Sinnesfreuden (III)

In der letzten Woche haben wir die Behauptung von Bastian Sick und anderen diskutiert, dass Sinn machen deshalb „ungrammatisch“ sei, weil machen nicht mit abstrakten Substantiven gebraucht werden könne. Wir haben gesehen, dass das schlicht falsch ist: jemand oder etwas kann Spaß, Freude, Laune ebenso machen, wie Lust (auf mehr), Appetit, Angst, Sorgen, Mut, Hoffnung, Kopfzerbrechen, etc.

Aber daraus folgt natürlich nicht automatisch, dass alle abstrakten Substantive mit machen verwendet werden können. Sick sieht zusätzlich ein quasi-logisches Problem :

[Sinn] ist entweder da oder nicht. Man kann den Sinn suchen, finden, erkennen, verstehen, aber er lässt sich nicht im Hauruck-Verfahren erschaffen.

Und diese Behauptung wird immer wieder gedankenlos übernommen.

Aber davon wird sie natürlich nicht richtiger. Gehen wir das Ganze zunächst auf einer philosophischen Ebene an. „Sinn ist entweder da oder nicht“ — damit zeigen Sick und seine Anhänger eigentlich nur, dass sie in überholten Philosophien stecken geblieben sind — im Objektivismus, Essentialismus, oder irgendeiner anderen Weltsicht, die ernsthaft davon ausgeht, dass Sinn in den Dingen selbst steckt.

Aber das tut er natürlich nicht. In den modernen Kognitionswissenschaften geht man davon aus, dass Sinn erst im Kopf desjenigen entsteht, der etwas wahrnimmt — das unser Gehirn Sinn im wahrsten Sinne des Wortes herstellt.

Sie brauchen das nicht mir zu glauben. Ich zitiere hier einfach meinen Bremer Kollegen, den Hirnforscher Gerhard Roth. Und der weiß nun wirklich, wovon er redet, er ist nämlich promovierter Philosoph und promovierter Biologe und eine international anerkannte Koryphäe auf seinem Gebiet (mit anderen Worten: er ist klüger als Sick und ich zusammengenommen):

Das Gehirn „erschafft“ alles. Bedeutung…

Wenn ich zu Ihnen spreche, so produziert mein Mund Serien von Schalldruckschwankungen, die an Ihr Ohr dringen und als solche keinerlei Bedeutung haben. Die Bedeutung dessen, was ich sage, wird ausschließlich in Ihrem Gehirn erzeugt; Bedeutung kann grundsätzlich nicht übertragen werden. ((Vortrag vor dem niedersächsichen Landtag, 2000).

… und alle unsere Wahrnehmungen …

Das Gehirn erzeugt das, was wir sehen, hören, fühlen, schmecken, Bewusstsein, Gefühle … (Vortrag an der FU Berlin, 2002)

… und die Wirklichkeit selbst:

Wirklichkeit ist die einzige Welt, die wir erfahren können. Wir haben erlebnismäßig keine zwei Welten, wir leben in einer Welt. Aber wir stellen fest, dass diese Wirklichkeit von einem Gehirn erzeugt wird. (Interview im advaitaJournal, 2003).

Man kann Sinn also nicht nur erschaffen, man muss Sinn erschaffen, und zwar wortwörtlich.

Aber natürlich ist es eigentlich völlig ohne Belang, ob man Sinn „tatsächlich“ erschaffen kann oder nicht. Denn die Sprache folgt ja nicht immer der Logik der äußeren Welt, erst Recht nicht, wenn es um Redewendungen geht. Wenn ich sage, dass mir jemand gestohlen bleiben kann, rede ich ja nicht über Diebstahl und Menschenhandel, sondern über ein Gefühl der Abneigung. Wenn ich sage, dass jemand kein heller Kopf ist, rede ich nicht über Lichtverhältnisse in seinem Schädel, sondern über seinen Mangel an Intelligenz. Und so weiter. Menschliche Sprachen sind durchsetzt von solchen Metaphern, und das „Erschaffen“ von Sinn wäre eben nur eine weitere solche Metapher, wenn es nicht zufällig der neurologischen Realität entspräche.

Das häufig als Alternative zu Sinn machen empfohlene Sinn haben ist ja auch eine Metapher. In seiner Grundbedeutung drückt haben so etwas wie ein Besitzverhältnis aus: Ich habe kein Geld, Sie hat vier Kinder, usw. Wenn wir zum Beispiel davon sprechen, dass eine Diskussion keinen Sinn hat, ist das ja kein Besitzverhältnis im wörtlichen Sinne, denn eine Diskussion kann nichts besitzen und Sinn kann nicht besessen werden.

