Wie man den Nobelpreis nicht gewinnt

Doris, Doris, ich bin enttäuscht von dir. Da bekommst du den Literaturnobelpreis verliehen und erhältst die Chance, der Welt deine Gedanken mitzuteilen, und dann fällt dir nichts besseres ein, als dich über die angebliche „Lesefaulheit“ der Jugend in der „reichen Welt“ auszulassen. Und die Medien greifen das natürlich dankbar auf:

In ihrer Rede unter dem Titel „Wie man den Nobelpreis nicht gewinnt“ beklagte die 88-Jährige, die Jugend in der reichen Welt habe das Interesse an Büchern verloren. Sie bevorzuge Internet und Fernsehen. … Internet und Fernsehen seien eine „Revolution“, über deren Auswirkungen die Welt aber nicht ausreichend nachdenke, bedauerte Lessing weiter. … Das Internet habe eine ganze Generation mit seinen „Albernheiten“ verführt. Dabei gebe es eine Fülle von Literatur, die jedem zur Entdeckung offen stehe. Ohne diesen „Schatz“ seien die Menschen „leer und arm“. (nachrichten.ch)

Das alles ist natürlich eine Konsequenz der Dekadenz der westlichen Welt. Die unverdorbenen jungen Menschen in den Entwicklungsländern sind da ganz anders:

Lessing betonte, dass in den Entwicklungsländern junge Leute dagegen gar nicht genug von Büchern kriegen könnten. Von „Kenia bis zum Kap der guten Hoffnung“ könne überall ein „Hunger nach Büchern“ beobachtet werden.

Doris, das ist soviel Blödsinn auf einmal, da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Erstens würde ich von dir gerne einen Beleg dafür sehen, dass die Jugendlichen heute weniger lesen, als vor der Erfindung des Fernsehens. Es kann ja sein, aber irgendwie mag ich es nicht so recht glauben. Denn wenn ich mich richtig erinnere, hatten die jungen Menschen damals nicht allzuviel Muße — sie mussten in Fabriken und auf den Bauernhöfen ihrer Eltern arbeiten, um zum Familieneinkommen beizutragen. Zweitens hätte ich gerne einen Beleg für den unstillbaren Hunger der Jugendlichen in der dritten Welt nach Büchern. Auch hier: es ist zwar möglich, aber ich habe den leisen Verdacht, dass die Menschen dort andere Sorgen haben — abgesehen von einem gewaltigen Problem mit Analphabetismus. Drittens wüßte ich gerne, wie du darauf kommst, dass der Welt die digitale Revolution entgangen ist.

Es ist nicht meine Aufgabe, deine Hausaufgaben für dich zu machen, aber wenigstens zwei deiner Behauptungen will ich kurz unter die Lupe nehmen: erstens, dass die Lesefreude der jungen Menschen zurück gehe und zweitens dass das Internet mit seinen „Albernheiten“ Schuld daran sei. Dabei beschränke ich mich auf die letzten zehn Jahre in Deutschland, weil der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest hier die entsprechenden Daten zur Verfügung stellt. Ich habe mir sogar die Mühe gemacht, die Zahlen aus den zehn Einzelstudien für die Jahre 1998-2007 für dich zusammenzustellen.

Also, fangen wir an mit der Entwicklung der Nutzung von Fernsehen (die grüne kurzgestrichelte Linie mit den Kreisen), Büchern (die rote langgestrichelte Linie mit den Dreiecken) und dem PC (die blaue durchgehende Linie mit den Karos) bei Jugendlichen (hier: Anteil der 12-19-Jährigen, die das jeweilige Medium mindestens einmal pro Woche nutzen):

bug <- c(38, 36, 36, 39, 37, 38, 46, 45, 40, 38) ; pcg <- c(48, 52, 60, 64, 70, 70, 69, 76, 82, 84) ; tvg <- c(95, 94, 93, 93, 94, 93, 92, 93, 90, 92) ; jhr <- c(1998, 1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2007) ; plot(jhr, tvg, ylim=c(1, 100), pch=21, col=

