewendung pimp out mit einer übertragenen Bedeutung zu verwenden.

Der früheste schriftliche Nachweis für das Substantiv Pimp stammt laut Oxford English Dictionary aus dem Jahr 1807, und damals bezeichnete es nicht einen Zuhälter im engeren Sinne, sondern ganz allgemein jemanden, der anderen zu außerehelichem Geschlechtsverkehr verhilft. Die Einengung auf Zuhälter findet sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das intransitive Verb to pimp findet sich zum ersten Mal 1636, in einer allgemeinen Bedeutung die der des Substantivs entsprach, der erste Nachweis für die Bedeutung „als Zuhälter tätig sein“ findet sich erst 1976. Das phrasale Verb to pimp out scheint noch jüngeren Datums zu sein, denn es findet sich in keinem der großen Wörterbücher der englischen Sprache.

Soweit also die Geschichte der wörtlichen Bedeutung des Wortes. Im übertragenen Sinne ist ein Pimp jemand, der sich ganz allgemein darum kümmert, dass Andere ihre niederen Instinkte (nicht unbedingt sexueller Natur) befriedigen können (OED: „One who ministers to anything evil, esp. to base appetites or vices“). Nach dieser übertragenen Bedeutung würde to pimp out ungefähr so etwas bedeuten, wie „jemanden dazu mißbrauchen, die niederen Instinkte Anderer zu befriedigen“, oder noch allgemeiner „jemanden zu etwas mißbrauchen, das nicht in dessen eigenem Interesse ist“ (so wie ein Zuhälter ja Prostituierte auch nicht in deren Interesse anschaffen schickt). Und in dieser allgemeineren Bedeutung hat Shuster die Redewendung ja offensichtlich verwendet (und so falsch finde ich seine Beschreibung der Tatsachen aus diesem Blickwinkel nicht).

Nun mag man einwenden, dass diese übertragene Bedeutung möglicherweise sehr selten oder sehr neu ist, so dass damit zu rechnen sei, dass die Zuschauer Shuster leicht falsch verstehen könnten. Davon abgesehen, dass schon aus dem Zusammenhang der Äußerung kristallklar war, das Shuster keinesfalls andeuten wollte, dass die Clintons ihre Tochter tatsächlich auf den Strich schicken, ist das aber nicht der Fall. Die erste Verwendung der übertragenen Bedeutung des Substantivs Pimp stammt von 1704, die erste Verwendung der übertragenen Bedeutung des Verbs ist sogar gut zwanzig Jahre älter: sie stammt von 1681, aus den Werken des großen englischen Dichters John Dryden.

Shuster könnte sich also mit seiner Äußerung auf eine lange und gelehrte Tradition berufen. Genützt hat ihm das nichts. MSNBC hat ihn auf unbestimmte Zeit suspendiert — man will sich ja nicht die zukünftige Präsidentin der Vereinigten Staaten zur Feindin gemacht haben. Da sich deren Stern im Sinken zu befinden scheint, gehe ich davon aus, dass er bald wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren darf.

5 Kommentare zu „Pimped out“

  1. nur ganz schnell: vorletzte Zeile … man will sich ja nicht(…) zur Feindin gemacht HABEN. Soll kein Nörgeln sein :)

    [A.S.: Ist korrigiert, danke. Auf Fehler hinzuweisen ist doch kein Nörgeln!]

  2. Das Urban Dictionary kennt pimp out übrigens auch in der neueren, nennen wir sie mal MTV-Bedeutung. Aber das kann Shuster in diesem Kontext wohl kaum gemeint haben. Es sei denn, es ging um eine Schönheitsoperation. ;-)

  3. I don’t think any written reference source can articulate how offensive it is to call someone a “pimp” in English, in spite of whatever word history one can unearth. No one, of course, could understand that Shuster was using the term literally — which makes choosing such an unnecessarily strong term even more offensive. He could have found a dozen other terms to express his sentiment that Chelsea Clinton was being exploited without using the term. And the whole episode comes within a context of MSNBC’s slant in their coverage of the Clinton campaign, and within the context of the right’s fixation on sexuality and the Clintons, that would be perhaps difficult to appreciate at a distance.

  4. ‘’Der Moderator entschuldigte sich vorsorglich gleich am nächsten Morgen'’

    Hat er sich selber entschuldigt? Das ist ja eine Frechheit!
    Was waren das noch für Zeiten als Mann um Entschuldigung bat.

  5. Ist zwar reichlich verspätet, aber da hier ja Kommentarfreischaltung herrscht, wirds wohl noch gelesen werden und kann dadurch noch einen absolut empirischen Beweis (anstelle von Anekdoten) bringen:

    Mein anglophoner Bekanntenkreis verwendet to pimp (out) gern und häufig - und eher sowohl selbstironisch als auch positiv im Sinne von anpreisen, vermarkten. Eine Freundin ist Authorin und erzählt “I’m pimping my new book”, Blog- und Livejournalautoren self-pimp[en] ihre Posts, und einige Sprachlieberhaber, die ein tolles neues Wort entdeckt haben, ‘pimpen’ auch mal das. Just for info, wie es so schön heißt.

    Und interessante Entschuldigung; während man sich darüber streiten mag, ob er sich hätte entschuldigen sollen oder nicht, ist das doch ein schönes Beispiel für das, was ich gern als “fauxpology” bezeichne. Oder, wie eine der vielen privaten Wikis es beschreibt, “I’m sorry you’re so stupid.”

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.