Ähnliches gilt für Sinn ergeben: ursprünglich kommt es natürlich von geben, aber seine heutige Grundbedeutung ist so etwas wie „zum Vorschein bringen“ (z.B. Umfrage ergibt: Anglizismen doch nicht unbeliebt oder Ihre Suche ergab keine Treffer) oder „zum Entstehen von etwas führen“ (Zwei plus vier ergibt sechs, Ihr Rentenanspruch ergab sich aus dreißig Jahren Berufstätigkeit oder Die Vermischung von Eigelb und Öl ergibt Mayonnaise). Nun ist Sinn ja kein Gegenstand, der zum Vorschein kommen könnte, und auch keine Substanz, die zu etwas Neuem verarbeitet werden könnte. Sinn ergeben ist also ebenfalls eine Metapher. Interessanterweise überlappt sich die Bedeutung von ergeben sogar mit der von machen, wie man daran sieht, dass zwei und vier sechs ergeben aber auch sechs machen können. Den Ausdruck Sinn machen wegen seiner Metaphorik abzulehnen und stattdessen Sinn ergeben anzubieten ist also höchst inkonsequent.

Schließlich ist die Metapher (oder, wenn man die beschriebenen neurologischen Fakten berücksichtig, die Tatsachenbeschreibung vom „Sinn erschaffen“) höchst produktiv. Man findet nicht nur Ausdrücke wie Sinn erzeugen, Sinn produzieren, Sinn schaffen, Sinn schöpfen, usw., sondern man findet auch Verwendungen von Sinn machen, die unabhängig von der heutigen Redewendung entstanden sind (von Wilamowitz-Moel-Lendorff, Ulrich [1916]: Die Ilias und Homer. Berlin, Weidmannsche Buchhandlung):

Sinn machen 1916

Dass Sick und seine Anhänger sich den Ausdruck Sinn machen herausgegriffen haben, um darauf herumzuprügeln, liegt einzig und allein daran, dass es sich (scheinbar oder tatsächlich) um einen „Anglizismus“ handelt, und nicht etwa daran, dass die Redewendung sich nicht in die Grammatik und die metaphorische Bilderwelt der deutschen Sprache einfügte.

Das Vorhandensein der Metapher (oder wörtlichen Beschreibung) von der „Sinnproduktion“ in der deutschen Sprache hat aber eine interessante Konsequenz für Spekulationen über die Herkunft der Redewendung Sinn machen: sie muss nämlich nicht unbedingt aus dem Englischen stammen. So plausibel eine solche Übernahme scheinen mag, die deutsche Sprache hätte alle Voraussetzungen, um die Redewendung unabhängig zu erschaffen.

Die ganze Serie
Sinnesfreuden: Erster Teil
Sinnesfreuden: Zweiter Teil
Sinnesfreuden: Dritter Teil
Sinnesfreuden: Vierter Teil
Sinnesfreuden: Fünfter Teil

11 Kommentare zu „Sinnesfreuden (III)“

  1. Wie wäre es mit einem Watchblog für den Herrn, einem ‘Sick Blog’ …?

  2. Oder ein “Sick of Sick-Blog”…?

    “Sick und seine Anhänger” finde ich übrigens sehr schön. Sehr überzeugend klingen Ihre Ausführungen, vielen Dank für diese Erhellung. Ich muss mir jetzt nur wieder mühsam mein schlechtes Gewissen abgewöhnen, dass ich immer noch jedes Mal bekomme, wenn ich “Sinn machen” verwende, aber auch das krieg ich noch hin…um einmal schönes Deutsch zu verwenden…

  3. Stimmt, von Roth habe ich auch mal einen Vortrag gehört. Also ist „Sinn machen“ nicht nur genauso logisch, wie „Sinn haben“, sondern sogar viel logischer? Dann benutze ich das jetzt auch wieder!

  4. Chat Atkins, ich habe darüber auch schon einmal nachgedacht, aber dann entschieden, dass Sick das nicht verdient. Denn erstens würde man ihn damit über Gebühr wichtig dastehen lassen und zweitens sollte man wohl einzelne Personen nicht zum Ziel von so etwas machen. Ein VDS-Watchblog, ja, das wäre etwas anderes. Da wäre ich dabei, und Sick als VDS-Mitglied könnte man zu gegebenen Anlässen mit abhandeln.

