Nicht wirklich

Ich wollte eigentlich mal wieder eine „Anglizismen“-Pause einlegen und mich statt mit den Sprachnörglern tatsächlich mit Sprache beschäftigen. Aber durch diesen Kommentar von Michael Mann bin ich auf die Kolumne „Wortgefecht“ aufmerksam geworden, die regelmäßig auf Welt Online erscheint, und diese Kolumne kann nicht unkommentiert bleiben.

Durch den Erfolg des Zwiebelfischs angespornt hat ja mittlerweile jedes Provinzblatt eine solche Kolumne, und deren Verfasser schaffen es mit den unglaublichen Plattheiten, die sie dort typischerweise verbreiten, den Zwiebelfisch wie eine Sammlung wohlinformierter, sorgfältig argumentierter und unterhaltsam geschriebener Essays aussehen zu lassen. Das „Wortgefecht“ ist da keine Ausnahme. Der Autor Sönke Krüger hat offensichtlich Sicks Bücher im Regal stehen und wärmt gnadenlos auch die ältesten und breitgetretensten der darin enthaltenen Behauptungen noch einmal auf. Außerdem bedient er sich offensichtlich munter bei der Propaganda des „Verein deutsche Sprache“. Das Ganze wird in einem Nörgelton präsentiert, gegen den Sicks Besserwissereien vor Sprachwitz sprühen.

Vor zwei Wochen gab es dort das altbekannte Gefasel vom „denglischen Sprachmüll“ zu lesen, und zwar auf unterstem Niveau. Ich brauche hier gar nicht weiter darauf eingehen, denn das hat Herr Mann in vorbildlicher Weise in den Kommentaren dort getan (man kann auf die Kommentare nicht einzeln verlinken, aber wenn man etwas herunterscrollt findet man den Kommentar, oder man liest ihn direkt auf Herrn Manns Blog Obstladengeschichten, wo man allerdings ebenfalls nicht auf einzelne Beiträge verlinken kann).

In dieser Woche nun geifert Krüger gegen „verfluchte eingedeutschte Anglizismen“, also sogenannte Lehnübersetzungen. Die Beispiele, die er nennt, sind dabei allesamt aus Sicks berüchtigter Glosse Stop making Sense bekannt: Sinn machen, etwas erinnern, etwas realisieren, nicht wirklich und Bush-Administration.

Ob man diese Redewendungen nun mag oder nicht, ist natürlich Geschmackssache und hat wenig bis gar nichts damit zu tun, ob es tatsächlich Lehnübersetzungen sind (bei bei nicht wirklich und Administration ist das wohl wahrscheinlich, bei Sinn machen und realisieren kann man geteilter Meinung sein und bei etwas erinnern ist das eher unwahrscheinlich). Aber wenn man sein Geschmacksempfinden in der Öffentlichkeit auslebt, sollte man zumindest eins können: Beispiele der verhassten Redewendungen von öberflächlich ähnlichen Kombinationen von Wörtern unterscheiden. Das fällt den Machern von Welt Online scheinbar schwer. In einer bebilderten Strecke von verfluchten Eindeutschungen findet sich auch folgende Aussage:

Deutschlands Medien sind voll von eingedeutschten Anglizismen. Neulich stand zum Beispiel in der „Bravo“: „Auch wenn Sex in Deiner Fantasie immer mehr an Bedeutung gewinnt, magst Du Dich in der Realität noch nicht wirklich damit befassen“. „nicht wirklich“ ist die wörtliche Übersetzung von „not really“. Viel besser klingt: „eigentlich nicht“.

Der Autor geht also ernsthaft davon aus, dass man die Wörter nicht und wirklich niemals miteinander verwenden darf. Denn bei dem hier zitierten Absatz handelt es sich keineswegs um eine wörtliche Übersetzung aus dem Englischen oder sonst irgendeiner Sprache. In der Passage wird ein Gegensatz aufgebaut zwischen dem, was in der Fantasie der Leser geschieht und dem, was sie wirklich (also „tatsächlich“, „faktisch“, „in der Wirklichkeit“) tun. Man kann sich „wirklich mit Sex befassen“, ohne, dass das ein „Anglizismus“ wäre. Warum sollte dann die Verneinung davon, die Tatsache, dass man sich „nicht wirklich mit Sex befasst“, ein „Anglizismus“ sein?

