Breakdance im Arbeiter- und Bauernstaat

Über Sprache darf man ja sowieso behaupten, was man will. Für die Sprache der ehemaligen DDR gilt das erst Recht. Jahresendfigur m. F. (mit Flügeln) habe man dort Weihnachtsengel genannt und Jahresendfigur o. F. (ohne Flügel) den Weihnachtsmann, anstelle von Reis und Kartoffeln, die es natürlich ohnehin nicht zu kaufen gab, kannte der Ossi nur das Wort Sättigungsbeilage, Kühe hießen rauhfutterverzehrende Großvieheinheit und die Antibabypille Wunschkindpille.

Nun sind das alles Wörter, die es tatsächlich gab. Aber dass sie außer den Bürokraten, die sie sich ausgedacht haben, tatsächlich jemand verwendet hat, darf wohl bezweifelt werden. Und wer in westdeutsche Glossarien der Amtssprache hineinschaut, findet dort natürlich ebenso kuriose Wortschöpfungen (wer sich davon überzeugen möchte, dem sei das immernoch lustige Behördisch-Quiz auf Spiegel Online empfohlen). Aber die Idee, dass unsere Brüder und Schwestern im Osten auch im Alltag so gesprochen haben, passt eben zu gut zu unserer Orwellschen Vorstellung von einem alles kontrollierenden Staat, als dass wir uns ohne weiteres davon trennen mögen.

Und an so einer Kontrolle muss ja auch nicht alles schlecht sein — konnte man doch so die ungeliebten „Anglizsimen“ aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet effektiv aus der deutschen Sprache fern und diese damit teutonisch rein halten. Aus einer Filmkritik zum Film Here we come, der sich mit der Hip-Hop- und Breakdance-Szene der DDR beschäftigt:

Gleichzeitig war man auf der Suche nach einer kulturellen Beschäftigung für die vielen Jugendlichen. Sie sollten aktiv werden und sich engagieren. Da kam die Breakdance-Welle gar nicht so ungelegen, auch wenn das Wort etwas zu „amerikanisch“ klang.

Mit dem Argument, sich mit der armen, unterdrückten schwarzen Bevölkerung in Amerika zu solidarisieren, konnten die Jugendlichen ihre Hip Hop-Faszination gegenüber dem Staat legitimieren. Hip Hop war sozusagen die Ausdrucksform der Opfer des kapitalistischen Systems und wurde somit auch in der DDR akzeptiert.

Die vielen Anglizismen wurden ausgetauscht und aus Breakdance wurde zum Beispiel „akrobatischer Show-Tanz“.

Bei soviel sprachpflegerischem Engagement müsste unseren Freunden vom Verein Deutsche Sprache doch das Herz aufgehen — auch wenn man die Übernahme amerikanischen Kulturguts dort sicher auch in eingedeutschter Form nicht gerne sieht. Doch zu früh gefreut: ein Foto vom 1. Leiziger Breakdance-Wettbewerb, das die Filmkritik illustrieren soll, lässt erheblichen Zweifel daran aufkommen, dass die Sprache des Klassenfeindes tatsächlich so verpönt war (hier nur ein Ausschnitt):

1. Leipziger Breakdance-Wettbewerb

Neben dem Wort Breakdance, das dort unübersehbar an der Wand prangt, haben offensichtlich auch die Wörter Boogie, Freestyle, und (links im Bild, wenn ich mich nicht täusche) Electric den Sprung über den antiimperialistischen Schutzwall geschafft.

Wer lebt hier also im Tal der Ahnungslosen?

3 Kommentare zu „Breakdance im Arbeiter- und Bauernstaat“

  1. “Dispatcher” war in der DDR eine gängige Tätigungsbeschreibung die im Westen kaum einer kannte. Klingt nicht sehr russisch.

  2. Ich weiß nicht, wo das Gerücht herkommt, bei dem Wort “Sättigungsbeilage” sei eine reine Ost-Erfindung. In der Mensa der TU Berlin (im Westen) gab es in den Achtzigern ganz selbstverständlich neben der Fleisch- und der Gemüsekomponente eine Sättigungsbeilage, die auch so genannt wurde. Warum auch nicht?

  3. Als ehemaliger Ostblockbewohner war ich doch schon ueber das Fehlen des Broilers in Wessiland ueberrascht ;)

    http://de.wikipedia.org/wiki/Broiler

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.