Fällt dir etwas auf? Richtig, die Nutzung von Büchern zeigt insgesamt einen leichten Aufwärtstrend. Der ist zwar schwach, aber das macht ihn nicht zu einem Abwärtstrend. Im selben Zeitraum lässt sich dagegen ein schwacher Abwärtstrend des Fernsehens beobachten! Hier muss natürlich kein Zusammenhang bestehen, denn es gibt eine Reihe von Medien, die wir hier nicht näher betrachten (Zeitungen, Zeitschriften, Computerspiele, etc. — wen es interessiert, der kann sich die Studien des MPFD genauer ansehen). Aber auf jeden Fall besteht kein Zusammenhang zwischen der Computernutzung (die ja die Internetnutzung beinhaltet) und dem Lesen von Büchern. Die Computernutzung hat stark zugenommen, ohne dass das einen nennenswerten Einfluss auf die Lesefreude hätte. Wo auch immer die Jugendlichen die Zeit hernehmen, die sie mit den „Albernheiten“ des Internet verschwenden, sie geht nicht von der Zeit ab, die sie mit dem Lesen von Büchern verbringen.

Doris, du hast dich in deinen Büchern häufig mit dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern beschäftigt, deshalb möchte ich dich auf etwas hinweisen, das mich tatsächlich erschreckt hat: junge Männer (die blaue gestrichelte Linie mit den Kreisen) lesen sehr viel weniger Bücher, als junge Frauen (die rosa durchgezogene Linie mit den Dreiecken):

bum <- c(30, NA, 25, 33, 27, 30, 41, 31, 34, 28) ; buf <- c(47, NA, 47, 45, 49, 57, 52, 59, 47, 48) ; jhr <- c(1998, 1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2007) ; plot(jhr, bum, ylim=c(1, 100), pch=21, col=

Hier sollte man tatsächlich einmal genauer nachhaken, und zwar mit Ursachenforschung. Ich habe keine Ahnung, woher diese Diskrepanz kommt, aber — wenn mir eine spitze Bemerkung erlaubt sei — es könnte an Büchern wie deinen liegen, die nicht gerade die Gefühlswelt junger Männer ansprechen. Und nur um das klarzustellen: ich persönlich bewundere deine Bücher und habe sie immer gerne gelesen (Shikasta ist z.B. eins der wenigen Bücher, die es geschafft haben, sich einen dauerhaften Platz in meinem recht überfüllten Bücherregal zu sichern). Vielleicht gibt es unter den Leser/innen dieses Blogs ja Medienwissenschaftler, die uns mehr über diesen Geschlechterunterschied sagen können.

Bei der Computernutzung hingegen schließt sich die Lücke zwischen Jungen (wieder blau, gestrichelt, mit Kreisen) und Mädchen (wieder rosa, durchgezogen, mit Dreiecken) rapide:

pcm <- c(63, NA, 70, 72, 77, 80, 74, 82, 88, 87) ; pcf <- c(33, NA, 49, 56, 62, 60, 64, 69, 76, 81) ; jhr <- c(1998, 1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2007) ; plot(jhr, pcm, ylim=c(1, 100), pch=21, col=

Für dich ist das wahrscheinlich ein weiteres Zeichen des drohenden Untergangs, aber für mich ist es eine frohe Botschaft. Anders als du glaube ich nämlich nicht, dass die Jugendlichen sich im Internet von „Albernheiten“ verführen lassen. Statt dessen finden sie dort Möglichkeiten, sich zu vernetzen („soziale Netzwerke“), ihre Gefühle und Gedanken auszudrücken („Blogs“), ihr Wissen zusammenzutragen („Wikis“) und Ideen auszutauschen („Foren“ und „Chats“). Sie können sogar einen ständig wachsenden Teil des literarischen Erbes der Menscheit kostenlos beim Project Gutenberg herunterladen (allerdings nicht deine Bücher — die sind noch mindestens siebzig Jahre lang urheberrechtlich geschützt und müssen teuer erstanden werden). Alles Möglichkeiten, von denen meine Generation und die Generationen davor nur träumen konnten. Das verstehst du natürlich nicht, weil du diese Begriffe noch nie gehört hast.

Doris, Ruhm bringt Verantwortung mit sich. Die Verantwortung, in der Öffentlichkeit keinen Blödsinn zu verbreiten, für den es keine Evidenz gibt. Wenn man es doch tut, sollte man keinen Nobelpreis dafür bekommen.

