Zeitwahl

Ich hätte es mir natürlich denken können: man lobt Herren von der Aktion Lebendiges Deutsch ein einziges Mal — schon werden sie übermütig. Eine Eindeutschung für das englische Lehnwort Timing war letzten Monat gesucht. Ich hatte vorhergesagt, dass dies schwierig werden würde. Und tatsächlich haben die vier Selbstgerechten voll daneben gegriffen:

Unter den Vorschlägen des Vormonats für das Suchwort „Timing“ hat sich die Jury für „Zeitwahl“ entschieden.

Wie die Jury im letzten Monat richtig beobachtete, bezeichnet das Wort Timing in etwa „die Kunst, den richtigen Zeitpunkt zu wählen“. Das Wort Zeitwahl suggeriert aber eher die Wahl eines bestimmten Zeitabschnitts. Ich gebe ja zu, dass das semantisch angemessenere Wort Zeitpunktwahl irgendwie holprig klingt, aber schließlich hat niemand die Herren gebeten, das schöne Timing zu ersetzen.

Außerdem haben die Vier mal wieder vergessen, darauf zu achten, ob das von ihnen gewählte Wort eventuell bereits vergeben ist. Hier ist das der Fall. Für die oben erwähnte logische Bedeutung „Auswahl eines Zeitabschnitts“ finden sich zahllose Beispiele im Internet, z.B.

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Aus dem Deutschen Universalwörterbuch des Dudenverlags erfahren wir außerdem, dass das Wort eine „Methode der Empfängnisverhütung, bei der die Phasen der natürlichen Unfruchtbarkeit der Frau genutzt werden“ bezeichnet (übrigens eine hervorragende Methode — ich kenne viele sehr süße Kinder, die auf diese Art entstanden sind).

Falls der Vorschlag der Aktion Lebendiges Deutsch sich also wider Erwarten durchsetzen sollte, wäre die deutsche Sprache ein Stück ärmer. Sie hätte ein eindeutig definiertes und leicht auszusprechendes Lehnwort verloren und ein bereits existierendes Wort müsste eine zusätzliche Bedeutungslast tragen.

Für diesen Monat suchen die Vier übrigens eine Alternative für das Wort chatten. Ich wage nicht, ein konkretes Wort vorherzusagen, aber in einem bin ich mir sicher — die allgemeine Ablehnung, die die Sprachpfleger typischerweise allen Errungenschaften der globalisierten Welt entgegenbringen, wird sich in Vorschlägen niederschlagen, die die bezeichnete Aktivität ins Lächerliche ziehen.

10 Kommentare zu „Zeitwahl“

  1. Ist zwar hier vielleicht der falsche Ort, aber mein Vorschlag für chatten ist: worten. Das ist so doof, das könnten sie nehmen …

  2. to chat - plaudern? Interessanterweise haben wir den Amis hier was voraus. Denn im Englischen gibt es soweit ich weiß keine gesonderte Bezeichnung für das “Chatten”.

  3. Ich tipp mal auf Plaudern.

    Pax

  4. Ja, “Plaudern” wird es wohl werden … ist aber wie immer, oder? Wir Deutschen können durch die Verwendung des Fremd- bzw. Lehnworts zwischen technologisch verschiedenen Bedeutungen unterscheiden, während Englisch-Muttersprachler das nicht können … und dann wollen manche uns diesen Vorteil wieder aus der Hand nehmen …

  5. Also, wenn schon “plaudern” ein ein ernsthafter Kandidat sein soll, dann kann man doch gleich “sprechen” nehmen. Ich will den Teufel ja nicht an die Wand malen, aber wenn das noch 500 Jahre so weitergeht, besteht die deutsche Sprache nur noch aus einem einzigen Wort. Und wer ist schuld? Natürlich ihre selbst ernannten Bewahrer. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde!

  6. ‘Plaudern’ wär albernst - dann bräuchte ich einen ganzen Satz, um zu sagen, dass ich chattete. Differenzierungsmöglichkeiten nehmen, ist fies. Der VDS hat bereits dies in seiner Datenbank: “Diskutieren (schriftlich im Netz), reden, plaudern, quasseln, quatschen, schwatzen, tratschen”. Das reicht nicht aus: “Ich quatschte schriftlich im Netz mit Sabine”, könnte z.B. ein Forum meinen. Chatter heißen im “Anglizismen-Index” übrigens: “Netzplauderer, Netzschwätzer, Plaudertasche.” Wertung soll sein. Die Schwatzbuden des Internet (90er), die Klowände…

  7. Nachtrag: Wertung natürlich im Dienste der korrekten Übersetzung. (Worum es nicht geht, wenn man ein Wort für etwas sucht, für das man keins zu haben glaubt.)

  8. Schaut man sich die Teilnehmerzahlen der Aktion an, wird sehr schnell klar, wohin die Aktion (ver)läuft: im Sande.
    November 06: 1066
    Juni 07: 385
    Juli 07: 792 (Ausrutscher?)
    August 07: 429
    Sept. 07: 300
    Nov. 07: 280
    Mein persönlicher Eindruck ist, dass sich die Herren langweilen und deshalb die albernsten Vorschläge wählen. Vieleicht sollte man sie ein anderes Wort für “Jury” finden lassen. Ist ja auch kein lupenreines Deutsch.

  9. Ich erinnere mich mit Grausen an eine Ausgabe der Sendung Christiansen zum Thema Sprachschutz in der sich alle vier Diskutanden (darunter ein Knilch von der Gesellschaft für deutsche Sprache und der unsägliche Feridun Zaimoglu) einig waren, dass unsere heilige Sprache geschützt werden müsse (eine wirkliche Diskussion kam irgendwie nicht auf).
    Das Wort “chatten” wurde gemeinsam für schlecht befunden, mit der Begründung, dass Deutsche dieses Wort mit einem weichen sch-Laut aussprechen und das Wort so der Vergangenheitsform von “to shit” ähneln würde (ausserdem ist es natürlich ein böser Anglizismus)… Als Alternative zu “chatten” wurde “sich im Internet unterhalten” präsentiert und alle versicherten sich gegenseitig ihrer Meinung dass dies eigentlich der angemessenere Ausdruck wäre.
    Ein Kommentar dazu ist wohl überflüssig.

  10. Das zwischenzeitlich „gefundene“ Ergebnis netzplaudern ist natürlich unsinnig, wenigstens aber anachronistisch, denn natürlich hießen die Chats auch im Englischen zunächst näher qualifiziert web chat oder internet relay chat (IRC), aber im entsprechenden Kontext tut es eben to chat wie es im Deutschen plaudern o.ä. täte (die entsprechende Tätigkeit im physischen Leben wird m.M. regional sehr unterschiedlich benannt).

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.