Rahmen sprengen

Die kurze Erwähnung des Wortes „Framing“ in diesem Beitrag war vielleicht etwas kryptisch. Das liegt daran, dass ich den Beitrag vor der Veröffentlichung stark gekürzt habe und dabei die gesamte Framing-Theorie herausgenommen habe. Also liefere ich die hier nach, denn sie wird uns im Sprachblog sicher noch häufiger beschäftigen.

Die Begriffe Frame und Framing werden in den verschiedensten Sozialwissenschaften, in der Psychologie und in der Informatik verwendet, und viele dieser Verwendungsweisen überschneiden sich oder sind miteinander verwandt. George Lakoff, den ich im Beitrag von letzter Woche erwähnt habe, bezieht sich mit seiner Verwendung aber speziell auf die Frame-Semantik von Charles Fillmore die in der Wikipedia treffend zusammengefasst wird:

Die Frame-Semantik beruht auf der Einsicht, dass sich die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks (z.B. eines Wortes) nur erfassen lässt, wenn man über das entsprechende Weltwissen verfügt. Entscheidend ist hierbei in der Frame-Semantik die Annahme, dass dieses Weltwissen in sogenannten Frames organisiert ist. Ein Frame ist dabei eine mentale Repräsentation einer stereotypischen Situation die von Sprechern aus der wiederholten Erfahrung mit realen Situationen abstrahiert wird und deren einzelne Elemente nur in Beziehung zueinander definiert werden können. In der Frame-Semantik geht man davon aus, dass jeder sprachliche Ausdruck (mindestens) einen solchen Frame aktiviert und in Bezug zu diesem Frame verstanden wird.

Die Wikipedia liefert auch das Standardbeispiel für einen Frame:

So kann man z.B. das Wort kaufen nur in Bezug zu einem Frame verstehen, den man als KOMMERZIELLE TRANSAKTION bezeichnen könnte. Zu diesem Frame gehören mindestens folgende Elemente: ein Verkäufer, ein Käufer, eine Ware, ein Preis und Geld, sowie möglicherweise eine Rechnung und eine Quittung. Außerdem gehört zu diesem Frame das Wissen darüber, in welcher Beziehung diese Frame-Elemente stehen: der Verkäufer besitzt die Ware, er möchte sie gegen Geld abgeben, er legt einen Preis fest, der Käufer gibt dem Verkäufer eine entsprechende Summe, woraufhin die Ware in seinen Besitz übergeht, usw.

Die Frame-Semantik ist also zunächst eine allgemeine Theorie sprachlicher Bedeutung ohne besonderen Bezug zu öffentlichem Diskurs oder politischer Sprache.

Lakoff weist aber darauf hin, dass der öffentliche Diskurs auf einer Vorauswahl von Frames beruht, einer Art von gemeinsamem Weltwissen über die gesellschaftliche Wirklichkeit. Da der öffentliche Diskurs in Form von Worthäppchen geführt wird und für Argumente kein Platz ist, können nur die Aussagen ihre Wirkung entfalten, die in diese vorgegebenen Frames passen.

Es ist also schwer, vielleicht sogar unmöglich, außerhalb dieser Frames zu argumentieren. Die Frames werden außerdem in den Köpfen der Diskursteilnehmer jedesmal verstärkt, wenn Bezug darauf genommen wird — selbst dann, wenn der Frame verneint wird. Wenn ich beispielsweise darüber rede, dass man „Liebe (oder Glück, oder was auch immer) nicht kaufen kann“, dann wird der Frame KOMMERZIELLE TRANSAKTION ebenso aktiviert, wie bei einer positiven Verwendung des Wortes kaufen.

Lakoff illustriert die Wirkung von Frames im öffentlichen Diskurs oft an einem Beispiel, das sich frei auch aufs Deutsche übertragen lässt: dem Begriff tax relief — also Steuererleichterung oder Steuerentlastung.

