Auf der konnotativen Leiter

Vor den Feiertagen habe ich ja eigentlich über den „Krieg gegen Weihnachten“ und die Ignoranz derjenigen geschrieben, die ihn sich ausgedacht haben. Aber weil ich nebenbei Malcolm X als schwarzen Bürgerrechtler bezeichnet habe, dreht die Diskussion des Beitrags sich nun hauptsächlich um die Frage, ob man das darf (eine ähnliche, kurze Diskussion gab es schon einmal hier). Das Thema ist also offensichtlich interessant genug, um sich einmal in einem eigenen Beitrag damit zu befassen.

Das Problem, vor das uns Begriffe wie Schwarzer stellen, entsteht durch einen Sprachwandelprozess, den man in der Sprachwissenschaft als Pejoration bezeichnet — die Abwertung der Bedeutung eines Wortes.

Eine einfache Erklärung für diesen Prozess könnte so aussehen: die Mehrheit der Mitglieder einer Sprachgemeinschaft hat in Bezug auf eine bestimmte Kategorie von Gegenständen oder Lebewesen negative Stereotypen im Kopf. Wenn sie über diese Kategorie reden, werden diese Stereotype langsam aber sicher Teil der Bedeutung der Wörter, die sie dafür verwenden. Weil wir beispielsweise jedes Mal, wenn wir das Wort Schwarzer sagen, an hässliche rassistische Stereotype denken, werden diese Stereotype Teil der Wortbedeutung.

Diese Erklärung scheint zunächst plausibel, aber sie kann nicht vollständig sein: sie erklärt nicht, wie aus privaten Gedanken allgemeine Wortbedeutungen werden. Wenn es tatsächlich reicht, an die negativen Stereotype zu denken, während man ein Wort ausspricht, dann müsste der Prozess der Pejoration immer sofort eintreten — egal, welches Wort ich verwendete, meine Gedanken würden unverzüglich Teil seiner Bedeutung.

Eine alternative Erklärung wäre, dass die Sprecher einer Sprachgemeinschaft bestimmte Begriffe häufig in Zusammenhängen verwenden, in denen die negativen Stereotype offen ausgesprochen werden und so von allen Sprechern der Sprachgemeinschaft mit den betreffenden Wörtern assoziiert werden können. Auch das klingt erst einmal plausibel. Allerdings ist es so, dass negative Stereotype normalerweise nur sehr selten offen ausgesprochen werden — zu selten, als dass diese Erklärung wirklich greifen könnte.

Es bleibt also das Paradoxon, dass weithin bekannte Stereotype, die selten oder sogar nie ausgesprochen werden, zu einem allgemein empfundenen Teil einer Wortbedeutung werden können.

Der Düsseldorfer Sprachwissenschaftler Rudi Keller löst dieses Paradoxon in seinem Buch Sprachwandel: Von der unsichtbaren Hand in der Sprache auf elegante und überzeugende Weise auf.

Um seine Erklärung zu verstehen, müssen wir uns zunächst vergegenwärtigen, dass wir häufig für ein und dasselbe Bezeichnete mehrere Bezeichnungen haben, die unterschiedliche Werturteile in sich tragen. Ein Mitglied der Unterart Canis lupus familiaris, zum Beispiel, können wir als Hund bezeichnen, aber auch als Köter oder bester Freund des Menschen. Alle drei Begriffe beziehen sich auf die gleiche Kategorie (sie haben alle die gleiche Denotation), aber sie verbinden mit dieser Kategorie verschiedene Bewertungen (sie haben unterschiedliche Konnotationen): Köter drückt eine negative Einstellung aus, Hund ist wertneutral, und bester Freund des Menschen signalisiert eine positive Einstellung.

Keller weist nun darauf hin, dass Sprachgemeinschaften normalerweise in Bezug auf bestimmte Kategorien von Menschen ein „Galanteriespiel“ spielen, dessen wichtigste Regel besagt, bei der Auswahl der Bezeichnung, mit der wir über Mitglieder dieser Kategorie reden (oder mit der wir sie gar direkt anreden), sicherheitshalber immer einen Begriff zu wählen, der positiver konnotiert ist, als der neutrale Begriff. Auf diese Weise schmeicheln wir der bezeichneten Person und es kann uns nie passieren, dass wir aus Versehen einen negativ konnotierten Begriff erwischen.