Was ist denn mit diesen Beispielen:

  • Auch er vermag sich nicht wirklich in die Luft zu schwingen — und das weniger, weil er die Gewichte am Fuß nicht zu heben imstande ist, als weil ihn das ungeheure Gewimmel um ihn nicht los, nicht hoch läßt… (Christian Morgenstern, Stufen)
  • Gut, wenn in solchen Fällen die erhitzte Einbildungskraft Blut zu sehen glaubt; aber das Auge muß es nicht wirklich sehen. (Gotthold Ephraim Lessing, Hamburgische Dramaturgie)
  • Denn, wiewohl man sich nicht wirklich so ausdrückt, so ist doch ein solcher Einfluß der Vernunft auf die Einteilungen der Naturforscher sehr leicht zu entdecken. (Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft)

Alles Wichtigtuer, die sich mit ihrem „Sprachgepansche“ als Weltmänner darstellen wollen wollen? Wohl kaum.

Also, Herr Krüger, zum Mitschreiben: wenn Sprachnörgler sich über die Redewendung nicht wirklich aufregen, dann meinen sie nicht die Verwendung dieser beiden Wörter in einem laufenden Text mit der Bedeutung „nicht tatsächlich, faktisch, in der Wirklichkeit“, sondern die Verwendung als Antwort auf eine Frage, z.B. so:

Frage: Ist „Ich erinnere das nicht“ ein Anglizismus?
Antwort: Nicht wirklich.
Frage: Spricht überhaupt irgendetwas dagegen, „Anglizismen“ zu verwenden?
Antwort: Nicht wirklich.
Frage: Und Sick, Krüger und Konsorten, wissen die überhaupt, wovon sie reden?
Antwort: NICHT WIRKLICH.

Das müssen Sie noch zu unterscheiden lernen.

Was mich vor allem nervt, ist, dass diese selbsternannten Sprachschützer nicht einmal selbst das praktizieren, was sie predigen. Allein auf der Seite, auf der diese Woche Krügers Kolumne erschienen ist, stehen sechzehn „Anglizismen“, die allesamt „überflüssig“ wären. In Überschriften und Aufmachern finden sich die Wörter Top-Model, Miss World, Jackpot, Playmates, Popstar, Tattoo-Quiz, Royals, Queen, Gentleman und Urlaubsflirt, wo Spitzenmodell, Fräulen Welt, Hauptgewinn, Gespielinnen, Schlagerberühmtheit, Tätowierungsratespiel, königliche Familie, Königin, Ehrenmann und Urlaubsliebelei schon viel deutscher und damit doch eindeutig besser gewesen wären.

Noch unglaubwürdiger wird die Sprachnörgelei dadurch, dass viele der festen Rubriken auf den Seiten von Welt Online im „verfluchten“ Denglisch verfasst sind. Da ist zunächst einmal der Name Welt Online selbst — warum nennt sich die Seite stattdessen nicht Welt am Draht? Hinzu kommen dann: Newsletter (warum nicht Rundbrief), Heartcore (der Name einer weiteren Kolumne, die doch ebensogut Herzkern heißen könnte), Lifestyle (was spricht gegen Lebensart), Mediadaten Print und Mediadaten Online (wo problemlos Mediendaten Druckausgabe und Mediendaten Netzausgabe stehen sollte).

Schließlich ist Sönke Krüger Textchef von Welt Online, er ist für alle diese „Anglizismen“ also direkt mitverantwortlich. Warum bringt er also nicht seinen eigenen Laden auf streng teutonische Linie, bevor er die Leser mit seinem mangelhaften Verständnis von Sicks Halbwahrheiten belästigt?

22 Kommentare zu „Nicht wirklich“

  1. Dieser Lessing, das war doch auch nur so ein Britenknecht: ‘Miss Sara Sampson’, ‘Marwood’ - soll dieses Personal aus seinen Machwerken etwa toitschen Ursprungs sein?

  2. Nach meinem Gehör liegen Sie diesmal im Wesentlichen richtig, aber im auch nicht ganz Unwesentlichen ein wenig falsch, weil die Bravo wirklich das neue englische, nicht das Lessingsche “nicht wirklich” belegt. Das hat sich in den letzten Jahren so verbreitet, dass offenbar eine echte Lücke zu füllen war, heute lässt es sich glaube ich nur in den wenigsten Fällen noch durch “eigentlich nicht” angemessen paraphrasieren.
    Da Ihr interessanter Blog ein Beitrag zum Jahr der Geisteswissenschaften ist, wäre ich außerdem neugierig zu erfahren, ob er sein Erscheinen mit Ablauf desselben - doch nicht etwa - einstellt?