21 Kommentare zu „Wie man den Nobelpreis nicht gewinnt“

  1. Mir scheint , dass die Zahlen nicht weiterhelfen, sowohl den Lesehunger Afrikas betreffend, als auch die Lektürefreude Europens - sie treffen nur da, wo man die Jugend an sich im Blick hat. Das hatte Doris Lessing nicht, wie der Verweis auf Afrika zeigt. Nicht die Analphabeten hungern nach Büchern, sondern die Gebildeten. Während in Europa nicht nur die Gebildeten, sondern alle das Internet nutzen - ohne nennenswerten Einfluss auf die Buchnutzung (die steigt für die große Zahl im Zuge des lebenslangen Lernen leicht an).

    Meine Kinder lesen weniger Bücher als in meiner Jugend ich, merkt die Frau Geheimrat, derweil der Frau Reinigungsfachkraft nichts dergleichen auffällt.

    Interessanter finde ich, wie den Medien Inhalte zugeordnet werden. Bücher enthalten Schätze, digitale Medien Albernheiten. Für solche Aussagen lassen sich so viele Belege finden, wie für ihr Gegenteil. Da sind sie wohl wahr.

  2. Nun, ich persönlich würde behaupten, das Internet ist das Lesemedium schlechthin. Wenn ich im Internet bin, verbringe ich 80% der Zeit mit Lesen, 10% mit Schreiben und vielleicht 10% für den Rest. War das früher auch so? Daher kann ich sehr gut (auch an mir selbst) nachvollziehen, dass das Fernsehn an Bedeutung verliert - bei Büchern erscheint mir das nicht so.

    Aber dass das Internet und auch alle anderen neuen Medien am Anfang von den etablierten Künstlern negativ gesehen werden scheint eine Konstante in der Geschichte zu sein. Sehr empfehlenswert ist da imho Martensteins Podcast…

    Bitte iframes zulassen
    siehe: http://www.watchberlin.de/watchberlin/embedplay/7105

  3. Dirk, Doris Lessing hat schon die Jugend im Blick — sie sagt es ja explizit. Aber nehmen wir die Gesamtbevölkerung — Dieter Zimmer zitiert in seinem Kapitel „Schrift gegen Bild — Über das Lesen in einer Zeit des Sehens“ Zahlen des Allensbach-Instituts zwischen 1968 und 1991 für Vielleser (die mindestens einmal pro Woche ein Buch in die Hand nehmen) und Wenigleser (die weniger als einmal im Monat zum Buch greifen). Diese Zahlen zeigen einen eindeutigen Trend (Vielleser in Blau/durchgezogen/Kreise, Wenigleser in Rot/gestrichelt/Dreiecke):

    vielleser <- c(29, 30, 34, 37) ; wenigleser <- c(42, 40, 35, 34) ; jhr2 <- c(1968, 1970, 1976, 1991) ; plot(jhr2, vielleser, ylim=c(1, 100), pch=21, col=

    Und das, wie Zimmer richtig anmerkt, über einen Zeitraum, in dem die Möglichkeiten für den Fernsehkonsum durch das Auftauchen von Privatsendern stark zugenommen hat.

    Lesen meine Kinder (bzw. das eine, das schon lesen kann) weniger als ich in meiner Kindheit? Das kann ich nicht genau sagen. Es kommt mir schon so vor, obwohl sie recht viel liest. Aber es kommt mir auch so vor, als ob meine Kindheit ein einziger langer Sommer und damals sowieso alles besser war. Insgesamt ist es aber unwahrscheinlich, dass die Jugend heute weniger liest, als damals. Zimmer weist darauf hin, dass 1950 nur 0,24% der Westdeutschen studierten, während es 1990 schon 2,4% waren! Unsere Jugend ist also insgesamt gebildeter als wir es waren — allen Eindrücken, die das Klamaukfernsehen uns vermittelt, zum Trotz.

    Es ist wahrscheinlich ein wenig, wie mit der PISA-Studie: natürlich hat Bayern die besten Gymnasiasten — man filtert dort ja auch am stärksten. Natürlich waren Gymnasiasten 1950 im Durchschnitt „klüger“ als heute — man hat damals halt stärker gefiltert. Aber zu keiner Zeit konnte ein größerer Anteil der Bevölkerung an Bildung und gebildeten Tätigkeiten wie dem Lesen teilhaben, als heute (ich behaupte das einfach, denn ich bin ja kein Nobelpreisträger und muss deshalb nicht alles belegen, was ich von mir gebe…).