Keller zeigt diesen Vorgang am Beispiel von Bezeichnungen für Frauen. Lange Zeit war im Deutschen das Wort wîp („Weib“) eine neutrale Bezeichnung für weibliche Mitglieder der (Unter-)Art Homo sapiens sapiens. Das Wort frouwe (Frau) gab es auch schon, aber es wurde nur auf Adlige angewendet und hatte dadurch eine positive Konnotation. Da die Männer dieser Zeit aber immer stärker das Galanteriespiel spielten, griffen sie immer häufiger zu dem Wort frouwe um von und mit nicht-adligen Frauen zu sprechen. Je weit verstreuter und häufiger aber das Wort frouwe verwendet wurde, desto stärker nutzte sich seine positive Konnotation ab — es wurde ein neutraler Begriff. Das ursprünglich neutrale Wort wîp musste Platz machen und auf der konnotativen Leiter eine Sprosse nach unten klettern — es erhielt einen negativen Beiklang, den es ja heute immer noch hat. Der nächste Zyklus im Galanteriespiel ist übrigens schon eingeleitet: in vielen Zusammenhängen vermeiden wir das Wort Frau und ersetzen es durch die nächsthöheren Wörter auf der konnotativen Leiter — Dame (wieder ein ehemaliger Adelstitel), oder Gattin/Gemahlin (Damentoilette, Damenwahl, Wie geht es Ihrer Gattin/Ihrer Frau Gemahlin?, usw.).

Was bei Frauen funktioniert, funktioniert natürlich auch bei anderen Kategorien von Menschen. Wir alle kennen die Geschichte der Bezeichnungen für Menschen mit dunkler Hautfarbe, speziell aus dem subsaharischen Afrika (diese Entwicklung ist im Deutschen und im Englischen sehr parallel verlaufen, ich nehme an, dass der deutsche Sprachgebrauch sich hier am englischen orientiert hat). Bis in die sechziger Jahre war das Wort negro (Engl.) bzw. Neger (Dt.) ein neutraler Begriff (meine Studierenden zucken zusammen, wenn er ihnen in Fachaufsätzen dieser Zeit begegnet). Negativ konnotierte Begriffe gab es natürlich auch, z.B. Nigger, coon (Engl.) oder Kaffer (Dt.). Im Zusammenhang mit dem zunehmenden Bewusstsein für die Ungleichbehandlung von Schwarzen in den USA kam Kellers Galanteriespiel zum Zuge: um Menschen afrikanischer Abstammung keinesfalls zu beleidigen, griff man sicherheitshalber zum nächsthöheren Begriff auf der konnotativen Leiter — black (Engl.) bzw. Schwarzer (Dt.). Damit, und erst damit, wurde der Begriff negro/Neger auf der konnotativen Leiter nach unten gedrängt.

In den Subkulturen, in denen (aus ganz verschiedenen Gründen), das Galanteriespiel Schwarzen gegenüber besonders intensiv gespielt wurde, ging die Begriffsabwertung noch weiter. Sobald black/Schwarzer zu einem neutralen Begriff geworden war, griff man dort zu positiver konnotierten Bezeichnungen, oder schuf diese — erst coloured/Farbiger und dann African/Afrikaner bzw. African-American/Afro-Amerikaner. In der allgemeinen Bevölkerung ging die Bedeutungsabwertung scheinbar nicht mit der selben Geschwindigkeit weiter — das Galanteriespiel war hier vielleicht nicht mehr so wichtig, und so behielten Begriffe wie black/Schwarzer für viele Sprecher eine relativ neutrale Konnotation.