  3. “Ich brauche hier gar nicht weiter darauf eingehen” … fehlt da nicht ein “zu”? :-)

  4. Herr Antretter, gerade das Lessingsche Beispiel ist doch mit seiner Gegenüberstellung von Einbildung und Wirklichkeit dem Bravo-Beispiel sehr ähnlich (beim Kantschen Beispiel könnte man sich darüber streiten — gut, dass das bisher niemandem aufgefallen ist). Es ist für mich auch relativ klar, dass man das Bravo-Beispiel nicht durch eigentlich nicht ersetzen kann. Es lässt sich für mein Empfinden am Besten durch nicht richtig oder nicht tatsächlich paraphrasieren. Aber ich weiß natürlich nicht wirklich, was der Autor sich dabei gedacht hat.

    Buntklicker, ja, da habe ich wohl tatsächlich etwas sehr umgangssprachlich gedacht und geschrieben — aber dazu stehe ich jetzt einfach mal…

    PS. Herr Antretter, was die Fortführung des Blogs im nächsten Jahr angeht, das habe ich noch nicht entschieden. Allein die Verwaltung der Seite nimmt viel mehr Zeit in Anspruch, als ich gedacht hätte, und da ich das Blog seit vielen Monaten als Ein-Mann-Show betreiben muss, ist auch das Befüllen mit Inhalten zu einer ziemlichen Mammutaufgabe geworden.

  5. Wiewohl seit längerem fleißiger und interessierter Leser dieses Blogs hat mir erst die Frage von Herrn Antretter und die Antwort dazu richtig deutlich gemacht, dass es sich dabei wohl um ein temporäres Projekt handelt.
    Ich bin entsetzt; ist es mir doch von den 40-50 Blogs die ich einigermaßen regelmäßig verfolge das Liebste. Ich plädiere entschieden für den Erhalt!
    Da ich das mit der Arbeit nur zu genau kenne - dem immensen Aufwand (und meinem Anspruch) ist mein eigenes Blog zum Opfer gefallen - möchte ich signalisieren, dass ich tätig zum Erhalt dieses bedrohten Blogs beitragen würde. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass das auch viele andere der regelmäßigen Leser (lies: Kommentatoren) tun würden. Der Stoff zumindest würde uns nicht so schnell ausgehen.
    Damit wäre es dann also vielleicht schon eher eine Frage der Form und des Hutträgers als eine existenzielle, wie es für einen Einzelkämpfer schnell der Fall ist.

  6. Also ich muss ja jetzt sagen “Heartcore” find’ ich ja ganz gut. Ich weiß nur nicht ob sich dem durchschnittlichen Weltleser/Denglischhasser die Mehrbödigkeit erschließt.

    Und wo ist die Liste für die “Erhaltet dem Bremer Sprachblog”-Petition ? Es würde mir etwas fehlen (und das sagen ich erstens nicht leichtfertig und zweitens nur selten), wenn dieses Blog nicht in der einen oder anderen Form weiter bestünde.

  7. Die Petition möchte ich auch unterschreiben. Das Sprachblog ist eines von bloß zwei Blogs, die ich regelmäßig lese. Statt Selbstdarstellung und allzu Subjektivem gibt es hier Inhalt, der diese Bezeichnung auch verdient.

    Mir war auch nicht klar, daß das Blog eine ursprünglich befristete Aktion war. Schockierend! Aber Fristen sind ja bekanntlich dazu da, sie überschreiten. :)

  8. Sarensema, Herr Stefanowitsch, sie wollen uns doch wohl nicht mit diesem Bastian Sick wieder allein lassen?

  9. Ich schließe mich dem mehrfachen Aufschrei an und hoffe ebenfalls, daß dieses wunderbare Blog auch im nächsten Jahr weiterbestehen wird. Ich habe es inzwischen sogar zu meiner Startseite gemacht, damit ich immer gleich sehen kann, ob es hier wieder etwas Neues zu lesen gibt

    Ich bin momentan in einem doch recht sprachfernen Beruf gefangen und hole mir meinen regelmäßigen linguistischen Fix zur Zeit fast nur noch hier.

  10. Ich möchte mich dem allgemeinen Bedauern über ein eventuelles Ende des Sprachblogs auch noch einmal ausdrücklich anschließen, glaube aber, dass sich allein damit wenig erreichen lässt, wenn Professor Stefanowitsch nun einmal auf so einsamem Posten steht. Sollte man stattdessen nicht die deutsche Universitätslinguistik bei der Ehre packen und ein paar spitze Fragen stellen? Warum ein Spiegel-Journalist und ein Wirtschaftswissenschaftler die maßgeblichen öffentlichen Sprachautoritäten in Deutschland sind, warum es bei uns im Gegensatz zu England/USA praktisch keine populärwissenschaftliche linguistische Literatur (von Linguisten) gibt … Was natürlich auch nicht mehr nützen würde. Jedenfalls vielen Dank für interessante Sprachlektüren.

