Erdbeereis und Jungfräulichkeit

Vorhin habe ich einen Trailer für einen Sat1-Film mit dem Namen Erdbereis mit Liebe gesehen. Der Film ist eher nichts für mich (schon allein, weil weder Sigourney Weaver noch Jack Nicholson darin mitspielen), aber ein feuriger italienischer Eismann sagt darin folgenden Satz zu seiner neuen deutschen Chefin: „Im Italienischen gibt es noch nicht einmal ein Wort für Diäteis!“

Diesen Satz fand ich aus zwei Gründen interessant. Erstens, weil ich mich frage, ob er wohl stimmt. Mein Italienisch ist sehr schlecht, aber mit ein bisschen Hilfe von Google Translate habe ich mir zusammengereimt, dass Diäteis auf Italienisch gelato di dieta heißen müsste. Und tatsächlich finden sich dafür nur ganze drei Google-Treffer, es gibt das Wort also tatsächlich nicht so richtig (ja, man kann es durchaus als Wort bezeichnen, obwohl es eigentlich aus drei Wörtern besteht, aber das soll uns heute nicht interessieren). Falls jemand ein besseres (und häufigeres) italienisches Wort für Diäteis kennt, wäre ich für einen Hinweis dankbar.

Der zweite interessante Aspekt des oben zitierten Satzes ist die Redewendung In Sprache X gibt es noch nicht einmal ein Wort für Y (oder Sprache X hat noch nicht einmal ein Wort für Y). In dieser Redewendung ist ja eine Art Alltagstheorie enthalten, dass Menschen zunächst ein Wort für etwas brauchen, bevor sie darüber nachdenken können. Wenn unser Eismann sagt „Im Italienischen gibt es noch nicht einmal ein Wort für Diäteis“, dann meint er damit ja so etwas wie „Die Italiener kennen nicht nur kein Diäteis, sie können sich noch nicht einmal vorstellen, was das sein soll“. Diese Alltagstheorie steckt auch hinter George Orwells Neusprech, einem totalitären Sprachsystem, in dem Wörter für unerwünschte Ideen wie Freiheit oder Gleichheit nicht existieren. So sollen die Menschen daran gehindert werden, über diese Ideen überhaupt nachzudenken. Die Alltagstheorie passt außerdem zum Mythos von den vielen Eskimowörtern für Schnee: dieser Mythos geht ja auch davon aus, dass die angebliche sprachliche Ausdifferenzierung des Schneevokabulars den Eskimos ein vertieftes Verständnis verschiedener Schneephänomene ermöglicht.

Tatsächlich ist das Verhältnis von Sprache und Denken wohl eher umgekehrt: wenn beispielsweise neue Technologien (wie Diäteis) in eine Sprachgemeinschaft eingeführt werden, schaffen sich die Sprecher schnell das dazugehörige Vokabular. Sie können also durchaus über Dinge nachdenken, für die sie keine Wörter haben — sonst würden sie ja gar nicht merken, dass ihnen ein Wort fehlt. Und das ist nicht nur bei neuen Objekten, Technologien oder Kulturpraktiken so, sondern auch bei vielen alltäglichen Dingen und Ereignissen, die wir alle kennen und über die wir reden können, für die wir aber keine Wörter haben. Douglas Adams und John Lloyd haben in ihrem Wörterbuch The (Deeper) Meaning of Liff (dt. Der (tiefere) Sinn des Labenz) auf nicht ganz ernstgemeinte Weise hunderte solcher mehr oder weniger vertrauter Ideen gesammelt und Wörter dafür erfunden (bzw. Ortsnamen dafür zweckentfremdet).

Drei Beispiele aus der englischen Originalausgabe:

Dipple (vb.)
To try to remove a sticky something from one hand with the other, thus causing it to get stuck to the other hand and eventually to anything else you try to remove it with.
Etwas Klebriges von der einen Hand mit der anderen Hand zu entfernen versuchen, wobei es an der anderen Hand kleben bleibt, und schließlich auch an allem anderen, mit dem man es zu entfernen versucht.

