Glückstopf

Die Aktion Lebendiges Deutsch hat in diesem Monat angeblich 2700 Vorschläge erhalten. Das wären zehnmal mehr als in den letzen Monaten. Ich sage nicht, dass ich an diesen wundersamen Zuwachs nicht so recht glauben mag, ich sage nur, dass es ein wundersamer Zuwachs wäre. Aber wie dem auch sei, geholfen hat diese angebliche Flut von Vorschlägen nicht:

Unter den 2700 Vorschlägen für „Jackpot“ hat sich die Jury für „Glückstopf“ entschieden.

Die Aktionäre betreiben die Wortsuche ja als Privatvergnügen, da können sie sich natürlich entscheiden, für was sie wollen. Ich würde, wenn ich überhaupt einen Anlass sähe, das schöne Wort Jackpot zu ersetzen, die Entscheidung lieber der Sprachgemeinschaft überlassen und meinen Hinweis vom letzten Monat wiederholen, dass es den Gewinntopf gibt, der es im Zusammenhang mit Lottogewinnen immerhin auf 1270 Google-Treffer bringt. Der Glückstopf bringt es hier gerade einmal auf 116 G-Treffer. Gewinntopf ist für mein Sprachgefühl auch die treffendere Übersetzung, denn ein Jackpot ist ja auch dann ein Jackpot, wenn niemand das Glück hat, ihn zu gewinnen. Das entscheidende Merkmal des Jackpot ist, dass in ihm nicht vergebene Gewinne gesammelt werden — das Bertelsmann-Wörterbuch definiert ihn deshalb als „Sammelkasse bei Lotterien mit früheren, noch nicht vergebenen Preisgeldern“, und bietet mit dem Begriff Sammelkasse eine weitere sprachliche Alternative an.

Das Wörterbuch erwähnt auch die zweite wichtige Bedeutung des Wortes Jackpot: „gemeinsamer Spieleinsatz beim Pokern“. Für diese Verwendung haben die Sprachblogleser ramses101, Chat Atkins, Ulf Runge und Wolfgang Hömig-Groß in den Kommentaren zu diesem Beitrag den etymologisch sauber abgeleiteten Begriff Untertopf entwickelt.

Die Aktionäre machen ja auch jeden Monat ungefragt einen eigenen Vorschlag, und der zeigt diesmal sowohl Fantasielosigkeit als auch, wes Geistes Kind die Herren wirklich sind:

Im Februar macht die Aktion „Lebendiges Deutsch“ den Vorschlag, den „Service Point“ der Deutschen Bahn endlich wieder „Auskunft“ zu nennen - wie er schon 150 Jahre geheißen hat.

Wenn es 150 Jahre lang so war, dann muss es ja richtig sein. Die Vergangenheit hat immer Recht! Ich will das mit dem Service Point nicht noch einmal erklären und verweise deshalb auf diesen Beitrag. Hier will ich nur darauf hinweisen, dass der Begriff Service Point nichts mit mehr oder weniger lebendigem Deutsch zu tun hat. Es ist der Name einer Dienstleistung des Privatunternehmens Deutsche Bahn, und die kann ihre Dienstleistungen nennen, wie sie will.

Über das Suchwort dieses Monats will ich keine Vorhersagen machen:

Im Februar sucht die Aktion „Lebendiges Deutsch“ ein griffiges deutsches Wort für „hotline“.

Ich bin mir sicher, die Sprachblogleser werden eine angemessene Alternative entwickeln.

12 Kommentare zu „Glückstopf“

  1. Ich habe schon einen Vorschlag für “Hotline”: Servicepoint. Ein schönes deutesches Wort …

  2. Schnellauskunft. Allerdings steht Hotline ja auch schon im Duden - deutscher gehts also eigentlich gar nicht …

  3. Telefonseelsorge?

    Oder müsste die wiederum korrekt Fernsprechseelsorge heißen?

  4. Hallo zusammen, ein weiteres deutsches Wort für ‘Jackpot’ ist mit ‘Pott’ in Gebrauch (Das kenne ich noch aus meiner Jugendzeit). In Verbindung mit ‘gewonnen’ zum Beispiel meldet Google 1410 Treffer.

  5. Kundentelefon? Achnee, gibt ja auch Mitarbeiterhotlines (bei bürokratisch organisierten Unternehmen wie der Post).

  6. Wie wäre es dann mit “Dienstleistungsnummer” oder auch “Telefonhilfe”?

  7. Hallo zusammen, ein weiteres deutsches Wort für ‘Jackpot’ ist mit ‘Pott’ in Gebrauch

    Das würde aber außerhalb von niederdeutschen Landen niemand merken, dass das deutsch sein soll.

  8. Warum sollen der Pott oder Topf – ich sehe keinen Bedarf für ein Präfix – beim Kartenspiel und der beim Lotto unbedingt in jeder Sprache mit demselben Wort bezeichnet werden? Auch bei den Hotlines gibt es so viele verschiedene, dass kaum eine wahre 1:1-Übersetzung zu finden ist, auch wenn die Veranstalter gerne eine hätten.

  9. Hotline ist doch einfach, das deutsche Äquivalent ist doch ganz offensichtlich der “heiße Draht”.

  10. @David Marjanović:
    Ich bin in Südhessen aufgewachsen und da ist der Begriff ‘Pott’ durchaus gängig.

  11. Hallo,

    gute Idee, mal die Verbreitung von Glückstopf und seinen Synonymen mit Google zu untersuchen. Mir ist aufgefallen, dass seit der Veröffentlichung bei “Aktion Lebendiges Deutsch” in vielen Meldungen “Glückstopf” im zweiten Satz einer “Jackpot”-Meldung verwendet wird. Offensichtlich besteht genügend Bedarf nach Jackpot-Alternativen.

  12. Tobias, ich glaube, da täuscht Ihr Eindruck ein wenig: wenn man die Seiten abzieht, bei denen es um die „Aktion Lebendiges Deutsch“ geht, findet man auf deutschen Webseiten das Wort Glückstopf gerade einmal 1.490 Mal, wobei es sich selten auf Jackpötte bezieht, sondern meistens auf einen Märchentitel oder ein chinesisches Rezept. Das Wort Jackpot findet sich dagegen 379.000 Mal, die schon lange existierende Alternative Gewinntopf immerhin 3,220 Mal. Hat sich an diesem Zahlenverhältnis seit dem Vorschlag der ALD irgendetwas geändert? Kaum: Google-News findet für den letzten Monat 187 Treffer für Jackpot, drei Treffer für Glückstopf, von denen sich zwei auf Lostöpfe beziehen und einer auf die Aktion Lebendiges Deutsch. Es gibt also keinen einzigen relevanten Treffer. Für Gewinntopf findet sich immerhin ein relevanter Treffer. Offensichtlich besteht keinerlei Bedarf an der Aktion Lebendiges Deutsch und ihren immer misslungeneren Vorschlägen…

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.