Nebenbei sei bemerkt, dass das Galantereispiel nicht nur bei Menschen funktioniert, sondern auch bei Gegenständen, solange unser Denken über sie ausreichend emotional aufgeladen ist. So war das Wort drug bzw. Droge ursprünglich einmal ein neutraler Begriff für verschiedenste Wirkstoffe, auch die, die von Ärzten verabreicht wurden — die Bezeichnung drug store bzw. Drogerie ist ein Echo aus dieser Zeit. Aber um sicher zu gehen, dass man in einem medizinischen Kontext nicht aus Versehen negativ konnotierte Wirkstoffe mit einschloss, wählte man zunehmend das positiv konnotierte Wort medicine/Medizin. Dieses Wort selber wurde aber spätestens in einigen Subkulturen in den sechziger Jahren wiederum zu einem neutralen Begriff, der auch nicht-medizinische Wirkstoffe mit einschloss (so sang Keith Richards in „Before They Make Me Run“: Booze and pills and powders, you can choose your medicine — „Alkohol und Pillen und Pulver, du kannst dir deine Medizin aussuchen“). Vielleicht wird deshalb im englischen Sprachraum inzwischen häufig der positiver konnotierte Begriff medication verwendet, wo man früher schlicht medicine gesagt hat.

Aber zurück zu Kellers Erklärung. Sie zeigt faszinierenderweise, dass die Bedeutungsabwertung von Bezeichnungen typischerweise gerade nichts damit zu tun hat, dass wir schlecht über etwas reden. Im Gegenteil — sie hat etwas damit zu tun, dass wir zu gut über etwas reden. Ist es aber dann tatsächlich eine positive Einstellung gegenüber Frauen und Schwarzen, die dazu führt, dass die Bezeichnungen für sie ständig negativere Konnotationen annehmen und durch neue Wörter ersetzt werden?

Das klingt irgendwie unglaubwürdig, und ganz so einfach ist es natürlich auch nicht. Die Frage ist ja, warum Sprecher manchmal das Galanteriespiel spielen, und manchmal nicht. Warum spielen wir es bei Frauen und Schwarzen, aber nicht bei Männern und Weißen? Nun, „woman is the nigger of the world“, bemerkte John Lennon treffend — Frauen und Schwarze haben gemeinsam, dass sie Jahrhunderte (eventuell sogar Jahrtausende) lang als Menschen zweiter Klasse betrachtet wurden. Ich denke, genau das ist der Grund dafür, das Galanteriespiel überhaupt zu spielen: übertriebene Höflichkeit ist nur den Menschen gegenüber nötig, die ohne sie den Eindruck bekommen könnten, dass wir sie nicht als gleichwertig betrachten. Und dieser Eindruck entsteht typischerweise dort, wo das tatsächlich so ist.

Meine Vermutung ist deshalb, dass die Begriffsabwertung bei Bezeichnungen für Frauen und Schwarze sich verlangsamen oder sogar ganz aufhören wird. Bei dem Wort Frau scheint jetzt schon klar, dass der Zyklus der Abwertung nicht abgeschlossen wird — die zunehmende Gleichberechtigung von Frauen sorgt dafür, dass das Galanteriespiel langsam aber sicher überflüssig wird. Damit gibt es keine Motivation mehr, den Begriff Frau durch positiver konnotierte Begriffe zu ersetzen und damit muss er auf der konnotativen Leiter nicht weiter in den negativen Bereich absteigen. Bei dem Wort Schwarzer gibt es ja offensichtlich verschiedene Meinungen. Vielleicht hat sich die Erkenntnis, dass Hautfarbe nichts über einen Menschen aussagt, noch nicht so weit oder so tief durchgesetzt, dass das Galanteriespiel hier völlig überflüssig geworden wäre.

Es ist eine interessante Frage, ob sich der Zyklus der Abwertung aufhalten lässt, indem Sprecher bewusst aufhören, ständig nach der nächsthöheren Sprosse auf der Leiter zu schielen. Ich halte das durchaus für möglich. Aber eins ist klar: wenn ein Begriff erst einmal abgestiegen ist, lässt er sich nur noch durch allergrößte Anstrengungen der Bezeichneten selber rehabilitieren.