Lingle (vb.)
To touch battery terminals with one’s tongue.
Die Pole einer Batterie mit der Zunge berühren

Stibbard (n.)
The invisible brake pedal on the passenger’s side of the car.
Das unsichtbare Bremspedal auf der Beifahrerseite des Autos

Wenn man im Internet nach den Wörtern „nicht (ein)mal ein Wort für“ sucht, findet man übrigens eine Unzahl von potenziellen Sprachmythen, die jeder für sich einen eigenen Beitrag wert wären. Ich nenne hier einfach drei Behauptungen, die mir besonders gut gefallen und die garantiert alle keinerlei Bezug zur sprachlichen Realität haben:

  1. Ich habe von einem afrikanischen Eingeborenenstamm gelesen, in dem es nicht mal ein Wort für „Ich“ gibt. Eine Gruppe jagt, eine andere fischt, eine Gruppe macht Kleidung, und alles gehört allen. Sie haben aber den Vorteil, „alle“ zu kennen. [Die Gesellschafter]
  2. Bisher hatten die Finnen nicht einmal ein Wort für Amoklauf, Finnland hat eine sehr niedrige Kriminalitätsrate. [Westdeutsche Zeitung]
  3. Die Ehen sind monogam, vor der Ehe genießen aber Männer wie Frauen sexuelle Freizügigkeit. Ganz ungewöhnlich für Moslems und eigentlich auch für Christen: Es wird keine Jungfräulichkeit von den Frauen erwartet. Es gibt in Tamaschek noch nicht mal ein Wort für Jungfräulichkeit. [http://www.wdr.de/tv/abenteuerglueck/mali_leben_familien.phtml]

Genaugenommen weiß ich nicht, ob diese Aussagen stimmen oder nicht. Aber eine Sprache, die das Pronomen ich nicht kennt? Wohl kaum. Und selbst wenn es in Finnland noch nie einen Amoklauf gegeben haben sollte, mussten sich finnische Kriminologen, Soziologen, Anthropologen und viele andere Berufsgruppen ja irgendwie über Amokläufe in anderen Ländern unterhalten können [Nachtrag (22:40): Konnten sie auch: siehe Kommentare 8 und 9]. Dass bei diesem oder jenem Naturvolk freie Liebe an der Tagesordnung ist und weiblicher Jungfräulichkeit keine Bedeutung beigemessen wird, ist eine hartnäckige Wunschvorstellung „zivilisierter“ Gesellschaften. Bestätigt haben sich solche Behauptungen nie.

17 Kommentare zu „Erdbeereis und Jungfräulichkeit“

  1. Ich würde sagen, niemand geht davon aus, dass eine Ausdifferenzierung des Schneevokabulars den Eskimos ein vertieftes Verständnis verschiedener Schneephänomene ermöglicht. Man geht natürlich davon aus, dass sie das Vokabular haben, gerade weil Ihre Umwelt sie zu einem vertieftes Verständnis zwingt. Im Übrigen kann man natürlich Wörter erfinden, aber sie bleiben relativ nutzlos, solange sie niemand anderes verwenden möchte. Wenn den Italienern nun Diäteis keinen Gedanken wert ist, kann der Eismann noch so viele Wörter dafür erfinden, “das Italienische” wird trotzdem kein Wort dafür haben, genauso wenig wie für das unsichtbare Bremspedal (und ob eine Umschreibung ein Wort ist?).

  2. Und noch ein Nachtrag sei gestattet: Bei der Diskussion um die Wörter für Schnee habe ich das Gefühl, das zwei Seiten aneinander vorbei reden.

    Ich würde annehmen, dass kaum jemand bezweifelt, dass ein deutscher Geologe oder ein anderer Experte für Eis und Schnee genauso viele oder vielleicht noch viel mehr Arten von Schnee unterscheiden kann als ein Eskimo, aber wahrscheinlich geht es gar nicht darum, sondern vielmehr darum, dass der durchschnittliche Eskimo höchstwahrscheinlich mehr Arten von Schnee unterscheiden und benennen kann, als der durchschnittliche Deutsche, einfach weil er sich viel intensiver damit beschäftigt.

    Es wäre also möglich, dass es hier um den Unterschied zwischen Allgemeinwortschatz und Fachwortschatz geht.

