Sprachkonflikte

Ich stecke mitten im Endsemesterstress, es müssen jede Menge Klausuren erstellt, Hausarbeitsthemen vergeben und Empfehlungsschreiben geschrieben werden. Da ich das Sprachblog aber nicht völlig vernachlässigen will, weise ich einfach kurz auf zwei Artikel über sprachliche Konflikte im Vorschulbereich hin, die mir in den letzten Tagen aufgefallen sind.

Den ersten Konflikt hat eine Wuppertaler Mutter ausgelöst, die ihren Sohn nicht zu dem für alle Vorschulkinder vorgeschriebenen Sprachtest bringen wollte und dafür jetzt zu einem Bußgeld von 750 Euro verurteilt worden ist. Ihre Motive werden aus diesem Artikel nicht so ganz klar, aber meine Unterstützung hat sie. Warum alle Kinder zu flächendeckenden Sprachtests einbestellt werden, erschließt sich mir überhaupt nicht und die Begründung des Richters, wenn sie richtig zusammengefasst ist, hilft mir auch nicht weiter:

„Aber lieber es passiert mal was, als das eine ganze Generation scheitert. Nachbessern kann man dann immer noch“, sagt er. Es ist ein flammender Appell an die Wichtigkeit der Sprache auch unter volkswirtschaftlichen Aspekten. Die Formel ist eigentlich einfach: Ohne Sprache, kein beruflicher Erfolg.

Ich weiß schon, dass die Volkswirtschaft die neue Religion ist, aber „ohne Sprache kein beruflicher Erfolg“ ist trotzdem eine merkwürdige Verdrehung von Prioritäten.

Kinder lernen Sprachen, auch mehrere auf einmal, übrigens auch ganz ohne flächendeckende Sprachtests. Wer sich Sorgen um bestimmte Gruppen von Kindern macht, sollte lieber für eine ausreichende Zahl von Kindergartenplätzen sorgen, um so zu einer sprachlich anregenden Umgebung für sprachliche Problemkinder beizutragen.

Allerdings sollte er die Kindergärtnerinnen frühzeitig in seine Pläne einbeziehen, sonst geht es ihm womöglich wie dem Bildungsrat im schweizerischen Chindsgi. Der erprobt einen neuen Lehrplan, der vorsieht, dass im Kindergarten neben der regionalen Mundart auch Hochdeutsch gesprochen werden soll. Die Kindergärtnerinnen wollen dabei nicht mitmachen, denn sie befürchten, das könne die Kinder überfordern:

Es gebe viel Unmut über die «Bildungsexperten». «Erst müssen die Kinder richtig Dialekt sprechen», findet Kindergärtnerin Fink. Sie hat in ihren 20 Berufsjahren festgestellt, dass die Kinder mit immer schlechterem Wortschatz in den Kindergarten kommen. Darum sei die Mundartförderung wichtiger als früher. Mundart diene den meisten Kindern als Basis für das Lernen weiterer Sprachen.

Auch den Kindergärtnerinnen muss ich, bei aller Sympathie für die mundartliche Standfestigkeit, sagen: Kinder lernen Sprachen, auch mehrere auf einmal, wenn man sie nur lässt.

6 Kommentare zu „Sprachkonflikte“

  1. Kinder lernen Sprachen, wenn man sie läßt, aber hilft schlecht ausgebildetes Personal dabei? Von der Pädagogin zur “Linguistin” in Österreich.