KELLER, RUDI. 1994. Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand in der Sprache. 2. Auflage. Tübingen: Francke. [Einen kurzen Überblick über seine Theorie gibt Keller hier (PDF, 254 KB)].

12 Kommentare zu „Auf der konnotativen Leiter“

  1. Ich lese überwiegend (über) englischsprachige Literatur - häufig aus den USA. Dort ist der Begriff “afro american” ja mittlerweile sehr verbreitet. Viele Schwarze selber, versuchen (so scheint es mir) sich der von Ihnen beschriebenen Pejorationsspirale zu entziehen und verwenden weiterhin “black”. Im Slang (schriftlich, mündlich) findet häufiger auch die Umwertung aller Werte statt und es wird “nigger” gebraucht, aber dieses steht uns natürlich nicht zu.

    Interessant findet ich, dass ich, bis ich intensiver afroamerikanische Krimis gelesen hatte, nie die Vielfalt der schwarzen Hautfarbe wahrgenommen hatte: Der Begriff “schwarz” verstellt doch irgendwie den “Blick”.

    Beste Grüße

    bernd

  2. Herr Stefanowitsch,

    […] „Galanteriespiel“
    […] Galanteriespiel
    […] Galanteriespiel
    [.. ] Galanteriespiel
    […] Gallanteriespiel
    […] Galanteriespiel
    […] Galantereispiel
    […] Gallanteriespiel
    […] Gallanteriespiel
    […] Galanteriespiel
    […] Galanteriespiel […]

    ich komme auf 8:3 und nicht weil ich so gerne “l”s zähle sondern weil ich den Begriff noch nie gehört hatte und deshalb tatsächlich verwirrt war. Ich gehe mal davon aus, dass der Begriff von “Galant” kommt und hab da mal nachgeschaut, demnach hat sich dessen Konnotation ja ebenfalls grundlegend gewandelt.(mehrfach)

    Wikipedia:
    “Das Wort Galant ist erheblich älter als die Mode des Galanten, die unter Anhängern eines verfeinerten Verhaltens im 17. Jahrhundert aufkam. Galant war ursprünglich Partizip Präsens des Verbs galer = „sich (jungmännerhaft) amüsieren, einen drauf machen (am besten mit anschließendem Besuch leichter Damen)“. In dieser Bedeutung findet man das Wort noch 1460 z. B. bei François Villon. Ende des 16. Jahrhunderts war das Verb verschwunden, und nur “galant” hatte als Adjektiv und als Substantiv überlebt. Letzteres bezeichnete nun einen routinierten Schürzenjäger, was im deutschen Begriff Galan noch restweise erhalten ist. So trug König Heinrich IV. wegen seiner zahlreichen Liebesaffären den Beinamen le vert galant (=der grüne, d. h. gut im Saft stehende Galan). Der Begriff war also im Adel angekommen, zunächst wohl noch mit leicht negativem Beigeschmack.”

    http://de.wikipedia.org/wiki/Galant_%28Mode%29#Vorgeschichte

    Im englischen bedeutet “Gallant” wohl Kavalier oder ritterlich
    http://www.dict.cc/englisch-deutsch/gallant.html

    was, wenn man den Wikipediaartikel weiter liest wohl erst enstgemeint und dann ironisch gemeint war. Und am Ende des 18.Jahrhunderts war “galant” wohl wieder negativ konnotiert. Zitat: “Uneheliche Beziehungen galten als galant.”

    Herr Stefanowitsch, ich wäre ihnen deshalb dankbar, wenn sie die Bedeutung des “Galanteriespiel” noch etwas “aufdröseln” könnten.

    Pax

  3. Corax, die falsche Schreibweise habe ich korrigiert, danke (ich hatte das ursprünglich alle Vorkommen mit Doppel-L geschrieben und beim Korrigieren dann wohl einige übersehen.