    Der Vergleich leuchtet vielleicht ein, wenn man ein anderes Beispiel nimmt. Der durchschnittliche Muslim in Saudi-Arabien wird höchstwahrscheinlich für ein christliches Gotteshaus nur ein Wort kennen, genauso, wie ein durchschnittlicher Deutscher wohl nur das Wort Moschee für ein muslimisches Gotteshaus kennt. Man kann davon ausgehen, dass der Araber nicht Unterscheiden kann zwischen den Funktionen von Dom, Kapelle, Kathedrale, Münster, Pfarrkirche, Filialkirche, Klosterkirche und Basilika. Ebenso wird der Deutsche wohl nicht unterscheiden können zwischen der Moschee für Freitagsgebete, des kleinen Betraumes ohne Minarett und dem Gebäude mit Minarett oder der Moschee für einen Bezirk. Ich müsste in diesem Fall wohl Umschreibungen verwenden, weil das Deutsche entweder keine Wörter für diese Bauten hat oder sie dem durchschnittlichen Deutschen fremd sind. Man kann wohl davon ausgehen, dass das Arabische ebenfalls kein Wort für Münster hat oder dieses Wort dem durchschnittlichen Araber nichts sagen wird. Das schließt natürlich nicht aus, dass sich Experten in beiden Sprachen über alle Gebäudetypen unterhalten können.

  3. Diät- entspricht dem italienischen dietetico, also eher gelato dietetico als di dieta.

    Davon abgesehen sehe ich einen wahren Kern in der Redewendung “… haben kein Wort für…”. Natürlich bieten vermutlich alle Sprachen genügend Mittel, um aus dem Stegreif neue und den meisten Sprechern sofort verständliche Begriffe zu bilden, ob nun syntaktisch oder durch Ableitung und Komposition. Insofern haben sie ein Wort dafür. Aber was davon tatsächlich lexikalisiert wird, halte ich durchaus für beeinflusst von Lebenswelt und Mentalität der Sprecher. Ich kenne z. B. keine Sprache, in der ein ähnlich feststehendes Äquivalent zu “vorauseilender Gehorsam” existiert.

    [Kennen Sie das Buch “The Meaning of Tingo”? Eine sehr kurzweilige Sammlung von kuriosen Begriffen aus allen möglichen Sprachen, die sprachabhängigen, überraschenden Detailreichtum zeigen oder sonstwie schwer zu übersetzen sind. Nicht gerade wissenschaftlich, aber lesenswert.]

  4. A.T., Benjamin Lee Whorf, in dessen Werken der Schneemythos seinen Anfang nahm, hat in diesem Fall tatsächlich die vernünftige Auffassung vertreten, dass die Umwelt der Eskimos ein differenzierteres Schneeverständnis erzwingt und dass für dieses Verständnis dann ein Vokabular gefunden werden muss:

    Wir haben nur ein Wort für fallenden Schnee, Schnee auf dem Boden, Schnee, der zu eisartiger Masse zusammengedrückt ist, wässerigen Schnee, windgetriebenen, fliegenden Schnee usw. Für einen Eskimo wäre dieses allumfassende Wort nahezu undenkbar. Er würde sagen, fallender Schnee, wässeriger Schnee etc. sind wahrnehmungsmäßig und verhaltensmäßig verschieden, d.h. sie stellen verschiedene Anforderungen an unser Umgehen mit ihnen. Er benützt daher für sie und andere Arten von Schnee verschiedene Wörter. (B.L. Whorf, Sprache, Denken, Wirklichkeit)

    Allerdings ist es nicht schwer, Beispiele für Aussagen zu finden, bei denen dieser Kausalzusammenhang in der von mir beschriebenen Art umgedreht wird. Diese drei Beispiele habe ich in unter zwei Minuten gefunden:

    „Nach Whorf beeinflusst die Sprache die Wahrnehmung und das Denken (Weil die Eskimos so viele Wörter für Schnee kennen ist Schnee für sie so wichtig).“ [Link (PDF)]
    „In manchen Eskimosprachen gibt es über 20 verschiedene Bezeichnungen für Schnee, deshalb nehmen die Eskimos den Schnee auch differenzierter wahr als wir, für deren Lebenswirklichkeit er nicht diese Bedeutung hat. Da jede Sprache die Welt anders gliedert, verfügt jede Sprachgemeinschaft über ein anderes Bewusstsein von der Welt.“ [Link]
    „Die Inuit haben eine Unmenge von Wörtern, um die verschiedenen Formen von Schnee zu benennen. Wo wir mit wenigen Begriffen auskommen, verwenden sie viel differenziertere Begriffe. Damit ist auch ihre Wahrnehmung schon viel genauer und feiner. Zwei verschiedene Sprachen verkörpern demnach zwei verschiedene Weltsichten.“ [Link]

    Da wir beide vom Fach sind, würden wir diesen Denkfehler vielleicht nicht machen, aber viele Menschen machen ihn — deshalb würde ich von einer „Alltagstheorie“ sprechen.

