Beim Geld hört die Freundschaft auf

Wer sich nicht nur für Sprache, sondern auch für Sprachen interessiert, der ist bei einem der Urgesteine der Sprachblogs, Languagehat, bestens aufgehoben. Betrieben wird es von einem neiderregend gut belesenen Polyglot mit einem Faible für Hüte, der täglich über die unterschiedlichsten sprachlichen und kulturellen Aspekte von Romanen und deren Autoren, Kuriositäten rund um Sprachen und deren Sprecher, die Herkunft und Entwicklung von Wörtern und vieles mehr schreibt.

Gestern schrieb er über diese Geschichte auf BBC.co.uk, die von einem Streit darüber handelt, wer entscheiden darf, wie das junge EU-Mitglied Bulgarien den Namen der gemeinsamen Währung zu schreiben hat.

Die Europäische Zentralbank ist der Meinung, dass Bulgarien (und wohl auch andere zukünftige Mitglieder, die das kyrillische Alphabet verwenden) die Schreibweise ЕУРО/еуро verwenden sollten. Das Problem ist, dass diese Schreibweise nicht der Aussprache des Wortes in den slavischen Sprachen entspricht, die eher evro lautet und ЕВРО/евро geschrieben wird. Diese Schreibweise wird von Bulgarien gefordert und man will keine Verträge unterschreiben, in denen das Wort nicht so geschrieben ist.

Die Europäische Zentralbank beharrt auf ihrer Schreibweise:

The European Central Bank insists that the name of the common currency must be the same in all the official languages of the EU although the existence of different alphabets should be taken into account.
Die Europäische Zentralbank besteht darauf, dass der Name der gemeinsamen Währung in allen Amtssprachen der EU gleich geschrieben werden muss, wobei der Existenz unterschiedlicher Alphabete Rechnung getragen werden muss.

Languagehat äußert hierüber nachvollziehbaren Unmut:

What does “taken into account” mean if not “let them use their own goddam alphabet”? What the hell is wrong with bureaucrats? “Sorry, the Greeks get to write ‘evro’ in their alphabet but you don’t get to in yours, because, well, they’re Greeks and you’re Bulgarians.”
Was soll “Rechnung tragen” bedeuten, wenn nicht “Lasst sie ihr eigenes gottverdammtes Alphabet verwenden”? Was zum Teufel ist mit den Bürokraten los? “Tut uns leid, aber die Griechen können ‘evro’ in ihrem Alphabet schreiben, aber ihr dürft das in eurem nicht tun, weil, naja, sie sind Griechen und ihr seid Bulgaren.”

Der Ärger ist verständlich, aber das Problem ist etwas komplexer. Die Griechen verwenden die Schreibweise ΕΥΡΩ/ευρω, die ja sogar auf den Banknoten neben dem lateinischen Alphabet zu sehen ist. Das ist gleichzeitig eine direkte Transliteration (eine Übertragung Buchstabe für Buchstabe) der lateinischen Form EURO/euro, und es entspricht in etwa der Aussprache des Wortes im Griechischen. Die Aussprache des Wortes in den slawischen Sprachen wäre aber, wie oben gesagt, besser duch die kyrillische Schreibweise ЕВРО/евро wiedergegeben, die eben mit der von der EZB geforderten buchstabengetreuen Transliteration nicht übereinstimmt.

Ich frage mich allerdings, warum der Name der Währung in allen Sprachen der gleiche sein muss. Warum kann die sonst mit fast religiösem Eifer vielsprachige EU nicht jedes Land seine eigene Schreibweise wählen lassen? Und diese Schreibweisen könnten sich dann sogar alle auf den Banknoten wiederfinden. Das wäre ein viel spannenderes Motiv als die imaginären Bauwerke, die derzeit darauf zu sehen sind, und es würde der sprachlichen und kulturellen Vielfalt der Europäischen Union auch viel besser gerecht werden.

7 Kommentare zu „Beim Geld hört die Freundschaft auf“

  1. Herr Stefanowitsch,

    die Namensfindung war schon schwierig genug. Was soll man denn mit einer einheitlichen Währung wenn jeder draufschreibt was er will? Da hätt man ja genausogut bei dem System des ECU bleiben können. Der Euro soll Stabilität und Vertrauen eben dadurch erlangen, dass er möglichst einheitlich aussieht.
    Deshalb war die Namenswahl doch so schwierig und umkämpft. Und letztendlich ein (imo guter) Kompromiss.
    Ich hätte nie gedacht, dass ich mal die Sturheit der EU-Bürokraten verteidige. ;-)

    Pax

  2. “wobei der Existenz unterschiedlicher Alphabete Rechnung getragen werden muss.”

  3. @buntklicker: Ist korrigiert, danke für den Hinweis!