    Ich finde es übrigens schade, dass Sick sich nicht so richtig entscheiden kann, was er eigentlich will. Ab und zu schreibt er ja mal ganz amüsante, entspannte Beobachtungen auf, dann wieder ist er uninformiert aber oberlehrerhaft und dann auch gerne mal mehr oder weniger versteckt diskriminierend (ich würde gerne Beispiele geben, aber seine Beiträge für den Zwiebelfisch verschwinden ja leider immer relativ schnell von der Webseite, so dass es sinnlos wäre, sie zu verlinken).

  5. “Dass Sick und seine Anhänger sich den Ausdruck Sinn machen herausgegriffen haben, […], liegt einzig und allein daran, dass es sich (scheinbar oder tatsächlich) um einen „Anglizismus“ handelt, und nicht etwa daran, dass die Redewendung sich nicht in die Grammatik und die metaphorische Bilderwelt der deutschen Sprache einfügte.”

    Das ist schlicht falsch, da Sick selber prognostiziert “Sinn machen” würde in ein paar Jahren als Redewendung in die d. Sprache integriert sein.
    Was aber wichtiger ist: Es geht gar nicht darum ob sie sich einfüge oder nicht. Es geht darum, daß diese Redewendung überflüssig ist; sie muß nicht aus einer anderen Sprache importiert werden, sie existiert bereits im Deutschen in der Form “Sinn ergeben”. (Bzw. führ Sick noch andere Formen auf, wie wäre es mal nicht 1. falsch und 2. selektiv zu zitieren?)

  6. Es geht darum, daß diese Redewendung überflüssig ist;

    Omit needless!

  7. Daß es logisch erscheinen mag, macht es nicht unbedingt zu gutem Deutsch und führt auch nicht dazu, daß es notwendig ist, sich ein schlechtes Gewissen ab- oder diesen Ausdruck wieder anzugewöhnen.

  8. Ich möchte noch anfügen, daß ich zum Zeitpunkt meines letzten Kommentares Teil 4 und 5 noch nicht gelesen hatte und nur auf die Logik hinweisen wollte.

  9. Ich möchte – etwas verspätet – noch anmerken, dass mich dieses angebliche “Logikargument” stets deshalb fasziniert hat, weil in den Ländern, in denen Englisch gesprochen wird, offensichtlich eine andere Logik herrscht.

    Irre, Sick findet das Paralleluniversum!

  10. Ich muss schon ein bisschen seufzen, als Philosoph … Die Argumentationslinie finde ich gelungen, aber sich auf Gerhard Roth zu beziehen, finde ich kritisch:

    1. Gerhard Roth und die moderne Hirnforschung sind zwar sehr in Mode, aber nicht unumstritten.

    2. Die Wende, die Sie hier beschreiben (der Sinn wird vom Menschen in die Dinge hineingelegt und nicht andersherum), ist nicht von Roth, sondern von einem der bedeutendsten Philosophen des Abendlandes (wenn nicht dem bedeutendsten nach Platon) vollzogen worden: Immanuel Kant. Und das immerhin spätestens 1781. Unter der mehr oder weniger offiziellen Bezeichnung “Kants Kopernikanische Wende” ist sie in die Philosophiegeschichte eingegangen. Dass sie bei Sick noch nicht angekommen ist, ist sehr schade.

    Vielleicht könnte Herrn Sick ja das hier weiterhelfen: http://www.br-online.de/br-alpha/kant-fuer-anfaenger/kant-vernunft-kopernikanische-wende-ID661188595422.xml

    Amüsant, wie die Hirnforscher alte Erkenntnisse als neu verkaufen. Leider mangelt es Gerhard Roth an schlüssigen Beweisen für seine Behauptungen (er macht einen Kategorienfehler, aber das führte jetzt zu weit), Kants Argumentation dagegen ist weitgehend konsistent, in der Philosophiegeschichte jedenfalls ausführlich beleuchtet.

  11. Dass Sinn erst im Kopf des Betrachters entsteht, hat mit der Redewendung nichts zu tun, denn es geht darum, ob etwas Sinn machen kann, nicht darum, ob jemand Sinn machen, also erzeugen, kann. Dieser Einwand gilt auch gegen das Beispiel von Wilamowitz-Moellendorf, der davon spricht, dass Homer einen Sinn mache (und nicht etwa: dass Homers “Odyssee” Sinn mache). Check this out.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.