Die Wörter Erleichterung und Entlastung rufen einen bestimmten Frame auf, in dem jemand eine schwere Last trägt, die ihm dann von jemand anderem abgenommen wird. Dieser Frame ist eine spezielle Variante eines allgemeineren Frames, in dem ein Held ein schuldlos in Bedrängnis geratenes Opfer rettet.1

Die Wörter Steuererleichterung und Steuerentlastung erhalten ihre Bedeutung durch diesen Frame. Die Steuern spielen die Rolle der Last, mit der der Bürger sich abmühen muss. Tatsächlich sprechen wir ja auch von einer Steuerlast. Der Politiker, der ihm diese Last abnimmt, ist der strahlende Retter.

Dieser Frame erscheint uns so selbstverständlich, dass wir gar nicht weiter darüber nachdenken. Geld kann man ja nie genug haben und wenn es mal wieder nicht reicht, und wir auf dem Gehaltsauzug dann den Betrag sehen, den der Arbeitgeber an den Staat überwiesen hat, obwohl wir ihn doch verdient haben, dann kommt das Bild mit der Steuerlast uns ganz natürlich vor. Es ist aber nicht die einzige Art, über Steuern nachzudenken. Wir kommen darauf gleich zurück.

Wie eben beschrieben, werden Frames auch durch ihre Verneinung aufgerufen und verstärkt. Stellen wir uns einen Politiker vor, dessen Partei keine Steuersenkungen vornehmen will, da im Parteiprogramm eine Reihe von guten und sinnvollen Projekten stehen, die durch Steuergelder finanziert werden sollen. Dieser Politiker wird nun gefragt: „Warum sind Sie gegen Steuererleichterungen?“

Jeder Satz, der etwa mit „Ich bin gegen Steuererleichterungen, weil…“ oder „Wir brauchen keine Steuererleichterungen, weil…“ oder „Steuererleichterungen sind derzeit nicht machbar, weil…“ anfängt, stärkt nur das Bild eines Bürgers, der unter der Steuerlast fast zusammenbricht.

Was soll dieser Politiker also tun? Nach Lakoff gibt es nur einen Ausweg: er muss ganz andere Frames finden. Frames, in denen die Steuer von vorneherein nicht als Last dargestellt wird. Lakoff schlägt mehrere sochler Frames vor: Steuern als Investitionen, beispielsweise, Steuern als patriotische Geste und Steuern als Mitgliedsbeitrag.

Nehmen wir den letzten Vorschlag: Wir leben in einer modernen Gesellschaft mit vielen Annehmlichkeiten: freien Wahlen, unabhängigen Fernsehsendern, einem frei zugänglichen Bildungssystem, öffentlichen Parks und Autobahnen, einer Armee, die uns im Ernstfall vor Feinden schützt, einer Polizei, die zwar derzeit in unsere Computer eindringen möchte, die aber auch Mörder und Parksünder im Zaum hält, um nur einige zu nennen. Jeder Verein, der seinen Mitgliedern auch nur einen Bruchteil dieser Infrastruktur zur Verfügung stellen könnte, würde saftige Mitgliedsbeiträge verlangen und keins der Mitglieder käme auf die Idee, von einer „Beitragslast“ zu sprechen.

Der Politiker, der sich mit der Frage nach seiner Weigerung konfrontiert sähe, „Steuererleichterungen“ vorzunehmen, sollte den Begriff also gar nicht erst aufgreifen, sondern stattdessen beispielsweise davon sprechen, dass der Beitrag für die Mitgliedschaft in einer freien und wohlhabenden Gesellschaft nicht gesenkt werden könne, ohne die Angebote dieser Gesellschaft an ihre Bürger einzuschränken.