    Keller verwendet das Wort „Galanteriespiel“ explizit im Zusammenhang der „Zeit der Minnesänger“, von deneneine „spezifische Form der Höflichkeit aus Südfrankreich importiert wurde, die Galanterie“. Er fasst dieses Spiel so zusammen: „Höflich sein heißt unter anderem, bei der Andrede im Zweifel lieber eine Etage zu hoch greifen als eine zu nieder“. Wahrscheinlich taugt der Begriff deshalb nicht unbedingt als allgemeine Bezeichnung für das Phänomen hier. „Höflichkeitsspiel“ wäre vielleicht neutraler, obwohl auch das Beispiele wie das mit den Drogen nicht richtig erfasst. Steven Pinker nennt es die „Euphemismus-Tretmühle“.

  4. Eine ganz ähnliche Erklärung kenne ich unter Bezeichnung “euphemistische Tretmühle”; als ich gerade kurz noch mal in der Wikipedia nachgesehen habe, habe ich gesehen, dass sie von Pinker ist. Danach werden neue, weniger diskriminierende Begriffe gesucht oder z.T. absichtlich eingeführt (Auszubildender statt Lehrling), aber wenn man nur lange genug wartet, ist der neue Begriff ebenso diskrimierend, wohingegen der alte - mangels Benutzung - häufig seine negativen Konnotationen verliert. Das scheint mir doch daran zu liegen, dass man mit der Sprache nur schlecht auf Dauer an der Wahrheit vorbeikommt - wenn Lehrlinge nicht geachtet sind, ist es egal, wie man sie bezeichnet.

  5. (Auszubildender statt Lehrling)

    In Österreich sagt man noch immer “Lehrling”, auch in der Bürokratie. Vielleicht, um sich von den Deutschen zu unterscheiden.

  6. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den am 30. Dezember 07 im “Literaturblog “Duftender Doppelpunkt” erschienen Beitrag “DER WEISSE NEGER WUMBABA” aufmerksam machen.

  7. Ich bin schwarz, genauer gesagt, African American. Ich wuerde gerne Krimileser darauf hinweisen, dass “African American” seit den 80ern die am häufigsten gebrauchte Bezeichnung für uns ist. Afro-American klingt mir ein bisschen altmodisch und nicht sehr zeitgenössisch. Keiner sagt das mehr hier in den Staaten. Entweder “Black” oder “African American”. Manchmal kommt es auf die Person und deren Vorstellung an. Außerdem, als ich letztes Jahr in Deutschland war, war ich sehr überrascht, den Begriff “ein Farbiger” zu hören. Nach einem Jahr weiß ich immer noch nicht, ob er akzeptabel ist, aber er gefällt mir überhaupt nicht. Jedes Mal denke ich an das englische Wort “colored”, was heutzutage abschätzig, sogar rassistisch auf andere wirken kann. Hingegen ist der Begriff “people of color” gänglich. Ein Paar Male habe ich auch “Neger” gehoert von einigen zurückgebliebenen Menschen. Auch dass das Lied “Zehn kleine Negerlein” an deutschen Grundschulen weitergesungen wird, findet ich einfach unannehmbar und taktlos. Vielleicht habe ich Unrecht. Vielleicht lassen sich die Wörter in den Bedeutungsfeldern nicht überlappen, aber das ist meine Meinung als “Afro-Ameriker/Schwarzer” in den USA.

  8. Lieber Herr Prof. Dr. Stefanowitsch,
    (es ist übrigens nur Höflichkeit und keine Überhöhung, dass ich Sie mit Ihrem Namen anspreche),
    corax hat mich auf diesen Blog und insbesondere diesen Artikel aufmerksam gemacht.
    Hut ab, das ist eine sehr hilfreiche Erklärung zu dem von Ihnen behandelten Phänomen, dunkelhäutige bzw. weibliche Menschen bezüglich ihres Gattungsbegriffs zu benennen.
    Danke Ihnen für diesen Artikel.
    Danke an corax für den Hinweis.
    Viele Grüße,
    Ulf Runge

  9. Lieber djbeaverweaver,

    ich weiß nicht was mich ritt. Richtig “african american”, nur im Deutschen “afroamerikanisch”. Da ging was durcheinander.

