Sonntagabendliche Betrachtungen

Beim Zappen habe ich gerade im „Quiz-Taxi“ auf Sat.1Kabel Eins folgende Frage mitbekommen:

Wie lautet das Palindrom von Lager?

Da den Quizteilnehmer der Begriff Palindrom nicht bekannt war, konnten sie die Frage nicht beantworten. Eigentlich könnte man sich darüber streiten, ob die Frage richtig gestellt war. Denn ein Palindrom ist ein Wort, das vorwärts und rückwärts gelesen einen Sinn ergibt, Lager ist also ein Palindrom, denn rückwärts gelesen ergibt es das Wort Regal, das somit ebenfalls ein Palindrom ist und natürlich die gesuchte Antwort war. Aber ob man sagen kann, dass Regal das Palindrom „von“ Lager ist, weiß ich nicht genau.

Mir geht es eigentlich auch um etwas anderes. Während die Kandidaten überlegt haben, habe ich versucht, soviele Anagramme des Wortes Lager zu finden, wie möglich — also Wörter, die sich aus den selben Buchstaben zusammensetzen. Dabei ist mir neben Regal — noch erlag (von erliegen) und Grale (als Plural von Gral) eingefallen.

Und dann habe ich mich gefragt, ob das Wort Gral tatsächlich eine Pluralform hat, denn eigentlich kann es davon ja nur maximal einen geben. Der Wahrig sieht das auch so:

Gral m. 1 nur Sg., in der mittelalterl. Sage und Dichtung: Stein oder Schale mit Wunderkraft; der Heilige Gral

Andererseits muss es ja möglich sein, über mehrere davon zu reden, zum Beispiel, wenn es mehrere potenzielle Kandidaten gibt (wie z.B. in Indiana Jones und der letzte Kreuzzug).

Deshalb habe ich auf Yahoo nach heilige/r/n Grale/n gesucht und tatsächlich 98 Treffer erhalten. Das ist zwar wenig, wenn man bedenkt, dass die Singularform es auf 186 000 Treffer bringt, aber es ist doch genug um zu sagen, dass die Pluralform existiert.

Allerdings befinden die Autoren der betreffenden Seiten und ich uns in der Minderheit, wenn wir die Pluralform Grale wählen: denn die andere mögliche Form, Gräle, bringt es auf 145 Treffer.

Es gibt also nicht nur eine, sondern sogar zwei Pluralformen von Gral.

Und als ich das herausgefunden hatte, hatte ich natürlich den Anfang der Sendung verpasst, die ich mir eigentlich ansehen wollte. Und so hatte ich Zeit, diese Einsicht von zweifelhafter Relevanz mit Ihnen zu teilen.

[Update (21:29): Mein Bruder weist mich gerade darauf hin, dass das „Quiz Taxi“ auf Kabel Eins läuft. Na dann.]

6 Kommentare zu „Sonntagabendliche Betrachtungen“

  1. Sehr sympathisch, dieses Gedankenmäandern, das an den nichtigsten Anlässen beginnt und mit unvorhersehbaren Reflexionen endet - mach ich auch gern, speziell beim Fernsehen. Doch eines scheint mir bei am Punkt Grale und Indiana Jones falsch zu sein: Der Plural ist auch hier nicht erlaubt, denn es sind ja lauter Gefäße, die alle nur den einen einzigen Gral darunter tarnen sollen. Es kann nur einen geben, sozusagen. Und den Plural “Gräle” krieg’ ich irgendwie nicht aus der Tastatur, oder wenn, dann nur in Anführungszeichen …

  2. Herr Hömig-Groß, es gibt unter den Gefäßen zwar nur einen echten Gral, aber es müsste doch eine sprachliche Form geben, mit der man so etwas ausdrücken kann, wie „Welcher dieser angeblichen [Gral-Plural] ist denn nun der echte?“ Außerdem wird das Wort Gral häufig metaphorisch verwendet („Der heilige Gral der theoretischen Physik…“). Und da spricht dann nichts gegen eine Mehrzahl („Einer der heiligen [Gral-Plural] der theoretischen Physik..“). Eine Pluralform muss also dringend her. Und ich stimme Ihnen zu, dass das keinesfalls Gräle sein darf, auch wenn das derzeit die Mehrheit zu sein scheint.

  3. Wieso denn keinesfalls Gräle? Es heißt doch auch Pfahl – Pfähle und Saal – Säle. Umlautung ist erlaubt, aber natürlich nicht zwingend nötig, wie Wal und Aal zeigen.

    Noch eine Idee: Warum eigentlich nicht Grals? Es heißt immerhin auch Schals

    (Ich habe bewußt nur Maskulina genommen und die Zahl ausgelassen.)

  4. Nun, Herr Stefanowitsch, musste ich doch nachsehen. Der Etymologieduden gibt für Gral (nicht als einzige Lesart) die Herkunft vom altfranzösischen “graal” an. Dann wären die hunderttausende Internetbenutzer klüger gewesen als wir, denn wie heißt der Plural z.B. von Saal? Säle!;-)
    Das ist natürlich eine zu billige Analogie. Ich mache einen etymologisch halbwegs gestützten Gegenvorschlag: Gröle. Den das Wort grölen kommt auch von Gral (i.e.: Geräuschkulisse der Ritter).
    Und nicht zuletzt eine Anmerkung zum metaphorischen Gebrauch: Das ist natürlich gut beobachtet, aber mein sprachliches Feingefühl verlässt mich zu früh: Könnte es nicht sein, dass auch der metaphorische heilige Gral gerade dann herangezogen wird, wenn es gilt, einzigartige Bedeutung auszudrücken?