Das Problem an solchen Vorschlägen ist natürlich — und Lakoff gibt das auch zu — dass die angesprochenen Frames neu und ungewohnt sind und mit über die Jahre eingeschliffenen Frames wie dem von der Steuerlast nur schwer mithalten können. Denn Frames beziehen ihre Wirkung gerade daraus, dass man sie nicht erklären muss, sondern dass sie direkt und unmittelbar wirken. Wenn der entsprechende Frame im öffentlichen Diskurs und in den Köpfen der Menschen nicht bereits fest verankert ist, dann wirken alle Aussagen, die sich auf diesen ungewohnten Frame beziehen, absurd und unverständlich.

Für Lakoff ist die Konsequenz aus dieser Erkenntnis, dass neue Wege im politischen Handeln davon abhängig sind, dass zunächst die Frames, auf denen der öffentliche Diskurs beruht, grundsätzlich neu definiert werden (er nennt das „strategisches Reframing“). Das ist natürlich ein langwieriger Prozess, aber er ist notwendig, um echte Veränderungen zu ermöglichen.

Damit dieser Beitrag nicht in der Theorie stecken bleibt, sehen wir uns doch zum Abschluss an, wie es die deutschen Parteien mit dem Frame STEUERN ALS LAST halten. Um einen Überblick zu bekommen, habe ich auf den Webseiten aller im Bundestag vertetenen Parteien nach den Wörtern Steuererleichterung/en, Steuerlast und Steuerentlastung/en gesucht. Die Anzahl der Treffer habe ich dann in Bezug zur Anzahl der Treffer für das Wort Steuer/n an sich gesetzt. Das Ergebnis ist interessant, wenn auch nicht ganz unerwartet:

Steuerlast

Hier scheinen zwei Kräfte am Werk zu sein: erstens werden die Steuern umso eher als Last dargestellt, je weiter man sich im politischen Spektrum nach rechts bewegt. Zweitens könnte der Grad des Populismus, den eine Partei betreibt, eine Rolle spielen. Das würde erklären, warum die PDS so weit in die Mitte des Feldes gerückt ist.

Hier wäre natürlich eine genauere Analyse der tatsächlichen Verwendungn nötig. Man bekommt aber auch so den Eindruck, dass Politiker (und ihre Berater) Frames wie den von der Steuerlast tatsächlich nicht zufällig verwenden.

1 Im Englischen kann relief auch so etwas wie „Linderung“ bedeuten. Lakoff geht deshalb davon aus, dass tax relief Steuern als eine Art Schmerzen oder Krankheit darstellt — seine Analyse findet sich hier.

Literatur

LAKOFF, George (2006). Simple Framing. Berkeley: The Rockridge Institute. [HTML]

ROCKRIDGE INSTITUTE, The (2005). Progressive Frames for Taxes. Berkeley: The Rockridge Institute. [HTML]

ROCKRIDGE INSTITUTE, The (2006). The Strategic Framing Overview. Berkeley: The Rockridge Institute. [HTML]

6 Kommentare zu „Rahmen sprengen“

  1. Also, daß jeder ständig die Wikipedia zitier - schrecklich. Vor allem, wenn es um Wissenschaft geht. Da würde ich von Ihnen als Wissenschafler solidere Quellenarbeit erwarten.

  2. Wenn man Wikipedia zitiert mit der Bemerkung, dort werde treffend zusammengefasst, dann scheint mir die Absicht des Zitats deutlich genug - zumindest geht es nicht darum, Informationen ungeprüft zu übernehmen und darauf aufzubauen. So kann man auch die Bildzeitung zitieren.

    Umgekehrt sehe ich Anti-Wikipedia-Statements mangelnder Verlässlichkeit für wissenschaftliche Ansprüche allmählich als Ressentiment. Dass jeder sich Wikipedia zurechtschreiben kann, stimmt, aber es findet zu den Artikeln eine nachvollziehbare Qualitätsdiskussion statt, d.h. wie unzuverlässig ein einzelner Eintrag ist, lässt sich durch Klick auf die Diskussionsseite nachschlagen. Zudem nennt Wikipedia Quellen und gibt Verweise zur weiteren Vertiefung. Dies leisten die Enzyklopädien, die ich im Regal habe, selten.