    Stefan, absolut! Es erstaunt mich immer, dass die Kulturkritiker die grundlegende Schriftlichkeit des Internet übersehen. Es ist ebenso schriftlich wie Bücher und Zeitungen. Ich glaube eher, dass die Kulturkritiker langsam Angst vor dem egalitären Zugang zu Wissen (und Unwissen) bekommen, den das Internet ermöglicht.

  4. Für mich ist das die typische Art und Weise, wie sich “Prominente” öffentlich äußern und dabei den hanebüchenen, von jedem Wissen unbeleckten Scheiß von sich geben, von dem sie meinen, dass das Fernsehen ihn von ihnen erwartet oder von dem das Fernsehen meint, dass die Zuschauer ihn erwarten (Kurzfassung eines netten Gedankengangs von Harald Martenstein - siehe WatchBerlin.de). Ein anderes Thema, bei dem sich das immer wieder schön beobachten lässt sind Äußerungen zu Computerspielen - ein solche Unbedarftheiten (oder sind es Lügen?) in Masse zitierendes Video macht gerade - etwa auf Youtube - Karriere.
    @Dirk: Europens. Schön, das habe ich bestimmt 40 Jahre nicht mehr gelesen.

  5. Und noch ein technischer Hinweis: Ich bin farbenblind. Ich tue zwar mein Bestes, aber durch rosa und blau diskriminierte Fakten bleiben mir verschlossen …
    Vorwärts zum barrierefreien Web!

  6. Aber zu keiner Zeit konnte ein größerer Anteil der Bevölkerung an Bildung und gebildeten Tätigkeiten wie dem Lesen teilhaben, als heute … Genau das meine ich. Und da sehe ich als Statistiker ein Problem bei solche Einzelfragen an Leserzahlen. Wer immer schon viel las, der verteilt seine Lesezeit um, wer Zugang zum Lesen erst fand, erhöht alle Werte. Es hat sich jeweils mehr geändert als das Untersuchte. (Ich hatte als Kind nur Bücher, fernsehen u.ä. durfte ich nicht. Mein Sohn liest auch gerne, aber bei weitem nicht so viele Bücher wie ich. Stattdessen schlägt er viel im Web nach.)

    Dass Frau Lessing nicht alle meint, ist eine böse Unterstellung. Ohne die kann ich mir ihre Sätze aber nicht erklären.

  7. Herr Hömig-Groß, ich werde natürlich so bald wie möglich die Grafiken noch einmal neu erzeugen und neben unterschiedlichen Farben auch unterschiedliche Punkt- und Linienarten verwenden. Es kann aber ein paar Tage dauern.
    Zu Ihrem ersten Kommentar: ich denke, es sind Unbedarftheiten. Viel schlimmer als die unbedarften Kommentare öffentlicher Personen finde ich die Tatsache, dass wir uns absolut daran gewöhnt haben und gar nichts bedarftes mehr erwarten. Und Doris Lessing ist ja nicht nur „prominent“ sondern prominent!

  8. Besten Dank, Herr Stefanowitsch, das mit den Grafiken ist für mich in diesem Fall nicht nötig - da waren es nur 2 Linien, und nach dem Text dazu denke ich, oben waren die Mädchen und das war dann wohl rosa - wie es sich gehört.
    Aber grundsätzlich liegt mir schon daran, zentrale Informationen nach Möglichkeit nicht ausschließlich farblich zu kodieren.
    Ich war gerade auf einem Kongress, bei dem das ganze Veranstaltungsprogramm nur für einen voll Farbtüchtigen auszunutzen war - Leute wie ich konnten weder Orte finden noch Themen verfolgen.
    Und bei Doris Lessing haben Sie natürlich recht - sie ist in der Tat prominent. Was ich mit den Gänsefüßchen wohl meinte, ist, dass die Medien häufig Leute dazu bringen, sich zu Themen zu äußern, von denen sie nichts verstehen; und wer hat schon die Größe coram publico auf eine Frage mit “keine Ahnung” zu antworten?
    Diesen Fehler hat D. Lessing ja auch Ihrer Meinung nach begangen - irgendetwas für persönlich plausibel zu halten, davon aber eigentlich nichts zu wissen - und sich trotzdem öffentlich dazu zu äußern. Wobei - wie man so hellen Beiträgen wie Stefans hier entnehmen kann - der behauptete Gegensatz gar keiner ist.
    Wenn ich mich selbst betrachte gehöre ich auch zu dem Typus, der viele Bücher liest (und auch mehr als eins pro Woche), Radio hört und das Internet nutzt - zum Lesen. Nur zwei typische Sachen mache ich nicht: Ich sehe nicht fern und lese (inzwischen) keine Tageszeitung mehr, nur noch Fachzeitschriften.
    Übrigens war das letzte Buch das ich - mit sehr großem Vergnügen - gelesen habe Pierre Bayards “Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat”.