    Der Einwand mit dem Unterschied von Fachsprache und allgemeinem Sprachgebrauch ist natürlich bedenkenswert (er spielt auch in der Diskussion zu diesem Beitrag eine entscheidende Rolle. Allerdings muss man hier zwischen Wörtern und ihren Definitionen unterscheiden. Das Beispiel mit dem Wortfeld Kapelle, Kathedrale, Münster, Pfarrkirche, Filialkirche, Klosterkirche und Basilika zeigt dies. Ich, als Muttersprachler des Deutschen, kenne alle diese Wörter. Ich bin aber nicht in der Lage, für ein einziges davon eine Definition zu liefern, die über „eine Art von Kirche“ hinausgeht (ich habe so eine Ahnung, dass Kathedralen größer sind, als Pfarrkirchen, aber wetten würde ich darauf nicht). Nun bin ich ein konfessionslos aufgewachsener überzeugter Atheist, aber ich würde vermuten, dass es auch vielen Christen nicht möglich wäre, den Großteil der Wörter genau zu definieren. Handelt es sich deshalb um fachsprachliche Begriffe? Meinem Sprachempfinden nach sind es Wörter der deutschen Allgemeinsprache, auch wenn ihre genauen Definitionen fachsprachlich sein mögen.

    Und ob der Begriff gelato di dieta, wenn er denn existierte, ein „Wort“ wäre, oder nicht, darüber könnte man sicher trefflich streiten. Ich behaupte einfach mal, dass es sich um eine Art Genitivkompositum handeln würde (Komposita haben ja auch im Deutschen häufig eine „umschreibende“ Anmutung.

     

    Blue Sky, danke für den Übersetzungsvorschlag für Diäteis, der es immerhin schon mal auf 300 Google-Treffer bringt.

    Im Englischen gibt es die Begriffe preemptive obedience und anticipatory obedience, die sich zwar häufig in Diskussionen über den deutschen Nationalsozialismus finden und somit sicher als Lehnübersetzungen zu betrachten sind, die sich aber nicht auf diese Kontexte beschränken. Allerdings bringen sie es gemeinsam nur auf knapp 1000 Google-Treffer, während es die verschiedenen Flexionsformen von vorauseilender Gehorsam auf über 100.000 Treffer bringen. Solche Häufigkeitsunterschiede sind m.E. tatsächlich ein guter Hinweis darauf, ob ein versprachlichtes Konzept fester Bestandteil einer Sprache ist (viel entscheidender als die Frage, ob etwas ein „Wort“ ist, oder nicht). Beim wahren Kern der Redewendung würde ich Ihnen zustimmen, aber dieser Kern („die Lebenswelt beeinflusst die Sprache“) ist ja nicht die Bedeutung. Das „nicht mal“ suggeriert ja, dass erst das Wort da sein muss, dass also die Sprache die Lebenswelt beeinflusst.

    Das erwähnte Buch werde ich mir auf jeden Fall einmal ansehen, aber der Klappentext („Did you know that in Germany a young man with suspiciously good manners is called Tantenverführer…“) lässt nichts Gutes ahnen…

  5. Kein Wort für “Ich”, das findet sich auch in: Georg W. Alsheimer: Vietnamesische Lehrjahre, 1968. Er gibt Beispiele wie man dann spricht, gruppenbezogen nämlich.

  6. Dirk, ich weiß nicht, auf welche Sprache sich Alsheimer da bezieht, aber wenn es das Vietnamesische ist, dann irrt er, wenn er sagt, dass es dort kein Wort für „ich“ gäbe (die Wikipedia weiß es wieder einmal besser). Allerdings scheint das Vietnamesische ein interessantes Proniminalsystem zu haben, in dem das Wort für „ich“ nicht häufig verwendet wird. Stattdessen wird dann mit Bezug auf hierarchische Verhältnisse gesprochen zu werden (das könnte man wohl als „gruppenbezogen“ bezeichnen).