    @corax: Ja und nein. Natürlich soll die Wahl des Namens für die Währung nicht völlig beliebig sein. Aber der Name ist ja (nicht besonders originell) einfach ein Kurzwort auf der Grundlage des Wortes Europa/Europe. Warum sollen also nicht alle Mitgliedsstaaten diesen Wortbildungsprozess in ihrer jeweiligen Amtssprache nachvollziehen dürfen, denn sie werden ja alle ein Wort für „Europa“ haben? Darüber hinaus gibt es ja das Symbol €, das im Zweifelsfall Klarheit schaffen kann.

  4. Herr Stefanowitsch,

    ich habe jetzt nochmal darüber nachgedacht, und mir einen Geldschein
    nochmals genauer angesehen und komme zu dem Ergebnis: ja und nein.
    Auf den Geldschein passt neben dem lateinischen und grichischem
    durchaus auch das kyrillische EURO mit drauf. Es steht dort ja auch
    neben EZB noch BCE, ECB, EKT, EKP mit drauf, sollte also
    kein Problem sein. Ich ändere von daher also meine Meinung.

    Zu Ihrem Kurzwort, da haben Sie in diesem Falle natürlich
    unbestreitbar recht, bloß was wäre wenn man ein Kunstwort wie ATTA,
    OMO oder AXA gewählt hätte, das als eigenständige Marke fungieren
    soll?

    Nachdem ich meine Meinung nun geändert habe frage ich mich bezüglich
    der Sturheit Bulgariens aber folgendes, gewissermaßen als Teufels
    Anwalt:
    Angenommen Spanien, Frankreich, Vereiniges Königreich und Deutschland
    gründen ein Konsortium zum Bau eines gemeinsamen Flugzeuges und sind
    nach einigen Jahren weltweit wirtschaftlich sehr erfolgreich und machen sogar
    den USA Konkurrenz. Dann kommt ein ehemals sozialistisches Land das
    noch wenig indistrualisiert ist und möchte sich beteiligen. Es würde
    gerne die Reifen produzieren. Dies würde seine Wirtschaft einen großen
    Schritt voranbringen. Das Konsortium berät sich und ist
    einverstanden. Man benötigt den neuen kleinen Partner nicht unbedingt
    aber ein zusätzliches Standbein kann auch nicht schaden. Bei den
    Vertragsverhandlungen besteht der Aspirant aber vehement darauf, daß
    künftig auf allen Produkten und Publikationen zusätzlich
    LUFTPERSONENTRANSPORTER stehen soll. Was glauben Sie würde passieren?

    Pax

  5. Corax, mit einem ein Kunstwort hätte man sicher viele Probleme vermeiden können — vor allem hätte man nicht den Namen eines ehrwürdigen Kontinents und Kulturraums als Namen für eine Währung missbrauchen müssen…

    Zu Ihrem Beispiel mit dem Flugzeug: Wenn das Wort für „Flugzeug“ in der Sprache des neuen Mitgliedslandes Luftpersonentransporter wäre, würde ich doch sehr hoffen, dass man es in den Publikationen, die in dieser Sprache verfasst sind, auch verwenden würde. Das ist in meinem Beitrag vielleicht nicht deutlich geworden: Bulgarien ist ja nicht Teil der Eurozone und verlangt auch nicht, dass das bulgarische Wort auf den Banknoten oder in allen Verträgen verwendet wird. Man möchte dort nur, dass in Verträgen in bulgarischer Sprache auch das bulgarische Wort verwendet wird, und nicht ein Kunstwort der EZB.

  6. Herr Stefanowitsch,

    ich hatte das tatsächlich missverstanden. Ich dachte die Bulgaren wollten Evro auf den Euroscheinen gedruckt haben. Jetzt hab ich es begriffen es geht um schriftliche Verträge. Das ist natürlich völlig lächerlich einem Vertragspartner vorzuschreiben wie er etwas in seiner Sprache zu buchstabieren hat insbesondere wenn er ein anderes Alphabet hat.

    Mein Beispiel bezog sich auf den Namen Airbus als Markenname da schreibt ja auch keine deutsche Firma “Luftbus” oder “Lufttransporter” drauf. Aber wie andere das Ding in ihrer eigenen Sprache nennen kann einem doch ziemlich egal sein.

    Da hätten die Herren mal vorher drüber nachdenken sollen bevor man so einen Unsinn verzapft.

    http://www.euractiv.com/de/euro/bulgarien-evro-statt-euro/article-159598

    Pax

  7. Bin der selben Meinung! Die Länder müssen in ihrer sprachlichen und kulturellen Vielfalt bleiben, so kann man sie besser unterscheiden und es gibt nichts Böses, wenn man etwas Neues erlernen kann, zum Beispiel, wie man auf Bulgarisch “Euro” schreiben muss, es ist nicht so schwer!

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.