    Weit davon entfernt, zu glauben, was ich bei Wikipedia finde (z.B. Burschenschaften, denke ich, kommen arg gut weg), scheint sie mir einem aufklärerischen Anspruch mehr zu genügen, als die kommerzielle Ware, mit vielleicht seriös, aber undokumentiert geprüften Angaben (”eine kleine Umfrage in der Redaktion”). Und: spürt man einzelnen Beiträgen durch die verschiedenen Ausgaben etwa des Brockhaus nach (was ich zum Thema Lyrik mit den Ausgaben 1928-2005 tat), merkt man gleich, wie auch diese a) dem Zeitgeist folgen, b) einem wissenschaftlichen Anspruch kaum genügen.

    Wichtiger wäre die Frage, ob Publikums-Lexika überhaupt Quelle der Wissenschaften sein können - was ich gerne nach Verwendungszweck (s.o.) entschieden wüsste. Ihr Auftrag ist es jedenfalls nicht. “Wikipedia in den Wissenschaften” wird oft nach (zeit- und ortsbedingten) akademischen Standards und eben nicht nach wissenschaftlichen hinterfragt. So wirkt die Debatte auf mich manchmal etwas wirr.

  3. Es gibt eine Vielzahl an sehr guten Beiträgen in der Wikipedia. Zum Beispiel verlinkt das Portal von Clio-Online (http://www.erster-weltkrieg.clio-online.de/) den Artikel über den Ersten Weltkrieg, da dieser qualitativ und quantitativ sehr gut ist. Trotzdem würde mir jeder Dozent meine Hausarbeit wiedergeben, wenn ich zu diesem Thema aus der Wikipedia zitiere, obwohl dieser Eintrag sehr viel besser ist als die halbe Seite im Brockhaus. Aber aus letzterem darf man zitieren.
    Hierbei kann ich Dirk Schroeder nur zustimmen und darauf hoffen, dass zumindest die Vorurteile in einigen Jahren gegen diese Enzyklopädie weichen und man die zum Teil vorhandene Qualität der Texte anerkennt.
    Mich würde indes interessieren, wie es sich bei der englischen Version verhält, da diese ja weitaus mehr Beiträge hat und von der Qualität her dem deutschen Pendant sehr weit voraus ist.

  4. Ah so, “Framing” nennt man das also auch. Bisher kannte ich das nur als den “politischen Kampf um Worte”, und die Politologen haben dem WIMRE schon eigene Namen gegeben, etwa “Deutungshoheit” und andere. - Richtig ist jedenfalls die Darstellung der Trägheit (das, was hier “Reframing” genannt wird), wenn man solche aufgeladenen Worte ablösen will. Über die Notwendigkeit von Trägheit - eben: Verweilen - für die Herstellung von Diskursen und Gedanken könnt man auch mal einen Essay schreiben..

    Zu Wikipedia: die hat sich sehr verbessert, habe dort jetzt schon so einige gute Artikel gelesen. Allerdings frage ich mich, wenn man zu einem Artikel einen Link setzt, kann man dort ja irgendwann was ganz anderes vorfinden: kann man da auch “eingefrorene” Artikel verlinken?

  5. Zum Zitieren der WP:

    Artikel Zitieren von Internetquellen. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 21. August 2007, 08:48 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Zitieren_von_Internetquellen&oldid=35790729 (Abgerufen: 4. November 2007, 12:43 UTC)

    Dort steht alles. Sonst gibt es bei jedem Artikel im Menü links unten den Link: »Artikel zitieren« mit einem Verweise auf die derzeitige Version des Artikels.

    *d

  6. kann man da auch “eingefrorene” Artikel verlinken?

    Klar. Einfach im Artikel auf den Reiter “Versionen/Autoren” klicken und schon wird eine Liste aller bisherigen Versionen des Artikels mit Links dazu angezeigt. Die gerade aktuelle Version ist der oberste Link.