    Ich was relativ überrascht, dass ein Kommentator hier im Blog “schwarz” durch “farbig” ersetzen wollte. Man muss dem deutschen Sprachraum hier vielleicht zugestehen, dass es die beleidigende Verwendung des Wortes in den USA nicht mitbekommen hat. [Für mich als Hauttyp II (sehr blass) stellt sich die Frage. ob Latinos/Latinas nicht als als farbig durchgingen.]

    Ich glaube unter Älteren ist der Begriff “Neger” gar nicht so selten. Diskriminierend ist er aber nicht unbedingt gemeint. Auch hier gilt möglicherweise, dass im deutschen Sprachraum die Geschichte der Rassenkonflikte der USA weitgehend unbekannt ist und viele Deutsche keinen Kontakt zu Schwarzen haben.

  10. Keller ist nicht ganz unumstritten, immerhin gibt es Kulturen, die gänzlich ohne höfisches Treiben auskommen und ausgekommen sind, und in denen Frauenbegriffe trotzdem eine Pejoration durchgemacht haben. Island ist ein Beispiel dafür.

    Interessant ist auch, daß nicht alle Frauenbegriffe abgewertet wurden – Familienbezeichnungen wie Mutter, Tochter tragen seit dem Ahd. ähnliche Bedeutung. Muhme und Base sind nicht schlechter geworden, sondern ganz geschwunden. Und trotzdem wurde speziell die Mutter (die Eltern im allgemeinen) doch früher sehr höflich angesprochen und behandelt, da gab es also durchaus auch ein Galanteriespiel. Eine Verschlechterung der Mutter gibt’s trotzdem nich.

    In einer Rezension schlägt William Croft (1997) eine etwas abgewandelte Theorie der unsichtbaren Hand vor: die Wörter kommen (aufgrund der Betrachtung als Menschen zweiter Klasse) sehr häufig in negativen Kontexten vor und es besteht die Gefahr der Konnotation von negativen Eigenschaften mit den Begriffen. Der Sprecher möchte in dem Fall aber nicht unbedingt höflich sein, ein Galanteriespiel betreiben, sondern lediglich vermeiden, daß er mißverstanden wird.

  11. ‘Keller zeigt diesen Vorgang am Beispiel von Bezeichnungen für Frauen.’
    Leider stellen wir (Deutschen) uns nicht den Tatsachen: Juden wurde im Rahmen der Christianisierung der Handel - Christen war er verboten - ‘erlaubt’, und als sie Gewinne machten, wurden sie ‘verteufelt’; die Folgen dieser früh einsetzenden Pejoration sind uns ja bekannt …
    Auch bei den Galanterieen um das Wort Neger wurde seitens der Deutschen - siehe etwa Südwest & die Hehero - zunächst die hierzulande vorherrschende Unkenntnis politisch missbraucht, somit dem Volk ein negativer ‘Tuch’ beigebracht; der wurde in den aufkommenden Kinofilmen kräftig verstärkt, wobei Neger nur Untertanen der dümmlichen Sorte darstellen durften.
    Zwei Beispiele der Verdrängung sozialer Hintergründe, die zu eindeutigen ‘Meinungen’ führten. Ohne ‘Würdigung’ der Sprachwissenschaft, die ‘Abwertung der Bedeutung eines Wortes’ offenbar ausschließlich ‘wertneutral’ zu erklären sucht …

  12. Aber die Familie hat sich wesentlich entwickelt von damals zu heute!
    Sie war wesentlich unfamiliärer. Eltern und Kinder führten mehr eine Art Geschäftsbeziehung untereinander, statt wie heute familiär soziale Bindungen zu pflegen.
    Wahrscheinlich wurden die Begriffe Muhme und Base als nicht mehr zeitgemäß erachtet und sind daher verschwunden.
    Heutzutage reden Kinder ihre Eltern auch nur noch selten (praktisch nie) mit der höflicheren (und distanzierteren) Form „Sie“ an.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.