  2. M. Mann, danke für den Link! Was für eine Katastrophe.

  3. In Berlin, wo meine Kinder zum Kindergarten gingen (1) bzw. gehen (1) hatten wir dieses, tja was ist es - ein Problem?, schon 2006. Die Kindergärtnerinnen mussten mit den Kindern 1-2-stündige verbindliche Sprachstandtests machen. Diese Tests müssen bei der Anmeldung an der Schule vorgelegt werden. Dazu mehreres:
    Das erste ist: Dafür hat das Personal, dank jahrelangem Abbau, de facto keine Zeit; die Kapazitäten reichen oft nur für eine Aufbewahrung. Der hilfreiche Hinweis des schulpsychologischen Dienstes zu dieser Beschwerde war: dann dürfen sie halt nicht so viel mit den Kindern rausgehen - Sprachstandtests sind wichtiger als spielen.
    Das zweite ist: Der Berliner Senat musste auf Nachfrage der Presse (hört, hört) einräumen, dass in dieses Tests ermittelte Defizite nicht durch Förderunterricht o.ä. ausgeglichen werden - kein Geld, kein Personal. M.a.W.: Der Test stört nicht nur, er ist auch sinnlos.
    Das dritte ist, dass - nach meiner, aber auch nach ihrer eigenen Einschätzung - die Mehrheit der Erzieher(innen) für Sprachförderung nicht qualifiziert ist und überfordert sind sie eh schon. Ich jedenfalls konnte bei meinen beiden Kindern feststellen, dass es mit der Korrektheit und Differenziertheit ihrer Sprache nach Eintritt in den Kindergarten steil nach unten ging. Teils wegen ihrer Peergroup (gehelft statt geholfen), teils weil es die Erzieher auch nicht viel besser machen (”helf ihr mal”). Das alles stört mich notabene nicht so sehr - wer seine Kinder öffentlichen Institutionen anvertraut muss ohnehin fest glauben, dass sich Qualität erst unter widrigen Umständen wirklich beweisen kann. Ich plädiere hier eher dafür, die armen Erzieher in Ruhe zu lassen. Und wenn man eine frühe Sprachförderung haben will, dann soll man sie bitte auch bezahlen anstatt zu glauben, das gäbe es von irgendwem umsonst!

  4. Die Bedeutung von Sprachtests im Vorschulbereich schätze ich persönlich eher anders ein als Anatol Stefanowitsch, die Bedeutung einer entsprechenden Ausbildung und Qualifikation der ErzieherInnen, TesterInnen usw. aber natürlich nicht.
    Deshalb möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass sich auch und gerade die Uni Bremen hier derzeit nicht mit Ruhm bekleckert. Die durch erhebliche Drittmittel geförderte Entwicklung eines Ausbildungskonzepts von PädagogInnen im Elementarbereich (= Vorschule), die zur Zeit im FB 12 betrieben wird und die bewusst und dezidiert entsprechende sprachwissenschaftliche bzw. germanistische sowie sprachdidaktische und DaZ(= Deutsch als Zweitsprache)-Anteile umfasst, wird — mangels Personals, das gerade in diesem Bereich abgebaut wird — wohl nicht umzusetzen sein. Uni und senatorische Behörde geben dafür nämlich kein Geld.

  5. Es wird ja leider bei Kindergartenkindern nicht nur der Sprachentwicklungsstand getestet, sondern auch alle möglichen anderen Aspekte…und es gibt die Tendenz, dass viele staatliche und öffentliche Kindergärten die Kinder gezielt auf die Schuleingangstest “trainieren”. Zusammen mit dem zunehmenden Druck durch manche Eltern, die befürchten, ihr Kind könnte nicht genug lernen, werden schon Kindergartenkinder einem Leistungsdruck unterworfen, der meinem Empfinden nach sich nicht positiv auf die persönliche Entwicklung der (oder mancher) Kinder auswirken kann. Dadurch werden die Kinder schon in ganz frühen Jahren in ihrer Persönlichkeitsentwicklung eingeschränkt, um sich besser in das (Schul-)System einzufügen. Mir stellt sich die Frage, warum müssen die Kinder für die Schule “passend” gemacht werden und nicht die Schule für die Kinder???

  6. In einigen Gebieten Bayerns haben wir einen hohen Anteil von Kindern von Migranten, die häufig unzureichend Deutsch sprechen. Hier sind die Schulen verpflichtet, 160 Stunden vorschulischen Deutschunterricht anzubieten. Dazu müssen entsprechende Kinder identifiziert werden, was nur in Kooperation mit den Kindergärten geht. Ich finde das eine gute Idee.

    ad. Kathy: Meinem Eindruck nach kann man Kinder kaum überfordert, man kann nur zu früh die falsche Herangehensweise ans Lernen wählen. Meine eigenen Kinder und anderen Kinder die ich kenne, sind geil auf Lernen, die sind neugierig und die wollen wissen. Wenn ihnen der Kindergarten auf die richtige Art und Weise Wissen vermittelt, saugen sie. Das Problem ist eher, dass es keinen verpflichtenden Kindergarten gibt.

    Bei dem Kindergarten in dem unsere Söhne gingen und gehen, war es üblich, dass es einmal im Jahr eine Besprechung mit der Gruppenleiterin gab/gibt, bei der der Evaluationsbogen, den das Team über die Kinder erstellt hat (motorisches, sprachliches, soziales, mentales usw.), besprochen wurde/wird. Ich finde das eine gute Sache, den die Betreuerinnen sehen/sahen unsere Söhne von einer anderen Seite als wir.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.