  11. Nur, um einer Massenpanik vorzubeugen: das bevorstehende Ende des Jahres der Geisteswissenschaften ist nicht zwingend auch das Ablaufdatum dieses Blogs. Ich denke schon seit einiger Zeit über Möglichkeiten und Formen der Fortführung nach und sage ja nur, dass ich noch nichts entschieden habe. Natürlich wäre schade, die lebendigen Diskussionen, die sich hier über das vergangene Jahr entwickelt haben, einfach wieder einschlafen zu lassen und ich sehe auch ein, dass man den Sprachnörglern nicht das Feld überlassen darf. Einen extrinsischen Anlass gäbe es auch: die Vereinten Nationen haben das Jahr 2008 zum „Internationalen Jahr der Sprachen“ erklärt. Ich werde also weiter nachdenken…

  12. Ich freue mich besonders über den Hoffnungsschimmer, der zwischen den Zeilen des Vor-Kommentars zu lesen ist.

    Bitte unbedingt weitermachen, etwas anderes wird gar nicht akzeptiert. ;-)

  13. “Nicht wirklich” empfinde ich als wienerisch. Ich habe es aus Linz (200 km westlich) nicht gekannt. Die Wiener verwenden es dauernd, auch im Dialekt.

    “Etwas erinnern” ist mir so fremd, dass es plattdeutsch sein muss. Es ist mir bisher überhaupt nur in einem von Sicks Büchern begegnet.

  14. Bitte machen Sie weiter!!! Ich habe bei Burkhard Schaeder in Siegen gelernt. Und erst seine Sicht von Internationalismen - die Ihrer gleicht - hat in mir Begeisterung für Sprache ausgelöst. Und sie halten dieses Feuer in Gang. Also: Bitte hören Sie nicht auf!!!

  15. Da sich das Ganze hier tatsächlich zu einer allgemeinen Petition zu entwickeln scheint, möchte ich mich ebenfalls entschieden für die Erhaltung des Blogs aussprechen!!!

  16. Es lassen sich vielleicht Möglichkeiten, die Arbeitslast zu verringen… etwa könnte man eine vertgrauensvolle Person zum Kommentare kontrollieren finden.

    Das dieses Blog aufhört ist gar keine Option ;) .

  17. “vertrgrauensvolle Person” - auch ein netter Verschreiber :D . Soll natürlich vertrauensvoll heißen.

  18. zu 10:
    Warum ein Spiegel-Journalist … warum es bei uns im Gegensatz zu England/USA praktisch keine populärwissenschaftliche linguistische Literatur (von Linguisten) gibt …

    Ich bin Linguist (André Meinunger, ZAS Berlin & Uni Leipzig) und habe ein Buch als Antwort auf den Zwiebelfisch (Der Dative…) geschrieben. Obwohl mir von großen Verlagen (z.B. sogar Duden, Aufbau etc.) Kenntnis und Witz bescheinigt wurden, haben fast alle so um die angeschriebenen 40 - 50 Verlage das Buch abgelehnt. Sick sei zu mächtig, jeder Gegenversuch entweder sinnlos (weil als Alternative mit Sicherheit zu schwach und erfolglos) oder zu missgünstig scheinend (Neid). Ich war über die meisten Antworten sogar schockiert. Wenn es interessiert, könnte ich Geschichten erzählen. Nun wird mein Büchlein demnächst bei einem kleinen Verlag rauskommen. Ich hoffe, viele der Bloger hier werden es sich kaufen, lesen und diskutieren.

  19. Ein hervorragendes Blog. Ich bin erst jetzt durch die Erwähnung in c’t 3/2008 darauf gestoßen; vorher wusste ich nicht, dass es so etwas im deutschen Sprachraum gibt.

    Bitte machen Sie weiter!!! Vielleicht finden sich ein paar Fachkollegen, die Sie unterstützen, wie im englischsprachigen Language Log?

  20. @ A.M.: “Wenn es interessiert, könnte ich Geschichten erzählen…”

    Es interessiert!!! :D

  21. Du bist ‘ne doofe Nuss & ein elender Besserwisser - und mit deinem hiesigen Gelaber mitschuldig an der ganzen denglischen Sprachmisere.

  22. Fehler: Das fällt den Machern von Welt Online anscheinend schwer, nicht scheinbar.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.