  5. Nach weiterer Überlegung stellt sich die Frage nach der „richtigen“ (oder besser: „besten“) Pluralform als sehr viel komplexer dar als anfänglich vermutet. Da eine Verwendung des Wortes Gral im Plural extrem selten ist, ist anzunehmen, dass die meisten Sprecher, die diese Form verwenden, sie vorher nie gehört haben und so auch nicht lernen konnten. Sie müssen sie also nach einer allgemeinen Regel oder in Analogie zu vorhandenen Formen bilden. Mit der allgemeinen Regel ist es bei der Pluralbildung nicht so einfach, es gibt eine Reihe von mehr oder weniger systematischen Regeln. Wenn Gral ein Femininum wäre, wäre die Pluralform vorhersehbar. Bei den vier femininen Substantiven auf [a:l], die ich einem Reimwörterbuch gefunden habe (Moral, Qual, Wahl, Zahl), wird der Plural immer auf -en gebildet. Bei Neutra ist es beinahe genauso einfach: Von dreiundzwanzig Neutra auf [a:l] wird bei 19 der Plural auf -e gebildet (Areal, Arsenal, Fanal, Ideal, Journal, Kapital, Lokal, Mahl, Mal, Pedal, Portal, Potenzial, Quartal, Ritual, Scheusal, Schicksal, Signal, Tribunal, Wirrsal), obwohl bei zweien davon alternative Formen möglich sind (Kapital - Kapitale - Kapitalien, Mahl - Mahle - Mähler). Von den übrigen zwei Wörtern haben zwei einen Plural mit Umlaut (Spital - Spitäler, Tal - Täler), eins hat einen Plural auf -ien (Material) und eins ist unzählbar (Personal). Auch hier wäre der Fall also ziemlich klar.
    Aber leider ist Gral ein Maskulinum, und da gibt es vier mögliche Pluralformen: das -e und den Plural mit Umlaut, den Plural mit S den Jens erwähnt, und den Plural auf -en. Die letzten beiden kommen nur je einmal vor (Schal - Schals) und (Strahl - Strahlen), bei den anderen beiden steht es 8:6 für den Plural auf -e (Aal, Gemahl, Kral, Opal, Pokal, Skandal, Vokal, Wal gegen Admiral, Diebstahl, General, Kanal, Pfahl, Saal). Außerdem erlaubt ein Wort (Stahl) alternativ beide Formen. Wenn man streng nach der am weitesten verbreiteten Pluralform geht, würde also der Plural auf -e knapp gewinnen. Allerdings sind die Wörter, die diese Form wählen, deutlich seltener als die, die den Umlaut wählen. Im LIMAS-Korpus (einem eine Million Wörter großen Korpus deutscher Schriftsprache) kommen die e-Wörter insgesamt 21 Mal vor, davon nur viermal im Plural. Die Umlaut-Wörter kommen dagegen 147 Mal vor, davon 54 Mal im Plural. Wenn man nach Gebrauchshäufigkeit geht, müsste also der Umlaut-Plural gewinnen.
    Und die Mehrheit der Internetnutzer scheint sich von dieser Gebrauchshäufigkeit leiten zu lassen. Warum haben Herr Hömig-Groß und ich dann so eine starke Reaktion gegen die Form Gräle? Ich glaube, das liegt daran, dass es sich um eine unregelmäßige Form handelt, eine Art historisches Überbleibsel, während die Form auf -e eine der allgemeinen Regeln zur Pluralbildung im Deutschen darstellt (das sieht man ja auch an den Neutra). In einer kleinen Umfrage unter Freunden und Verwandten waren dann auch sechs von sieben für die Form auf -e, eine wählte Grals (die war allerdings erst sieben Jahre alt und hat die Pluralbildung vielleicht noch nicht voll internalisiert). Aber ob diese Form deswegen wirklich „besser“ ist, kann man wohl nicht entscheiden.
    Zur metaphorischen Verwendung: ich denke auch, dass ein heiliger Gral auch im übertragenen Sinne etwas einzigartiges sein muss. Allerdings gibt es hier, anders als bei der wörtlichen Verwendung keine eindeutige Definition für diese Einzigartigkeit — drei verschiedene Physiker könnten drei völlig verschiedene Dinge für den „heiligen Gral der Physik“ halten — das wären dann eben drei „heilige Gräle der Physik“.

  6. Die (von mir nicht geteilte) Aversion gegen Gräle könnte eine allgemeinere Abneigung dagegen sein, Fremdwörter einem grammatikalischen Umlaut zu unterziehen. Das könnte auch der Grund sein, wieso ich IIRC ebenso häufig Generale wie Generäle lese, obwohl mir ersteres richtig wehtut.

Dies ist eine archivierte Seite des Bremer Sprachblogs, das von 2007 bis 2010 betrieben wurde. Anatol Stefanowitsch bloggt jetzt hier zu Themen rund um Sprache und Sprachen.