  7. “Bergstämme”, mit der Genauigkeit hapert es da ein wenig. Alsheimer war als Arzt in Vietnam. Das Buch ist dennoch lesenswert.

  8. Übrigens gibts nicht nur im Finnischen, sondern auch im Deutschen kein Wort für “Amok”. Deshalb haben wir uns das Wort ja aus dem malaiischen ausgeliehen.

  9. Herr Hömig-Groß, richtig! Da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Das Finnische hat selbstverständlich ein Wort für Amok, nämlich das gleiche wie wir: amok. Amoklauf heißt auf Finnisch amok-juoksu, wörtlich „Amoklauf“. Der Eintrag dazu in der finnischen Wikipedia existiert seit Mai 2006, das Wort ist also keinesfalls durch die jüngsten tragischen Ereignisse in die Sprache eingegangen. Aber so entstehen Sprachmythen: die Welt schreibt am 8.11. „Für Amoklauf gab es in der finnischen Sprache nicht mal ein Wort“, und die Westdeutsche Zeitung und die Berliner Morgenpost schreiben es am 9.11. ab. Vermutlich finden wir diesen Mythos in ein paar Jahren in Managementseminaren anstelle des langsam etwas müde werdenden Schneemythos.

  10. Journalisten sind notorische Abschreiber, lernen wir daraus - und folglich pflanzen sich solche Fehler (wie ‘kein finnisches Wort für Amoklauf’) ewig fort. In der Geschichtswissenschaft war es zu meiner Studentenzeit üblich, in längere Arbeiten ein besonders prägnantes und plausibles Fake-Zitat einzuflechten, um dann lachend zu verfolgen, wie es durch alle Folgeveröffentlichungen seine Spur zog. Und was der Wissenschaft recht ist, muss dem Boulevard billig bleiben.

    Beim Mythos der fehlenden sprachlichen Ich-Konzepte würde ich eher auf eine bestimmte Zeit tippen, zu der ein Sekundärtext entstand, der so etwas behauptete: In diesem Fall irgendwo zwischen 1970 und 1990, dort war das Bedürfnis nach Kollektivität besonders ausgeprägt, ebenso wie das nach Beglaubigungen der Möglichkeit eines völlig kollektivierten Lebens in fremden Kulturen. Anders ausgedrückt: Wo der ‘neue Mensch’ gefordert wird, wird ‘das Ich’ verachtet.

    Der Whorf hatte schwer zu leiden unter den Leuten von der GTG-Front, die von angeborenen universalen Sprachkonzepten träumten. Ein gewisser Pullum ließ sogar ‘den großen Eskimovokabularschwindel’ 1991 platzen, indem er nachwies, dass auch der Eskimo gar nicht so viele Wörter für ‘Schnee’ kennt. Inzwischen ist Whorf - selber ja kein Linguist - wieder halbwegs rehabilitiert. Niemand würde bestreiten, dass die Sprache das Denken ‘limitiert’. Die Frage ist nur, wie sehr - und ob sich nicht jede Sprache das nötige Vokabular heranschafft, ist das Bedürfnis nach neuen Wortkonzepten erst einmal da. Notfalls eben durch Lehnwörter wie ‘Amok’ …

  11. Ich glaube, dass man eine Menge mehr denken als sagen kann - Intuition scheint ja nach neueren Forschungen real zu existieren und ist geradezu das Musterbeispiel dafür, dass man mehr weiß, als man, äh sozusagen: weiß. Genau so sieht man häufig irgendwo in Gesellschaft, Sport und Technik Zusammenhänge, ohne sie griffig benennen zu können. Amok ist dafür ein Beispiel; das Wort führt mehrere getrennt benennbare Aspekte zusammen und schafft einen neuen Begriff für ihr gemeinsames Auftreten.
    Wie sehr auch die Zusammenhänge bereits vorher im Kopf (also schon gedacht bevor gesprochen) sind, habe ich erst gestern wieder bemerkt, als ich das schöne Wort “Astroturfing” kennenlernte: Es fasst in einem - zudem wunderbar gewählten - Wort zusammen, wofür man sonst halbe Aufsätze schreiben müsste.
    Wie groß der Druck auf die Sprache ist, Wörter für neue Konzepte herbeizuschaffen, lässt sich z.B. im Wortistik-Blog der TAZ verfolgen.