  9. Sehr schön, Sie sprechen mir aus der Seele.

    Wenn ich mir ansehe, was für Wissensbücher es für kleinere Kinder gibt (gute Fernsehsendungen gelegentlich auch). Also, mit viel Respekt: Meine beiden Söhne (6 und 9 Jahre alt) wissen mehr als ich in dem Alter gewusst habe ! Nun sagt mir aber die regionale Grundschulrektorin, dass ein Teil der Kinder “gebildeter” sei als je zuvor, dass aber ein anderer, ebenso großer Teil weniger zur Einschulung mitbrächte als je zuvor.

    Was die Geschlechterrelation betrifft, habe ich auch keine Ahnung. Aber ganz laienhaft habe ich das Gefühl, dass sich die Schule mittlerweile auf eine (latente) Benachteiligung von Jungen hinbewegt hat: Deren “Kommunikationsverhalten” wird geächtet und die langsamere biologische Entwicklung (die sich ja auch in einer langsameren Entwicklung des Gehirns spiegelt) führt zumindest hier in Bayern zur Selektion und Schulfrust. Vielleicht gibt es hier einen Zusammenhang [nur mal so ins Unreine geschrieben].

  10. Krimileser, „Nun sagt mir aber die regionale Grundschulrektorin, dass ein Teil der Kinder “gebildeter” sei als je zuvor, dass aber ein anderer, ebenso großer Teil weniger zur Einschulung mitbrächte als je zuvor.“ Ja, das könnte sein — eine Art Bildungsschere , wie sie schon durch die erste Pisastudie aufgezeigt wurde. Das deckt sich mit meinem Eindruck der Mitschüler und Mitkindergartenkinder meiner Kinder, wobei es natürlich extrem schwer ist, die Proportionen zwischen den „gebildeten“ und „ungebildeten“ Kindern (furchtbare Begriffe) realistisch einzuschätzen. Mit der Benachteiligung der Jungen bin ich mir nicht ganz sicher: die Studie, die ich oben zitiere, zeigt zum Beispiel, das Jungen häufiger Zeitung lesen als Mädchen (wiederum 12-19-Jährige) und die Daten zeigen ja auch, dass Jungen nach wie vor einen Vorteil bei der Computernutzung haben. Es ist also nicht so, dass Jungen grundsätzlich weniger „gebildet“ sind, als Mädchen.

  11. Können Sie mir bitte einen Tipp geben, wo ich die komplette Rede runterladen kann.

    Vielen Dank.

    G.V.

  12. Übrigens gibt es diese Schere, die lt. Pisa (und etlichen anderen) ja keine Bildungs-, sondern eine Herkunftsschere ist, nicht nur im “geistigen” Bereich, sondern auch im körperlichen. Ich kenne Berichte von Amtsärzten, die die Einschulungsuntersuchungen machen, dass Kinder mit 6 nicht auf einem Bein hüpfen oder rückwärts laufen können, was, wie ich denke, Ihre und meine Kinder mit 3 gekonnt haben.
    Und ich beobachte auch, dass meine Kinder Respekt gebietend gut informiert sind. Kinder interessieren sich von selbst, aber ihr Interesse wird heute nach meinem Gefühl von mehr Eltern denn je ernst genommen und materiell bedient.

  13. Gabvoll, der Text der Rede findet sich hier.

    How will our lives, our way of thinking, be changed by the internet, which has seduced a whole generation with its inanities so that even quite reasonable people will confess that, once they are hooked, it is hard to cut free, and they may find a whole day has passed in blogging etc?

    A whole day? Weeks and months, Doris, weeks and months…

  14. Letzen Abend habe ich einen 60-jährigen tschechischen Kunstler aus Brno getroffen, der sagte: die Jungen können sich nicht vorstellen, nun kann ich mich selbst nicht vorstellen wie das war. Wir waren total isoliert. Mein Onkel war reich, er ging nach West. Wo war er? In Australien? Chile? Wir hatten keine Ahnung. Nach 20 Jahren, nach den politischen Veränderungen, haben wir entdeckt, er wohnte in einem österreichischen Dorf, etwa 60 Kilometer entfernt . . . In Rusland war es noch schlimmer, für 60, 70 Jahre waren sie isoliert . . .

