Presseschau

Die Reutlinger Nachrichten liefern diese Woche ein Argument für die Reinhaltung der deutschen Sprache, auf das ich nie gekommen wäre. In einem Artikel über Einwanderinnen, die „nochmal in die Schule [gehen] - „obwohl sie Wasserbauingenieurinnen oder Ärztinnen sind“ (gemeint sind dabei Deutschkurse), findet sich folgendes Kleinod:

„Sie sind alle sehr motiviert“, berichtet Lehrerin Karin Wegner. Keine Hausaufgabe ist ihnen zu viel. Sie möchten gezielt alltagsrelevante Themen wie Familie, Kinder, Schule, Wohnung, Einkauf lernen und wichtige Telefonate führen können. Vor allem die vielen Anglizismen im modernen Sprachgebrauch sind Hindernisse für das Verstehen, denn viele von ihnen haben nie Englisch gelernt.

Aber sie haben ja auch nie Deutsch gelernt — die noch viel größere Zahl an deutschen Wörtern im modernen Sprachgebrauch dürfte also auch ein ziemliches Hindernis darstellen. Da bleibt eigentlich nur eins: weg mit allen Wörtern! Das Deutsche wäre dann sehr viel leichter zu erlernen. Die Kursleiterin möchte so weit allerdings nicht gehen:

„So müssen neben den deutschen nun auch noch einige englische Vokabeln wie Flat-rate, Handy, Call by call samt ihrer Aussprache gelernt werden“, erzählt Wegner.

Ich nehme an, es müssen auch lateinische Wörter wie Doktor, Patient, Form, Insel, Kultur, Laune, Motor, Nummer, Pille, Reis, Tempo und Video samt ihrer Aussprache gelernt werden. Wäre das nicht auch einen Artikel wert?

Sinnvolles zum Thema Anglizismen findet sich dafür im Tagesspiegel, der ja häufig eine Stimme der Vernunft in der Berichterstattung über Sprache ist. In einem interessanten Interview mit einem Kollegen aus Berlin, dem Anglisten Holden Härtl, kommt die Sprache auf das Unvermeidliche:

Viele scheinen sich daran zu stören, dass unsere Sprache mit Anglizismen durchwoben ist.

Mich persönlich stört das nicht, das hat aber nichts damit zu tun, dass ich Anglist bin. Ich glaube an natürliche Sprachentwicklung. Es ist ja gerade eine Eigenschaft von Sprache, produktiv zu sein. Sie lebt eben auch durch Hinzufügen von Wörtern aus anderen Sprachen. Es wird relativ schnell unterstellt, eine Sprache könnte dadurch aussterben oder sich dramatisch verändern. Das tut sie aber nicht. Die Grammatik bleibt die gleiche. Wenn man den Begriff Sprache an Grammatik knüpft, stirbt eine Sprache durch Hinzufügen neuer Wörter natürlich nicht aus.

Härtl spricht dann auch noch über den Zusammenhang von Sprache und Denken, ich empfehle ausdrücklich, das ganze Interview zu lesen.

Aber wer Anglizismen nicht mag, kann ruhig schlafen. Anglizismenjäger Bastian Sick hat scheinbar Verstärkung bekommen. Die Frankfurter Rundschau schreibt:

Auch Bernhard Sick („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“) ist mit einem neuen Buch unterwegs und rät auf Nachfrage gerne von überflüssigen Anglizismen ab.

Vielleicht der Bruder?

4 Kommentare zu „Presseschau“

  1. Ich glaube schon, daß die Grammatik der deutschen Sprache in Gefahr ist. Die Gefahr geht aber nicht von den Anglismen aus, sondern von — meist jungen — Sprechern, die zu faul oder zu dumm sind, sie sich anzueignen.

  2. Dadurch ist die deutsche Sprache auch nicht in Gefahr - sie mag sich dadurch verändern, aber das hat nicht notwendig etwas mit Gefährdung zu tun. Man muß hier mE aufpassen, daß man rein ästhetische Vorlieben nicht verabsolutiert.

    @erster Artikel
    Das Argument mit der Aussprache läßt sich mMn nicht so einfach wegwischen - die lateinischen Lehnwörter sind da, zumindest zum großen Teil, nicht anders als die Deutschen, die Englischen hingegen weichen völlig von den Ausspracheregeln des Deutschen ab.
    Ich halte das Argument dennoch für äußerst schwach, da der Mehraufwand für die Lernenden kaum besonders hochs ein dürfte.

  3. Buntklicker, Herr Müller, da besteht wohl tatsächlich eine Unschärfe zwischen den Begriffen „Grammatik“ und „Stil“ bzw. zwischen den Begriffen „Sprache“ und „Schriftsprache“. Das sorgt oft für Missverständnisse und Fehlinterpretationen. Ich werde es das demnächst einmal in einem Beitrag aufgreifen.

  4. “Die Gefahr geht aber nicht von den Anglismen aus, sondern von — meist jungen — Sprechern, die zu faul oder zu dumm sind, sie sich anzueignen.”

    Um nicht stärkere Worte zu verwenden: Das ist defamierender Unfug. Es insinuiert, dass jeder der nicht so spricht/schreibt wie es (angeblich) schon immer Sitte war, dumm und faul ist.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.