  12. Ach ja, das Astroturfing - und sein Wahlspruch: “Trolle aller Länder, vereinigt euch!”

  13. Noch etwas: der “Amoklauf” an der Schule wird in den finnischen Medien eher mit koulusurma bezeichnet. koulu ist die ‘Schule’, das Verb surmata heißt ‘erschlagen’ oder einfach nur ‘umbringen’.

    “Amoklauf” wird offenbar nur in Deutschland für die school shootings gebraucht.

  14. Ich hätte in diesem Fall auch eher Schulmassaker als Amoklauf gesagt.

  15. M.W. ist es in vielen (süd)ostasiatischen Sprachen nicht obligatorisch, Satzteile zu nennen (oder durch Pronomina zu ersetzen). D.h. ein Satz ist etwa auch vollständig, ohne daß ein Subjekt durch Pronomen (oder Flexionssuffix) genannt wird, und in Kommunikationssituationen kann das dann vom Hörer erschlossen werden. Was das “Wort für ich” betrifft, so hat nach der Wikipedia das Vietnamesische nicht etwa keines, sondern eine ganze Skala; das ist damit verbunden, daß Höflichkeit nicht (nur) dadurch ausgedrückt wird, wie der Angeredete benannt wird, sondern durch die Wahl einer Selbstbezeichnung. (Ähnlich funktioniert es m.W. im Japanischen und anderen asiatischen Sprachen).

    Kuriosum zur Jungfräulichkeit: Die meisten Sprachen, die ich kenne, haben nur einen Terminus, der sich v.a. auf junge Frauen bezieht; das Tschechische unterscheidet dagegen sogar terminologisch zwischen der von Männern (panictví) und von Frauen (panenství).

  16. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr kommt es mir vor, als sei es nicht so wie die Westdeutsche Zeitung denkt, sondern genau umgekehrt: Wenn das Finnische das Wort “Amok” nicht verwendet, den Tatbestand aber beschreiben will, muss es ein eigenes Wort dafür schaffen. Darin sind die Finnen übrigens einsame Spitze - neue finnische Wörter zu entwickeln oder zu komponieren, um neue Tatbestände beschreiben zu können (Dieter E. Zimmer hat z.B. Computerbegriffe in mehreren Sprachen untersucht, das finnische verwendet die wenigsten englischen Begriffe von allen untersuchten Sprachen).
    Und im Deutschen ist es tatsächlich genau anders gelaufen: Weil es kein eigenes Wort gab und die Sprachschützer geschlafen haben, konnte sich hier ein undeutsches Wort festsetzen. Wäre also durchaus möglich, dass man dafür eines Tages ein deutsches sucht, in dieser, na wie heißt sie noch, ?-Aktion.

  17. Doch, es ist wirklich so: es gibt Naturvölker mit freier Liebe.
    Bei den Trobriandern, Inuit, Marquesanern, Muria, Moso, ……..
    Wahr ist lediglich, dass nicht ALLE Naturvölker freie Liebe kennen, sondern es auch Naturvölker mit sehr rigiden Sexualnormen gibt.
    Interessant ist für mich aber nicht die Frage, was nun “ursprünglicher”, “normaler”, “natürlicher”, … ist, sondern die, was wir daraus schließen können: während die Völker mit rigiden Sexualnormen meist sehr kriegerisch und hierachisch sind, sind freizügige Völker generell friedlich (vor allem aber zeigen sich bei ihnen nicht die schrecklichen Folgen, die in Deutschland für Kindersex prognostiziert werden). Hier verbieten wir also Dinge, die einfach unserer Norm widersprechen, obwohl eigentlich ein Gesetz nur Sachen verbieten sollte die nachweislich schädlich sind.
    Aber ich komme vom Thema ab: ob es nun solche Worte gibt, oder nicht, Fakt ist es gibt solche Völker und ich weiß nicht, warum sie Wörter für Dinge haben sollten, die ihnen nichts bedeuten. Umgekehrt würde ich es für problematischer halten, im Umkehrschluss von fehlenden Wörtern auf Umstände zu schließen.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.