    Ich erinnerte mich an meinen tchechischen Lektor, Martin Machovec, der eine bedeutende Rolle bei der Samizdatveröffentlichung gespielt hatte. Sein Vater war Dissident. Als Martin 16 Jahre alt war, schlug ihm der Schulerektor vor: Siehe, Martin, du hast gar keine Chance bei der Universität, angesichts deines Vaters wird man dir keinen Platz geben, es ist Zeitverschwendung mit deiner Bildung fortzufahren, warum verbringst du nicht eine Lehrzeit bei einer Brauerei? Martin sagte, später ist Ginsberg nach Prag gekommen, der beklagte sich über die Zensur der amerikanischen Schriftsteller, das war etwa kömisch als die tschechische Schriftsteller ins Gefängnis geschickt wurden, gefoltert wurden, getötet wurden. Ich erinnerte mich auch an meinen alten Freund Julius Tomin, Philosoph, der verbotene Aristoteles-Seminare zuhause machte und deshalb ins Gefängnis geschickt wurde. Natürlich erinnerte mich auch an diese interessante Rede von Lessing.

    Solche Häßlichkeiten sind sicher nicht vorbei. Das Fernsehen, die Computers, das Internet die Lessing so launisch machen, haben die machtlosen gegen einen Mugabe, einen Musharraf, einen Than Shwe so unglaublich geholfen, es ist kaum zu fassen, daß die angeblich verminderte Buchlesung unter den entwickelten Ländern einer angeblich größen Schrifstellerin den Schlaf rauben könnte.

  15. Und hier gibts die deutsche Übersetzung.

    Pax

  16. Sehr geehrter Herr Stefanowitsch,

    ich habe mir erlaubt, eine der Grafiken, mit Quellenangabe zu “entführen”. Sollten Sie damit ein Problem haben, lassen Sie es mich bitte wissen.

  17. Krimileser, ich wäre ein schlechter Wissenschaftler, wenn ich damit ein Problem hätte ;)

  18. So, im Interesse der Barrierefreiheit sind die Linien in den Grafiken nun anhand von mehreren Merkmalen voneinander unterscheidbar; im alt-Tag der jeweiligen Grafik finden sich außerdem die Daten und der R-Code, mit dem die Grafiken erzeugt wurden.

  19. Ich sag mal stellvertretend für die anderen Danke, hoffend, dass es noch welche gibt und die ganze Mühe nicht nur für mich war!

  20. Interessanter Artikel.

    Ich habe den Eindruck, dass in der ersten Grafik “Büchern (die rote langgestrichelte Linie mit den Dreiecken) und dem PC (die blaue durchgehende Linie mit den Karos)” vertauscht wurden? Ansonsten wäre der Anstieg bei den Büchern ja viel grösser als bei der PC Nutzung, was nicht mit dem anschliessenden Satz “die Nutzung von Büchern zeigt insgesamt einen leichten Aufwärtstrend. Der ist zwar schwach” zusammenpasst :-)

    Als Informatiker und jemand, der eindeutig die Vorteile des Internets in allen möglichen und unmöglichen Situationen erkennt hat die Kritik aber doch etwas wahres:
    Wieviel Zeit verbringe ich damit in social networks rumzuklicken und darauf zu hoffen dass etwas spannendes passiert, anstatt, dass ich mir mal wieder Zeit für ein gutes, nicht fachliches Buch nehme, gelesen wird fast nur im Urlaub. Ob ich allerdings ohne Internet wirklich mehr Bücher lesen würde und nicht bloss die PC-freie Zeit mit Arte schauen verbringen würde ist unklar.

  21. Im Artikel nur kurz angeschnitten (habe die Kommentare allerdings nicht alle gelesen): Internetnutzung heisst - zumindest in meinem Fall - durchaus nicht, sich nicht mit Literatur zu beschäftigen? Wie oft liest man, wenn man im Internet unterwegs ist? Genau genommen jedesmal wenn man eine Adresse eintippt. Und “wertvollere” Varianten des Lesens sind auch nicht weit weg :)

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.