Netzplauderei

Das kalte Winterwetter und die Arbeitslast machen mir immer noch zu schaffen. Wie gut ist es da, dass es die „Aktion Lebendiges Deutsch“ gibt, die zuverlässig einmal im Monat für gute Laune sorgt.

Im lezten Monat war eine Alternative für chatten gesucht. Ich hatte hier das Schlimmste befürchtet, nämlich, dass der Altherrenclub mit der Sprachkritik auch Kritik an der Kulturtechnik Internet verknüpfen würde, so wie es der „Anglizismenindex“ des VdS tut. Ganz so schlimm ist es dann aber doch nicht gekommen:

Unter den 312 Vorschlägen für „chatten“ hat sich die Jury für „netzplaudern“ entschieden.

Das geht ja eigentlich fast, es zeigt allerdings wieder einmal ein Problem der Anglizismenjäger. Sprecher sind ja im Großen und Ganzen nicht dumm. Sie müssen ihre Sprache täglich verwenden, um verschiedenste, hochkomplexe kommunikative Bedürfnisse zu befriedigen. Wörter sind deshalb, wie andere Meme, einem hohen Evolutionsdruck ausgesetzt: wenn sie ihren kommunikative Zweck nicht erfüllen, werden sie schnell durch effektivere Wörter ersetzt.

Wenn man Beispiele für wirklich „überflüssige“ Lehnwörter sucht, findet man sie deshalb am ehesten dort, wo auf diese Wörter kein besonders großer evolutionärer Druck wirkt — beispielsweise in der Sprache von Philosophen oder Unternehmensberatern, denen (aus ganz verschiedenen Gründen und unterschiedlich wünschenswerterweise) niemand zuhört. Dort halten sich Begriffe wie egoistischer Subjektivismus oder It depends on the point of view, eben weil sie nie jemand ernsthaft verwendet. Bei einem Wort wie chatten, hingegen, das in der Alltagssprache eine ständig größer werdende Rolle spielt, kann man davon ausgehen, dass die Sprecher es durch irgendetwas anderes ersetzen würden, wenn das (a) ginge und (b) sinnvoll wäre. Gehen tut es, das haben die Teilnehmer/innen der Aktion bewiesen — mit einem Vorschlag, auf den jeder kommt, der dreißig Sekunden über das Problem nachdenkt. Warum wird dieses Wort dann nicht schon längst verwendet? Weil es lang ist, weil es Konnotationen mit sich bringt, die nicht von allen Sprechern geteilt werden (plaudern = „sich zwanglos (und nicht tiefgründig) unterhalten“ [Bertelsmann Wörterbuch]) und vor allem, weil das Wort chatten sich ohne Probleme in die Phonologie (Lautstruktur) und Morphologie (Wortstruktur) des Deutschen eingepasst hat.

Der eigene Vorschlag der vier lebendigen deutschen Aktionäre ist dagegen ein echter Knüller:

Im Dezember macht die Aktion „Lebendiges Deutsch“ den Vorschlag, statt „Christmas“ oder „X-mas“einfach wieder „Weihnachten“ zu sagen.

Nein, das es den Herren gelungen ist, das schöne alte Wort Weihnachten wieder aufgespürt haben! Bei dem ganzen Gerede von X-mas-Märkten und X-mas-Geld, Christmasbäumen und Christmasferien, das für diese Jahreszeit so typisch ist, hatte ich dieses Kleinod des deutschen Wortschatzes ganz und gar vergessen. Also nochmal: gut, dass es die Aktion Lebendiges Deutsch gibt.

Oder sollte man sagen: gut, dass es sie noch gibt? Denn die schwindenden Teilnehmerzahlen der Aktion, auf die Mike Seeger hier im letzten Monat schon hingewiesen hat und die sich ja auch diesen Monat wieder bestätigt haben, bereiten den Herren anscheinend große Sorgen. Man verlässt sich für diesen Monat nicht mehr darauf, dass überhaupt noch jemand mitmacht, sondern baut die gewünschten Vorschläge gleich in die Frage mit ein:

Was ist ein „Highlight“? Ein Höhepunkt, ein Glanzlicht? Wir bitten um Meinungen und Vorschläge.

2 Kommentare zu „Netzplauderei“

  1. Warum urteilt eigentlich eine “Jury” über die Vorschläge und nicht ein Schiedsgericht? :-)

  2. “Das geht ja eigentlich fast”, schreiben Sie zu dem Vorschlag netzplaudern für chatten. Aber eben auch nur fast: Solche Verbalkomposita gehen nämlich im Deutschen immer nur mit ein bisschen Mühe, weil ihre (Un-)Trennbarkeit echte Probleme bereitet. Wenn ich Staub sauge, staubsauge ich dann oder sauge ich Staub? (Von dem eher künstlichen Problem Zusammen-Getrennt-Groß-Kleinschreibung mal ganz abgesehen.) Wenn ich notlande, notlande ich dann oder lande ich not? Solche Beispiele gibt es ohne Ende. Wenn ich netzplaudere, plaudere ich deshalb weder Netz noch netzplaudere ich. Ich chatte. chatten fügt sich phonologisch und morphologisch nämlich nicht nur gut ins Deutsche ein, sondern sogar viel besser als der angeblich deutsche Übersetzungsvorschlag.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.